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Tiertraining

Häschen hüpf!

Kaninchen werden unterschätzt, da ist die Tiertrainerin Andrea Beck sicher. Denn Chüngel würden so schnell lernen wie Hunde. Ihren eigenen Kaninchen lehrt sie ausgefallene Tricks.

Text Valeria Wieser
Fotos Basil Stücheli
Dank Leckerli lernen Chüngel ziemlich rasch, wie der Hase läuft. 

Häschen Happy ist ein gelehriges Tier. Mit Leckerli hat ihm Andrea Beck beigebracht, wie der Hase läuft. 

Andrea Beck (52) betrachtet ihr weisses Kaninchen mit besorgtem Blick «Sie ist heute nicht ganz sie selber», konstatiert sie. «Happy ist bekümmert, weil ihr Freund krank ist.» Tatsächlich sitzt Becks zweites Kaninchen Flumi unter dem Nachttisch, die Augen geschlossen. Dass es ihm nicht gut geht, ist offensichtlich. «Es kommt hin und wieder vor, dass Kaninchen Bauchschmerzen haben. Sie sind sehr empfindlich», erklärt Beck.

Die Sozialarbeiterin hält nicht nur zwei Zwergkaninchen der Rassen Hermelin und Zwergwidder, sie lehrt ihre beiden «Chüngel» auch verschiedene Tricks. Ganz spielerisch, ganz ohne Druck, vielmehr «weil die Tiere es lieben, gefordert zu werden».

Kaninchen sind nicht gerade dafür bekannt, besonders gescheit zu sein. «Oh doch», widerspricht Beck. «Diese Tiere werden unterschätzt! Dabei sind sie etwa gleich gelehrig wie Hunde.» Die ausgebildete Hundetrainerin weiss, wovon sie spricht. Die Tricks, die Beck mit ihren langohrigen Haustieren vollführt, unterscheiden sich denn auch nur gering von den Übungen, die man mit Hunden macht.

Die Kaninchen lernen etwa, Pfötchen zu geben, sich um sich selbst zu drehen, auf Kommando zu warten oder Männchen zu machen. Flumi schafft es sogar, seiner Besitzerin auf Kommando einen Handschuh auszuziehen – jedenfalls, wenn er wohlauf ist. Heute ist das nicht der Fall.

Auch bringt Beck ihren Tieren bei, sich besonders leckeres Futter wie Karotten oder Äpfel selber zu erobern. Etwa, indem sie dieses unter einem von vier Holzdeckeln versteckt. Die Kaninchen erschnüffeln den richtigen Deckel und heben diesen mit den Zähnen an.

 

 

Heute ist Happy anfangs noch etwas zaghaft. Wohl hüpft sie heran, um die Fremden in der Wohnung zu begutachten und zu beschnuppern, doch ihre Aufmerksamkeit liegt beim kranken Flumi, dessen Nähe sie immer wieder sucht. Dennoch gelingt es Andrea Beck, Happy mit einem Teleskopstab, an dessen Ende eine kleine Plastikkugel steckt, durchs Zimmer und auf eine erhöhte Terrasse zu lotsen.

Das Tier hüpft mühelos auf die Plattform und wird denn auch gleich gelobt. Beck sagt deutlich «Ex!», während sie ein Leckerli hervorholt. «Den Begriff Ex verwende ich bei Happy als Markerwort, wenn sie etwas gut gemacht hat. Es ist das Versprechen einer Belohnung.» Diese folgt denn auch sogleich in Form von Erbsenflocken.

Das weisse Tier, das aussieht, als wäre es gerade einem Zylinder entsprungen, hat eine unschöne Vergangenheit. «Happy wurde in Deutschland in einem Wald gefunden. Ich vermute, sie war zuvor ein typisches Kinderzimmerkaninchen», sagt Beck, es wurde wohl in einem Käfig gehalten, viel herumgetragen und ‹zwangsbekuschelt›. Das traumatisiert die Tiere.» Zwar sei Happy mittlerweile zutraulich, doch lasse sie sich nur ungern streicheln und erst recht nicht aufheben.

Letzteres unterlässt die Zürcherin grundsätzlich. «Kaninchen mögen das nicht.» Überhaupt ist ihr eine möglichst artgerechte Haltung sehr wichtig. So dürfen die beiden Tiere jederzeit frei in der Wohnung herumhoppeln. Das ist kein Problem, denn die Tiere sind stubenrein und verrichten ihr Geschäft im Kistchen.

