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Weihnachts-Shooting

Wie ein Rezept in Szene gesetzt wird

Migusto-Rezepte entstehen einige Monate, bevor sie erscheinen. Wir haben Rezeptautorin Anja Steiner beim Weihnachtsshooting über die Schulter geschaut – im August.

Text Dinah Leuenberger
Fotos Lee Jakob
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Ein Raclette im Sommer ist nichts Aussergewöhnliches. Wer geschmolzenen Käse liebt, mag ihn auch, wenn die Temperaturen draussen alles dahinschmelzen lassen. Aber Weihnachtsstimmung kommt normalerweise im August noch nicht auf. Ganz anders an einem Donnerstag im Hochsommer in Zürich. Das Thermometer zeigt über 30 Grad an, und auch Migusto-Rezeptautorin Anja Steiner hat heiss. Sie steht in T-Shirt und Jeans in der Studioküche von Fotografin Martina Meier und röstet Pommes rissolées in Butter an. Die knusprigen Würfel sind wenig später das Topping für ein Raclette, das in der Novemberausgabe von Migusto zu sehen sein wird. Das Bild zeigt ein Raclettepfännchen, belegt mit einer Scheibe Raclettekäse, getrockneten Cherrytomaten und etwas frischem Rucola. Damit am Ende ein hübsches, simples Rezeptbild entsteht, braucht es aber viel Vorarbeit. 

Die Bilder vom Shooting

Sie beginnt im Januar, wenn nämlich das Migusto-Team zusammenkommt und an einer Sitzung die Themen für das Herbsthalbjahr plant. Ab da ist klar: Im November erscheinen bei Migusto sechs neue Raclette-Rezepte. Einige Monate später erhält Anja Steiner den Auftrag, die Rezepte für unterschiedliche Raclettetoppings zu entwickeln. Sie testet dafür verschiedene Kombinationen und experimentiert auch mit eher untypischen Zutaten: «Zum Beispiel fand ich Preiselbeeren spannend, weil ihr süss-säuerlicher Geschmack eine coole Kombination zum salzigen Raclettekäse ist.» Mal testet sie zu Hause, mal in der Testküche des Migros-Genossenschafts-Bunds. 

Jede Rezeptserie erhält ein eigenes Aussehen

Sobald ihre Ideen stehen, entwickeln die Teams, die für Fotos und Gestaltung des Hefts zuständig sind, gemeinsam einen sogenannten Mood. Er gibt einen Eindruck, wie die Seiten später im Heft aussehen sollen. Zum Beispiel, ob die Gerichte auf einem hellen oder dunklen Untergrund platziert werden, wo der Text steht und welche Lichtstimmung auf den Fotos herrschen soll. Auch müssen die Raclette-Rezepte optisch zu den anderen Rezeptthemen im Heft passen.

Sobald alle Infos stehen, gehen diese direkt zu Fotografin Martina Meier und Food-Stylistin Mira Gisler, die sich – wie Rezeptautorin Anja – im August fünfeinhalb Tage reservieren, um sämtliche Weihnachtsrezepte zu fotografieren. Fotografin und Stylistin machen sich anhand des vorgegebenen Moods Gedanken, welche Teller und Untergründe passen könnten.

«Mein Fundus umfasst etwa 500 Schälchen und Teller, darunter gibts schon einige Lieblingsteile. Aber ich sortiere immer wieder aus, denn die Trends ändern sich», sagt Mira. Ein paar ihrer Teller hat sie selbst gemacht, sie kauft aber auch bei Keramikerinnen oder in Concept-Stores ein.

Einen Tag vor dem Shooting macht Anja einen Grosseinkauf und lässt alles ins Fotostudio liefern, damit der erste Arbeitstag früh starten kann. Martina hat dafür bereits eine Arbeitsplatte vorbereitet, worauf Mira den Untergrund, der wie eine dunkle Schieferplatte aussieht, platziert. Zudem sind verschiedene Lichtquellen und ein Blitz installiert, damit das Essen von allen Seiten gut angeleuchtet wird. Über der Arbeitsplatte hängt in luftiger Höhe die Kamera, so positioniert, dass das Essen mittig im Bild erscheint. Martina drückt ein paar Mal auf den Auslöser. An einem Bildschirm projiziert sie den Mood auf die gemachten Fotos, damit sie einen Eindruck bekommt, wie es später im Heft aussehen wird.

