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Zwischenwohnen

Wer eine neue Wohnung oder ein neues Ladenlokal sucht, ist oft mit hohen Kosten konfrontiert. Abhilfe schafft die Firma Projekt Interim: Sie vermittelt freie Räume an Zwischennutzer – zu einmalig günstigen Konditionen.

Text Dinah Leuenberger
Fotos Franziska Frutiger
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Absolviert die Hotelfachschule und ist froh um ihr «zwischengenutztes» Zimmer: Annick von Ziegler (20).

Über sieben Millionen Quadratmeter leere Wohnungen, Villen, Büros, Ateliers und Geschäfte: Die Schweiz ist sozusagen voll von leeren Räumen. Gleichzeitig sind Tausende auf der Suche nach einer neuen Bleibe, einer neuen Ladenfläche oder dem perfekten Büro. Für die flexiblen unter ihnen hat Projekt Interim eine Lösung. Die Zürcher Firma vermittelt Räume zur Zwischennutzung und macht damit Leerstände allen zugänglich. So etwa das erste Zürcher Alugebäude, ein altes Wasserreservoir oder ein ehemaliger Firmenhauptsitz. Weil die Räume nur für eine befristete Zeit zur Verfügung stehen – beispielsweise vor einer Renovation – , liegt die Miete zwischen 10 und 40 Prozent des üblichen Marktpreises.

Printscreen Zwischenwohnen

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 31. Dezember 2018 (Nr. 1).

Annick von Ziegler (20), Hotelfachschülerin

PERFEKT FÜRS STUDENTENBUDGET

«Ich besuche in Lausanne die Hotelfachschule. Die ersten sechs Monate wohnten wir in der Schule. Jetzt absolviere ich ein Praktikum in Basel. Natürlich habe ich WG-Zimmer angeschaut, die waren mir aber alle viel zu teuer. Meine Eltern schlugen vor, auf der Site von Projekt Interim etwas zu suchen. Ich hatte Glück, denn diese Wohnung mitten in Basel ist perfekt: Sie passt zu meinem Studentenbudget und ist genau für die Dauer meines Praktikums befristet. Sie ist auch wesentlich grösser als die WG-Zimmer, die ich gesehen habe. Und ich optimiere zusätzlich, denn ein Zimmer habe ich an eine Studentin untervermietet. Vielleicht ist es ein bisschen stressig, beim Einzug schon das Auszugsdatum zu kennen. Aber ich muss ja sowieso wieder aus Basel weg.

Ich glaube, man wohnt anders, wenn die Wohnung befristet ist. Aber ich richte sehr gern ein, darum habe ich die Wände gestrichen und es mir gemütlich gemacht. Ein Vorteil: Ich darf so viele Löcher in die Wände bohren, wie ich will, denn der alte Wohnblock wird nächstes Jahr abgerissen. Aber ich muss auch selbst anpacken, wenn etwas kaputtgeht. Die Rollläden etwa sind inzwischen fast alle mit Klebeband fixiert. Aber es ist ja nur noch für zwei Monate so. Danach suche ich mit drei Freunden eine Wohnung in Lausanne, am liebsten bis zum Ende des Studiums. Sie darf also wieder befristet sein.»

Wer sind die Zwischenmieter? «Eine befristete Lösung kann in jeder Lebenslage passend sein», sagt Lukas Amacher, einer der Gründungspartner von Projekt Interim. Vom Studenten bis zur Seniorin, vom kleinen Restaurant bis zur neugegründeten Firma: In den zwischengenutzten Immobilien käme alles zusammen. Der gemeinsame Nenner sei die Flexibilität. Sie sorge auch dafür, dass sich schnell ein Austausch einstellt. «Der Netzwerkgedanke ist uns wichtig. Wir achten darauf, dass wir bei grösseren Objekten eine gute Mischung hinbekommen», sagt der 30-Jährige. So kommen die Zwischennutzer in Kontakt mit einem bunten Mix von Menschen aus anderen Branchen und Lebenslagen.

Neues erschaffen

Zwischennutzung über Projekt Interim ist nicht komplett anders als herkömmliches Mieten. Im Finden und beim Service liegt der Unterschied: Interessenten finden die Ausschreibungen für die Räume nur über den Interims-Newsletter. Und Zwischennutzer müssen wissen: «Aufgrund der tiefen Preise ist auch unser Service-Level niedrig. Wir rücken nicht für jede kaputte Glühbirne aus. Man bekommt, wofür man bezahlt», sagt Lukas Amacher.

