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Ältere Arbeitslose

Wenn die Job-Suche zum Marathon wird

Über 260 Bewerbungen, 5 Vorstellungsgespräche, 0,5 Job: Nicola Judas und Rolf Heinrich benötigen bei der Jobsuche viel Ausdauer. Älteren Stellensuchenden setzt die Coronakrise auf dem Arbeitsmarkt gerade besonders zu.

Text Benita Vogel
Fotos Desirée Good, Christian Schnur
Rolf Heinrich geniesst es, Kindern und Sportlern Schwimmunterricht zu erteilen. Ganz umsattlen will er aber nicht.

Rolf Heinrich geniesst es, Kindern und Sportlern Schwimmunterricht zu erteilen. Ganz umsattlen will er aber nicht.

Rolf Heinrich setzt sich auf den Schwimmbeckenrand, dann gleitet er ins Wasser. «Lasst uns den Superman üben», sagt er zu den Kindern, die im Bassin auf und ab hüpfen. Der 59-Jährige legt sich aufs Wasser, streckt den linken Arm nach vorne, den rechten nach hinten und paddelt mit den Füssen. Langsam schwimmt er zum gegenüberliegenden Beckenrand. Die Supergirls und -boys gleiten dem Lehrer nach. Heinrich ist eigentlich nicht Schwimmlehrer, sondern Marketingleiter. Genauer: Er war es. Seinen Job als Werbe- und Sponsoringchef hat er letztes Jahr verloren. «Umstrukturierung», liess ihm sein damaliger Chef ausrichten. Jetzt seien Digital Natives gefragt, keine «Klassiker» über 50 Jahre.

«Die Kündigung war ein Schock», sagt Heinrich. So ein Sch…, habe er gedacht. Da war Wut und Enttäuschung. Aber auch «ich darf den Kopf nicht in den Sand stecken». Als Ex-Nationalspieler im Wasserball und Ausdauerschwimmer ziehe er Kraft aus der Sportpsychologie: «Jede negative Situation birgt auch eine Chance.» Das sei keine Worthülse.

30 Lektionen pro Woche

«Ohne Arbeitslosigkeit wär ich nicht hier», sagt er und zeigt auf das Becken. «Der Schwimmunterricht macht Spass.» Sei es, Kindern das Element Wasser spielerisch näherzubringen, oder Erwachsenen im Ausdauersport den letzten Schliff zu geben. «Das ist eine Herzensangelegenheit.» Die Kurse laufen gut, zu Spitzenzeiten gab Heinrich im Sommer bis zu 30 Lektionen pro Woche. – So habe er immerhin einen halben Job.

Ganz umsteigen möchte Heinrich aber nicht. «Eine Kombination von Sportmarketing und Schwimmkursen wäre ideal.» 130 Bewerbungen hat er bisher geschrieben, einige Videoaufnahmen gedreht und zwei Vorstellungsgespräche gehabt. Er hat eine Weiterbildung in Digitalem Marketing absolviert und nimmt derzeit an einem Coaching-Programm für Höherqualifizierte teil, das ihm das RAV vermittelt hat. «Das bringt neue Inputs und Kontakte.» Das Netzwerk sei wichtig. «Meine letzte Stelle habe ich auch dank Networken gefunden.»

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6 Monate arbeitslos

Er hat es geschafft

Uwe Jankowski (60), Elektroingenieur, ist seit Juli Projektleiter bei Logic Swiss. Er war sechs Monate arbeitslos.

Er arbeitete seit elf Jahren in der Schweiz und hatte gerade sein Haus in Deutschland verkauft. Da kam der Hammer: Aus wirtschaftlichen Gründen wurde ihm auf Ende 2019 gekündigt. «Ich wusste, das wird schwierig.» Er hatte seit 45 Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben. Das hat sich schlagartig geändert: «Im ersten Monat habe ich 20 Schreiben verschickt.» Er habe breit gesucht, was Tätigkeitsbereich und Firmenstandort betrifft. Jankowski: «Ich wäre auch nach Süddeutschland gependelt.»

