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Mord, Krieg und süsses Nichtstun

Die verrückte Welt der Ameisen

Der Ameisenhaufen, eine geschäftige Stadt voller fleissiger und disziplinierter Arbeiterinnen? Weit gefehlt, wie Ameisenforscherin Cleo Bertelsmeier weiss. 

Text Alain Portner
Ameise im Balanceakt: Fleissig sind längst nicht alle, ein Viertel des Volkes macht in der Regel nichts. (Bild: Getty Images)

Ameise im Balanceakt: Fleissig sind längst nicht alle, ein Viertel des Volkes macht in der Regel nichts. (Bild: Getty Images)

Die Biologin Cleo Bertelsmeier ist verrückt – nach Ameisen. Die Professorin am Departement für Ökologie und Evolution der Universität Lausanne interessiert sich dabei nicht nur für die sozialen Insekten, sondern auch für die Rolle, die wir Menschen bei der Ausbreitung der Tierchen spielen.

Die Ameisenforscherin ist auch Buchautorin. In ihrem Buch «Les guerres secrètes des fourmis – Sexe, meurtres et invasions territoriales» (Die geheimen Kriege der Ameisen – Sex, Mord und territoriale Invasionen) legt sie dar, dass die Welt der Hautflügler wenig mit der idealen Gesellschaft zu tun hat, wie wir sie uns vorstellen. Sie klärt uns über die wichtigsten Ameisen-Mythen auf.

Ameisen sind Drückeberger

Ameisen, verbissene Arbeiterinnen? Weit gefehlt. Forscher haben die Bewohnerinnen eines Ameisenhaufens markiert, um besser zu verstehen, was sie machen und, wie sie sich organisieren. Und sie waren sehr überrascht, als sie feststellten, dass 25 bis 30 Prozent der Kolonie nichts, aber auch absolut nichts tun.

Anschliessend testeten sie verschiedene Strategien, um zu sehen, ob diese Drückeberger wenigstens zu irgendetwas zu gebrauchen waren. Bis jetzt ohne Ergebnis! Vielleicht kennen diese Ameisen auch das alte Sprichwort: «Arbeit macht das Leben süss, Faulheit stärkt die Glieder, drum pfeif' ich auf die Süssigkeit und leg mich wieder nieder...»?

Stinkfaule Königin

Bei einigen Arten gibt es auch stinkfaule Königinnen, die gar nichts Mütterliches an sich haben. Sie entführen viel mehr Arbeiterinnen aus einer anderen Kolonie, um ihre erste Brut aufziehen zu lassen. Bei anderen Arten startet die Königin Raubzüge auf Larven. Diese werden dann zu Sklavinnen gemacht; Sklavinnen, die ihre Jungen ernähren, weil die Nachkommen der Königin unfähig dazu sind.

Geboren, um zu sterben

In einer Ameisenkolonie gibt es fast nur Weibchen: Königinnen (die Mütter) und Arbeiterinnen (ihre Töchter). Warum? Weil die Produktion von Männchen nur einmal im Jahr für den Hochzeitsflug vorgesehen ist. Ihre Rolle beschränkt sich auf die Fortpflanzung, basta. Und selbst wenn die Männchen Kost und Logis bekommen und auch nicht arbeiten müssen, sind sie nicht zu beneiden: Sie leben nur wenige Tage und können sich nicht alleine ernähren, weil ihre Münder nicht ausreichend ausgebildet sind.

Diejenigen, die es geschafft haben, sich zu paaren, bevor sie sterben, können sich damit trösten, dass sie eine lange Ahnenreihe haben werden. Die Königin lagert ihre «kleinen Samen» nämlich in einem speziellen Organ, der Spermathek, ein und befruchtet ein ganzes Leben lang ihre Eier mit dem eingelagerten Sperma. Bei den ältesten Herrscherinnen sind das immerhin fast dreissig Jahre!

Cleo Bertelsmeier, Professorin am Departement für Ökologie und Evolution der Universität Lausanne, ist fasziniert von Ameisen. (Bild: zVg)

Cleo Bertelsmeier, Professorin am Departement für Ökologie und Evolution der Universität Lausanne, ist fasziniert von Ameisen. (Bild: zVg)

Dramen wie bei «Game of Thrones»

Monarchisten, Anarchisten, Kommunisten, Kapitalisten, Feministen... Für sie alle war der Ameisenhügel das Modell für eine perfekte, ideale Gesellschaft. Und sie lagen alle falsch, denn hinter der harmonischen Fassade dieses geschäftigen Universums finden erbitterte Kämpfe statt, die den schlimmsten griechischen Tragödien in nichts nachstehen.

