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Schulschwänzer

Wenn das Kind nicht zur Schule will

Schulabwesenheiten haben unter Corona zugenommen. Damit daraus keine Abwärtsspirale wird, sollten Eltern und Lehrpersonen dagegenhalten. Sie helfen damit dem Kind.

Text Kristina Reiss
Datum
Einfach kein Bock oder aber Angst vor der Schule? Die Gründe fürs Schwänzen sind vielseitig. (Bild: iStockphoto)

Angst vor der Schule oder einfach kein Bock? Die Gründe fürs Schwänzen sind vielseitig. (Bild: iStockphoto)

Der 14-jährige Leon* schwänzt ständig die Schule, kämpft mit schlechten Noten und hat «kein Bock». Die zehnjährige Alessia* will morgens plötzlich zu Hause bleiben, wegen Unwohlsein. Gehen Kinder und Jugendliche bewusst nicht in den Unterricht, reden Fachleute von Schulabsentismus.

In der Schweiz, so zeigte bereits vor einigen Jahren eine Studie, schwänzt jeder zweite Schüler gelegentlich, mehr als 20 Prozent sogar relativ häufig. 64 Prozent der Befragten begründeten das Schwänzen damit, dass sie einfach keine Lust auf Schule hätten. 42 Prozent wollten lieber ausschlafen, und 40 Prozent gaben an, der Unterricht langweile sie.

«Schulabsentismus ist ein unterschätztes Problem», sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm, die für die Studie verantwortlich zeichnet. Stamm, die viele Jahre Professorin an der Universität Freiburg war, führt heute ein eigenes Forschungsinstitut in Aarau. «In den letzten Jahren hat Schulabsentismus zugenommen, wie internationale Studien belegen», so Stamm weiter. Coronabedingte Schulschliessungen, gefolgt von unsicheren Zeiten mit Quarantäne und Unterrichtsausfall, verstärken das Problem. 

Carmen Lahusen, einst Schulsozialarbeiterin, heute Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Kreuzlingen TG, sagt: «Für Kinder, die nicht gerne in die Schule gehen, ist es doppelt schwer, nach einer Pause den Einstieg zu finden.» 

Grob unterscheiden lassen sich zwei Typen von Absenzen: Erstens das Schwänzen im klassischen Sinn, wie es vor  allem Schülerinnen und Schüler der Oberstufe tun. Sie bleiben heimlich dem Unterricht fern, weil sie über- oder unterfordert sind oder schlicht keine Lust haben.

Schnell entsteht daraus ein Teufelskreis: Wer viel Schulstoff verpasst, kommt nicht mehr mit, schreibt ungenügende Noten, die Motivation sinkt, die Chancen auf eine Lehrstelle schwinden. «Teenager werden häufig zu früh sich selbst überlassen», findet Lahusen. Spüren sie wenig Halt von zu Hause, driften sie in so einem Moment leicht ab.

In der Primar ist es oft die Angst vor der Schule

Jüngere hingegen verweigern eher offen die Schule und erscheinen – mit Wissen der Eltern – über längere Zeit nicht im Unterricht. «Meist aus Unsicherheit und Angst vor Neuem», sagt Lahusen. So, wie die an sich selbstbewusste zehnjährige Alessia, der das Lernen leicht fällt und die stets beliebt war. Doch die neu zusammengesetzte Klasse nach den Sommerferien brachte das Mädchen aus dem Konzept.

Wollen Kinder wie sie plötzlich nicht mehr zur Schule, stehen Eltern vor einem Rätsel. «Veränderungen wie eine neue Lehrperson oder Klassenkonstellation können stark verunsichern», sagt Erziehungsberaterin Lahusen. Dabei brauche es oft nicht viel, um dem Kind zu helfen. «Bei einer neuen Klassenkonstellation reicht es oft schon, wenn die Lehrperson die Bindung unter den Kindern stärkt, etwa mit Teambuilding-Spielen.»

