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Boys Love

Romantik! Herzschmerz! Sex!

Schöne Jünglinge, die sich rettungslos ineinander verlieben, stehen im Zentrum der «Boys Love»-Serien und -Comics. Von Asien aus haben diese in den letzten Jahren eine globale, vor allem weibliche Fangemeinde erobert – auch in der Schweiz.

Text Ralf Kaminski
Die beiden thailändischen BL-Stars Max Nattapol Diloknawarit (links) und Tul Pakorn Thanasrivanitchai.

Ihre Fans nennen sie schlicht MaxTul: Die thailändischen Serienstars Max Nattapol Diloknawarit (links) und Tul Pakorn Thanasrivanitchai. (Bild: INA.Wittcha)

Die Begeisterung in den Online-Fanforen ist grenzenlos: Max Nattapol Diloknawarit (26) und Tul Pakorn Thanasrivanitchai (28) spielen die Hauptrollen in der neuen «Boys Love»-TV-Serie «Manner of Death»!. Die beiden thailändischen Superstars des Genres, der Einfachheit halber von allen MaxTul genannt, haben sich in den letzten Jahren mit ihren Serien und ihrer Social-Media-Präsenz einen weltweiten Fanclub erarbeitet. Und der ist seit der Ankündigung im Juni ganz aus dem Häuschen, dass seine Lieblinge endlich wieder gemeinsam im Einsatz stehen.      

Ihr erster Auftritt als Neben-Paar in der Serie «Bad Romance» (2016) schlug derart ein, dass umgehend zwei weitere Staffeln entstanden – mit ihnen im Zentrum. MaxTul gehören damit zu den TV-Pionieren im Genre «Boys Love» (BL), das ursprünglich aus der japanischen Manga-Welt kommt: romantische Geschichten um hübsche Jungs mit viel Drama, grossen Gefühlen und reichlich nackter Haut. Inzwischen produzieren neben Thailand auch Taiwan, Südkorea und andere asiatische Länder BL-Serien am Fliessband.

Szenen aus der MaxTul-Serie «Together with me».

MaxTul sind jedoch gleich doppelt aussergewöhnlich: Die mutmasslich heterosexuellen Schauspieler benehmen sich auch in den sozialen Medien gerne wie ein verliebtes Paar – und setzen sich zudem offensiv für die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender ein. Und dies auch bei Auftritten in Ländern, die deutlich konservativer ticken als das relativ liberale Thailand.

Attraktive Männer in Aktion

In Japan gab es bereits in den 1970er-Jahren Mangas mit Liebesgeschichten zwischen oft androgynen und femininen jungen Männern. In der Schweiz kamen diese Comics aber erst Ende der 1990er-Jahre an. «Zuvor wurden nur einzelne Klassiker übersetzt», sagt Tanja Wälti (45) vom Comix Shop Basel. Seither jedoch hätten Mangas insgesamt «einen Siegeszug in Europa» hinter sich.

«Etwa zehn Prozent aller Manga-Neuerscheinungen bei uns im Laden sind derzeit ‹Boys Love›-Titel. Wir haben ein paar Stammkundinnen, die sich jeden neuen Band reservieren lassen.» Rund 95 Prozent der BL-Kundschaft sind Frauen, schätzt Wälti, die meisten zwischen 16 und 30 Jahre alt. Anders als bei den TV-Serien gibts unter den Mangas auch sexuell explizite, die erst ab 18 verkauft werden dürfen.

BL-Cover Carlsen Verlag

In der japanischen Manga-Welt gibts «Boys Love»-Geschichten schon seit den 1970er-Jahren. (Bild: Carlsen Verlag)

Zu den besagten Stammkundinnen gehört Juliane Huhle. «Ich lese alle möglichen Mangas – wenn mir Zeichenstil und Story gefallen, dann kaufe ich sie», sagt die 33-jährige Biolaborantin aus Riehen BS. Das BL-Genre entdeckte sie als Teenager und ist ihm bis heute treu geblieben.

