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AKW Mühleberg

Der Abbruchexperte

Stefan Klute macht etwas, das es in der Schweiz bisher noch nicht gegeben hat: Der deutsche Diplomingenieur baut ein Kernkraftwerk zurück. Das KKW Mühleberg wird am 20. Dezember abgestellt, im Jahr 2034 soll es komplett verschwunden sein.

Text Ralf Kaminski
Fotos Franziska Frutiger Malpartida
Stefan Klute kam 2014 für den Rückbau des KKW Mühleberg in die Schweiz.

Stefan Klute kam 2014 für den Rückbau des KKW Mühleberg in die Schweiz.

Auch wenn es für ihn der spannendste Job ist, den es derzeit in der Schweizer Nuklearbranche gibt: Ein Kindheitstraum war dieser Beruf für Stefan Klute nicht. Erst wollte er Polizist werden, dann Archäologe. Schliesslich jedoch wurde er Diplomingenieur und spezialisierte sich auf Kernkraftwerke. Eigentlich mit der Idee, sie später mal zu bauen, doch dazu kam es nie. «Ich bin schon während des Studiums in das Rückbauthema hineingerutscht.»Und in diesem Bereich arbeitete der 47-Jährige auch, zuletzt 15 Jahre lang bei einem Nukleartechnikdienstleister in Heidelberg (D). «Aber immer nur für Projekte in verschiedenen KKW, einen Rückbau von A bis Z konnte ich bisher noch nie begleiten.»

Genau das tut Klute nun beim KKW Mühleberg – und freut sich sichtlich darüber. «Das ist der Traum jedes Ingenieurs.» Er ist seit Ende 2014 bei der BKW Energie AG angestellt, die das idyllisch an der Aare gelegene KKW knapp 20 Kilometer westlich der Stadt Bern betreibt. Wenn es am 20. Dezember nach 47 Betriebsjahren für immer abgestellt wird, ist bereits alles für den äusserst komplexen und langwierigen Rückbau vorbereitet: Sämtliche Bewilligungen sind eingeholt, sämtliche Konzepte ausgearbeitet, das Personal und die Öffentlichkeit vorbereitet.

Screensthot MM 16.9.2019

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 16. September 2019 (Nr. 38)

Auf der Website der BKW findet sich eine ausführliche Dokumentation über den Ablauf des Rückbaus inklusive Erklärvideos . Die Dimensionen des Projekts sind eindrücklich: 200 000 Tonnen Material müssen beseitigt werden, darunter 16 000 Tonnen, die radioaktiv verunreinigt sind und deshalb speziell behandelt beziehungsweise für eine enorm lange Zeit sicher eingelagert werden müssen. Bis 2030 soll keinerlei Radioaktivität mehr auf dem Gelände messbar sein, bis 2034 werden auch die nicht mehr benötigten Gebäudeteile abgebrochen und beseitigt. Was danach dort entsteht, ist noch vollkommen offen. Das Land gehört der BKW, es könnte erneut industriell genutzt oder der Natur überlassen werden.

So werden die 200 000 Tonnen Material des KKWs entsorgt. (Grafik: BKW/KKW Mühleberg)

So werden die 200 000 Tonnen Material des KKWs entsorgt. (Grafik: BKW/KKW Mühleberg)

Klute wurde von der BKW geholt, weil die Zahl der Kernkraftwerk-Rückbauexperten in Europa überschaubar ist. Er selbst schätzt, dass es kaum mehr als zwei Dutzend Menschen gibt, die langjährige Erfahrungen auf diesem Gebiet haben und noch nicht pensioniert sind. «In der Schweiz betreten wir damit Neuland und haben nun ein behördliches Verfahren durchlaufen, das später auch bei den anderen KKW genutzt werden kann.» 

Der Rückbau kostet gut 900 Millionen Franken. Dazu kommen noch 2,2 Milliarden für die Zwischen- und Tiefenlagerung des radioaktiven Abfalls. Sämtliche Kosten werden von der BKW selbst getragen.

