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Karl May

Faszination Winnetou

Diesen Sommer treten Winnetou und Old Shatterhand erstmals an Freilichtspielen in der Schweiz auf. Ein Muss-Termin für Karl-May-Fans. Sie verbinden mit den Figuren der legendären Filme mehr als bloss Kindheitserinnerungen: Sie pflegen Sammlungen, treffen Gleichgesinnte, reisen zu den Drehorten oder widmen sich dem Werk wissenschaftlich.

Text Ralf Kaminski, Reto E. Wild
Fotos Michael Sieber
Pierre Brice und Lex Barker in ihren berühmtesten Rollen als Karl Mays Winnetou und Old Shatterhand. (Bild: Keystone)

Pierre Brice und Lex Barker in ihren berühmtesten Rollen als Karl Mays Winnetou und Old Shatterhand. (Bild: Keystone)

Karl Mays (1842-1912) Romane wurden zwischen 1892 und 1910 publiziert, erste Verfilmungen, damals noch stumm, gab es bereits in den 20er-Jahren. 1962 begann dann mit «Der Schatz im Silbersee» jene legendäre Serie an deutschen Filmen mit Pierre Brice (1929-2015), die noch bis heute im Fernsehen zu sehen sind. In den sieben Jahren bis 1968 entstanden 17 Spielfilme nach Mays Romanen, 11 davon mit Winnetou. Gedreht wurde in der Regel im ehemaligen Jugoslawien, Regie führten meist Harald Reinl (1908-1986) oder Alfred Vohrer (1914-1986), den unverkennbaren Soundtrack lieferte der heute 90-jährige Martin Böttcher (siehe Interview ganz unten).

Der Franzose Brice wurde durch seine Rolle in Deutschland zum Star und zum Idol einer ganzen Generation. Sein Filmtod in «Winnetou III» 1965 führte zu Drohbriefen an die Produzenten, die ihn noch im gleichen Jahr in «Old Surehand» wieder auferstehen liessen.

Screenshot MM 26.6.2017

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 26. Juni 2017 (Nr. 26).

Nach einer Pause lief dann 1980 die Serie «Mein Freund Winnetou» im Fernsehen, natürlich wieder mit Pierre Brice. Lex Barker (1919-1973), Darsteller des Old Shatterhand, war inzwischen verstorben und wurde durch Siegfried Rauch ersetzt. 1998 übernahm Brice noch einmal seine Paraderolle für «Winnetous Rückkehr» , einen TV-Zweiteiler.

Zu Weihnachten 2016 strahlte RTL eine Neuinterpretation des ursprünglichen Winnetou-Dreiteilers aus, mit neuen Darstellern und einer etwas modernisierten Geschichte: «Winnetou – Der Mythos lebt». Die Kritiken waren freundlich, die Einschaltquoten jedoch nicht berauschend, obwohl RTL die Werbetrommel mächtig rührte und bei der Ausstrahlung des ersten Teils erstmals in seiner Geschichte auf Unterbrecherwerbung verzichtete.

Die erste moderne Winnetou-Verfilmung war 1962 «Der Schatz im Silbersee».

Tierarzt Thomas Maurer mit seiner Familie, aus Malters LU

Foto-Shooting im Kostüm an den Original-Drehorten, 2016
Foto-Shooting im Kostüm an den Original-Drehorten, 2016

Schon sechs Mal waren die Maurers in den Ferien in Kroatien, auf der Suche nach den Drehorten zu den Karl-May-Filmen der 60er-Jahre. «Mein Traum war es, vor Ort Fotos im Kostüm zu machen», sagt Thomas Maurer. 2016 war es dann so weit. «Wir sind nun aber nicht tagelang in den Kostümen durch Kroatien gelaufen, sondern haben sie nur für dieses eine Shooting angezogen – und die Gegend ist so abgelegen, dass sich dahin höchstens mal ein Schafhirte oder andere Winnetou-Fans verirren.» Gabriela Maurer (44) gesteht, dass sie ihr Nscho-tschi-Kostüm nur der Familie zuliebe anzieht. Ansonsten steht sie aber der Begeisterung und Sammlerleidenschaft ihres Mannes nur wenig nach.

