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Klimaschutz à la Matthias Plüss

Gutes E-Bike, böser Plastik?

Warum tut man der Umwelt einen Gefallen, wenn man nicht raucht? Und weshalb sind Männer ökologisch betrachtet problematische Wesen? Der Wissenschaftsjournalist Matthias Plüss beantwortet in seinem neuen Buch ökologische Alltagsfragen und gibt Tipps, wie man sich engagieren kann. Ein Einblick.

Text Lisa Stutz
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(Illustration: Till Lauer)

Das bedeuten die Sterne, die hinter jedem Titel stehen: Fünf Sterne bedeuten: Hier können Sie sehr viel Einfluss nehmen. Ein Stern bedeutet: Dieses Thema ist nicht ganz so wichtig, oder Einzelpersonen können nicht viel ausrichten.

Bücher (*)

Für Vielleser lohnt sich die Anschaffung eines E-Readers, denn dieser verbraucht sehr wenig Energie. Ungefähr ab dem 20. Buch, das man deswegen nicht auf Papier liest, kippt die Bilanz ins Positive. Wenn Sie doch lieber analog lesen: Verschenken Sie die Bücher nach Gebrauch. Oder nutzen Sie eine Bibliothek.

E-Bike (*)

Das Elektrovelo wäre eigentlich ein tolles Gefährt. Nämlich dann, wenn es Autos und Töffs ersetzen würde. Was leider nur selten vorkommt. Oder kennen Sie jemanden, der seinen Mercedes gegen ein E-Bike getauscht hat? Eben. So steht denn das Elektrovelo prototypisch für so viele angeblich grüne Produkte: Es ist ein Konsumgut, das zu all jenen hinzukommt, die wir schon haben. Der gegenwärtige Bike-Boom hat in erster Linie zur Folge, dass nun auch noch in den abgelegensten Regionen das Wild aufgescheucht wird. Mag sein, dass wegen Corona auch Pendler aufs Elektrovelo umgestiegen sind – aber nicht vom Auto, sondern vom ÖV. So nachvollziehbar dies ist: Ökologisch ist es ein Minusgeschäft, denn pro gefahrenen Kilometer belastet der E-Biker die Umwelt mehr als ein Eisenbahnpassagier. Ähnlich ist es übrigens mit dem neuesten Schrei am Mobilitätshimmel, dem E-Scooter, der wohl kaum wie behauptet das Taxi ersetzen wird, sondern eher Fussgänger anlockt. Fazit: Gehen Sie zu Fuss, benutzen Sie ein gewöhnliches Tretvelo. Solange Sie dafür fit genug sind.

Gastronomie (****)

Es ist paradox: Viele Menschen achten sehr bewusst darauf, was sie einkaufen, bestellen aber im Restaurant oder am Imbissstand, ohne viel nachzudenken. Dabei ist der Fussabdruck der Ausserhausverpflegung keineswegs kleiner als daheim: Etwa die Hälfte der Hauptmahlzeiten und auch die Hälfte des Fleisches konsumieren wir auswärts. Als während des Lockdowns 2020 die Restaurants geschlossen waren, sank automatisch der Fleischkonsum. Auch der Bioboom in dieser Zeit war fast ausschliesslich ein Effekt des vermehrten Selberkochens. Gewöhnen Sie sich an, in der Gastronomie die gleichen Massstäbe anzulegen wie im Laden. Die Massstäbe sind: wenig Fleisch und wenig Milchprodukte, keine Flugware, kein Gemüse aus geheizten Gewächshäusern, auf Region und Saison achten. Lesen Sie das Kleingedruckte in der Speisekarte, fragen Sie im Zweifelsfall nach.

Buch von Wissenschaftsjournalist Matthias Plüss

Ökologische Alltagsfragen und Tipps

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Matthias Plüss: «Weniger ist weniger – klimafreundlich leben von A–Z», Echtzeit-Verlag, 2020; bei exlibris.ch.