Die radioaktiven Abfälle lagern in Spezialbehältern in Würenlingen AG.

Die radioaktiven Abfälle lagern in Spezialbehältern in Würenlingen AG. (Bild: Zwilag)

Ein Tiefenlager für hoch radioaktive Abfälle existiert in der Schweiz allerdings nicht, und das wird wohl noch einige Jahrzehnte so bleiben. Deshalb bringt die BKW das Material in das zentrale schweizerische Zwischenlager direkt neben dem Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen AG. Dort lagern ausgediente Brennstäbe anderer KKW in speziellen Lagerbehältern, bereit für den Transport in ein künftiges Endlager: 200 Behälter werden es nach dem Rückbau aller Schweizer KKW sein, mit je knapp 20 Tonnen hochradioaktivem Material. Gefährlich ist dieses, je nach Quelle, ungefähr 200 000 bis eine Million Jahre lang. Zum Vergleich: Den Homo sapiens gibt es seit 300 000 Jahren. 

Auch weltweit fehlen noch geologische Tiefenlager für hochaktive Abfälle. Das erste könnte 2024 in Finnland in Betrieb gehen. Für schwach- und mittelaktive Abfälle gibt es Lager in Finnland, Schweden, Südkorea und Ungarn.

Die schwierige Suche nach einem Endlager

Frühestens 2060 wird es in der Schweiz ein Tiefenlager für hoch radioaktive Abfälle geben. So sieht es der Sachplan des Bundes aktuell vor. Eigentlich hätte bereits in den 1990er-Jahren ein Endlager einsatzbereit sein sollen. Derzeit stehen drei Regionen im Fokus: Jura Ost, Nördlich­Lägern und Zürich Nordost. An allen dreien wäre ein Tiefenlager prinzipiell möglich, jedoch muss noch genau geprüft werden, wie das Gestein im Untergrund beschaffen ist.

Im Frühling hat die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) in der Nähe von Bülach ZH mit Bohrungen begonnen. Laut Nagra sollte 2022 klar sein, wo das Lager gebaut werden könnte. Bis zur Volksabstimmung darüber dürfte es 2031 werden, bis zum Baubeginn 2050.

Bisher gibt es weltweit noch kein Tiefenlager für hochaktive Abfälle. Mit dem Thema beschäftigt sich im Oktober auch eine Ausstellung in der Coalmine in Winterthur ZH . Wie kann man sicherstellen, dass die Menschen auch in Tausenden von Jahren die Gefährlichkeit dieser Abfälle noch verstehen? 

Ausstellung Aeon: vom 18. Oktober bis 9. April 2020coalmine.ch

Wie stellt man nun in Mühleberg sicher, dass die gesamte Radioaktivität bis 2030 zuverlässig beseitigt ist? «Messen, messen, messen», sagt Klute und erklärt dann die Details. Von den 16 000 Tonnen können 10 000 gereinigt werden: einiges kann man einfach mit einem Lappen abwischen, anderes braucht einen Hochdruckreiniger oder wird mit kleinsten Stahlkügelchen beschossen. Teilweise wird unter Wasser gearbeitet oder in einem Raum mit Unterdruck, damit nichts nach aussen dringen kann.

Nach jedem Reinigungsvorgang wird die Strahlung gemessen, und falls dieser nicht ausgereicht hat, kommt das nächst stärkere Verfahren zum Zug. Das gereinigte Material kann man am Ende ganz normal entsorgen oder rezyklieren. 2000 Tonnen werden zum Abklingen eingelagert, dort verschwindet die Radioaktivität nach einer bestimmten Zeit. Die verbleibenden 4000 Tonnen, darunter hochaktive 120 Tonnen, gehen ins Zwischenlager nach Würenlingen.

Das Hantieren mit stark radioaktivem Material erfolgt maschinell und zum Teil mittels Fernsteuerung. «Entweder sitzt jemand an einem Bildschirm und steuert von dort Werkzeuge, oder er steht über einem tiefen Wasserbecken und manipuliert das Material von oben», erklärt Klute. 

