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Sie macht den Nagern den Garaus

Die Mäusefängerin

Kathrin Hirsbrunner ist die einzige professionelle Mäusefängerin der Schweiz. Mit Sondierstab und Fallen kommt sie den listigen Nagern bei. Sie hat zwar schon über 90 000 Tiere gefangen, viele Mäuse hat sie damit aber nicht gemacht.

Text Benita Vogel
Fotos Mischa Christen
Datum
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Kathrin Hirsbrunner rammt einen langen Stab in den Boden. Sie stochert in der Erde und zieht das Metall wieder heraus. Einige Schritte weiter sticht die Frau nochmals hinein. Danach ein drittes und ein viertes Mal. «Das ist schwierig hier», sagt sie. «Die Mäusebauten müssen schon seit längerer Zeit existieren. Die haben ihre Gänge tief im Boden installiert und müssen gar nicht mehr richtig graben. Man sieht auch kaum Erdhaufen», sagt die 63-Jährige. Ihr Sondierstab, mit dem sie in die Erde bohrt, trifft deshalb nur selten auf Gänge.

Solche «schwierigen Fälle» erlebt Kathrin Hirsbrunner in ihrer Karriere immer wieder. Die einzige professionelle Feldmauserin in der Schweiz macht ihren Job schon seit 15 Jahren. Heute arbeitet sie am Vierwaldstättersee und befreit ein privates Anwesen von den listigen Wühltieren. Die errichten fleissig ihre unterirdischen Bauten und können immensen Schaden anrichten. «Da drüben gibt es eine zwei Hektare grosse Plantage mit Obstbäumen», sagt Kathrin Hirsbrunner. Ein Festmahl für die bis zu 130 Gramm schweren Nager, die täglich fast so viele Wurzeln fressen, wie sie selbst wiegen. So gingen der Fängerin schon im vergangenen Herbst 700 Mäuse auf der Plantage in die Falle. «Sonst hätte der Besitzer im Frühling fast alle Bäume noch mal pflanzen können», sagt sie.

Dass es heuer aber schon wieder so viele Tiere sind, müsse mit den benachbarten Wiesen zu tun haben. «Man sollte wenn möglich grossflächig abmausen», sagt Hirsbrunner. In den geleerten Bauten der nagerfreien Wiesen nistet sich gerne der Nachwuchs der Nachbarmäuse ein. Und der ist in bestimmten Teilen der Schweiz zahlreich. Gerade in Teilen der Zentralschweiz vermehren sich derzeit die Schermäuse. Der milde Winter hat den fruchtbaren Tierchen dabei geholfen. Ziehen sie in der Regel fünf Würfe mit zwei bis acht Jungen pro Jahr auf, kommt nach einem warmen Winter oft ein Wurf hinzu, manchmal sind es sogar zwei.

Gegen Vergiften mit Abgasen

Für die Feldmauserin bedeutet das kilometerlange Laufarbeit. Mit den Augen auf die Wiese gerichtet und dem Sondierstab geht sie das riesige Grundstück ab und hält nach kleinen Erdhügeln Ausschau. Ab und zu bleibt sie stehen. Gräbt mit dem Lochschneider ein etwa fünf Zentimeter breites Loch in die Erde. Bückt sich, um die zylinderförmige Falle ins Loch zum Mäusebau zu stecken. Die gelernte Bildhauerin betreibt diese Lauf- und Handarbeit bereits seit 15 Jahren hauptberuflich. Schon mehr als 90 000 Wühlmäuse gingen in ihre Fallen. «Ich habe bewiesen, dass man auf mechanische Weise am effizientesten Mäuse fangen kann», sagt sie bestimmt. Ihre Fallen schnappen die Nager, egal, aus welcher Gangrichtung sie kommen.

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Bücken gehört zur Arbeit: Feldmauserin Kathrin Hirsbrunner hebt Falle und Maus aus dem Boden.

Hirsbrunner kann deshalb nicht verstehen, wieso Mäuse immer noch mit Kohlenmonoxid getötet werden. «Da wird literweise Diesel verbrannt, um die Motorenabgase in die unterirdischen Gänge zu pumpen», sagt sie. Nebenbei stirbt dabei vermutlich auch jeder Wurm und viele andere wichtige Bodenlebewesen. «Das kann nicht sein. Heute wissen doch alle, wie wichtig die Beschaffenheit der Böden für die Biodiversität und die Entwicklung der Ernten ist. Wir schaden uns damit selbst.» Dass die Vergiftung mit Kohlenmonoxid und einem abgestimmten Gasgemisch sogar im Biolandbau erlaubt ist, löst bei Kathrin Hirsbrunner Kopfschütteln aus.