«Ich wäre so gern ein Indianerbub gewesen»

Foto-Shooting im Kostüm an den Original-Drehorten, 2016
Foto-Shooting im Kostüm an den Original-Drehorten, 2016

Schon als Sechsjähriger verfiel der Tierarzt mit eigener Praxis in Malters LU den Abenteuern von Winnetou und Old Shatterhand – wegen der Filme. Dabei war es für ihn gar nicht so leicht, sie zu sehen, weil seine Familie keinen Fernseher hatte. «In der Schule erzählten immer alle davon, während ich nur Bruchstücke zu ­sehen bekam – bei einer Nachbarin, bei der ich ab und zu fernsehen durfte.» Diese Unerreichbarkeit steigerte die Sehnsucht umso mehr. «Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als endlich mal in Ruhe einen ganzen Film zu sehen.»

Er musste 16 werden, bis es soweit war, dann hatte die Familie nicht nur einen Fernseher sondern auch einen Videorecorder. «Ich interessierte mich generell sehr für Indianer. Ich glaube, es war ihr freiheitliches Leben im Einklang mit der Natur und den Tieren, was mich so anzog», sagt Thomas Maurer. «Ich wäre so gern ein Indianerbub gewesen. Obwohl ich natürlich ihr tragisches Schicksal mitbekommen hatte.» Umso aktueller findet er heute die Botschaft von Friede, Toleranz und Völkerverständigung, die Karl May mit seinen Büchern vermittelt.

Familienhobby: Thomas Maurer teilt seine Leidenschaft inzwischen mit Ehefrau Gabriela und den Kindern Raphael, Manuel (vorne) und Muriel.

Familienhobby: Thomas Maurer teilt seine Leidenschaft inzwischen mit Ehefrau Gabriela und den Kindern Raphael, Manuel (vorne) und Muriel.

Das Haus der Maurers beherbergt inzwischen eine eindrückliche Sammlung von Plakaten, Filmen, Hörspielen und Büchern. Mit dieser und den aufwendig selbstgemachten Kostümen sind sie auch schon an Ausstellungen und Anlässen aufgetreten. Zudem ist die Familie in halb Europa mit Fans vernetzt und war schon x-fach an Freilichtspielen: «Unser jüngerer Sohn sass schon auf Pierre Brice’ Arm.»

Winnetou ist genauso cool wie Harry Potter

Die Kinder machen eifrig mit. «Sie sind mit Winnetou aufgewachsen und hatten quasi keine Wahl», sagt Thomas Maurer und lacht. Tatsächlich finden Raphael (15) und Manuel (13), die Abenteuer Winnetous stünden denen von Harry Potter in nichts nach. Nur mit den alten Büchern können sie nichts anfangen: «Die sind zu langsam und zu schwerfällig geschrieben», sagt Manuel, der ansonsten gern Superhelden-Comics liest. Muriel (9) hat noch nicht alle Filme gesehen, verkleidet sich aber gern, mag Nscho-tschi, Winnetous Schwester, Pferde und die abenteuerliche Suche nach Drehorten in den Ferien. Raphael steht sonst eigentlich eher auf Fantasy. «Aber Winnetou ist unser Familienhobby, er war einfach immer schon da.»

Western-like: Evelyn Marten (28) lebt in Stein AG.

Western-like: Evelyn Marten (28) lebt in Stein AG. (Bild zVg)

Primarlehrerin Evelyn Marten (28) aus Stein AG

«Als ich sechs Jahre alt war, zeigte mir mein Vater den ersten ‹Winnetou›-Film, als ich zehn war, schenkte er mir das erste Karl-May-Buch. Lange teilte nur er meine Leidenschaft für Karl May, dessen Helden mir Mut machten, wenn ich beispielsweise in der Schule geärgert wurde oder mich allein fühlte.

