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Christoph Ibrahim

Er macht aus Brennnesseln hippe Produkte

Unscheinbar und ungeliebt: Ausgerechnet aus der Brennnessel möchte Christoph Ibrahim hippe Produkte machen. Er ist Feuer und Flamme für das Kraut.

Text Yvette Hettinger
Fotos Christian Schnur
Christoph Ibrahim ist begeistert von den Qualitäten der Brennnessel: robust, weich, schön und vieles mehr.

Christoph Ibrahim ist begeistert von den Qualitäten der Brennnessel: robust, weich, schön und vieles mehr.

Da ist es also, das Kraut, um das sich hier alles dreht: mannshohe, getrocknete Büschel von Brennnesseln. Dass daraus schöne, modische, leckere und praktische Teile werden sollen, ist schwer vorstellbar. Aber genau das hat Christoph Ibrahim (30) im Sinn. Denn die Brennnessel begeistert ihn: «Sie ist feuerfest, hautfreundlich, gesund, extrem vielseitig, günstig. Und natürlich fast endlos verfügbar.»

Christoph Ibrahim schwärmt und weist auf das dürre Gestrüpp in seinem Atelier, das er in einem alten Haus an Zürichs Stadtrand eingerichtet hat: Ein grosser Tisch, Laptop, Kühlschrank, Töpfe mit Brenn- und anderen Nesseln, Sofa-Ecke, Gefässe mit getrockneten Blättern, Garnrollen in unterschiedlichen Farbschattierungen. 

Die getrocknete Brennessel: nicht grad ein Hingucker. In verarbeitetem Zustand soll sie ganz anders aussehen.

Die getrocknete Brennessel – nicht grad ein Hingucker. In verarbeitetem Zustand soll sie ganz anders aussehen.

«Aus Brennnesseln lässt sich Vlies herstellen», erklärt Ibrahim. Ausprobiert hat er das bereits, an Maschinen der Schweizer Textilfachschule in Zürich. Aus solchen Stoffbahnen will er nun Designobjekte fertigen, weshalb er sein Vlies Firmen schmackhaft zu machen versucht, die solches verarbeiten.

An Ibrahims Begeisterung solls nicht liegen: «Die Brennnesselfaser ist robust und gleichzeitig weich. Und sie hat, wenn sie verarbeitet ist, einen seidigen Glanz», sagt er, während er ein Stück Garn durch die Finger gleiten lässt,  «Kleider aus Brennnessel können im Winter wärmen oder im Sommer kühlen, je nachdem, wie die Fasern verarbeitet werden.»

Zum Filzen seiner Stoff-Prototypen verwendet Christoph Ibrahim unter anderem Harze.

Zum Filzen seiner Stoff-Prototypen verwendet Christoph Ibrahim unter anderem Harze.

Die Brennnessel. Nicht gerade ein glamouröses Gewächs. Optisch eher schmucklos, selbst wenn sie blüht. Wird mancherorts auch Saunessel genannt. Brennt fies, kann über drei Meter hoch werden und überwuchert im Garten ganze Kulturen, wenn man nicht aufpasst. Kenner schätzen sie als Tee oder Suppe, Raupen und Schmetterlinge als Wohnraum und Futter, Gärtner als Jauche. Sie wächst landauf landab überall, wo sie geduldet wird. Gedeiht schon ab 10 Grad, hält Wind, Frost und Hitze stand.

Christoph Ibrahim war schon vor Jahren von dem zähen Gewächs beeindruckt. Ihm fiel auf: «Diese Pflanze mag stickstoffreiche Böden, etwa Komposthaufen. So wächst quasi aus dem Abfall der Gesellschaft ein neues Produkt.» Ein Permakulturgärtner könnte es nicht schöner sagen. Doch Ibrahim winkt ab: Mit Gärtnern habe er gar nichts am Hut, auch nicht mit der «Do-it-Yourself-Oma-Ästhetik», die man oft antreffe, wenn es um Nachhaltigkeit gehe. «Aber die Brennnessel», sagt er, «die ist extrem vielseitig verwendbar.» Allein schon die schiere Menge inspirierte ihn: «Es gibt so viel davon. Ich fand immer, mit dieser Masse muss doch etwas anzufangen sein.» 

