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Der Hof, auf dem Tiere in Frieden leben dürfen

Sarah Heiligtag rettet auf dem Hof Narr in Hinteregg Geissen, Schweine, Pferde und andere Tiere vor dem Tod. Sie setzt sich generell für einen besseren Umgang mit Tieren und Natur ein. Acht solche «Lebenshöfe» öffnen am 24. August erstmals ihre Tore für das Publikum.

Text Ralf Kaminski
Fotos Daniel Winkler
Sarah Heiligtag ist Präsidentin des Vereins Hof Narr. Auf dem Lebenshof in Hinteregg ZH werden über 80 Tiere liebevoll und artgerecht gehegt und gepflegt.

Auf den ersten Blick sieht das Gelände an der Bahnlinie zwischen Zürich und Esslingen ZH wie ein ganz normaler Bauernhof aus. Auf der Weide grasen Pferde, im Hintergrund gackern Hühner, und es riecht ein bisschen nach Dung. Dann jedoch stolziert eine prächtige Trute heran und setzt sich direkt vor einem in den Sand. «Sie möchte jetzt gestreichelt werden», sagt Sarah Heiligtag, die den Lebenshof Hof Narr in Hinteregg ZH zusammen mit ihrem Mann Georg führt.

Und dort lassen sich nicht nur die Truten streicheln – auch Schweine und Hühner, Ziegen, Hunde und Katzen sowieso, nur die Enten sind etwas scheu. 85 Tiere leben auf dem Hof Narr, alle vor dem sicheren Tod gerettet und nun artgerecht untergebracht und bis an ihr Lebensende gut versorgt. Daneben betreiben die beiden Familien des Hofs biologische Landwirtschaft und bauen Getreide, Gemüse und Obst an, das sie an die Tiere verfüttern, selbst essen und verkaufen.

Der Lebenshof begann 2013 als Experiment. Sarah Heiligtag hat Ethik studiert und unterrichtet, ihr Mann ist Umweltnaturwissenschaftler. Beide machten sich Sorgen um die Zukunft des Planeten und hatten viele Theorien, wie man versuchen könnte, etwas zu verbessern. «Dabei landeten wir immer wieder bei der Ernährung und unserem Umgang mit Tieren», sagt die 40-Jährige. Mit dem Hof Narr wollten sie aus der Reihe tanzen, daher der Name – und testen, ob sich ihre Theorien auch in die Praxis umsetzen lassen. «Inzwischen wissen wir: Oh ja, sogar sehr gut!»

Die Shetlandponys haben viel Platz und sind integriert in eine Pferdeherde.

Die Shetlandponys haben viel Platz und sind integriert in eine Pferdeherde.

Zu den Herausforderungen eines Hofs, der Tiere nicht nutzt, sondern hegt und pflegt, gehört die Finanzierung. Die Heiligtags sichern sie auf ganz verschiedenen Kanälen: Sie bieten Patenschaften für ihre Tiere an – weitere Paten sind immer willkommen – ausserdem Abonnements für frisches Gemüse und Obst direkt vom Hof. Sie organisieren Hofunterricht für Schulklassen, machen Führungen für Gruppen aller Art, organisieren Vorträge, Konzerte, Filmvorführungen und vegane Sonntagsbrunchs. «Pro Woche haben wir 400 Gäste», sagt Sarah Heiligtag. «Für 90 Prozent von ihnen ist das, was wir hier machen, völlig neu.»

Doch kaum jemand verlässt den Hof Narr unverändert. «Die Besucher sehen und erleben, wie gut es unseren Tieren geht, und realisieren, dass veganes Essen richtig gut schmeckt. Das löst in vielen etwas aus.» Sarah Heiligtag, die mit ihrer Familie seit Jahren vegan lebt, hat den Eindruck, dass die Sensibilität für solche Themen in den vergangenen zwei Jahren generell gewachsen ist, und verweist zur Illustration auf die Klimaproteste der Jugend. «Da wächst eine Generation heran, mit der sich einiges ändern könnte.»

