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Barbie war gerstern

Ein Schweizer Bäbi startet durch

Theresia Le Battistini schmiss ihren Job bei der UBS, um Puppen zu produzieren. Heute spielen die Kinder von Madonna, Roger Federer und Victoria Beckham mit «I’m a Girly».

Text Benita Vogel
Fotos Désirée Good
Die ehemalige UBS-Bankerin Theresia Le Battistini lancierte im Mutterschaftsurlaub die neue Puppe I’m a Girly. 

Die ehemalige UBS-Bankerin Theresia Le Battistini lancierte im Mutterschaftsurlaub die neue Puppe «I’m a Girly». 

Blaue Sneakers, grüne Ballerinas, rosa Sandalen, Highheels mit Perlmutschimmer, Stiefel mit Nieten und Kunstfell. Zwei Dutzend Schühchen reihen sich Paar an Paar im Regal. Sie sind keine zehn Zentimeter lang. Darüber hängen Röckchen in Weiss, Gelb, Türkis, aus Tüll, Satin, Kunstleder– ebenfalls in Kleinstgrösse.

Die Miniatur-Garderobe gehört Theresia Le Battistini. Die Frau mit dem nachtschwarzen langen Haar sitzt in ihrem Puppen-Studio am Idaplatz in Zürich und hält Sophia, Olivia und Ava hoch – der jüngste Zuwachs ihrer Puppenkollektion.

Die 41-Jährige hat sich hin gewagt, wo sich fast nur die ganz grossen Marken wie Mattel oder Hasbro tummeln. In die Welt von Barbies und Eisprinzessinnen. Es ist ein Milliardenmarkt. Alleine in der Schweiz werden jährlich für knapp 50 Mio. Franken Puppen aller Art verkauft.

Keine Innovation im Puppenhaus

Dabei hatte Le Battistini ursprünglich eine völlig andere Karriere eingeschlagen. Nach dem KV und dem Studium in Betriebswirtschaft stieg sie bei der Grossbank UBS ein. «Wirtschaft interessierte mich schon immer.» Auch mit dem Gedanke, sich selbständig zu machen, spielte sie. Bloss, dafür fehlte bislang die richtige Idee.

Die fand sie nach der Geburt ihrer Tochter vor sieben Jahren. «Ich schaute mir wieder mal Puppen an, mit denen ich als Kind selbst so gerne gespielt hatte, und stellte fest: Die sehen noch beinahe so aus wie meine vor 25 Jahren.»

Das erstaunte die Bankerin. Sie besuchte Spielzeugmessen, recherchierte, analysierte die Konkurrenz und lernte, dass der Puppenmarkt mit einem Umsatzanteil von rund 10 Prozent eines der Top-Segmente im weltweiten Spielzeugmarkt ist.

Design-Ideen für Puppenkleider - kreiert von Mädchen und Jungs. «Kinder sagen uns, was wir produzieren, so können wir den Markt effizient bedienen», sagt Unternehmerin Theresia Le Battistini.

Design-Ideen für Puppenkleider - kreiert von Mädchen und Jungs. «Kinder sagen uns, was wir produzieren, so können wir den Markt effizient bedienen», sagt Unternehmerin Theresia Le Battistini.

Le Battistini trommelte die Kinder ihrer Freunde und Familie zusammen und fragte diese, wieso sie denn nicht mehr mit Puppen spielten. Die 8- bis 12-jährigen Buben und Mädchen fanden, die Puppen von heute hätten nichts mit der Realität zu tun: Sie haben alle die gleichen Haare und Gesichter, sind überschminkt, zu dünn und die Kleider zu billig gemacht, bekam die Bankerin zu hören.

«Kinder sind qualitätsbewusst. Sie wollen Puppenjacken mit echtem Reissverschluss und Taschen mit einem Knopf – wie im echten Leben. Nur, sowas  produzierte niemand.» Ebenso wenig wie Puppen mit normalen Proportionen, deren Haare man auswechseln kann, mit zig Perücken in allen Farben und Formen. «Die Kinder sollen ihren Puppen die Haare abschneiden können, ohne dass sie sie gleich ruinieren und entsorgen müssen.» Hier sah die die 41-Jährige eine Marktlücke und ihre Chance.