In der fünften Klasse traf ich dann in der Pause auf ein Mädchen, das ein Karl-May-Buch las: Johanna ist bis heute meine beste Freundin. Mit ihr spielte ich auch die Geschichten nach – ich war Old Shatterhand, ­Johanna Winnetou. Auch heute noch sehen wir uns gemeinsam Filme an, sammeln und tauschen Gegenstände oder ersteigern auf Ebay alte Postkarten. Inzwischen habe ich über 60 Karl-May-Romane gelesen. Ich mag die Ich-Erzählungen, man kann sich dabei so schön in die Helden und deren Abenteuer einfühlen. Mein Lieblingsband bleibt ‹Winnetou I›, weil das das erste war. Meine Eltern schenken mir auch heute noch Bücher oder Filme von Karl May – dieses gemeinsame Interesse fördert unsere Beziehung.

«Beim Arzt höre ich zur Ablenkung immer die Filmmusik»

Seit 2014 war ich fünf Mal an den Filmdrehorten in Kroatien. Bei einer Fanreise vergangene Ostern habe ich mich besonders gefreut über die Begegnung mit Marie Versini: Sie hat in zahlreichen Karl-May-Filmen mitgespielt, unter anderem als Winnetous Schwester Nscho-tschi. Eine Woche lang war sie mit uns in Kroatien unterwegs und hat unterwegs auch ein Buch für mich signiert. Johanna war letzten Oktober sogar im Fernsehen, als Kandidatin beim Winnetou-­Special von ‹Wer wird Millionär?›. Ich habe sie natürlich begleitet.

Und zum Glück gibt es die Filmmusik von Martin Böttcher . Ich kann nämlich kein Blut sehen – deshalb höre ich jedes Mal, wenn ich zum Arzt muss, zur Ablenkung seine Winnetou-Melodien. Ich hoffe, dass ich ihn im Juli am Karl-May-Filmfest in Berlin wiedersehe. Überhaupt habe ich durch meine Leidenschaft viele Gleichgesinnte getroffen und so meinen Freundeskreis erweitert.»

Raumplanungs-/Umweltberater Lorenz Hunziker (40) leitet den Schweizer Karl-May-Freundeskreis und ist ein grosser Western-Fan

Raumplanungs-/Umweltberater Lorenz Hunziker (40) leitet den Schweizer Karl-May-Freundeskreis und ist ein grosser Western-Fan. (Bild zVg)

Umweltberater Lorenz Hunziker (40), Leiter Schweizer Karl-May-Freundeskreis aus Jona SG SG

«Ich habe meine Leidenschaft quasi geerbt: Mein Vater ist ein grosser Westernfan, meine Mutter liebt Lex Barker als Old Shatterhand. Sie riet mir in der fünften Primarklasse, für die Herbstferien ‹Unter Geiern› aus der Schulbibliothek auszuleihen: Das las sie mir und meiner Schwester dann vor. Die dauernde Action packte mich sofort, und so las ich Buch um Buch.

Zu Beginn mochte ich den Wilden Westen und Winnetou, heute mag ich eher den Orient und Karl Mays philosophisches, predigendes Spätwerk. Ich finde, in den Westernbüchern drückt via Old Shatterhand die deutsche Arroganz zu stark durch. Kara Ben Nemsi ist viel dezenter. Das liegt wohl daran, dass May die Hochkulturen des Orients stärker respektierte als die scheinbaren Wilden in Nordamerika. Die Filme habe ich nur schon wegen meiner Mutter natürlich alle gesehen, aber mit zunehmendem Alter konnte ich immer weniger mit ihnen anfangen, sie sind mir zu oberflächlich.

