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Religion

Die Kirche ist weiblich

Sie trauen homosexuelle Paare, zitieren die Bibel auf Instagram und brechen mit Traditionen: Frauen wie Liv Zumstein, Franziska Huber und Jacqueline Straub bringen die Kirche der modernen Gesellschaft näher.

Text Anne-Sophie Keller
Fotos Mali Lazell
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Dienstagabend, Zürich-City, volles Haus. In der hintersten Reihe ein junger Mann mit langen Haaren, daneben eine junge Frau mit zerrissenen Jeans und Sneakers. Vorne zwischen rosafarbenen Orchideen Liv Zumstein (34) im grünen Mantel und lila Strümpfen. Eine Lesung? Eine Kunstperformance? Nein, ein Gottesdienst einer reformierten Pfarrerin, die im 2020 angekommen ist. Hallelujah!

Bisexuell, gläubig und verheiratet

Liv Zumstein ist in vielerlei Hinsicht eine ungewöhnliche Pfarrerin. Sie lebt geoutet bisexuell, seit sie sich mit 16 in eine Frau verliebte. So entstand ihr erster Glaubenskonflikt: Zumsteins damalige beste Freundin besuchte eine Freikirche; Homo- und Bisexuelle waren dort nicht erwünscht. «Das hat mich befremdet. Ich wollte dieser Einstellung Argumente entgegenhalten und meine Lebensweise nicht als sündhaft abstempeln lassen», erzählt die junge Pfarrerin.

Besagte Argumente fand sie während des Theologiestudiums: «Würden sich Christen und Christinnen heute noch an allen Geboten und Verboten des Alten Testaments orientieren, hätten sie zig Speisegesetze einzuhalten, lebten am besten vegetarisch und es gälte wohl immer noch die Todesstrafe.» Viele Gebote von damals seien heute nicht mehr akzeptabel.

Drei Fragen an Liv Zumstein

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Die bisexuelle Pfarrerin Liv Zumstein (34) traut homosexuelle Paare und tauft Kinder aus Regenbogenfamilien.

Meine letzte Sünde ist …
… ein Schoggigipfeli, das ich hinter dem Rücken meiner Tochter gegessen habe.

Gott ist für mich …
… kein Mann.

Nach dem Tod …
… geht das Leben auf der Welt weiter.

Zumstein bevorzugt einen offenen Glauben. Und plädiert für eine verständliche Sprache: In ihren Gottesdiensten ergänzt sie Bibelpassagen mit Geschichten aus dem Alltag. Von Gott redet sie teilweise auch mit weiblichen Pronomen. Das kommt nicht nur bei den Jungen an, sondern auch bei vielen älteren Gottesdienstbesucherinnen. Dass sich Zumsteins Bisexualität herumgesprochen hat, ist für die Zürcher Kirche ein Trumpf: Die Pfarrerin traut homosexuelle Paare, tauft Kinder aus Regenbogenfamilien und wird von Vereinen wie der offenen Jugendarbeit Zürich eingeladen. An solchen Anlässen spricht sie mit jungen Menschen über die Frage, ob man auch zur Kirche gehört, wenn man nicht der Norm entspricht. Zumsteins Antwort darauf ist klar.

Ob sie auch der Bibel einen neuen Anstrich verleihen will? «Nein. Die Bibel ist ein immenser Schatz an Geschichten, die uns über Generationen verbinden. Man muss sie nicht neu schreiben – aber neu lesen. Und mit modernen Glaubensgeschichten ergänzen.» Aktuell ist die junge Pfarrerin mit einem Mann verheiratet und zweifache Mutter.

6000 Likes für Gott

«In der Bibel wird ein Gott gezeigt, der fleissig ist. Doch: Am 7. Tag ruht er sich aus. Wenn Gott sogar mal einen ruhigen Tag einlegt, dann dürfen wir das auch. Also: Legt die Beine hoch und füllt eure Energiereserven wieder auf!» Kein alltäglicher Instagram-Post. Geschrieben hat ihn Jacqueline Straub. Die ambitionierte Theologin hat auf der Plattform über 6000 Follower, ist auf Twitter aktiv, hat drei Bücher geschrieben, hält Vorträge – und weiss sich zu vermarkten. Der britische Sender BBC setzte sie auf die Liste «BBC 100 Women 2018» und zählt sie zu den hundert inspirierendsten Frauen der Welt. Warum? Straub will die erste römisch-katholische Priesterin werden. Das ist bis heute nicht möglich.

