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Null Bock auf Plastik

Einwegplastik ist verpönt, und doch findet man es überall. Wie lebt es sich, wenn man eine Woche lang darauf verzichtet? Ein Tagebuch mit Tiefpunkten und neuer Erkenntnis.

Text Lisa Stutz
Datum
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Montag

Schon am ersten Tag meines Experiments vergesse ich aufzupassen. Ich bin spät dran. Weil ich vor der ersten Sitzung einen Wachmacher brauche, hole ich mir einen «Coffee to go». Erst als ich den Kartonbecher in der Hand halte, merke ich, dass er mit einem Plastikdeckel verschlossen ist. Später im Büro nehme ich das weisse Stück Plastik genauer unter die Lupe. «Compostable lid» steht drauf, kompostierbarer Deckel. Immerhin. Ich google und erfahre, dass er aus dem Biokunststoff PLA besteht, bei dessen Produktion Maisstärke mithilfe von Milchsäurebakterien fermentiert wird. Muss ich jetzt ein weniger schlechtes Gewissen haben, weil der Deckel biologisch abbaubar ist?

Ich realisiere, dass ich nicht so viel Ahnung von Plastik habe. Ich google weiter: Plastik ist gleich Kunststoff, und Kunststoffe bestehen aus kleinen chemischen Bausteinen, die sich zu grösseren Strukturen zusammenschliessen. Viele Alltagsgegenstände bestehen ganz oder teilweise aus Plastik: Kreditkarten, Kugelschreiber, Kleiderbügel … Zum Glück muss ich für meinen Versuch nur auf Plastik verzichten, das nach einmaligem Gebrauch im Abfall landet.

Den Rest des Tages bin ich im Büro und komme ohne Plastik aus.

Dienstag

Ich entscheide mich für ein Mittagessen zum Mitnehmen aus dem Personalrestaurant. Alles von ausserhalb wäre mit zu viel Plastik verbunden. Im Personalrestaurant stehen immerhin wiederverwendbare Plastikbehälter bereit. Ich zahle fünf Franken Depot dafür. Nur ans Besteck habe ich nicht gedacht: Ich nehme widerwillig Einwegplastikbesteck mit. Zu allem Übel ist es abermals in dünnes Plastik verpackt. Meine Kollegin praktiziert eine bessere Lösung: Sie hat eine richtige Gabel und ein richtiges Messer am Arbeitsplatz. Als ich mein Besteck in den Abfall werfe, beobachte ich neidisch, wie sie ihres abwäscht.

Am Abend kaufe ich ein Geschenk für eine Freundin. Der Verkäufer gibt mir eine hübsche Plastiktüte mit. Sie ist so hochwertig, dass meine Freundin sie bestimmt wiederverwendet. So bin ich nochmal ums Prädikat «Einweg» herumgekommen.

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Mittwoch: Das erste No-Go passiert mir beim «Coffee to go». Eigentlich habe ich immer eine Trinkflasche dabei. Eigentlich. Donnerstag: Avocados, Peperoni, Tomaten – alles ohne Plastikhülle. Freitag: Erst am fünften Tag unterläuft mir kein Fehler.

Mittwoch

Ich trinke gern direkt vom Hahn. Und ich habe mir letztes Jahr eine Trinkflasche gekauft, die das Wasser lange kühl hält. Ich habe sie eigentlich immer dabei. Trotzdem mache ich in einem unbedachten Moment einen Fehler: Beim Wasserspender im Büro greife ich zum Plastikbecher und fülle ihn auf. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich nicht aus meiner Wasserflasche getrunken habe. Die Antwort: Es war bequemer, auf der Stelle meinen Durst zu löschen. Ich schäme mich, dass es mir nicht einmal aufgefallen ist.

Nach Feierabend bin ich mit einer Freundin verabredet. Ich bin etwas in Eile und würde mir gern einen schnellen Znacht für unterwegs kaufen. Ich merke: Sobald es schnell gehen muss, ist plastikfrei schwierig. Salate und Sandwichs «to go» sind oft in viel Plastik verpackt. Auch wenn ich eigentlich auf einen Salat Lust hätte, kaufe ich nun einfach ein Brötchen.