Auch Ladenflächen sind im Angebot. «Wir wollen, dass Neues erschaffen wird. Dank des geringeren Risikos können Start­up-Unternehmerinnen und -Unternehmer in einer Zwischennutzung vieles ausprobieren.» Im Alugebäude im Zürcher Seefeld etwa sind momentan 40 Start-ups und Kleinfirmen temporär untergebracht. Amacher: «Das generiert eine Wahnsinnsstimmung.»

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«Slow Goods» von Nikolas Kerl (im Bild), «We show off» von Andrea Forgacs und Jovana Hitz und «Bliss» von Robert Lenz und Thomas Beyeler gehörten zum Concept Store «Zuhause bis 2018», der Ende Dezember seine Türen schloss.

Nikolas Kerl (35), Unternehmer

TEMPORÄR MUTIG

«Ich führe einen Online-Shop für Küchen- und Essutensilien. Mit zwei Kolleginnen, die einen Shop für Kunstprints aufgebaut haben, hatte ich die Idee, in der Weihnachtszeit wegen der Kundennähe einen Pop-up-Store zu eröffnen. Sie kannten Projekt Interim; schnell fanden wir das Lokal am Zürcher Löwenplatz. Wir schlossen uns mit einem weiteren Geschäft zusammen und bewarben uns um den Raum – so entstand der Concept Store «Zuhause bis 2018» mit Kunstprints, Küchenutensilien und Vintage-Möbeln.

Einmalige Chance: Unter normalen Umständen wäre es niemals möglich, an dieser Lage eine Ladenfläche für Haushaltsprodukte zu mieten. Wir bezahlen weit weniger als üblich und teilen uns Risiko und Verantwortung, dadurch wurden wir mutiger. Natürlich waren es nicht nur zweieinhalb Jahre Judihui. So ein Projekt generiert Reibereien. Aber wir konnten enorm voneinander lernen.
Nächsten Monat schliesst der Store, weil das Haus renoviert wird. Das ist auch tatsächlich das einzig Negative: dass wir hier rausmüssen. Wir würden es alle sofort wieder tun!»

2013 gründete er mit dem Architekten Lorenzo Kettmeir und dem Anwalt Raffael Büchi Projekt Interim. Amacher ist Musiker und kam auf der Suche nach einem Raum für seine Band auf die Idee, mit leeren Räumen ins Geschäft zu kommen. Inzwischen sind in Zürich, Bern und Basel über 130 Zwischennutzungsprojekte realisiert, mit teilweise über 100 Zwischennutzern in unterschiedlichen Gebäuden. «Als Immobilieneigentümer macht man damit keinen Gewinn», sagt Amacher. Das sei juristisch auch gar nicht erlaubt. Man decke mit der Gebrauchsleihe lediglich die Heiz- und Unterhaltskosten, die ja auch leere Gebäude verursachten. 

Für Projekt Interim ist jedes Gebäude einzigartig. «Das alte Wasserreservoir in Zürich Wipkingen hatte grossen Charme. Die Zwischennutzer organisierten dort Konzerte und
Kulturveranstaltungen.» Am meisten gefragt sind aber Wohnungen. 

Infos: projekt-interim.ch

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Beatrice Kaufmann (43), Illustratorin und Grafikerin

DAS ARBEITEN IM BÜRO TESTEN

«Ich wohne direkt neben dem Hochhaus Omu 93, dem 72 Meter hohen ehemaligen Swisscom­Turm in Bern. Lange war das in düsterer Block, weil er leerstand.
Seit dort Büros zur Zwischennutzung angeboten werden, leuchten abends die Fenster. Das finde ich schön. Ich arbeitete viel von zu Hause aus, weil ich Kinder habe. Aber das war immer etwas ungünstig. Als ich erfuhr, dass in den 17 Stockwerken neue Büros zwischengenutzt werden können, meldete ich mich sofort. Vom heimischen Keller in den 16. Stock – keine schlechte Entwicklung. Und erst noch zu diesem Preis: 260 Franken für das Büro mit allem Drum und Dran. Das ist für mich die ideale Gelegenheit, zu testen, ob für mich diese Art des Arbeitens funktioniert.

Ich finde es spannend, dass so viele kreative Leute zusammenkommen; mit meinen Nachbarn tausche ich mich aus und trinke auch mal Kaffee mit ihnen. Das schätze ich. Und weil die Liftfahrt in den 16. Stock eine Weile dauert, hat man Zeit für kurze Gespräche mit neuen Menschen. Oben angekommen, geniesse ich jeden Morgen die Aussicht – die hat man definitiv nicht in jedem Büro. Ob ich mich am Ende des Projekts wieder im heimischen Keller einrichten kann?»

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