Immer mehr Bauern wollen umstellen

Ganz besonders freut sie sich über Bauern, die sich melden, weil sie ihren Hof ebenfalls in diese Richtung umstellen möchten – auch dies habe in letzter Zeit zugenommen. «Wir beraten sie, wie man dabei am besten vorgeht.» Umso mehr als viele Bauern ihre Tiere gerne artgerechter halten würden, sagt Heiligtag. «Es ist paradox: Die Bauern sehen die Schuld für die Tiermisere beim Kaufverhalten der Konsumenten, die Konsumenten sehen das Problem bei den angeblich herzlosen Bauern.»

Inzwischen gibt es landesweit rund 30 solcher Lebenshöfe, die auf ähnliche Weise wirtschaften. Doch lange Zeit taten sie das ganz für sich allein. Seit sechs Jahren bemüht sich nun ProTier um eine Vernetzung der Höfe und um mehr Öffentlichkeit. Die Stiftung, die sich seit 70 Jahren für Tierschutz und Ethik engagiert, organisiert für den 24. August den ersten Lebenshoftag der Schweiz , an dem acht Höfe ihre Türe öffnen. Dabei können Mensch und Tier hautnah erlebt und neugierige oder kritische Fragen gestellt werden.

Screenshot MM 19.8.2019

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 19. August 2019 (Nr. 34)

«Wir sind vom Ansatz der Lebenshöfe überzeugt», sagt Monika Wasenegger (42), die Geschäftsführerin von ProTier. «Und wir machen die Erfahrung, dass persönliche Erlebnisse mit Tieren etwas bewegen. Man erreicht sozusagen über das Herz auch den Kopf, und das ist die Voraussetzung für eine Veränderung.» Die Hoffnungen sind gross: «Man erlebt hier, wie klug, sensibel und reinlich zum Beispiel Schweine sind, wenn sie ihrer Natur entsprechend leben können. Wenn jemand deswegen weniger Fleisch isst, bewirkt das etwas. Und wenn dies viele täten, könnte sich vieles verändern.»

Schweine sind klug, sensibel und reinlich, wenn sie ihrer Natur entsprechend leben können.

Schweine sind klug, sensibel und reinlich, wenn sie ihrer Natur entsprechend leben können.

Die Beziehung zwischen ProTier und den Lebenshöfen ist eng. «Bei uns melden sich täglich Leute, die ein Tier retten möchten, und manchmal können wir sie zu einem Lebenshof vermitteln», sagt Monika Wasenegger. Aber es kommen viel mehr Anfragen, als ProTier bewältigen kann. «Und es tut jedes Mal weh, Nein sagen zu müssen.» Zudem sei die Rettung von einzelnen Tieren letztlich nur Symptombekämpfung. «Wir müssen grundsätzlicher ansetzen, und die Lebenshöfe zeigen ganz konkret, wie das funktionieren könnte.» Der Lebenshoftag soll künftig jedes Jahr stattfinden und die unterschiedlichen Konzepte der Lebenshöfe aufzeigen.

Auch Sarah Heiligtag erreichen täglich Hilferufe, weitere Tiere aufzunehmen. «Aber unser Platz ist begrenzt, es muss passen – auch zu den Tieren, die schon da sind.» Manchmal kann sie solche Anfragen weitervermitteln, aber oft muss sie Nein sagen. Was ihr alles andere als leichtfällt, hat sie doch ihr erstes Pferd bereits im Studium vor dem Schlachthof gerettet.

Sie kennt die Geschichte jedes einzelnen Tiers auf dem Hof Narr und kann sogar die vielen Hühner leicht an Gefieder und Gesichtsausdruck voneinander unterscheiden. Sarah Heiligtag betont, dass sie nicht missionieren will. «Aber inspirieren. Und ich glaube, das gelingt uns ganz gut.»

Lebenshoftag Schweiz, 24. August: Infos und Anmeldung auf lebenshoefe-schweiz.ch

Das Dressurpferd Kanaii ist 21 Jahre alt.