Donnerstag

Langsam, aber sicher muss ich mal einkaufen gehen. Ich will Fajitas zum Znacht machen, also gehe ich in die Migros. Avocados, Peperoni, Tomaten – alles finde ich plastikfrei im Offenverkauf. Beim Fleisch wird es tricky. Im Regal 
hat es Pouletgeschnetzeltes nur in Einwegplastik verpackt. Also gehe ich an die Theke. Der freundliche Metzger schneidet mir das Pouletfleisch. Er verpackt es in einer Art beschichtetem Papier, von dem ich nicht ganz sicher bin, ob es kein Plastik enthält. Er erklärt mir, dass man neuerdings auch mit der eigenen Tupperware an die Theke kommen kann. Cool! Das wusste ich nicht. Doch auch meine Variante fühlt sich umweltfreundlicher an als das abgepackte Fleisch. Und ich zahle nicht einmal viel mehr. 

Da ich die Tortillas nicht selber mache, bleibt mir keine andere Wahl, als sie in Plastik verpackt zu kaufen. Nach dem Bezahlen verstaue ich alles in meiner Stofftasche, die ich immer für spontane Einkäufe in meiner Handtasche dabei habe.

Freitag

Ich schaffe es, den ganzen Freitag lang kein Einwegplastik zu brauchen. Ich esse im Personalrestaurant, am Abend gehe ich direkt nach Hause und bleibe da.

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Samstag: Warum hat es eigentlich «Guckstreifen» an den Gipfelitüten? Bilder rechts: Tipps für den Alltag ohne Plastik: Immer eine Stofftasche und eine Wasserflasche dabei haben.

Samstag

Mein Freund holt Zmorge. Als er zur Haustür rausgeht, rufe ich ihm noch zu, dass er einen alten Papiersack von zu Hause mitnehmen soll. Als er zurückkommt, ist einzig der Fleischkäse in Plastik verpackt. Und die Tüte mit den Gipfeli drin hat einen durchsichtigen Plastikstreifen in der Mitte. Plötzlich fallen mir solche Dinge auf. 

Später packe ich einen neuen Dampfglätter aus, den ich online bestellt habe. Er besteht aus mehreren Einzelteilen, die alle mit dünnem Plastik geschützt sind. Als ich den Steamer zusammengebaut habe, schmeisse ich ein Knäuel Plastik in den Abfall.

Den Rest des Tages bin ich draussen in der Natur – das einzige Plastik, was ich sehe, ist ein McDonald’s-Becher mit Röhrli, den jemand am Wegrand entsorgt hat.

Sonntag

Am Sonntag fällt es mir nicht schwer, kein neues Plastik zu brauchen. Am Abend bestellen wir beim Lieferdienst: Die Pizzen kommen wie üblich in Kartonschachteln daher. Kein Plastik, juhu! Doch ich bezweifle, dass diese Variante mit Lieferung 
per Auto nun ökologischer ist, als wenn ich einen in Plastik verpackten Pizzateig gekauft und unseren Znacht selber zu Hause zubereitet hätte. 

Als es eindunkelt, ziehe ich Bilanz: Nach einer Woche Selbstversuch sehe ich überall Plastik. Ich gehe nun bewusster mit dem Thema um. Dennoch kann ich in meinem Alltag längst nicht immer auf Einwegplastik verzichten. Wenn man unterwegs auf die Schnelle etwas konsumieren möchte oder muss, wirds schwierig. Wenn mehr Zeit da ist, gibt es in den Läden oft plastikfreie Alternativen. Gute Tricks sind auf jeden Fall, immer eine Stofftasche und eine Trinkflasche dabeizuhaben. Und ich habe mir vorgenommen, einen Isolierbecher zu kaufen – so kann ich meinen «Coffee to go» am nächsten Montagmorgen ohne schlechtes Gewissen geniessen.

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