«Es hat natürlich seinen Reiz, zwei attraktive Männer in Aktion zu sehen», räumt sie unumwunden ein. «Aber es geht nicht nur darum: Es gibt mittlerweile mehrbändige Reihen mit BL-Paaren, die komplexe Geschichten erzählen, auch in Krimi-, Abenteuer- oder Science-Fiction-Settings.» Juliane Huhle besucht zudem regelmässig Manga-Fanmessen in Deutschland wie die «Connichi» in Kassel. Dort ist BL längst ein selbstverständlicher Bestandteil des Programms.

«Boys Love»-Fantreffen in Lausanne

In der Schweiz gibt es seit 2017 sogar ein eigenes BL-Festival, die Yaoi Generation in Lausanne. «Es kommen jedes Jahr mehr Leute», sagt die Künstlerin Martine Richard Bovay (52), eine der Organisatorinnen. «100 bis 150 Leute, wegen Corona waren es dieses Mal etwas weniger.» Zwei Drittel des Publikums sind Frauen – die meisten zwischen 16 und 50. 

«Wir wussten, dass es auch hier BL-Fans gibt, aber viele sind zu scheu, darüber zu sprechen. Also schufen wir einen Ort, wo man sich treffen und austauschen kann.» Bovay, die selbst Comics zeichnet, stiess durch ihre Tochter auf BL und mag beides – «die Mangas für die Qualität der Zeichnungen und Geschichten, die TV-Serien wegen der Romantik und den hübschen Darstellern».

Vielen Frauen falle es schwer zuzugeben, dass sie solch erotisches Material mögen, deshalb werde BL hierzulande nur zurückhaltend thematisiert. Doch Konzerne hätten das Potenzial längst entdeckt. «In den Serien werben bekannte Marken wie Fanta oder Toyota, und BL-Serienstars posieren für Nestlé oder Hugo Boss.» Bovay rechnet damit, dass künftig auch mehr von ihnen an Fanmessen in Europa auftreten werden.

Krimi und «Boys Love»-Story: Die neue TV-Serie mit MaxTul basiert auf einer thailändischen Romanvorlage.

Nadine* stiess schon als Teenager auf BL-Mangas und glaubt heute, dass das Interesse stark mit ihrer eigenen sexuellen Entwicklung zu tun hatte. «Ich war eher eine Spätzünderin», sagt die 31-jährige Medienfrau aus der Region Zürich. «Deshalb fand ich es wohl besonders interessant.  Die hübschen, leicht feminin angehauchten Jungs haben mir ästhetisch gefallen.» Und über zwei Männer liess sich die eigene Sexualität ein wenig auf Distanz halten. «Es hatte mit mir selbst direkt wenig zu tun, gerade deshalb konnte ich es geniessen.» Mittlerweile ist sie BL und Mangas allerdings entwachsen. 

Auch einige Schwule mögen die BL-Serien

Zwar ist das BL-Zielpublikum primär weiblich, aber es gibt auch Schwule, die die Serien schauen. Zum Beispiel Beat*, ein 42-jähriger PR-Manager aus der Region Bern. «Es ist meist schon ziemlich seichte Kost, irgendwas zwischen Telenovela und Heftliroman vom Bahnhofskiosk. Aber man kann dabei wunderbar abschalten, und die Jungs sind natürlich nett anzusehen.» Gelegentlich gebe es sogar realistische Handlungselemente. «Aber die reale Welt asiatischer Schwuler dürfte ziemlich anders sein.»

Erfrischend seien zudem die häufigen Happy Ends dieser Serien: «Schwulenfilme aus Asien endeten lange Zeit fast ausnahmslos tragisch.» Auch Beat mag MaxTul und schaut sich ihre neue Serie an die in Thailand am 30. November gestartet ist und international bei WeTV und anderen Sites gestreamt werden kann. «Es ist überhaupt erstaunlich, wie problemlos diese Serien hier online verfügbar sind – und immer mit englischen Untertiteln.» Diese stammten zwar oft von Fans, aber man ziele inzwischen klar auch auf ein internationales Publikum. 

