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Frösche und Kröten

Hilf mir über die Strasse!

Um zu ihren Laichplätzen zu kommen, überqueren jetzt wieder Zehntausende von Fröschen und Kröten Strassen. Unzählige werden dabei von Autos überfahren. In Haldenstein GR hat sich die Bevölkerung zusammengetan, um die Amphibien zu retten.

Text Manuela Enggist
Fotos Samuel Truempy
Datum
Zehntausende von Fröschen und Kröten sind gegenwärtig auf dem Weg zu ihren Laichplätzen.. Der Bergmolch ist einer von ihnen.

Zehntausende von Fröschen und Kröten sind gegenwärtig auf dem Weg zu ihren Laichplätzen. Ab und zu ist auch ein Bergmolch mit von der Partie. (Bild: iStockphoto)

Ein Massaker sei es jeweils gewesen, sagt Sara Bonderer (41) und zeigt auf die geteerte Strasse, die sich ein wenig ausserhalb von Haldenstein (GR) ihren Weg durch die Wiesen bahnt. «In lauen Februarnächten, als die Partygänger zu später Stunde von der Fasnacht zurückkamen, waren die Strassen am darauffolgenden Morgen mit überfahrenen Fröschen bedeckt. Nicht nur hier, sondern auch mitten im Dorf.» Das sei über Wochen so gegangen. «Das hat mich tief erschüttert.» Obwohl sie keine Expertin in Sachen Amphibien ist, wusste die Architektin, wo das Problem liegt. Die Tiere können nicht anders. Sie kehren dorthin zum Laichen zurück, wo sie selbst geschlüpft sind.

Bonderer wollte nicht weiter tatenlos zusehen. «Ich habe professionelle Hilfe gesucht.» Sie fürchtete sich zunächst davor, am Ende alleine mit ihrem Anliegen dazustehen. Über Bekannte gelangt sie an Renata Fulcri (33), die als Regionalvertreterin für Amphibien der Koordinationsstelle für Amphibien- & Reptilienschutz Schweiz (karch) tätig ist.

Jede Nacht auf Patrouille

Sara Bonderer (links) hat die Froschrettungsaktion in Haldenstein GR initiiert. Rosa Hunger (rechts) unterstützt sie immer wieder. Hunger bringt auch mal Gäste mit, die bei ihr zu Besuch sind.  

Sara Bonderer (links) hat die Froschrettungsaktion in Haldenstein GR initiiert. Rosa Hunger (rechts) unterstützt sie immer wieder. Hunger bringt auch mal Gäste mit, die bei ihr zu Besuch sind.  

Die Umweltnaturwissenschaftlerin erklärt Bonderer, wie sie am besten helfen kann: mit einem Kübel und mit nächtlichen Patrouillen durch das Dorf. Die beiden Frauen eröffnen eine WhatsApp-Gruppe für die Organisation von Schichten und animieren weitere Dorfbewohner zum Mitmachen. So zogen während der Amphibienwanderung schon bald jeden Abend fünf Haldensteiner Naturschützerinnen und Naturschützer durch das Dorf, luden Frösche und Kröten in die Kübel und brachten sie zum Weiher. Das war vor drei Jahren.

Der häufigste Frosch in der Schweiz: Der Grasfrosch.

Der häufigste Frosch in der Schweiz: Der Grasfrosch. (Bild: iStockphoto)

Der Grasfrosch

Keine andere Amphibie Europas ist derart vielfältig gefärbt und gezeichnet wie der Grasfrosch. Mit einer durchschnittlichen Körperlänge von 7 bis 9 cm gehört er zu den stattlichen Erscheinungen unter den einheimischen Amphibienarten. Er wird maximal 10 cm lang und knapp über 100 g schwer. Der Grasfrosch ist die häufigste Art in der Schweiz und kommt vom Mittelland bis hoch oben in den Alpen vor.

Quelle: karch.ch

Mittlerweile ist die Gruppe auf 14 Personen angewachsen. Eine von ihnen ist Rosa Hunger (71). Die Rentnerin, die oft mit ihren beiden Enkelinnen auf Patrouille geht, steht mit Sara Bonderer und Renata Fulcri am Weiher. Sie wollen nachsehen, ob die Laiche im Wasser durch den Wintereinbruch erfroren sind. Es sieht gut aus, stellt Fulcri fest.

