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Mobilfunk

Der grosse Kampf ums 5G-Netz

Telekomfirmen wollen mit dem Ausbau der Mobilfunktechnik 5G die stark gestiegene Nachfrage nach mobilen Daten befriedigen. Gegner sehen darin eine Zwängerei zum Schaden von Mensch und Umwelt. Wer hat recht?

Text Laurent Nicolet
Zankapfel 5G: Wie viel Bandbreite brauchen wir in Zukunft? (Bild: Getty Images)

Zankapfel 5G: Wie viel Bandbreite brauchen wir in Zukunft? (Bild: Getty Images)

90 Prozent der Bevölkerung haben in der Schweiz heute Zugang zu 5G. Man könnte also meinen, die Umrüstung sei beinahe abgeschlossen. In Tat und Wahrheit präsentieren sich die Dinge anders.

Was als 5G bezeichnet wird ist nichts anderes als ein verbessertes 4G, das an den bereits vorhandenen Antennen installiert wurde. Es steht im Gegensatz zum echten 5G (Swisscom redet von 5G+), das neue Antennen erfordert.

Gegen diese neuen Anlagen haben sich mehrere Vereine organisiert. Christian Neuhaus, Sprecher von Swisscom, und Louisa Diaz, Mitglied des Kollektivs «STOP5G», erklären ihre Position zu 5 G in 6 Punkten.

Wie funktioniert 5G?

Christian Neuhaus erklärt, dass im Gegensatz zu normalem 5G, 4G oder 3G, die «wie eine Strassenlaterne funktionieren, die immer an ist, egal ob es Nutzende gibt oder nicht», 5G+ mit sogenannten adaptiven Antennen arbeitet.

«Sie müssen sich das wie einen Scheinwerfer im Theater vorstellen, der sich je nach Performance des Kunstschaffenden an- und ausschaltet». Der Lichtstrahl richtet sich nach Bedarf des Benutzers. Im digitalen Alltag bedeutet das: «Gibt es eine E-Mail zum Herunterladen, erhalten Sie das nötige 'Licht' und sobald die Mail heruntergeladen ist, schaltet sich der Strahl aus».

Swisscom-Sprecher Christian Neuhaus sieht in 5G einen grossen technologichen Sprung, der uns alle vorwärtsbring. «Heute kommt es auch niemandem mehr in den Sinn, eine Öllampe zu benutzen.» (Bild: zVg)

Swisscom-Sprecher Christian Neuhaus sieht in 5G einen grossen technologichen Sprung, der uns alle vorwärtsbringt. «Heute kommt es auch niemandem mehr in den Sinn, eine Öllampe zu benutzen.» (Bild: zVg)

Für Louisa Diaz ist die neue Technologie vor allem gleichbedeutend mit einer Vervielfachung der Antennen: «Heute sind etwa 3000 5G-Antennen in Betrieb. Die Betreiber wollen mehr, nämlich über 26'000 zusätzliche Antennen aufbauen. Hinzu kommen an die 30’000 Basisstationen. In städtischen Gebieten müssten laut Hochrechnungen alle 150 bis 200 Meter zusätzliche Feinverteiler platziert werden. Die Bevölkerung wird dadurch einer deutlich höheren Gesamtstrahlung ausgesetzt».

Wem nützt es?

Für Christian Neuhaus wird es mit 5G möglich sein, auf neue Gewohnheiten der Kunden einzugehen. «Heute streamen die Leute immer mehr, sei es Musik oder Videos. Niemand lädt mehr einen Film herunter, bevor er das Haus verlässt, um ihn abends anzusehen. Wir bauen keine Netzwerke für den Gebrauch von gestern oder heute, sondern für den von morgen.»

Louisa Diaz erinnert daran, dass Schweizer und Schweizerinnen beim Thema 5G «sehr gespalten sind». Laut einer Umfrage der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sind 38 Prozent für den Netzausbau, während 36,3 Prozent dagegen sind. Gut 25 Prozent sind unentschieden.

Wer ist dagegen?

Im Kanton Waadt besteht noch ein Moratorium, Genf hat gerade aufgehoben. In einigen Kantonen (Zürich, Luzern, Neuenburg, Freiburg, Glarus und Uri) gelten verschärfte Bewilligungspraxen für den Bau von Mobilfunkanlagen. Dazu kommen Blockaden auf der Ebene von Gemeinden und der Widerstand von Anwohnern und Anwohnerinnen oder Organisationen.

«Sie sind in bestimmten Regionen systematisch dagegen», sagt Christian Neuhaus. Solange eine Antenne dem Baurecht und den Anforderungen der Strahlungsverordnungen entspreche, gebe es keinen Grund, warum sie keine Baugenehmigung erhalten sollte, so der Swisscom-Vertreter. In Extremfällen, etwa dann, wenn Verfahren bis vors Bundesgericht gehen, kann das mehrere Jahre dauern.

«Beim Anschauen von Filmen und Serien werden 100 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen, das entspricht dem Jahresverbrauch von Belgien»: Für Louisa Diaz vom Kollektivs «STOP5G» ist 5G auch aus Umweltgründen eine No-Go. (Bild: zVg)

«Beim Anschauen von Filmen und Serien werden 100 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen, das entspricht dem Jahresverbrauch von Belgien»: Für Louisa Diaz vom Kollektivs «STOP5G» ist 5G auch aus Umweltgründen ein No-Go. (Bild: zVg)

Für Louisa Diaz hingegeben gibt es viele und gute Gründe, die gegen 5G sprechen. Sie nennt Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsrisiken, die fehlende demokratische Auseinandersetzung und unterbliebene Befragung der Bevölkerung, dazu komme Druck von Seiten Betreiber und Greenwashing bezüglich der ökologischen Auswirkungen.