 

Ambitionierter Zeitplan

Bei ihm laufen die Fäden sämtlicher Projekte zusammen, noch bis vergangenen Oktober sass er in einem Büro in Bern, nun kommt er jeden Tag nach Mühleberg. «Jetzt, da es langsam ernst wird, ist es wichtig, vor Ort und nahe bei den Leuten zu sein.» Den Zeitplan für den Rückbau nennt er «ambitioniert». Und Überraschungen sind darin bereits einkalkuliert. «Also etwa, dass wir Radioaktivität an Orten finden, an denen wir nicht damit gerechnet haben, oder dass sie irgendwo stärker ist als erwartet.»

Bis 2034 soll das KKW Mühleberg aus der idyllischen Landschaft verschwunden sein.

Bis 2034 soll das KKW Mühleberg aus der idyllischen Landschaft verschwunden sein. (Bild: Urs Hubacher)

Wenn alles läuft wie geplant, ist Klutes Arbeit 2030 getan, dann ist er 58. Über die Zeit danach habe er sich noch keine Gedanken gemacht, sagt er. «Wer weiss, was bis dahin alles passiert.» Und in Bern, wo er wohnt, fühlt er sich sehr wohl. Umso mehr als er sich hier in eine Österreicherin verliebt hat und vor etwas über einem Jahr Vater geworden ist.

Auf jeden Fall sammeln er und seine Mitarbeitenden beim Rückbau in Mühleberg Erfahrungen, die anderswo gefragt sein dürften. Die vier verbleibenden Schweizer Kernkraftwerke werden schliesslich auch irgendwann abgeschaltet, und Deutschland steigt 2022 vollständig aus der Kernkraft aus. Klute sieht sie heute denn auch als «Brückentechnologie», bis genügend saubere Energie auf anderen Wegen produziert werden kann. «Aber sie wird uns sicherlich in vielen Ländern noch für längere Zeit begleiten.»

Strahlungszeit mithilfe von Transmutation verkürzen

Ob es in 100 000 Jahren die Menschheit noch geben wird, weiss niemand. Ihr Atommüll allerdings wird noch immer vor sich hin strahlen und jedes Lebewesen in tödliche Gefahr bringen, das ihm zu nahe kommt. 

Der ungeheure Zeitraum ist für viele Kritiker auch der Hauptgrund, Kernkraft abzulehnen. Denn selbst wenn diese Abfälle in naher Zukunft irgendwo sicher eingelagert werden sollten, wer weiss schon, was in 5000 Jahren ist? Oder in 50'000? Ist die Erde geologisch über so lange Zeit so stabil, dass die Abfälle sicher verschlossen bleiben? Kann man über diesen enormen Zeitraum den Informationsfluss sicherstellen, damit die Menschen der Zukunft wissen, wie gefährlich diese Abfälle sind?

Schon länger wird deshalb an einem Verfahren geforscht, mit dem sich die Strahlung des Atommülls dramatisch reduzieren liesse – auf 500 bis 1000 Jahre. Bei der Transmutation werden die hochradioaktiven Bestandteile aus den abgebrannten Brennstäben herausgelöst und durch Beschuss mit Neutronen in andere Stoffe umgewandelt. Diese haben kürzere Halbwertszeiten oder sind gar nicht mehr radioaktiv. Im Labor hat das Verfahren bereits funktioniert. Ob dies auch in der Praxis und im industriellen Massstab so sein wird, soll ab 2024 in einer experimentellen Pilotanlage (Myrrha) im belgischen Kernforschungszentrum in Mol erprobt werden. 

Kritiker der Kernenergie bleiben dennoch skeptisch. So schreibt etwa die Schweizerische Energiestiftung, dass das Verfahren spezielle Wiederaufbereitungsanlagen benötige, bei denen das Risiko bestehe, dass Radioaktivität in die Umwelt austrete. Zudem entstehe bei der Behandlung des Atommülls Plutonium – ein zentraler Bestandteil von Atomwaffen. «Die Transmutation ist deshalb von grossem Interesse für die Atommächte.»

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