Mit der Mutter weitergetüftelt

Dann kam ihm vor eineinhalb Jahren ein Gewebe aus Brennnessel in die Hände. Da war er Designstudent an der Hochschule der Künste in Zürich und daran, seine Bachelor-Arbeit aufzugleisen. Aus dem Stoff, der aus Nepal kam, nähte er als Abschlussarbeit zunächst mal Schuhe, eine Art Espadrilles. Für diese Fussbekleidung kann er sich heute nicht mehr recht begeistern, für die Faser umso mehr.

 

Also beschaffte er sich alle Informationen zur Brennnessel, die er bekommen konnte. «Einen totalen Overload», wie er lachend sagt. Weil ihm aber selbst ein Überfluss an Theorie nicht genügte, trieb er die praktische Entdeckung der Staude im Ferienhaus der Mutter im Jura weiter voran. Dort wächst die Pflanze in rauen Mengen. «Und meine Mutter tüftelt auch gern», sagt der 30-Jährige lächelnd. Zunächst entstanden ein Pesto und ein Gin, dann ein Sirup – der wird inzwischen in grösseren Chargen hergestellt.

Derweil erforscht der Designer die weiteren textilen Möglichkeiten des Krautes. Im Zürcher Atelier reihen sich deshalb Dutzende von Faserknäueln aneinander, fein säuberlich beschriftet: Nessel mit Schafwolle, gefilzt oder ungefilzt, Nessel mit Seide, gezwirnt, Nessel gewaschen oder ungewaschen und ungefilzt.

Bereits sind zwei Freunde aufs Projekt aufgesprungen, sie stehen dem Designer in Sachen Finanzen und Vermarktung zur Seite. Gemeinsam haben sie das Label «Maison Verte» gegründet und eine Produktepalette definiert. Ganz zuoberst: Brennessel-Pads, eine waschbare, wiederverwendbare Alternative zu den Wegwerfpads aus Baumwolle oder Synthetik.

Schmeichelweich sind Ibrahims Prototypen. Nur optisch kommen sie noch etwas rustikal daher. Ibrahim arbeitet weiter daran, denn: «Die Produkte sollen cool und fresh aussehen.» Ästhetik sei ihm wichtig, und Nachhaltigkeit selbstverständlich. Deshalb findet er es toll, eine Ressource praktisch da verarbeiten zu können, wo sie wächst. Ausserdem sollen möglichst alle Teile der Brennnessel verwertet werden. Kosmetikprodukte aus der Wurzel sind eine weitere Idee, ein Haarwasser ist bereits angedacht. 

Damit die Stoffe am Ende nicht nach verstaubtem Alternativprodukt aussehen, werden sie bunt gefärbt. Natürlich mit Naturfarben. 

Damit die Stoffe am Ende nicht nach verstaubtem Alternativprodukt aussehen, werden sie bunt gefärbt. Natürlich mit Naturfarben. 

Entwickeln und herstellen will das Team von Maison Verte das alles nicht alleine. Die Männer sind mit ein paar anderen Menschen in Kontakt, die sich für die Pflanze interessieren, und es sollen noch mehr hinzu kommen.

Gegenseitig inspiriert und unterstützt man sich. Die Brennnessel, weiss Ibrahim, webt unter der Erde ein netzartiges Wurzelwerk, um dann an geeigneten Orten in die Höhe zu wachsen. «Genau so soll das auch mit unserer Community sein.»

Noch bis zum 5. Juni läuft im Gewerbemuseum Winterthur ZH eine kleine Sonderausstellung zur Brennnessel, die Christoph Ibrahim kuratiert. 

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