Einkommen (****)

Der Mensch empfindet sich als rationales, von Überzeugungen geleitetes Wesen. In Wahrheit folgen wir oft genug Gesetzen, von denen wir nicht einmal ahnen, dass sie existieren. So lässt sich auch der «Green Gap» erklären: die unübersehbare Diskrepanz zwischen grünem Denken und grünem Handeln. Nichts illustriert dies deutlicher als eine Umfrage in Deutschland vor ein paar Jahren, die ergab, dass ausgerechnet die Anhängerinnen und Anhänger der Grünen am meisten fliegen. Die Erklärung: Grünen-Wähler sind reicher als der Durchschnitt, und Reiche fliegen häufiger. Schlicht, weil sie es sich leisten können. Dieses Gesetz ist stärker als jede Gesinnung.

Den Zusammenhang zwischen Einkommen und Klimagas-Ausstoss findet man überall: In der Schweiz fliegen Personen mit einem Haushaltseinkommen über 12 000 Franken fünfmal so viel wie Leute mit einem Haushaltseinkommen unter 4000 Franken. Insgesamt verursachen die bestverdienenden zehn Prozent der Schweizerinnen und Schweizer fast doppelt so viele Treibhausgase wie die zehn Prozent der am schlechtesten verdienenden. Global hat das reichste halbe Prozent der Menschheit einen Anteil von knapp 14 Prozent an allen konsumbedingten CO2-Emissionen. Auch der Food-Waste verschlimmert sich mit zunehmendem Einkommen. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann auch etwas dagegen unternehmen. Erwägen Sie zum Beispiel, einen Tag weniger pro Woche zu arbeiten, wenn es die Finanzen und die Firma erlauben. So überlisten Sie sich selbst zu einem ökologischeren Verhalten: Sie werden 20 Prozent weniger konsumieren als bisher – und gewinnen dabei erst noch Lebenszeit. Die Stressreduktion setzt ausserdem körperliche und geistige Ressourcen frei, die Sie gut gebrauchen können, um Ihr Leben ökologischer zu gestalten.

Männer (**)

Rein ökologisch betrachtet, ist der Mann ein problematisches Wesen. Männer recyceln weniger. Männer in Singlehaushalten verbrauchen ein Viertel mehr Strom als Frauen in identischen Wohnungen. Männer essen viel mehr Fleisch als Frauen. Männer erzeugen fast doppelt so viele Treibhausgase durch Alkoholkonsum wie Frauen. Gewiss, Frauen kaufen mehr Kleider und Kosmetik, aber das wiegt das männliche Missverhalten nicht auf. In dieses Bild passt, dass an die Fridays-for-Future-Demonstrationen vorwiegend Frauen gehen, während Klimaskeptiker meist männlich sind.

Dieses Muster zu durchbrechen ist schwierig, denn hier sind archaische Kräfte am Walten. Jedenfalls haben psychologische Studien gezeigt, dass Männer das Gefühl haben, Umweltschutz sei etwas Unmännliches. Das Benützen einer Recyclingtasche etwa empfinden sie als Zeichen der Schwäche. Besonders stark mit Männlichkeit verbunden ist das Fleischessen: Es ist noch nicht lange her, dass der Vater am Mittagstisch automatisch das grösste Stück Fleisch bekam. Die Idee vom Fleisch als Kraftspender und Machtsymbol hat eine lange Geschichte, während Gemüse stets weiblich konnotiert war. Selbst bei den Schimpansen teilen die Männer die Beute unter sich auf – Frauen bekommen ein Stück Fleisch höchstens im Austausch gegen Sex.

Uns bleibt hier nur, an die technisch-kompetitive Seite zu appellieren, die ja auch vielen Männern innewohnt: Installieren Sie Gadgets, übernehmen Sie die Kontrolle über den Energiefluss in Ihrem Haus. Seien Sie ehrgeizig, auch im Umweltbereich. Suchen Sie nach dem sparsamsten Kühlschrank, nach dem effizientesten Reiseweg. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Nachbar eine bessere Ökobilanz hat als Sie. Mit einem Wort: Seien Sie ein Mann!