Der Trailer zur neue MaxTul-Serie «Manner of Death». Der Mix aus Krimi und «Boys Love»-Story basiert auf einer thailändischen Romanvorlage.

«Die Wurzeln des BL-Genres liegen in den Eigenheiten der japanischen Gesellschaft», sagt Lukas R. A. Wilde (37), Medienwissenschaftler und Japanologe an der Universität Tübingen, der sich auf Comicforschung spezialisiert hat. «In den 1960er-Jahren waren japanische Frauen öffentlich wenig sichtbar und auch in Beziehungen oft auf eher unterwürfiges Verhalten festgelegt.»

BL-Mangas ermöglichten ein Spiel mit Rollen, Sexualität und Geschlechtern. «Partner begegneten sich in idealisierter Form und auf Augenhöhe, und man konnte mit allen möglichen Beziehungsformen humorvoll spielen, ohne dass Alarmsignale losgingen», erklärt Wilde. «Dieser Aufbruch der starren Rollenbilder war für das Publikum attraktiv, neben der Erotik und der Sexualität.» Viele dieser Geschichten spielten zudem an exotischen Orten, etwa im europäischen Barock oder im Weltraum.

Verlage reagierten auf Fan-Interesse

In den 2000er-Jahren begann eine neue Phase für das Genre: Es wurde kommerzieller, drang in andere Medienbereiche vor – und auch in den deutschsprachigen Raum. Der Carlsen Verlag in Hamburg war der Erste, der BL im Jahr 2000 in sein Programm aufnahm. «Auf Drängen von Fans in den Onlineforen», sagt Kai-Steffen Schwarz (50), Manga-Programmleiter seit 2005. «Damals wurden uns die wenigen Bände geradezu aus den Händen gerissen, innert Kürze hatten wir über 10 000 Stück eines neuen Titels verkauft.»

Inzwischen gibt es sechs deutsche Verlage, die das Genre herausgeben. Carlsen allein hat rund 75 Titel im Programm, darunter einige Serien – pro Monat gibt es im Schnitt einen neuen Band, was etwa 5 Prozent aller Manga-Neuheiten bei Carlsen entspricht. «Aufgrund der erhöhten Konkurrenz erscheinen bei uns weniger BL-Titel als früher», sagt Schwarz, «dafür publizieren wir mehr Mangas, die der-Lebensrealität von Schwulen und Lesben entsprechen.»

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Die deutsche Zeichnerin Martina Peters hat BL in ihren Werken aufgenommen.

Schwarz und Wilde sind sich einig, dass BL auch hierzulande inzwischen komplett etabliert ist. «In Japan gibt es viele Hunderte Künstlerinnen, die hauptberuflich davon leben», sagt Wilde. Und auch in Europa haben Zeichnerinnen das BL-Genre aufgenommen, etwa Martina Peters (35), die in der Nähe von Düsseldorf lebt und seit 2001 professionell Mangas zeichnet. «Es begann 1996 mit ‹Sailor Moon› auf RTL 2, und weil ich die Ästhetik mochte, habe ich dann selbst in -diesem Stil zu zeichnen begonnen» – von Anfang an auch BL, das sie als ihr «Heimgenre» bezeichnet.

Hetero-Männer inzwischen aufgeschlossener

«Es findet sich fast in allen meinen Mangas, auch wenn ich Mystery- oder Fantasygeschichten erzähle.» Eine Herausforderung des Genres sieht sie darin, die anatomischen Details von Sexszenen korrekt und ästhetisch ansprechend darzustellen. «Frauen sind in der Hinsicht anspruchsvoll», sagt sie lachend.

Aber inzwischen getrauen sich bei Fanmessen auch mehr Männer an ihren Stand. «Lange Zeit haben die immer einen grossen Bogen um mich gemacht, jetzt kommt es schon vor, dass da einer steht und blättert, samt Freundin.» Peters freut sich über die neue Aufgeschlossenheit. «Ich vermute, dass sie meinen Stil und meine Geschichten mögen – und wenn dabei halt mal zwei Männer miteinander im Bett landen, stört sie das nicht weiter.»

*Namen der Redaktion bekannt

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