«Meine Werte stammen vielleicht eher aus dem 19. Jahrhundert»

Karl May war 1998 meine Matura-Lektüre, so entstanden erste Kontakte zu Elmar Elbs’ Karl-May-Freunde. Angeschlossen habe ich mich aber erst zehn Jahre später, weil ich erst dann Leute suchte, mit denen ich über Karl May sprechen konnte. Ich habe dort dann immer wieder Vorträge über May und die Welt der Indianer gehalten. Als Elmar 2012 aufhören wollte, entschied die Gruppe, dass ich die Leitung übernehmen solle – typisch indianisch übrigens: Das Volk wählt seinen Häuptling.

Karl May sagte mal: ‹Die Seele des Autors muss die gleiche Sprache sprechen wie die Seele des Lesers.› Deshalb liebe ich diese über 100 Jahre alten Bücher wohl noch ­immer. Meine Werte stammen vielleicht eher aus dem 19. Jahrhundert, ich mag auch die christliche Botschaft der Bücher. Und sie berühren mich. Während andere die ewigen Landschaftsbeschreibungen nur langweilig finden, tauche ich so richtig ein und werde Teil der Geschichte.»

Der Karl-May-Freundeskreis 

Detailgetreu inszeniert: Christin Meier (35) mit ihrem Vater, einem grossen Western-Fan.

Detailgetreu inszeniert: Christin Meier (35) mit ihrem Vater, einem grossen Western-Fan. (Bild zVg)

Schauspielstudentin Christin «Chris» Meier (35) aus Windisch AG AG

«Winnetou-Filme habe ich mir schon mit meinem Vater angeschaut. Aber erst als ich auf seinen Rat hin angefangen habe, die Bücher zu lesen – als einzige meiner Klasse –, öffnete sich mir eine neue Türe. Ich war und bin fasziniert von dessen Fantasiereichtum und der Liebe und Freundschaft über die Kulturen hinweg, wie er sie beschreibt. Er war ein grosser Verfechter des Friedens. Ich schätze Mays Werke umso mehr, als er in seinem Leben viele Schwierigkeiten zu meistern hatte.

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich mir wünschte, wie Old Shatterhand zu sein. Schon von klein auf habe ich nicht im Raster Mädchen–Buben gedacht. Mit 16 spielte ich im Jungschützenkurs mit den Buben «Indianerlis». Dabei verkörperte ich Old Shatterhand, weil ich fasziniert war von seinem unerschütterlichen Einsatz für Gerechtigkeit. Er und Winnetou können uns auch heute noch Respekt vor den Mitmenschen, anderen Kulturen, der Natur und den Tieren vermitteln. Noch heute hängt in meinem Wohnzimmer ein schönes Poster von meinen Jugendhelden.

«Ich würde gerne mal eine weibliche Version von Old Shatterhand spielen»

Vor vier Jahren habe ich meinen Vater zu seinem 70. Geburtstag nach Bad Segeberg eingeladen – die Karl-May-Spiele lege ich jedem Fan ans Herz. Wenn mein Studienplan es erlaubt, werde ich mit ihm auch nach Engelberg reisen. Mein absoluter Traum ist es, selbst eine weibliche Version von Old Shatterhand zu spielen. Reiten und schiessen kann ich jedenfalls schon. Mein erstes Pferd war übrigens ebenso kohlrabenschwarz wie Old Shatterhands Hatatitla.»

Elmar Elb, Gründer der «Schweizer Karl-May-Freunde», pensionierter Archivar und Bibliothekar.

Elmar Elb, Gründer der «Schweizer Karl-May-Freunde», pensionierter Archivar und Bibliothekar.

Bibliothekar Elmar Elbs (77), Gründer der Karl-May-Freunde Schweiz, aus Luzern

«Meine Begeisterung begann mit etwa zwölf Jahren, bei meiner ersten Lektüre von ‹Winnetou I› – noch heute mein Liebling. Wie gern hätte ich den Mut und das Können des Ich-Erzählers Charley (später: Old Shatterhand) geteilt, seine Abenteuer im Wilden Westen miterlebt. Ich litt mit, als er von Winnetou mit dem Messer lebensgefährlich verletzt wird. Und ich empfand Liebe und Freundschaft, als Winnetous Schwester Nscho-tschi ihn gesund pflegt. 

