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Arbeitsintegration

Starke Leistung mit schwachen Augen

Der Teenager Cedric Scheurer hat eine schwere Sehbehinderung, lässt sich aber nicht entmutigen: Bei der Migros Aare macht er eine reguläre Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt.

Text Michael West
Fotos Roger Hofstetter
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Das Dachgeschoss über der Stadtberner Migros-Filiale Marktgasse wirkt auf den Laien wie ein Labyrinth: Überall gibt es Röhren, Ventilatoren und Geräte mit rätselhaften Anzeigen. Hier wird die Luft aus dem Supermarkt gereinigt und mit Frischluft vermischt. Cedric Scheurer findet sich hier perfekt zurecht: Zielstrebig geht er auf einen mächtigen Metallkasten zu, schliesst die Tür auf und wirft einen prüfenden Blick auf eine ganze Batterie von Luftfiltern.

Als angehender Fachmann Betriebsunterhalt kümmert sich der 17-Jährige um grosse und kleine Probleme, die in der Filiale anfallen – vom ausgebrannten LED-Lämpchen bis zur streikenden Kühlanlage. Er reinigt auch bestimmte Räume und sorgt dafür, dass Fluchtwege unverstellt bleiben, so wie es die Feuerwehr verlangt. Ausbilder Alfred Ogi (58) ist von dem tatkräftigen Jugendlichen begeistert: Er sei hoch motiviert und überhaupt «ä flotte Giel».

Im Laden fast schon daheim

Wenn man den Teenager bei der Arbeit begleitet, bemerkt man kaum, dass er stark sehbehindert ist. Er hat an beiden Augen von Geburt an einen Netzhautdefekt. Die ganze Welt erscheint ihm mit viel schwächeren Kontrasten als einem normalsichtigen Menschen. Das ahnt man aber erst, wenn er zum Beispiel im Heizungskeller vor einer Anzeige steht, plötzlich eine kleine Stablampe hervorzieht und das Instrument beleuchtet. Nur wenn er so nachhilft und ganz aus der Nähe auf die kleinen Zahlen blickt, kann er sie gut lesen.

Schon als Kind fasste Scheurer den Entschluss, sich von seinem Handicap nicht bremsen zu lassen. «Ich renne immer auf meine Ziele zu», sagt der Jugendliche. «Meine Einschränkung ist für mich ein Ansporn: Ich will mir immer wieder beweisen, dass ich es trotzdem kann.» Um die dreijährige Ausbildung zum Fachmann Betriebsunterhalt bewarb er sich, weil diese Tätigkeit so vielfältig ist: «Ich sehe hinter die Kulissen eines Supermarkts und lerne, wie alles technisch funktioniert. Mit den Kunden komme ich zwar nicht gross in Kontakt, aber ich kann trotzdem etwas dazu beitragen, dass sie sich im Laden wohlfühlen.»

Um seine Einschränkung wettzumachen, bekam der Jugendliche in der Filiale Marktgasse am Anfang eine besonders gründliche Einführung. Inzwischen ist er im zweiten Lehrjahr und kennt sich mit seiner Arbeit so gut aus, dass er sie mit grosser Selbständigkeit bewältigt. Aus dem Team spürt er dabei grosse Sympathie. Neben der Ausbildung in der Migros besucht er eine reguläre Berufsschule. «Dort sitze ich aber immer in der ersten Reihe, und manchmal drucken mir die Lehrer Texte mit extragrosser Schrift aus.»

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Weil er so schlecht sieht, hilft sich Cedric Scheurer manchmal mit einer kleinen Stablampe.

Unermüdlich auf Trab

Auch in seiner Freizeit lässt sich Scheurer von seiner Sehbehinderung nicht ausbremsen und bleibt buchstäblich in Bewegung. Er stemmt Gewichte im Fitnesscenter und hat schon mehrmals an Volksläufen teilgenommen: Beim GP Bern und beim Kerzerslauf rannte eine wachsame Begleiterin neben ihm her und warnte ihn rechtzeitig vor Stolperfallen. «Heikel war vor allem das oft unebene Altstadtpflaster oder ein Waldweg mit vorstehenden Wurzeln», erinnert er sich. «Aber ich bin gut ins Ziel gekommen und hatte Spass.»

Der Teenager hält sogar andere Sehbehinderte auf Trab: An seiner ehemaligen Blindenschule spielt er in der Freitzeit manchmal Fussball mit jüngeren Mädchen und Buben. «Es geht darum, den Ball immer leicht vorzulegen und die Kinder gut zu führen», meint er dazu. «Sie spielen so gern, dass mich ihre Freude jedes Mal ansteckt.»

Arbeitswelt mit offenen Türen

Die Migros-Gruppe versteht sich als Ort der Vielfalt. Alle Bewerberinnen und Bewerber sollen die gleichen Chancen auf eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz haben. Menschen mit einer Behinderung werden im Arbeitsalltag gezielt unterstützt.

Alle zehn regionalen Genossenschaften und viele weitere Unternehmen der Migros-Gruppe fördern die Integration mit eigenen Projekten. Ein Beispiel ist die Migros Luzern: Hier können Jugendliche mit gesundheitlichen Einschränkungen in zwei Ausbildungsfilialen eine Lehre absolvieren und erhalten so eine berufliche Perspektive. Dafür wurde die Genossenschaft 2019 mit dem IV-Award Luzern ausgezeichnet.

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