Navigation

Betriebswarte auf dem Jungfraujoch

Wohnen und arbeiten auf 3500 Metern

Daniela Bissig und Erich Furrer gehen auf über 3000 Metern ihrem neuen Job nach: Sie betreuen die Forschungsstation auf dem Jungfraujoch. Wie sich der Alltag in luftiger Höhe anfühlt.

Text Manuela Enggist
Fotos Franziska Frutiger
HIer wollen sie bis zur Pensionierung bleiben: Den Unterländern Erich Furrer und Daniela Bissig gefällt das Leben auf dem Jungfraujoch.

HIer wollen sie bis zur Pensionierung bleiben: Den Unterländern Erich Furrer und Daniela Bissig gefällt das Leben auf dem Jungfraujoch.

«Manchmal ist sie eine ganz schöne Zicke. Sie liebt den dramatischen Auftritt, feuerrot ist sie dann, wie eine Amazone, die in den Kampf zieht. Und manchmal kommt sie ganz lieblich daher, in einem blassrosa Gewand.» Daniela Bissig (57) starrt am frühen Morgen hoch zur Jungfrau, die von der Sonne in zarte rote Farbe getaucht wird. Es herrschen minus 20 Grad.

«Wenn ich schon hier oben arbeite und lebe, dann will ich dieses Schauspiel auch miterleben. So oft es geht», sagt sie und deutet auf den Mönch hinter und auf die Niesenkette unter sich. «Das sind demütige Momente. Hier oben ist mir bewusst geworden, wie klein wir und unsere Probleme doch sind.» Mit einer Schneeschaufel in der Hand tritt ihr Partner Erich Furrer (52) aus der Tür. «Wieder so ein magischer Morgen», sagt er, grinst, und beginnt die Plattform von dem wenigen Schnee zu befreien, der über Nacht gefallen ist.

Daniela Bissig und Erich Furrer sind das neue Betriebswartepaar der hochalpinen Forschungsstation mit dem Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch. Seit Seit Anfang Februar sind sie hier oben, als «die Heinzelmännchen auf dem Joch, die schauen, dass alles funktioniert, sauber und überwacht ist», wie Daniela Bissig es beschreibt.

Ihr Job ist eine wahre Rarität. Eine höher gelegene, ganzjährig bewohnte Forschungsstation gibt es in ganz Europa nicht. Auf dem 3466 Meter hohen Jungfraujoch, das den tiefsten Punkt im Verbindungsgrat zwischen dem Mönch (4107 Meter) und der Jungfrau (4158 Meter) bildet, herrschen spezielle Klimabedingungen. Deshalb werden hier viele internationale Experimente in Sachen Umwelt- und Klima­forschung durchgeführt. Die Forschungsstation, die 1931 erbaut wurde, liegt genau auf der Hauptwetterscheide der Alpen und eignet sich deswegen auch für Wetterbeobachtungen.

Nach 17 Tage übergeben sie Job und Wohnung an Kollegen

Kurz nach sieben Uhr sitzen Daniela Bissig und Erich Furrer beim Frühstück. Es gibt Brot, Käse und Aufschnitt. Der Blick aus dem Fenster der kleinen Küche, die einer Kombüse gleicht, geht hinauf zur Jungfrau und hinab zum Aletschgletscher, auf dem die ersten Tourenskigänger unterwegs sind. Die Zwei-Zimmer-Wohnung liegt gut 100 Meter unterhalb des Sphinx-Observatoriums in dem grossen Gebäude der Forschungsstation und auf der Höhe der Bergstation der Jungfraubahn.

Die beiden Bauwerke sind im Innern des Berges mit Liften und Schächten verbunden. Die 45 Quadratmeter grosse Wohnung belegen die neuen Betriebswarte abwechslungsweise mit einem anderen Paar: Christine und Ruedi Käser arbeiten 100 Prozent, beide Neulinge im 75-Prozent-Pensum.

Bissig und Furrer befinden sich für 15 bis 17 Tagen hier, verrichten anfallende Arbeiten und leben in der Wohnung. Danach verlassen sie das Joch und verbringen 17 bis 20 freie Tage zu Hause. Vor der Abreise lassen sie ihre Deko im Schrank verschwinden: weisse Kerzen, die Wolldecke, ihre Bücher über Skitouren. «Wir stellen jeweils unsere eigenen Einrichtungsgegenstände auf, damit wir uns wohl fühlen.» Einzig das Schlafzimmer übergeben sie nicht an ihre Berufskollegen – jedes Paar hat sein eigenes.

 

Um kurz vor acht Uhr muss Erich Furrer wieder hoch zum Sphinx-Observatorium – für das «Wättere». Fünf Mal am Tag muss er seine Wetterbeobachtungen an die Zentrale von MeteoSchweiz übermitteln. Die Tatsache, dass für die Arbeit der Meteorologen nicht nur die Messungen wichtig sind, sondern auch die Wetterbeobachtungen von Auge, ist mit ein Grund dafür, dass hier oben noch immer ganzjährig Menschen leben. So beobachtet Furrer mit dem Feldstecher die Wolkentypen, die Höhe der Wolken sowie die Sichtweite.

An klaren Tagen kann er den 150 Kilometer entfernten Feldberg im Schwarzwald sehen. Heute aber hält sich ein dichter Nebel über dem Unterland. «Wir wurden zwei Tage in der Wolkenkunde geschult», sagt der 52-Jährige, als er an einem Computer sitzt und die Daten mit beiden Zeigefingern eintippt. «Auch wenn ich im Tal unten bin, beobachte ich nun oft das Wetter und die Wolken, um in Übung zu bleiben.»