Seine Unterlagen seien auch dank eines Coaches immer besser geworden. Es sei wichtig, dass sich der Motivationsbrief von der Masse abhebe. Er schrieb potenzielle Arbeitgeber mit folgenden Sätzen an: «Wie kann ich Sie neugierig machen, mich kennenzulernen, obwohl ich erst 60 Jahre alt bin? In Castingshows wird oft der Satz gesagt: Das Gesamtpaket muss stimmen. Da kann ich möglicherweise mehr punkten als die Mitbewerber.» Oder: «Ich habe das Inserat meiner härtesten Kritikerin gezeigt – meiner Frau –, und die meinte: Da gehörst du hin.» Er habe viele gute Feedbacks auf die Briefe erhalten. Auf 100 Bewerbungen hatte er vier Vorstellungsgespräche. Der Vertrag beim Energie-Start-up Logic Swiss war in einer Woche unter Dach und Fach. «Mein Know-how im Solarbereich und mein Netzwerk waren wichtig, da wir gerade ein neuartiges Energiedach lancieren.»

Ü-50-Arbeitslosigkeit nimmt zu

Nur die Hoffnung nicht aufgeben, heisst Heinrichs Devise. «Ich wusste, dass das kein Sprint wird, sondern ein Marathon», und «ich habe Ausdauer.» Die braucht er jetzt besonders. Die Corona-Pandemie macht den Arbeitsmarkt für Ältere noch schwieriger. Die drohende Langzeitarbeitslosigkeit ist das Problem. Verlieren Ältere einmal den Job, dauert es länger, bis sie einen neuen haben. Das war schon vor der Pandemie so und könnte sich nun verschärfen.

Zwar wagt niemand eine Prognose. Ein Blick in die Statistik zeigt aber, dass die Arbeitslosenquote bei unter 50-Jährigen nach der ersten Corona-Welle wieder gesunken ist oder zumindest stagniert, während sie bei Älteren weiter ansteigt. Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, fügt an: «Die Gefahr ist gross, dass es gerade bei Älteren mehr Aussteuerungen geben wird.» Die Betroffenen müssten länger in der Arbeitslosenversicherung bleiben können.

Nicola Judas entspannt sich am See: «Nach 130 Bewerbungen sinkt das Selbstvertrauen mit jeder Absage.»

Nicola Judas entspannt sich am See: «Nach 130 Bewerbungen sinkt das Selbstvertrauen mit jeder Absage.»

Auch Nicola Judas verlangt Corona viel Geduld ab. Seit Anfang Jahr beginnt die gelernte Kauffrau den Tag immer mit dem gleichen Ritual: Computer hochfahren, die abonnierten Job-Newsletter und Stellenportale nach Vakanzen durchforsten. Sehr ermutigend sei das derzeit nicht, sagt sie. «Zwar gibt es seit Sommer wieder etwas mehr Stellen, aber die Konkurrenz in meinem Bereich ist gross.» Häufiger als vor der Pandemie würden die Inserate Jüngere ansprechen. «Möchtest du in einem jungen dynamischen Team arbeiten?», steht da etwa. «Da muss ich mich gar nicht erst bewerben», sagt Judas. In manchen Inseraten sei auch einfach ein Altersbereich erwähnt.

Die Diskriminierung älterer Stellensuchender auf dem Arbeitsmarkt ist Fakt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Daniel Oesch, Professor für Sozialwissenschaften der Uni Lausanne. Er zeigt auf, dass die Chance, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, ab 55 massiv abnimmt. Und dass nur ein Drittel der 60-Jährigen zwei Jahre nach ihrer Entlassung wieder einen Job hat.