«Mit einer Käfighaltung wird man Kaninchen nicht im Geringsten gerecht. Sie wollen sich bewegen, machen von Natur aus Luftsprünge. Dafür braucht es Platz.» Auch sei es sehr wichtig, dass die Tiere nie einzeln gehalten werden, sondern immer mindestens zu zweit. «Nicht nur bezüglich ihren Fähigkeiten sind Kaninchen unterschätzte Tiere, auch ihre Haltung ist aufwendiger als so mancher Tierfreund vermuten würde.»

Kaninchen sind Fluchttiere und dürfen nicht gestresst werden

Beck führt das aus: «Kaninchen fressen unglaublich viel Grünzeug. Doch ist es wichtig, dass man sie nicht primär mit Trockenfutter wie Pellets füttert.» Zum einen, da sich im frischen Salat und in den Kräutern wertvolle Nährstoffe befänden. «Zum anderen, weil Kaninchen über 80 Mal am Tag Grünzeug «mümmeln» sollten, da sonst ihre Zähne zu lange werden.»

Gerade im Winter muss die Tierfreundin vieles davon einkaufen. Und das geht ins Geld. So sei das artgerechte Halten von Kaninchen deutlich teurer als das Halten von Hunden, sagt Beck, die viele Jahre selber einen Hund hatte. 

Während des Gesprächs hopst Happy immer wieder ins Nebenzimmer, wo sie sich dicht neben den kranken Flumi setzt. Dann kommt Happy den Aufforderungen ihrer Besitzerin doch noch nach. Sie hoppelt wie verlangt im Kreis, überspringt ein Hindernis, stellt sich auf die Hinterbeine und verdient sich Trick für Trick ihr Futter.

Ein eingespieltes Team: Andrea Beck und Happy
Ein eingespieltes Team: Andrea Beck und Happy

Aufs Kaninchen kam sie per Zufall: «Das Tier einer Kollegin hatte gerade geworfen und ich wurde gefragt, ob ich eines übernehmen möchte. Sofort verliebte ich mich in Holden, Flumis Vater. So begann das Ganze». Die Tierli bereiten ihr Freude,  ihr Umgangs mit ihnen ist zärtlich. Inzwischen hat sie seit vier Jahren Hoppler bei sich zu Hause, Tricks übt sie mit ihnen seit Beginn. «Schlicht, weil es mir Spass macht, mit Tieren zu arbeiten. Dass Kaninchen gelehrig sind, habe ich schnell gemerkt.»

Da ist sie nicht die Einzige. Mittlerweile gibt es sogar Wettkämpfe, bei denen Kaninchen ganze Hindernisparcours absolvieren. Davon hält Andrea Beck jedoch wenig. «Kaninchen sind von Natur aus Fluchttiere und eher scheu. Lange Reisen und Situationen vor Publikum bedeuten für viele von ihnen Stress.»

Wenige Stunden nach dem Besuch bei Andrea Beck schreibt sie eine SMS. Fast schon habe sie das Tierspital angerufen, da sei es Flumi plötzlich besser gegangen. «Er frisst wieder!», so die frohe Botschaft. Wer weiss, vielleicht hatte Meister Lampe doch bloss Lampenfieber. 

Tipps & Tricks

Chüngeli trainieren: So gehts

  • Grundsätzlich kann man mit jedem Kaninchen Tricks üben. Vorausgesetzt, es ist einigermassen vif und neugierig.
  • Wichtig: geduldig sein! Mit einfachen Übungen beginnen und den Schwierigkeitsgrad kontinuierlich steigern.
  • Gut eignet sich als Anfängerübung das Männchenmachen. Oder man bringt das Tier dazu, einem sogenannten  Targetstick oder der Hand zu folgen. 
  • Hat das Kaninchen eine Aufgabe erfüllt, am besten sofort belohnen. Später erinnert es sich nicht mehr, wofür es die Belohnung bekommt. Dafür eignen sich Erbsenflocken, Kokoschips oder Kürbiskerne. 
  • Kaninchen zerren gern an Dingen und lernen recht schnell, Pappbecher mit den Zähnen von einem Stapel zu heben, da es ihrem natürlichen Verhalten nahekommt.
  • Sehr wichtig: ohne Druck arbeiten und den Kaninchen immer mal wieder Erholungspausen gönnen

Unsere Hasen können keine Trickli, sind dafür aber mega fein

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