Fünf Tierschicksale auf dem Hof Narr

Das Dressurpferd
Kanaii (21) war einst ein erfolgreiches Dressurpferd, doch irgendwann war seine grosse Zeit vorbei. Und wie die meisten Sportpferde, die oft allein in engen Boxen gehalten werden, sollte auch der Hengst beim Schlachter landen. Wie ein Sportgerät, das ausgemustert wird. Jemand im Umfeld des Tiers kontaktierte 2016 Hof Narr. Es dauerte einige Zeit, bis Kanaii die stereotypen Verhaltensmerkmale ablegen konnte, die durch die falsche Haltung entstanden waren – er hatte sogar Angst vor anderen Pferden. Inzwischen hat er sich gut eingelebt und ist der Chef der Pferdeherde. Lebenserwartung: 30 Jahre

Labrador-Mischling Mimi, 14 Jahre alt.

Der Labrador-Mischling
Mimi (14) wurde 2005 als Welpe von Sarah Heiligtag während ihres Studiums in Frankreich entdeckt – bei einem Clochard, dessen Hund gerade Nachwuchs hatte. Das Hündchen wirkte so verhungert, dass sie ihm helfen wollte. Da im Studentenheim Tiere nicht erlaubt waren, fragte Heiligtag ihre Eltern, die schliesslich zusagten, Mimi aufzunehmen. Sie nahm dem Clochard den Welpen ab und schmuggelte ihn erst ins Studentenheim und dann in die Schweiz. Nach Studienabschluss pendelte Mimi zwischen Sarah Heiligtag und ihren Eltern, lebt jedoch heute meist auf dem Hof Narr. Lebenserwartung: 17 Jahre

Legehenne Furiosa, 18 Monate alt.

Die Legehenne
Furiosa (18 Monate) kommt aus der Eierindustrie. Dort legen Hühner in der Regel ein Jahr lang Eier, dann werden sie getötet, weil sie wegen der Mauser zwei, drei Wochen Legepause machen. Sie enden als Biogas oder Tierfutter. Damit tun sich jedoch auch immer mehr Bauern schwer, und so erhielt Hof Narr Anfang 2019 von einer Bäuerin die Anfrage, ob er ein paar ihrer Legehennen übernehmen könnte. Unter den sechs, die von dort kamen, war Furiosa – von ihren neuen Besitzern so genannt, weil sie, kaum aus der Transportbox geklettert, sich gleich mal laut zeternd auf alle Menschen stürzte und an ihnen herumpickte. Bis heute ist Furiosa auf dem Hof das Huhn mit dem grössten Selbstbewusstsein, lässt sich nichts bieten und verhält sich fast wie ein Hahn. Lebenserwartung: 12 Jahre

Hauskatze Jussi, (20) lebt auch auf dem Gnadenhof Narr.

Die Hauskatze
Jussi (20) lebte bei einer Familie im reichen Herrliberg ZH. Als die von dort wegzog, liess sie den Kater einfach zurück. Er schlug sich etwa ein Jahr lang irgendwie durch, bettelte bei Nachbarn und in Restaurants. Der Besitzer des Tennisplatzrestaurants, der ihn im Sommer immer fütterte, meldete sich 2016 bei Hof Narr, weil er sich sorgte, was mit dem Tier passieren würde, wenn er das Lokal nach Saisonende zusperrte. Sarah Heiligtag übernahm Jussi, obwohl sie eigentlich keine weitere Katze mehr wollte. Das Tier und seine Geschichte haben sie einfach zu sehr berührt. Lebenserwartung: 20 Jahre

Das Hausschwein Fräulein Tiffy ist 9 Monate alt.

Das Hausschwein
Fräulein Tiffy (9 Monate) kam vor ein paar Monaten von einer Landwirtin in Ausbildung zum Hof Narr. Diese wollte als Projektarbeit ein Schwein von der Geburt bis zur Schlachtung begleiten. Doch als die Hundefreundin realisierte, dass das kleine Schwein in drei Tagen beherrschte, wofür ihre Hunde drei Monate brauchten, wuchs ihr das kluge, soziale Tier ans Herz. Die Landwirtin kommt nun ab und zu vorbei, um ihr Schwein zu besuchen. Und Fräulein Tiffy ist keine Ausnahme – alle Schweine wären so, wenn man ihnen die Chance gäbe. Lebenserwartung: 15 Jahre

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