Plastik (*)

In der Öffentlichkeit hat Plastik in den letzten Jahren das Robbenbaby als Umweltthema Nummer eins abgelöst. Wem ginge der Anblick eines Albatros nicht zu Herzen, der an verschlucktem Plastik verreckt ist! Am nächsten Tag reissen wir die Kunststofffolie von den Biorüebli und fühlen uns schuldig. Das Problem ist: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Natürlich kann auch Ihre Plastikfolie ins Meer gelangen, wenn Sie sie in den Rhein schmeissen – aber das tun Sie ja nicht, oder? 86 Prozent des Plastiks, das via Flüsse in die Ozeane gelangt, stammen aus Asien. Aus Europa kommen gerade mal 0,3 Prozent. Überdies sind für das Ökosystem Meer andere, weniger sichtbare Probleme vermutlich schlimmer als Plastik: Sauerstoffmangel, Wassererwärmung, Versauerung, Überfischung. Wenn Sie wirklich persönlich etwas für die Meere tun wollen, dann hören Sie auf, Fisch zu essen.

Rauchen (*)

Trägt zum Klimawandel bei. Nicht der Rauch ist dabei das Problem, sondern die Produktion der Zigaretten. Das Trocknen des Tabaks braucht sehr viel Energie, und diese stammt meist aus Holz aus nicht nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. Für jemanden, der täglich ein Päckchen raucht, wird alle zwei Wochen ein Baum gefällt. Die Klimawirkung eines Durchschnittsrauchers entspricht einer täglichen Autofahrt von zwei Kilometern.

Noch mehr als das Klima belastet das Rauchen aber den Boden: Der Tabak, eine sehr anspruchsvolle Pflanze, laugt ihn aus. Die Produzenten, meist Kleinbauern in der Dritten Welt, müssen schon nach einer oder wenigen Saisons auf neue Felder wechseln. Der Landverschleiss ist enorm, oft werden dafür Wälder gerodet. Und dann sind da noch die Zigarettenstummel, die sich die Raucher aus unerfindlichen Gründen auf den Boden zu schmeissen bemüssigt fühlen. Zehn Jahre dauert es, bis sie sich zersetzen. Die enthaltenen Giftstoffe verseuchen den Boden, und im Wasser töten sie Fische und Kleinlebewesen. Jedes dritte Abfallteilchen in Schweizer Gewässern ist ein Zigarettenstummel.

Wohnfläche (*)

Die Kinder sind ausgezogen, der Partner ist gestorben: Ab einem gewissen Alter leben viele Menschen in einem viel zu grossen Haus. Ziehen Sie in eine kleine Wohnung! Mit der Reduktion der Wohnfläche um ein Drittel sparen Sie etwa 15 Prozent Ihres CO2-Verbrauchs ein.

Schokolade (***)

Ist ein grosser Posten: Sie macht fast vier Prozent unseres Ernährungsfussabdrucks aus. Anders als vielleicht erwartet, spielt der Zucker dabei praktisch keine Rolle. Knapp zwei Drittel der Umweltbelastung gehen auf das Konto des Kakaoanbaus, der Boden und Wasser verschmutzt und zur Rodung von Wäldern führt. Jede sechste Kakaobohne auf dem Weltmarkt stammt von illegalen Plantagen in der Elfenbeinküste, die auf gerodeten, offiziell geschützten Waldflächen entstanden sind. Schweizer Schoggi ist insbesondere eine Bedrohung für die Biodiversität in Ecuador. Überdies enthalten vor allem Füllungen oft auch Palmöl. Das letzte Drittel der Schokolade-Umweltbelastung geht auf das Konto der Milch. Darum ist dunkle Schokolade grüner als helle. Was tun? Es ist wie bei allen Luxusprodukten: zurückhaltend konsumieren und sich über die Herkunft informieren.

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