Hinzu kamen Mays Schilderungen von aufregenden, unerreichbaren Schauplätzen. Ich lernte das Kurdistan, den gefährlichen Schott el Dscherid in Tunis, den Wilden Westen und die Philosophie von Konfuzius in China kennen. Karl May war sozusagen das Wikipedia und Google seiner Zeit.

«Karl May war das Wikipedia seiner Zeit»

Mit zunehmendem Alter und einer starken Beschäftigung mit Mays Gesamtwerk veränderte sich mein Verständnis. Ich begann, mich wissenschaftlich mit May auseinanderzusetzen und gründete 1992 den Schweizer Karl-May-Freundeskreis. Zudem entstand eine grosse Sammlung: etwa 500 Bücher und Hörspiele, dazu viele Raritäten. Vom ‹Schatz im ­Silbersee› habe ich 60 verschiedene Ausgaben in 12 Sprachen.

Im Frühling 1998 lernte ich dann bei einem Karl-May-Treffen in Wien Marie Versini kennen, die Darstellerin von Nscho-tschi – daraus entstand eine herzliche Freundschaft. Auf meine Einladung hin wird sie nun auch am 15. Juli an der Premiere von ‹Winnetou I› in Engelberg anwesend sein und ihre Bücher signieren. Ich habe schon einige Freilichtspiele erlebt und bin nun sehr gespannt auf das erste in der Schweiz.

Schade finde ich, dass Karl May in den Buchhandlungen nicht mehr vorrätig ist. Das pazifistische Grundethos in seinem Werk ist auch heute noch wichtig.»

Doktorarbeit über Karl May verfasst: Silvia Zahner (46) aus Affoltern am Albis ZH.

Doktorarbeit über Karl May verfasst: Silvia Zahner (46) aus Affoltern am Albis ZH. (Bild zVg)

Sprachlehrerin Silvia Zahner (46) aus Affoltern a. A. doktorierte über Karl May

«Ich habe Karl May zweimal kennengelernt: einmal mit 12, als ich seine Bücher in der lokalen Bibliothek entdeckte und in seine Abenteuergeschichten eintauchte, ein zweites Mal mit 17, als ich begann, mich für die Person Karl May und die historischen und literarischen Hintergründe seiner Werke zu interessieren.

Damals entdeckte ich die historisch-kritische Ausgaben und realisierte damit erst, dass die Bücher vom Verlag überarbeitet worden waren und nicht den Originalen entsprachen. May war ein Vielschreiber, verfasste teils mehrere Versionen der gleichen Geschichte und setzte gelegentlich auch Figuren wieder ein, die in einem früheren Buch bereits gestorben waren. Solche Dinge versuchte der Verlag auszubügeln, dennoch ist jenen überarbeiteten Fassungen aus meiner Sicht ein wenig die Seele verloren gegangen.

«Am Ende gewinnen die Guten»

In den unbearbeiteten Büchern lässt sich literarisch sehr viel entdecken, deshalb habe ich auch meine Germanistik-Dissertation über May verfasst. Darin habe ich mich mit der Ich-Perspektive seiner Erzählungen befasst und mit der Frage, wie sie sich auf Handlung, Figuren und Lesende auswirkt. Heute halte ich bei Karl-May-Treffen immer wieder mal wissenschaftliche Vorträge über seine Werke, die mit den Jahren immer philosophischer und psychologischer wurden. An den 60er-Jahre-Filmen stört mich, dass sie abgesehen von den Namen der Figuren nicht viel mit den May-Büchern zu tun haben.