Cornel Stutz, Mäuseexperte der Forschungsanstalt Agroscope streitet die offensichtlichen Nachteile der Gasvergiftung nicht ab, findet es aber vorteilhaft, dass es eine Alternative zu den Fallen gibt. «Die Mäuse sind intelligent, einige schaffen es, die Fallen zu überlisten.» Ebenso wie es einigen gelingt, bei bestimmten Geräuschen und Gerüchen ihre Gangsysteme innert Sekunden mit Erde dicht zu machen, um sich vor den giftigen Gasen zu schützen.

Hart, aber nicht lukrativ

Für Feldmauserin Hirsbrunner hat der Erfolg der Fallen aber vor allem mit Erfahrung zu tun. Zudem hätten Tiere wie Menschen unterschiedliche Charaktere. «Manche Mäuse sind dumm, andere intelligent oder misstrauisch», sagt sie. «Die Listigen stossen sogar Erde in die runden Fallen im Nest.» Meistens zieht sie aber einen Fang aus dem Boden.

Wenn eine Falle auf der Wiese am Vierwaldstättersee zuschnappt, ertönt ein Klicken. Blitzschnell kann die Feldmauserin orten, aus welcher Richtung das Geräusch kommt. Sie lässt dann den Sondierstab liegen, um die Falle aus dem Boden zu heben. Vorsichtig zieht sie den Schieber hoch, befreit die Maus aus der Falle, umfasst den hinteren Körperteil, zieht und legt sie auf den Boden. Die Mäuse sind meist sofort tot. Die Falle bricht ihnen das Genick. «Um sicherzugehen, wird ihnen aber noch die Wirbelsäule gestreckt.» Manchmal findet Kathrin Hirsbrunner ihren Job brutal. Mit einem Strahlen im Gesicht erzählt sie von ihren Eidechsen und Schwalbenschwänzen zu Hause im Garten, und dass sie deshalb sicher keine jagende Katze habe. «Bei ganz jungen Mäusen, die offensichtlich im Spiel waren, als sie ertappt wurden, habe ich immer Mühe», sagt die erfahrene Mauserin. Trotz allem blieben es Schädlinge.

Das viele Laufen und Bücken hinterlässt Spuren. «Diesen Sommer konnte ich nicht so viel arbeiten wie geplant. Ich habe Rückenschmerzen», sagt sie. So hart der Job ist – lukrativ sei er nicht. «Nicht alle wollen den angemessenen Preis für meine Arbeit bezahlen.» Je nach Auftraggeber erhält sie um die 50 Franken pro Stunde. Von der öffentlichen Hand und von bestimmten privaten Kunden etwas mehr, von Landwirten oft weniger. Zieht sie AHV, Pensionskasse, Unfall- und Krankentaggeldversicherung, Ferien und betriebliche Aufwände wie Material und Auto ab, bleiben noch 25 bis 30 Franken. «Allein kann ich gerade so davon leben.» Sie fahre kaum in die Ferien und lebe nicht in Saus und Braus.

Kommenden April wird Hirsbrunner pensioniert. Mit dem Mausen ganz aufhören, wird sie trotzdem nicht. «Mit der Rente alleine kann ich es mir finanziell nicht leisten und will es auch nicht», sagt sie. So wird sie auch künftig drei bis fünf Tage pro Woche mit dem Sondierstab und dem Lochschneider auf dem Feld anzutreffen sein.

Der Mäusezyklus

In den meisten Regionen der Schweiz haben die Bestände von Schermäusen im vergangenen Jahr zugenommen oder sind hoch geblieben. Die Zunahme des Bestands war nicht überall gleich schnell. Haben die Tiere eine bestimmte Dichte erreicht, bricht die Population zusammen. Dieses Auf und Ab nennen Experten Mäusezyklus. «Bei 400 bis 700 Mäusen pro Hektar ist das Maximum erreicht», sagt Cornel Stutz, von der Forschungsanstalt Agroscope. Die Mäuse gerieten in eine Art Dichtestress. «Sie kämpfen und verteidigen ihren Bau.» Vor lauter Stress fressen sie nicht mehr, die Verdauung kollabiert. Zu einer Massenvermehrung kann es alle fünf bis sieben Jahre kommen.

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