Crazy, den Bankenjob aufzugeben

«Am Anfang haben alle gedacht, ich sei crazy, dass ich meinen guten Bankenjob aufgebe.» Es existierten genügend Leute, die Puppen produzieren, bekam sie zu hören. «Aber wer mich kennt, wusste: Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich das durch.»

Sie ging auf die Suche nach Produzenten in Fernost, die ihre Puppen aus recyceltem Plastik herstellten und die Verpackung so produzierten, dass auch diese zum Spielzeug wird. «Als Halb-Chinesin und Halb-Vietnamesin, aufgewachsen in der Schweiz, habe ich mich hier schnell zurecht gefunden», sagt sie.

Ihre erste Puppe «I’m a Girly» lancierte sie im Mai 2017. Zwei Wochen später kam ihr Sohn zur Welt. «Das war eine krasse Zeit. «Kurz danach kamen die ersten Spielwarenhändler aus der Schweiz, Europa und Amerika auf mich zu», erinnert sie sich heute. Morgens früh arbeitet sie für die Produktion in Asien, spät abends verhandelt sie mit Detailhändlern in den USA.

Schweizer Markt

Millionen für Spielwaren

515 Mio. Franken wurden 2020 in der Schweiz mit Spielwaren umgesetzt. Das ist ein Rekord und Plus 11% gegenüber dem Vorjahr. Besonders stark zugelegt hatten Puzzles und Gesellschaftsspiele mit 25.3%. Der Bereich Puppen stieg in der Schweiz um knapp 1.5% auf 48.4 Mio. Franken.

Mehrere Spielzeugmarktkenner attestieren Le Battistini, dass sie mit ihren adaptierbaren Puppen, den Nerv der Zeit getroffen hat. Inzwischen beschäftigt die Puppenmacherin ein Team von zehn Leuten, die vom Idaplatz in Zürich aus, die Welt beliefern. «I’m a Girly» vertreibt  über 100’000 Puppen und Accessoires pro Jahr in Westeuropa und neu auch Nordamerika und China.


Le Battistini und ihr Team haben das Sortiment mit einem Schminkkopf und einer kleineren Puppe erweitert. Auch eine Perücke, die bei Tageslicht die Farbe wechselt, kam hinzu, ebenso wie neue Kleidchen und Schühchen. Diese werden von «I’m a Girly»-Experten und Expertinnen mitdesignt. «Kinder – darunter übrigens auch viele Jungs – sagen uns, was wir produzieren sollen, so können wir den Markt am effizientesten bedienen.»

Kinder aus der ganzen Welt schicken schickten regelmässig ihre Ideen neuer Kleidchen-Kreationen ein. Da greifen auch schon mal Madonnas Zwillingstöchter Estere und Stella zu Schere, Stoff und Faden und designen mit, wie die Popikone kürzlich auf Instagram in einem Video zeigte. «I’m a Girly-girl», sagte ihre Tochter in die Kamera. Auch die Kinder von Tennisstar Roger Federer und die Tochter von Victoria Beckham haben eine Puppe von Theresia Le Battistini zu Hause. Das freut die Unternehmerin zwar. «Am Schluss sind es aber die Kinder, die entscheiden, womit sie spielen.» Auch bei ihrem Sohn und ihrer Tochter sei das so. «Die spielen auch mit Feuerwehrautos und Lego.»

Recycle-Schühchen

Für die Zukunft hat Le Battistini noch einiges vor. «Wir möchten eine globale Marke werden – jedes Kind, soll mit unseren Puppen spielen.» Und auch Nachhaltigkeit sei ein grosses Thema. Kürzlich schloss sie eine Zusammenarbeit mit der Upcycling-Modemarke The R Collectiv. «Wir werden für unsere Puppenkleidchen und Accessoires Stoffresten der grossen Modefirmen verwenden.» Die erste Up-Cycle-Kollektion soll nächsten Frühling fertig sein. In der Miniatur-Garderobe im Puppenstudio am Zürcher Idaplatz könnte es also bald eng werden.

«I’m a Girly»-Produkte gibts bei Galaxus.

 

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