Als Kind bevorzugte ich die Winnetou-Geschichten, heute finde ich jene faszinierender, die im Orient spielen. Frauen, die sich mit Karl May beschäftigen, sind deutlich in der Minderheit: vielleicht eine unter zehn Fans. Aber mich haben die Abenteuer als Mädchen genauso angesprochen wie wohl die Buben. Ansonsten begleitet mich May nun schon so lange, dass er etwas angenehm Vertrautes hat. Wenn es im Leben mal nicht so rundläuft, versinke ich gern in eine seiner Geschichten. Das sind überschaubare Welten, und am Ende gewinnen die Guten, was ja in der Realität nicht unbedingt der Fall ist.»

Winnetou-Neuverfilmung von 2016.

Ordensbruder Gerold Zenoni (58) traf 2005 Winnetou-Darsteller Pierre Brice in Basel.

Ordensbruder Gerold Zenoni (58) traf 2005 Winnetou-Darsteller Pierre Brice in Basel. (Bild zVg)

Gerold Zenoni (58), Ordensbruder im Kloster Einsiedeln

«In meiner Jugend habe ich bestimmt 50 Karl-May-Bücher mit Spannung und Freude gelesen – und deswegen sogar manchmal meine Schulaufgaben verschoben. Vor den Sommerferien deckte ich mich jeweils mit Büchern ein, danach war die Lektüre meine Hauptbeschäftigung. Meine Mutter warf mir zwar mahnende Blicke zu, duldete es aber.

Karl May war ein evangelischer Christ und hat diese Sichtweise wohl in die Figur Winnetou projiziert. Mit ihm zeigt er ein schönes Beispiel von Menschenliebe. Ich erinnere mich auch gern an die Begegnung mit Pierre Brice an der ‹BuchBasel› 2005. Heute bin ich im Kloster Einsiedeln Rezensent in der hauseigenen Zeitschrift ‹Salve› und lese Bücher als Kritiker. Deshalb türmen sich neben meinem Bett die Werke, und ich habe kaum noch Zeit, Karl May zu lesen.

«Winnetou ist ein Beispiel der Menschenliebe»

Seine bekannten grünen Bände finden sich aber auch in unserer Stiftsbibliothek. Karl May hielt sich einst sogar selbst in Einsiedeln auf und verfasste Texte für die erzkonservativen Marienkalender. Ich finde ihn auf jeden Fall nach wie vor lesenswert, weil seine Bücher spannend und mit Humor gespickt sind – und seine Fantasie ist echt einmalig in der deutschen Literaturgeschichte.»

Der Komponist Martin Böttcher schrieb die Musik zu den Winnetou-Filmen aus den 60er-Jahren.

Der Komponist Martin Böttcher schrieb die legendäre Musik zu den Winnetou-Filmen aus den 1960er-Jahren.

Martin Böttcher gewann lebenslange Freundschaften durch die Winnetou-Filme

Der deutsche Komponist hat lange im Tessin gewohnt und ist kürzlich 90 Jahre alt geworden. Er hat bis heute kein einziges Karl-May-Buch gelesen, war aber ein enger Freund von Pierre Brice und Lex Barker.

 

Martin Böttcher, wie kam es dazu, dass Sie für die Karl-May-Filme die Musik komponieren konnten – angefangen mit dem «Schatz im Silbersee» von 1962?
Mit dem Produzenten hatte ich zuvor schon zusammengearbeitet, und so wendete er sich an mich. Allerdings kannte ich die Geschichten überhaupt nicht und sagte ihm das auch. Worauf er fand, er schicke mir ein paar Muster, und ich solle mir was einfallen lassen. So lief das damals. 

Sie kannten die Karl-May-Bücher gar nicht?
Nein, ich habe bis heute keins gelesen. Und das, obwohl mir Frank Elstner in seiner Sendung «Menschen heute» mal «Schatz im Silbersee» geschenkt hatte und fand, ich soll das lesen. Habe ich aber nur ein bisschen. Ich hatte einfach ganz andere Interessen, mich hat vor allem die Fliegerei begeistert.