Wieso der Weiher heute falsch liegt

Der Weiher, der etwas ausserhalb des Dorfes liegt, ist unscheinbar. Er ist keine sechs Quadratmeter gross ist und liegt nur wenige Meter vom Rhein entfernt liegt. Bäume, die den Tümpel umgeben, machen den Flecken zu einem Idyll. Der Haldensteiner Weiher steht sinnbildlich für das Problem der Amphibienwanderung in der Schweiz. 2000 wurde er von einem Biologen als Laichplatz angelegt. «Damals war das noch ein guter Standort. Es war extra ausserhalb des Dorfes gewählt», sagt Fulcri. 21 Jahre später ist dem nicht mehr so. Das Dorf ist gewachsen. Häuser und Strassen sind entstanden. Der Verkehr hat zugenommen. «Es ist ein Problem, dass überall in der Schweiz auftritt. Die Verdichtung von Wohnraum raubt Tieren den Raum zum Leben und verhindert sichere Wanderungen.»

Die Amphibienexpertin: Umweltwisschenschaftlerin Renata Fulcri unterstütz das Dorf Haldenstein bei seinen Rettungsaktionen und schreibt in einen Whatsapp-Chat, wann die Amphibien unterwegs sein werden. Im Bild hält sie einen Grasfrosch in der Hand. 

Die Amphibienexpertin: Umweltwisschenschaftlerin Renata Fulcri unterstützt das Dorf Haldenstein bei seinen Rettungsaktionen und schreibt in einen Whatsapp-Chat, wann die Amphibien unterwegs sein werden. Im Bild hält sie einen Grasfrosch in der Hand. 

Ihre Winterruhe verbringen die meisten Amphibien in wind- und frostgeschützten Verstecken wie Asthaufen, unter Holzhütten in Schrebergärten oder in Hohlräumen unter Baumwurzeln, solange es noch etwas feucht ist. Wenn der Frühling naht, Regen angesagt ist und die Temperaturen über fünf Grad steigen, brechen die Tiere in der Dämmerung oder in der Nacht zur Amphibienwanderung auf. Oft legen dabei Strecken von mehreren hundert Metern bis zu einigen Kilometern zurück.

Gleich mit seinem langen Schwanz dem schwarzen Alpensalamander: der Bergmolch.

Gleich mit seinem langen Schwanz dem schwarzen Alpensalamander: der Bergmolch. (Bild: iStockphoto)

Der Bergmolch

Käme das Bergmolchmännchen aus exotischen Regionen, so würde es wohl als besondere Kostbarkeit gehandelt. Denn während der Paarungszeit hat besonders das Männchen einen feinen, schwarzgelblichen Rückenkamm sowie blau marmorierte Flanken und einen orangen Bauch. Das deutlich grössere Weibchen ist mit einem marmorierten Rücken etwas unscheinbarer. Der Bergmolch kann in kleinen und grossen Gewässern, von den Tieflagen bis in die Alpen beobachtet werden. Aber Achtung, er ist nicht mit dem rundum schwarzen Alpensalamander zu verwechseln.

Quelle: karch.ch

Wenn es regnet, wollen sie rüber

Während dieser Zeit organisieren sich die Haldensteinerinnen und Haldensteiner in ihrer Whatsapp-Gruppe. Wann immer sich in den Frühlingswochen abzeichnet, dass es am Abend Regen gibt und die Temperatur über fünf Grad steigt, schreibt Fulcri in den Chat. «Dann sagt jeweils jeder, ob und wie er Zeit hat», erzählt Rosa Hunger. Um Mitternacht ist jeweils Schluss. Dann es ab dann praktisch keinen Verkehr mehr hat.

Ein Grasfrosch schwimmt im Weiher in Haldenstein GR. Der Tümpel, der  keine sechs Quadratmeter gross ist und etwas ausserhalb des Dorfes liegt, wurde vor gut 20 Jahren als Laichplatz angelegt.  

