Die Stadt Bern erprobt seit einem Jahr ein neues Recyclingsystem – und nutzt dafür das Feedback der Einwohner. Eine wichtige Erkenntnis: Bürgerinnen und Bürger schätzen es, bei Themen, die sie betreffen, miteinbezogen zu werden.
Das freiwillige Engagement von Bürgerinnen und Bürgern kann auch zur Verbesserung staatlicher Dienstleistungen genutzt werden. In Bern geschieht dies seit September 2018, um ein neues Recyclingsystem für die Hauptstadt zu testen. Rund 2500 Haushalte probierten das «Farbsack-Trennsystem» aus, das es ermöglicht, Alu, Glas, PET-Flaschen, gemischten Kunststoff und Papier bereits zu Hause getrennt zu sammeln und direkt vor der Haustür in Containern zu entsorgen – statt wie bisher mit dem Sammelgut zu speziellen Entsorgungsstellen im Quartier zu marschieren oder es an bestimmten Tagen vor die Tür zu stellen.
Der Aufwand lohnt sich
Hintergrund für den angestrebten Systemwechsel sind die starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Mitarbeitenden der Abfuhr sowie eine teilweise Übernutzung der Quartiersammelstellen. «Diese sind nicht beliebig erweiterbar», sagt Christian Jordi (56), Leiter Entsorgung+Recycling Stadt Bern (ERB). Der Versuch wurde von Schweden inspiriert, wo ein ähnliches System bereits im Einsatz ist. Die Auswertung des Pilotprojekts ist noch nicht abgeschlossen. «Aber es gab bei den Teilnehmenden eine grosse Zustimmung», erklärt Jordi. Sein Ziel ist, das neue System in der ganzen Stadt einzuführen, vorausgesetzt, Politik und Volk stimmen zu. Doch selbst wenn alles rund läuft, rechnet er mit einer Einführung frühestens 2022.
Für ERB war es eine Premiere, die Bevölkerung in dieser Form einzubeziehen. Der Aufwand habe sich jedoch gelohnt, findet Christian Jordi. «Wir freuen uns, dass so viele so engagiert mitgemacht haben.» Es sei viel überzeugender, wenn fast alle Testhaushalte das neue System gutheissen und anpreisen, als wenn nur er selbst das tue.
Einer dieser Haushalte ist Julien Tanners Männer-WG im Breitenrain-Quartier. «Wir machen mit, weil wir Recycling wichtig finden und sich bei uns das Entsorgungsmaterial oft übermässig angesammelt hat», sagt der 32-jährige Produktmanager. Die grösste Herausforderung bestand darin, ein System in der Wohnung zu entwickeln, um die bunten Säcke mit dem Recylinggut sinnvoll zu platzieren. «Eigentlich bräuchte es noch ein Gestell oder eine Hängevorrichtung.» Auch organisatorisch liesse sich einiges vereinfachen, finden Tanner und seine Mitbewohner. Allerdings würden sie das neue System nicht mehr missen wollen. «Ich hoffe, es wird für die ganze Stadt eingeführt.» Und dass sie vom ERB überhaupt nach ihrer Meinung gefragt wurden, schätzen sie sehr – «das könnten die Behörden auch in anderen Bereichen häufiger tun».
Die Bürgerbeteiligung wird generell positiv bewertet, wie das «staatslabor» analysiert hat, das den Test im Auftrag des ERB begleitete. «Menschen möchten bei Themen, die sie betreffen, miteinbezogen werden», sagt Dominik Mösching (35), stellvertretender Geschäftsleiter des gemeinnützigen Vereins, der Staat und Öffentlichkeit helfen will, gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen – darunter etwa bürgernähere Dienstleistungen zu entwickeln. Unterstützt wird das «staatslabor» auch durch Engagement Migros , das Pionierprojekte fördert, die zum gesellschaftlichen Wandel beitragen.
Vertrauen in die Bürger
«Der Einbezug von Nutzern durch Staat und Behörden ist eine Spielart des Milizsystems, die in der Schweiz noch eher vernachlässigt wird», sagt Mösching. «Voraussetzung ist, dass staatliche Organisationen bereit sind, ein wenig Macht abzugeben und die Rückmeldungen aus der Praxis auch zu berücksichtigen. Sonst löst das bei den Nutzern nur Frust aus.» Beim Pilotprojekt in Bern beteiligte sich rund die Hälfte der angefragten Haushalte, was er als «relativ gut» einschätzt.
Besonders nützlich findet Mösching eine Bürgerbeteiligung bei Prozessen, die eine Verhaltensänderung verlangen. «Sowas ist immer eine Herausforderung, weil die bestehende Lösung grundsätzlich erst mal bequemer ist als etwas Neues.» Die Menschen in die Ausgestaltung eines neuen Prozesses miteinzubeziehen erhöhe die Chancen, dass diese Verhaltensänderung auch tatsächlich passiere.
«Die Grundlage für ein funktionierendes Milizsystem ist das Vertrauen, dass mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern gute Lösungen entstehen können. Gleichzeitig fühlen sich diese für ein gutes Funktionieren des Staats stärker verantwortlich», sagt Mösching. «Beides spielt zusammen und trägt dazu bei, konstruktive Lösungen für Probleme zu finden.»