Und dann gibt es noch eine neue Form des Schulabsentismus: Wenn Eltern den Nachwuchs bewusst zu Hause behalten. «Überfürsorge», nennt es Lahusen, «kindzentriertes Verhalten», sagt Stamm. Beide meinen dasselbe: Eltern, die ihrem Kind wegen Nichtigkeiten erlauben, zu Hause zu bleiben – weil es nicht gut geschlafen hat etwa. «Mit solch schuldistanzierter Haltung tragen Eltern dazu bei, dass sich Kinder von der Schule abwenden und Unterricht nicht ernst nehmen», warnt Stamm. Hilfreicher ist die elterliche Haltung: Präsenz in der Schule ist wichtig und nicht verhandelbar.

Das Interesse der Lehrpersonen ist elementar

Aber auch die Schulen sind in der Pflicht. Sie handeln bei Absenzen oft viel zu spät, findet Margrit Stamm. Zwar gibt es in der Schweiz eine obligatorische Schulpflicht bis zur neunten Klasse – praktisch jedoch, so zeigt eine weitere Studie unter ihrer Federführung, ist es für Schülerinnen und Schüler leicht, der Schule fernzubleiben.

In manchen Fällen erteilen Schulen zwar Verweise, schreiben die Absenzen ins Zeugnis oder verhängen  sogar Geldbussen, doch an Fehlzeiten ändert dies wenig. Taucht ein Kind morgens nicht in der Klasse auf, müssten Lehrpersonen deshalb umgehend die Eltern informieren, und das tun nicht alle. Sie sollten aber rasch reagieren, Interesse zeigen, aktiv nachhaken: «Warum warst du nicht da?». So signalisieren sie dem Kind: «Du bist wichtig!»

Immerhin: Der einstige Schulschwänzer Leon, bei dem vor allem Unlust dahinter steckte, hat rechtzeitig die Kurve gekriegt, Dank seiner engagierten Lehrerin, die Interesse an ihm zeigte und immer wieder nachhakte. Und auch Alessia geht wieder gerne hin – ihre Lehrerin initiierte diverse Aktionen, um den Klassenzusammenhalt zu stärken, das Mädchen fand wieder ihren Platz. Zudem holt ein Nachbarskind Alessia nun regelmässig ab. Seither ist zu Hause bleiben keine Option mehr.

Schulabsentismus

So hilft man Schulverweigerern

Offenes Verweigern

  • Die Gefühle des Kindes ernst nehmen, es soll sie in eigenen Worten wiedergeben. So fühlt es sich verstanden.
  • Morgens den Tag detailliert durchsprechen, etwa: «Du machst dich gleich auf den Weg; an der Kreuzung triffst du Anna, gemeinsam geht ihr zur Schule. Dort hängst du deine Jacke an den Haken und betrittst das Schulzimmer, …». So ist das Kind gedanklich vorbereitet. Und die Eltern signalisieren: «Wir sind bei jedem Schritt bei dir.»
  • Bei Nichtigkeiten, etwa wenn das Kind schlecht geschlafen hat, eine klare Haltung einnehmen: Präsenz in der Schule ist wichtig und nicht verhandelbar.
  • Eventuell externe Hilfe holen – lieber früh als spät: Kontakt zur Lehrperson oder zur Schulsozialarbeiterin suchen oder eine Erziehungsberatungsstelle anfragen

Heimliches Schuleschwänzen

  • Mit dem Kind ein ernsthaftes Gespräch führen; zusammen die Motive fürs Schwänzen ergründen. Vermitteln: «Wir nehmen dich ernst, aber Schwänzen tolerieren wir nicht.» 
  • Sich selbst hinterfragen: Könnten Probleme in der Familie der Grund sein?
  • Mit Lehrpersonen sprechen, wenn das nicht hilft, externe Hilfe holen (Erziehungsberatung, Kinderarzt, Psychotherapeut).

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