Ein Grasfrosch schwimmt im Weiher in Haldenstein GR. Der Tümpel, der  keine sechs Quadratmeter gross ist und etwas ausserhalb des Dorfes liegt, wurde vor gut 20 Jahren als Laichplatz angelegt.  

Im letzten Jahr hat das Team 149 Erdkröten, einen Grasfrosch und zwei Bergmolche eingesammelt. Rund die Hälfte davon wäre laut Fulcri wohl überfahren worden. Diese drei Arten sind die einzigen Amphibien, die im Haldensteiner Weiher noch laichen. Da Kröten sich wesentlich langsamer fortbewegen als Frösche, sind sie besonders gefährdet und werden deswegen auch deutlich öfters eingesammelt. Aktionsgruppen wie diese in Haldenstein gibt es um die 20 im ganzen Kanton. So engagieren sich neben Freiwilligen auch Jägersektionen und Schulklassen für den Schutz der Tiere.

Stumpfe Schnauze, goldene Augen: Die Erdkröte.

Stumpfe Schnauze, goldene Augen: Die Erdkröte. (Bild: iStockphoto)

Die Erdkröte

Die Erdkröte hat eine gedrungene Gestalt mit kurzen Hinterbeinen, stumpfer Schnauze und goldenen Augen. Die Männchen tragen im Frühling dunkle «Schwielen» an den inneren zwei Fingern. Ihre Stimme - die Weibchen sind stumm - ist mangels äusserer Schallblase leise und ähnelt fast den Rufen von Enten. Die Weibchen sind deutlich grösser als die Männchen. Erdkröten sind gemäss der Roten Liste als verletzlich eingestuft.

Quelle: karch.ch

Eine Viertelmillion gerettete Tiere

63 besonders gefährliche Übergänge hat Fulcri in diesem Jahr gezählt. An manchen Orten wie beispielsweise bei Waltensburg (GR) in der Surselva lässt der Kanton nun unterirdische Tunnels bauen, damit die Frösche unter der vielbefahrenen Strasse hindurchkommen. Auch dank sogenannten Amphibienzäunen, welche die Tiere am Überqueren der Strasse hindern und sie in einem Becken auffangen, konnten im letzten Jahr in der Schweiz gegen 250'000 Amphibien eingesammelt und an ihre Laichplätze gebracht werden. «Das ist eine enorm wichtige Arbeit», fährt Fulcri fort. «Die Zahl der Amphibien in der Schweiz, die bei uns allesamt unter Schutz stehen, ist rückläufig. So ist beispielsweise der Laubfrosch in Churer Rheintal vor etwa 30 Jahren ausgestorben.» Das Überleben der Tiere werde durch viele Faktoren bedroht: Die Klimakrise, Pestizide und das wilde Aussetzen von Fischen. Hinzu komme die Tatsache, dass sie immer mehr Lebensraum verlieren, weil Weiher zugedeckt oder Bäche eingedolt werden. «Da müssen wir die Amphibien da schützen, wo wir noch können. Und zwar auf der Strasse. Jedes überfahrene Tier, ist eines zu viel.»

So können Sie helfen

Wer sich auch in Sachen Amphibienschutz engagieren will, meldet sich am besten bei der Fachstelle karch. Diese verweisen dann an die passende Zweigstelle. Wichtig ist, dass nicht wahllos Frösche in irgendwelche Teiche geworfen werden. Die Amphibien sind Gewohnheitstiere und kehren zum Laichen immer wieder in denselben Weiher zurück.

Die Tiere können grundsätzlich mit den Händen angefasst werden. Wichtig ist aber, dass man sich vorher und danach die Hände wäscht, da es sonst zu Pilzübertragungen (Chytridpilz) kommen kann. Idealerweise trägt man Handschuhe.

Sollte man vermehrt tote Amphibien auf einer Strasse oder in einem Quartier sehen, kann dies der Fachstelle gemeldet werden. Nur wenn die Experten wissen, wo die gefährlichen Übergänge sind, können sie etwas dagegen unternehmen.

Eimer und Handschuhe für die Amphibienrettung

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