So gibt es etwa Putsche, wie bei den indischen Springameisen (Harpegnathos saltator). Eine Gruppe von Arbeiterinnen stürzt dabei eine geschwächte Königin, richtet sie hin und regiert an ihrer Stelle. Dann gibt es auch massive Sterilisationskampagnen, wie im Fall der australischen Diacamma, bei der die Königin ihre Macht sichert, indem sie die Arbeiterinnen zerstümmelt und sie so am Eierlegen hindert. Ja, wenn es um Dramen geht, haben Ameisen genauso viel Fantasie wie die Autoren von «Game of Thrones»!

Schwer bewaffnet

Mit Ameisen sollte man sich besser nicht anlegen, denn sie sind bis an die Zähne bewaffnet: mächtige Mundwerkzeuge, Panzer, Schilde, chemische Waffen... Einige greifen zu Selbstmordattentaten – sie jagen sich in die Luft –, um ihre Gegnerinnen in Stücke zu reissen. Andere greifen lieber auf Gift zurück.

Das sind diejenigen, die den US-Wissenschaftler Justin Schmidt interessieren. Er hat die sogenannte Schmidt Sting Pain Index (Schmidt-Stichschmerz-Index), eine Schmerzskala von 0 bis 4, erfunden. Und wer belegt den ersten Platz mit einer 4+? Die 24-Stunden-Ameise (Paraponera clavata) aus dem Amazonas-Gebiet, die den Spitznamen «Bullet Ant» trägt. Schmidt beschreibt die Wirkung ihres Stichs wie folgt: «Intensiver, reiner und glühender Schmerz, als würde man mit einem 7 cm Zentimeter langen rostigen Nagel in der Ferse auf heissen Kohlen laufen.» Cleo Bertelsmeier hingegen wurde einmal von einer kleinen Feuerameise (Wasmannia auropunctata) gestochen, die sich in ihrer Strumpfhose verfangen hatte. Die Erinnerung daran lässt sie immer noch zusammenzucken: «Es war wie ein Stromschlag und der Schmerz ging mehrere Tage lang nicht weg.»

Tatütata!

Die Megapona analis aus der Elfenbeinküste, die auf die Jagd von Termiten spezialisiert ist, unterhält auf dem Schlachtfeld einen Ambulanzdienst. Will heissen: Sie nimmt an Ort und Stelle eine Triage der Verwundeten vor. Weniger schwer verletzte Insekten, zum Beispiel solche, die ein oder zwei Beine verloren haben, werden zurück in den Bau gebracht.

Zurück im Bau, kümmern sich diese Erste-Hilfe-Teams dann um die Versorgung: Amputationen, Reinigung und Desinfektion der Wunden mit einem Antibiotikum, das von ihren Drüsen produziert wird. Danach folgt, wenn nötig, eine Phase der Rehabilitation, das heisst Laufen lernen auf vier oder fünf Beinen, bevor die Kriegsversehrten wieder in den Kampf ziehen. Wer auf dem Schlachtfeld mehr als zwei Beine verliert, denn lässt die Ameisen-Ambulanz liegen.

Spitzentanz

Konflikte, die aus dem Ruder laufen, bringen meistens gar nichts. Mehrere Ameisenarten haben das begriffen und nutzen überraschende Strategien, um tödliche Eskalationen zu vermeiden. Zum Beispiel diejenige, den Gegner zu küssen, um ihn zu besänftigen. Während dieser Mund-zu-Mund-Fütterung würgt das gewaltlose Insekt eine Flüssigkeit hoch. Durch das Teil der Nahrung verliert das Gegenüber sehr schnell seine streitlustige Stimmung.

Auch Honigtopfameisen (Myrmecocystus) haben eine Taktik entwickelt, um ein Territorium zu halten oder zu erobern, ohne «Ameisenblut» zu vergiessen: Sie veranstalten friedliche Wettkämpfe, bei denen Mitglieder beider Clans eine Art Tanz auf den Spitzen ihrer Beine aufführen. Am Ende dieser fiktiven Konfrontationen, die dazu dienen sollen, die vorhandenen Kräfte zu messen, zieht sich die als schwächer erachtete Kolonie kampflos zurück. Ist das Leben einer Ameise nicht schön?

So werden Sie Ameisen los...

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