Lebensmittel sind kein lebloses Paar Schuhe

Dann ruft Anja aus der Küche. Die Toppings sind vorbereitet, der Käse geschmolzen. Jetzt muss es zackig gehen: «Flüssiger Käse schwitzt schnell und fällt dann in sich zusammen. Das sieht auf dem Foto nicht schön aus», erklärt Fotografin Martina.

Anja kommt mit einem Küchentrolley angefahren. Sie platziert das Raclettepfännchen mit Käse auf dem Untergrund und verteilt mit der Pincette der Reihe nach die Toppings: Zuerst drapiert sie einige Kartoffelwürfel auf den Käse, dann die getrockneten Cherrytomaten und am Ende einige Ruccolablätter. Neben dem Pfännchen sollen ein paar Toppings als Deko liegen. Anja fragt, ob die Cherrytomaten in ein Schälchen sollen oder nicht. Lieber grad direkt auf den Untergrund, findet Stylistin Mira. Mira platziert den Ruccola, Martina drückt ab, und die Blitzanlage piepst.

Die drei Frauen betrachten gespannt den Bildschirm. Mira richtet das Pfännchen nochmals neu aus und drapiert einen Kartoffelwürfel anders. «Wir fotografieren ja nicht ein paar Schuhe, die man hinstellt und die dann immer gleich aussehen. Es ist Essen, das lebt!» erklärt Martina. Sie drückt nochmals ab. Geredet wird jetzt nicht viel, Köchin, Stylistin und Fotografin sind ein eingespieltes Team. Sie haben schon oft zusammengearbeitet, jede weiss, was sie zu tun hat.

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Fotografiert wird nicht in der Küche, sondern im Studio von Martina Meier (rechts). 

Nach wenigen Minuten ist das Bild geschossen. Besucher am Set sind jetzt gern gesehen: Sie dürfen nämlich probieren, es soll nichts weggeworfen werden.

Nach dem Shooting wird Anja die Rezepte präzise formulieren, die genauen Zutaten und Mengen definieren und in einem speziellen System die Nährwerte ausrechnen. Alle diese Angaben erscheinen dann im Heft und auf migusto.ch.

Haarlack ist passé!

Während Anja in der Küche bereits die nächsten Toppings vorbereitet, sitzt Mira am Tisch und schneidet aus Papier Sterne aus. Sie werden die Deko für den nächsten Tag, an dem Festliches mit Fisch und Fleisch auf dem Programm steht. Jetzt aber riecht es nach Speck. Er kommt zusammen mit roten eingelegten Essigzwiebeln, schwarzem Pfeffer und gehackter Petersilie auf die nächste Raclettescheibe. Anja bereitet den Küchentrolley vor und putzt den Untergrund. Aus dem Racletteofen brodelt es – Zeit fürs nächste Foto. Anja drapiert erneut auf der Arbeitsplatte: zuerst den Speck, dann die Zwiebeln und am Schluss die Gewürze. Die roten Essigzwiebeln hinterlassen einen nassen Fleck. Anja nimmt sie nochmals weg, Mira putzt die Platte. Ein neuer Versuch. Diesmal hat Martina einen Einwand: «Man sieht den Pfeffer nicht richtig. Es muss mehr sein.» Käse und Speck schimmern. «Das ist dankbar, denn Essen sieht appetitlicher aus, wenn es leicht glänzt. Darum haben wir immer auch ein Schälchen mit Wasser und ganz wenig Öl parat, um nötigenfalls nachzuhelfen», erklärt Anja. Und Haarlack? «Den benötigt man längst nicht mehr. Nach dem Fotografieren sind alle unsere Gerichte noch essbar.» Dies lohnt sich gerade jetzt besonders: Wer kann schon einer dampfenden Scheibe Raclettekäse mit Speck widerstehen? 

Lust auf ein Raclette?

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