Jobkiller Reorganisation

Nicola Judas ist erst 53. Sie sucht eine Stelle im Personal- , Rechnungswesen, im Verkaufsdienst, Controlling oder in der Administration. Judas hat breite Erfahrung, etwa als Leiterin in mehreren käufmännischen Abteilungen, zuvor schon als Papeterieleiterin. «Ich habe mein ganzes Leben 100 Prozent gearbeitet, mich bedrückt das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.» Ihre Stelle bei einem Grosshändler hat sie wegen mehrfacher Neuorganisation verloren. Optimistisch für die Zukunft zu bleiben, sei manchmal schwierig. «Nach 130 Bewerbungen sinkt das Selbstvertrauen mit jedem Absagebrief», sagt sie. Sie wurde zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen, und gross war die Freude, als im September ein drittes folgte. Nach längerem Hin und Her wurde aber leider auch daraus nichts.

Nicola Judas wünscht sich mehr Unterstützung von der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV). Zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit konnte sie einen Kurs für ältere Arbeitssuchende absolvieren. «Das half mir, die Bewerbungen zu verbessern, und gab Selbstvertrauen.» In den letzten acht Monaten hat sie ihre Beraterin aber nicht oft gesehen. Gerne würde sie eine Sprachkurs machen, um bestehende Englischkenntnisse zu verbessern, das RAV will diesen aber nicht bezahlen. Immerhin kann sie seit einigen Wochen an einem Mentoringprogramm für über 50-Jährige teilnehmen.

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Nach 5 Monaten

Er hat es ebenfalls geschafft

Guido Baumann, 60, Küchenchef, Gasthaus Adler, Emmenbrücke, zuvor zweimal innert kurzer Zeit arbeitslos wegen Corona, beim zweiten Mal fünf Monate.

Guido's Tipp: «Ich habe bei Bewerbungsgesprächen signalisiert, dass ich bereit bin, beim Lohn gewisse Abstriche zu machen, 300 bis 400 Franken. So kann man das Vorurteil alt=teuer widerlegen.»

Das RAV am Anschlag

Vielen RAV fehlt es wegen der Pandemie an Personal. Angebote, um die Jobsuchenden fit für den Arbeitsmarkt zu machen, sind wegen der vielen Arbeitslosen ausgebucht oder können Corona-bedingt nicht stattfinden. Zwar hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ein Impulsprogramm gestartet, um Kurs- und Beratungsangebote speziell für ältere Arbeitslose zu schaffen. Dazu haben viele Kantone Projekte gestartet. In Luzern etwa fungiert ein Beraterteam für ältere Arbeitslose als Türöffner bei Unternehmen. Die Projekte befinden sich aber meist noch im Pilotstatus.

Für Nicola Judas heisst es in der Zwischenzeit: bewerben, bewerben, bewerben. «Irgendwann wird es klappen – muss es klappen», sagt sie. In den letzten Monaten hat sie vor allem eins gelernt: «Ich muss auf mich selbst hören, und wissen, was ich für mich will.»

Interview mit Bernhard Roth (64), Coach und Personalberater

«Netzwerk ist wichtig»

Bernhard Roth coacht ältere Stellensuchende und hat viele Erfolgserlebnisse.
Seine Ratschläge: aktiv bleiben, auffallen und verzichten.

Wann kommt man zu Ihnen?
Je früher, desto besser. Wenn jemand schon 200 Bewerbungen geschrieben, alle Firmen in seinem Beruf abgeklappert und immer nur Absagen bekommen hat, beginnt oft die Abwärtsspirale. 

Was macht die Arbeitslosigkeit mit älteren Menschen?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Leute, die sie als Chance sehen. Für einige ist es ein Gesichtsverlust. Ich hatte jemanden in der Beratung, der während Monaten vorgab, zu arbeiten und am Morgen rechtzeitig das Haus verliess. Bei anderen kann es eine Lebenskrise auslösen. 10 bis 15 Prozent der Männer über 50, die ich berate, haben in einer länger dauernden Arbeitslosigkeit Alkohol- oder physische Probleme entwickelt. 