«Schlimmer noch, uns wird gesagt, dass die Antennen weniger Energie verbrauchen werden, während das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers) angibt, dass sie im Gegenteil dreimal mehr ist.»

Ist die Kapazitätsgrenze erreicht?

«Die Netze haben bereits die Kapazitätsgrenze erreicht, wobei sich die von den Kunden genutzte Bandbreite alle 15 bis 18 Monate verdoppelt», zitiert Christian Neuhaus eine Studie des Zürcher Forschungsinstituts Sotomo. Man müsse deshalb in der Lage sein, «schnell Netzkapazitäten aufzubauen und zu erhöhen, um den exponentiellen Anstieg der Datennutzung absorbieren zu können».

Gemäss Neuhaus sind «einige Regionen der Schweiz jetzt zu bestimmten Spitzenzeiten ausgelastet». Erschwerend käme hinzu, dass gelegentlich bestimmte Antennen ausfallen: «Es kommt vor, dass Eigentümer, die bisher Antennen auf ihrem Grundstück hatten den Vertrag nicht mehr verlängern, wenn sie beispielsweise das Dach umbauen. Das kann schnell kritisch werden und ist wie, wenn man den Pannenstreifen auf der Autobahn aufhebt.» 

Laut Louisa Diaz beschweren sich die Netzbetreiber zwar über dieses Wachstum, gleichzeitig befeuern sie es, indem sie unbegrenzte Mobile-Pakete anbieten, oder die Leute ermutigen, drahtlose Internet-Booster zu nutzen, um die Mobilefunk-Geschwindigkeit zu verbessern.

«80 Prozent des Traffics sind Videos, deren Auflösung man durchaus halbieren könnten, wenn man sie auf dem Smartphone anschaut. So könnte man den Traffic um 75 Prozent reduzieren». Zudem müssten die Leute wissen, dass der drahtlose Zugang (via Smartphone oder Booster) das Mobilfunknetz unnötig belasten, sie selbst unnötig belastet und 5G fördert, das sie ja nicht wollen.

Gefährlich für die Gesundheit?

«Es besteht ein internationaler wissenschaftlicher Konsens, dass kein nachgewiesenes Gesundheitsrisiko besteht, wenn die Strahlungsgrenzwerte eingehalten werden», sagt Christian Neuhaus. Allerdings existieren bei den Grenzwerten grosse Unterschiede. Die Empfehlungen der WHO seien «zehnmal weniger streng als jene ein der Schweiz».

Die Betreiber werfen ein, dass «90 Prozent» der Strahlung, der wir ausgesetzt sind, von unseren eigenen Geräten kommt - Smartphones, Laptops, Tablets – und nur zu 10 Prozent von Antennen. «Je weiter die Antenne entfernt ist, desto schlechter ist das Signal und desto stärker strahlt das Gerät», führt Neuhaus weiter aus. Abhilfe dagegen schafft man beispielsweise, wenn man das Handy und das WLAN nachts ausschaltet.

Laut Louisa Diaz sind die in der Schweiz geltenden Standards nicht so streng, weil sie «nicht die Intensitätsspitzen berücksichtigen, die sich bereits auf die Gesundheit auswirken», sondern lediglich einen Durchschnittswert über eine Dauer von sechs Minuten. «Zudem gelten diese Grenzwerte nur für Orte mit empfindlicher Nutzung.

Andernorts würden Grenzwerte angewendet, die denjenigen der WHO nahe kommen», sagt sie. Diese orientierten sich wiederum an denen der «Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung» (ICNIRP)», deren Zusammensetzung problematisch sei, weil ein Grossteil der Mitglieder mit der Telekommunikationsindustrie verbandelt sei und Interessenskonflikte habe. Zudem habe die Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISP) seit ihrer Veröffentlich bereits eine Reihe von Ausnahmen erhalten, die eine Überschreitung der Grenzwerte ermöglichten.

«Das aufkommende Internet of Things wird einen markanten Anstieg der Datenmenge zur Folge haben. Dabei ist die persönliche Ausstattung mit Geräten bereits heute für 47 Prozent der Treibhausgasemissionen im digitalen Sektor verantwortlich», betont Louisa Diaz.

Sie führt mehrere Zahlenbeispiele an: «Beim Anschauen von Filmen und Serien werden 100 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen, das entspricht dem Jahresverbrauch von Belgien, beim Anschauen von pornografischen Inhalten kommen 80 Millionen Tonnen CO2 zusammen, was dem Jahresverbrauch von Rumänien entspricht. 3,5 Milliarden Google-Anfragen pro Tag produzieren gleich viel CO2 wie wenn man 125 Male um die ganz Welt fährt». 

Die Behauptung, dass die Nutzung von 5G zur Beschleunigung der Erderwärmung beiträgt, ist dagegen laut Christian Neuhaus «nicht haltbar». «Es ist eine effiziente und moderne Technologie: Um die gleiche Anzahl von Bits mit 5G zu senden, wird 85 Prozent weniger CO2 ausgestossen als mit 4G.» Das zeige den Nutzen und die Unvermeidbarkeit technologischer Innovationen. «Heute kommt es auch niemandem mehr in den Sinn, eine Öllampe zu benutzen.»

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