Nun machen sie auch ein wenig Forschungsarbeit

Bissig und Furrer warten auch die Messapparaturen der Forscher, entnehmen Proben und wechseln Filter. Manchmal verbringt Erich Furrer den ganzen Vormittag mit dem Aufbau und Betrieb einer Messung, die er für eine Forscherin durchführen muss. «Wegen der Corona-Pandemie können viele internationale Forscher nicht anreisen und schicken uns Anleitungen, wie wir sie bei ihren Messungen unterstützen können», erkärt Furrer.

HFSJG-Stiftung

Wer betreibt die Forschungsstation?

Daniela Bissig und Erich Furrer sind von der Stiftung «High Altitude Research Stations Jungfraujoch & Gornergrat» angestellt. Ziel der Stiftung ist es, wissen­­schaftliche Unter­suchungen von internationalem Stellen­wert zu er­möglichen, die in grosser Höhe (3000-3700 Meter über Meer) oder in hoch­alpiner Umgebung aus­geführt werden. Dazu werden auf dem Jungfraujoch die Forschungs­station und das Sphinx-Observatorium unterhalten. Die Stiftung stellt Forschern aus der ganzen Welt die notwendige Infra­struktur für ihre Unter­suchungen zur Verfügung. 

Er und seine Partnerin sind zudem für alle Hausarbeiten zuständig, betreuen die Forscher, wenn sie vor Ort sind, waschen die Wäsche, kümmern sich um die Administration und Buchführung und um kleinere Reparaturen. Zudem sind sie dafür zuständig, Besuchergruppen durch die Station zu führen. In normalen Jahren ohne Pandemie sind es bis zu 50 pro Jahr. «Bisher konnten wir noch keine einzige Führung machen. Wir haben aber schon ein wenig mit unseren Freunden geübt», sagt Daniela Bissig.

Geplant war diese berufliche Neuorientierung nicht. Daniela Bissig und Erich Furrer, die seit über 20 Jahren ein Paar sind, leben in Erstfeld UR, lieben die Berge und unternehmen gerne Skitouren. Bissig, die zwei Töchter aus einer früheren Beziehung hat, arbeitete als Personalfachfrau bei der Baudirektion Uri. Furrer war Gruppenleiter Netzbau beim Elektrizitätswerk Nidwalden.

Per Zufall sah die Urnerin das Stelleninserat in der Bergsportzeitschrift «Die Alpen». «Ich habe Erich das Inserat am Abend hingelegt und er sagte sofort, dass wir es probieren sollen.» Beide hatten Lust nochmals etwas Neues zu wagen. Insgesamt hatten sich 35 Paare aus der ganzen Schweiz beworben. Die Zentralschweizer waren eines von drei Paaren, die sich auf dem Joch vorstellen durften. «Wir waren bis zu diesem Zeitpunkt noch nie auf der Forschungsstation, aber wir fühlten uns sofort wie Zuhause», sagt Daniela Bissig. Als sie erfahren hat, dass sie den Job bekommen, habe sie «gejuchzt». «Wir sind stolz, dass wir als erste Urner auf dem Joch sein dürfen.»

 

Es ist kurz nach Mittag. Die Betriebswarte sind beim Abwasch. Wie jeden Tag. Ein neues Ritual in einem neuen Leben. Bedenken, dass sie sich hier oben auf die Nerven gehen, hatten sie keine. «Wir sind schon drei Wochen zusammen durch Kirgistan getrekkt. Wir können gut miteinander auf engem Raum», sagt Furrer. «Und es gibt Tage, da sehen wir uns kaum.» Wenn er mit einem Professor wegen einem Experiment telefoniere, dann dauere das manchmal einen ganzen Nachmittag. «Beim Abwasch oder am Abend bei einem Glas Wein bringen wir uns gegenseitig wieder auf den neuesten Stand.»

Probleme hatten sie zu Beginn nur mit der Höhe. Auf 3500 Meter über Meer enthält die Luft weniger Sauerstoff. «Am ersten Abend zurück aus dem Unterland schlafen wir jeweils schlecht. Aber daran werden wir uns bestimmt noch gewöhnen.» Der Job ist unbefristet. Wenn alles nach Plan läuft, wollen sie bis zur Pensionierung bleiben.

 

Die Corona-Pandemie hat auch das Leben auf der Forschungsstation lahmgelegt. In normalen Wochen können hier 20 Forscher gleichzeitig ihren Recherchen nachgehen. Dann kann es auch auf 3500 Meter über Meer eng werden. Derzeit arbeiten nur zwei Studenten der Universität Zürich an ihren Abschlussarbeiten. Und so beginnt Daniela Bissig ihren Nachmittag jeweils mit der Fütterung der Haustiere – «ihren» Dohlen.

Die zutraulichen Tiere fressen ihr die Weinbeeren direkt aus der Hand. «Die sind ganz schon gefrässig. Aber hier oben gibt es ja nicht viel anderes, und deswegen bringe ich auch für sie immer etwas zu knabbern mit.» Danach eilt sie hinunter in die Aufenthaltsräume der Forscher. Die beiden Studenten müssen noch Forschungsmaterial aufs Joch befördern und haben Fragen zur Logistik.

Um 20 Uhr muss Erich Furrer ein letztes Mal «Wättere». Wie so oft begleitet ihn auch heute Abend Daniela Bissig. «Im Ernstfall müssen es ja beide können», sagt Daniela Bissig. Dieser letzte Akt als Hauswarte ist auch bei Freunden, die zu Besuch sind, immer das Highlight. Wie und ob sich die Jungfrau dabei zeige, wisse man nie. «Jeder Abend überrascht uns mit einer ganz anderen Stimmung», erklärt Furrer. An diesem Abend bleibt die Jungfrau von einer dicken Nebelschicht umhüllt.

Warmes für kalte Tage

Schon gelesen?