Ahnten Sie 1962, dass aus den Filmen eine so grosse Sache werden würde und Sie so viele Aufträge bekämen?
Überhaupt nicht. Der Cutter im Schneideraum von «Schatz im Silbersee» meinte sogar, er glaube nicht, dass das mit diesem Film was werde. (lacht) Es war natürlich toll, dass dann so viele weitere Filme gedreht wurden. Hinzu kamen die tollen, aufwendigen Premieren, an denen ich die Stars kennenlernte. 

Mochten Sie die Filme und die Winnetou-Geschichten denn überhaupt? 
Absolut. Wenn ich im Fernsehen zufälligerweise mal wieder auf einen stosse, finde ich immer, die könnten auch heute gedreht sein, weil sie so modern daherkommen. Sie sind wirklich gut gealtert.

Sie sagten mal, die charakteristischen Winnetou-Melodien seien ganz aus dem Bauch heraus gekommen. 
Ja, ich habe diese tollen Filmbilder gesehen, die sofort Emotionen geweckt haben. Daraus entstand dann die Musik. Genauer lässt sich dieser Prozess nicht beschreiben. Es gibt kein klares Rezept, wenn man aus dem Bauch heraus schreibt.

Liessen Ihnen Regisseur und Produzent alle Freiheiten, oder mischten sie sich ein?
Die mischten sich eigentlich nie ein. Ganz toll war die Zusammenarbeit mit Regisseur Harald Reinl. Wir sahen uns den Film jeweils zusammen an. Dann klopfte er mir auf die Schulter und fand, mach mal ne schöne Musik, Junge. Und am Schluss wollte er keine einzige Note ändern.

Auf alten Fotos sieht man Sie auch mit Lex Barker und Pierre Brice – wie eng war der Kontakt zu den Stars? 
Eng, besonders zu Pierre. Mit ihm war ich 40 Jahre lang befreundet, ging auch 2015 zu seiner Beerdigung. Mit seiner Frau habe ich noch immer guten Kontakt. Auch Lex und ich kamen gut miteinander aus. Diese und andere Freundschaften entstanden aus den Begegnungen bei den Filmpremieren der 60er-Jahre und hielten ein Leben lang. Es entstanden für mich daraus auch weitere Kompositionsaufträge.

Sie haben ja noch zu vielen anderen Filmen und TV-Produktionen den Soundtrack geschrieben. Was braucht es, um als Filmmusikkomponist Erfolg zu haben? 
Das kann man so allgemein nicht sagen. Es gibt ganz unterschiedliche Philosophien. Dass ich eine gute Managerin hatte, hat sicher geholfen. Sie kam ursprünglich aus Hollywood und war in der Branche sehr gut vernetzt.

Martin Böttcher (rechts) mit Winnetou-Darsteller Pierre Brice.

Martin Böttcher (rechts) mit Winnetou-Darsteller Pierre Brice.

Wie wichtig waren die Winnetou-Filme für Ihre Karriere?
Es gab zuvor schon noch andere Höhepunkte, etwa die Edgar-Wallace-Filme. Aber sie waren auf jeden Fall wichtig, das war eine sehr erfolgreiche Zeit.

Nervt es Sie manchmal, auf Winnetou reduziert zu werden?
Überhaupt nicht, ich freue mich sogar, dass diese Verbindung noch immer gemacht wird.

Sie haben Ihr halbes Leben im Tessin gewohnt. Weshalb sind Sie vor drei Jahren nach Deutschland zurückgegangen?
Meine Frau und ich hatten immer mehr Altersgebrechen. Unsere Tochter, die schon länger in Norddeutschland lebte, wurde Witwe und fand, wir sollten doch zu ihr ziehen, wo sie nun allein sei. Aber ich vermisse das schöne Wetter und die Landschaft im Tessin sehr. Und natürlich haben wir immer in der Migros eingekauft.

Komponieren Sie eigentlich immer noch? 
Nein, das überlasse ich anderen. Wobei: Wenn jemand käme und sagen würde, er hätte nochmals gerne was von mir, würde ich das ohne zu zögern machen.

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