Drei Fragen an Jacqueline Straub

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Jacqueline Straub (29) postet Glaubenssätze auf Instagram und will die erste weibliche Priesterin werden.

Meine letzte Sünde ist …
… dass ich ab und zu sehr streng mit meinem Mann bin.

Gott ist für mich …
… ein superguter Freund, dem ich alles anvertrauen kann.

Nach dem Tod …
… treffe ich hoffentlich ein paar Menschen wieder, die mir vorausgegangen sind.

«Ich genüge als Frau offenbar nicht, diese Berufung auszuführen, obschon ich dasselbe Studium wie die Berufskollegen habe», stellt Straub fest. In der katholischen Kirche gilt die Frau für manch einen noch immer als unrein und somit als ungeeignet, um ein höheres Amt auszuführen. Ein Argument aus der Antike, das Straub nicht gelten lässt. Schon gar nicht auf Instagram. «Viele schätzen, dass ich diese Plattform nutze, um einen progressiven Glauben zu zeigen.»

Aber es gibt auch Kritik – nicht immer sachlicher Art: «Wenn ich über Frauenanliegen schreibe, erhalte ich als Kommentar oft den Bibelvers, dass die Frau zu schweigen habe. Oder Leute schreiben mir, dass ich in die Hölle komme.» Straub macht unbeirrt weiter. Sie wünscht sich, dass auch junge Menschen wieder den Zugang zur Kirche finden: «Dass sie rebellisch bleiben und sie neu mitgestalten können. Und ich wünsche mir eines Tages, wenn ich Priesterin bin, eine volle Kirche, in der sich die Leute zu Hause fühlen.»

Zwischen Sehnsucht und Hoffnung

Als Kind ungetauft, konfessionslos aufgewachsen, geschieden und Mutter zweier Kinder von verschiedenen Männern: Auch Franziska Huber bricht mit einigen Konventionen. Die 34-Jährige ist Beauftragte für Theologie bei der Kantonalkirche Bern Jura Solothurn und Kirchgemeindepräsidentin. Und das, obschon sie sich dort oft am falschen Ort fühlt: «In der Kirche sind immer alle so nett. Ich werde laut und impulsiv, manchmal fluche ich sogar. Da gilt man schnell als Exotin», sagt die Bernerin. Ihr Zugang zur Kirche sei eher akademischer als spiritueller Natur. «Manchmal habe ich das Gefühl, ich warte noch immer auf den Glauben.» Religion ist für sie nicht nur ein Beruf, sondern auch eine Suche.

Drei Fragen an Franziska Huber

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Franziska Huber (34) findet, die Kirche solle sich um die Menschen kümmern, die in unserer Gesellschaft durch die Maschen fallen.

Meine letzte Sünde ist …
… dass ich Alkohol trinke, rauche und manchmal lüge – zum Glück nie lange.

Gott ist für mich …
… ein Sehnsuchtsort.

Nach dem Tod …
… ist man in einer Zufriedenheit geborgen – hoffentlich.

Franziska Huber ist depressiv veranlagt. Sie setzt sich dafür ein, dass mentale Gesundheit auch in der Kirchgemeinde thematisiert wird: «Gerade in ländlichen Gebieten heisst es in solchen Fällen, man solle einfach beten; Gott schaue dann schon.» Nur langsam wachse dort das Bewusstsein, «dass psychische Probleme effektive Probleme sind und ein offener Diskurs darüber notwendig ist».

Die Kirche solle hinschauen, wenn Menschen in der Gesellschaft durch die Maschen fallen – und sich um sie kümmern. Huber erzählt: «In Riggisberg wurden vor einigen Jahren 150 Geflüchtete aufgenommen. Unter der Regie des Dorfpfarrers wurde ein Kafi eingerichtet, in dem sie Deutschkurse besuchen konnten. Und das in einem SVP-dominierten 2500-Seelen-Dorf!» Geschichten wie diese geben ihr Hoffnung. Derzeit engagiert sich Huber unter anderem für Transgenderrechte und die Ehe für alle. «Egal, was passiert und wer wir sind: Gott lässt uns nicht los.»

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