Können Sie da überhaupt helfen?
Ich arbeite mit Psychologen zusammen und habe eine Ausbildung als Dipl. Coach und Resilienztrainer , damit ich besser unterstützen kann. In schwierigen Situationen geht es darum, die Menschen zu stabilisieren, bevor wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen.

Weshalb werden oft Ältere auf die Strasse gestellt?
Ich erlebe oft, dass Firmen die Leute vor dem 55. Geburtstag entlassen, wenn die Pensionskassenbeiträge steigen. 

Sie sind einfach zu teuer?
Die Kosten sind nur ein Grund. Die Revision des Sozialversicherungsgesetzes ist diesbezüglich längst überfällig. Es liegt auch an den Biografien: Viele sind seit 30 Jahren bei der gleichen Firma angestellt, führen eine spezifische Tätigkeit aus, sind kontinuierlich aufgestiegen, haben es verpasst, sich weiterzubilden – und werden entlassen. Das ist hart. Da muss man aus seinen alten Gewohnheiten, seiner Komfortzone, rauskommen.

Was hilft dabei?
Als Erstes mache ich mit den Leuten eine Standortbestimmung. Welchen Stellenwert hat die Arbeit? Wie wichtig sind Status und Geld? Was will ich genau machen? Bin ich bereit, die gewohnte Lebensform umzustellen, eine Weiterbildung in Angriff oder einen längeren Arbeitsweg in Kauf zu nehmen? Auch ein Lohnverzicht hilft bei vielen Arbeitgebern. Unser Lohnsystem ist sowieso verkehrt: Eigentlich sollten jüngere Leute mit Familie mehr verdienen. Im Alter sind die Kinder aus dem Haus, dieses abbezahlt, und man braucht nicht mehr so viel.

Einen Job hat man dank mehr Flexibilität noch nicht.
Ich versuche aus  Jobsuchenden «gute Verkäufer ihrer selbst» zu machen. Darin sind Ältere oft miserabel. Sie zählen in ihren Bewerbungsunterlagen nur auf, was sie alles gemacht haben. Die Firmen wollen aber wissen, was ihnen der neue Mitarbeitende bringt. Das fängt bei der Bewerbung an.

Wie muss eine Bewerbung aussehen, damit sie nicht im Papierkorb landet?
Sie muss auffallen. Ein besonders persönlicher Einstieg in den Motivationsbrief. Ein Lebenslauf, der zeigt, worin man gut ist, was man dem künftigen Arbeitgeber bringt – und der auch mal unkonventionell daherkommt: im Querformat, in einer anderen Farbe oder Schrift. Das hilft, denn heute werden die Unterlagen am Bildschirm gesichtet. Besser noch, man begibt sich erst  gar nicht in den Konkurrenzkampf mit Hunderten von Mitbewerbern. Hier hat man über 50 oft kaum Chancen.

Wie geht man besser vor?
Suchen Sie Firmen, bei denen Sie arbeiten wollen, und gehen Sie sie aktiv an. Mit Unterlagen, die zeigen, wieso die Firma Sie braucht. Deshalb ist die Standortbestimmung so bedeutend.

Was ist noch wichtig?
Ziehen Sie sich nicht zurück! Erzählen Sie allen, dass Sie einen Job suchen. Das Netzwerk ist unglaublich wichtig. Und bleiben Sie aktiv. Gehen Sie auf Firmen zu, bewerben Sie sich – je mehr, desto besser. Nutzen Sie die Zeit für sich selbst. Und probieren Sie, es als Chance zu sehen.

Das tönt alles sehr einfach.
Es stecken viele schwierige Momente dahinter. Und nicht alle schaffen es. Aber von 70 bis 100 Menschen,  die ich jährlich berate, haben 30 bis 40 Prozent nach einem halben Jahr wieder einen Job, weitere 40 Prozent nach einem Jahr. Ich hatte einen 60-jährigen Küchenchef,  der wegen Corona in kurzer Folge zweimal die Stelle verlor und jetzt wieder arbeitet. Auch das gibt es. Zuversicht ist also angebracht.

 

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