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Gewalt in Kinderfilmen

Wenn Jerry Tom quält

Im neusten Tom und Jerry-Film geben sich die beiden wieder heftig auf die Rübe. Wieviel Brutalität in Kinderfilmen kann den Kleinen zugemutet werden?

Text Kristina Reiss
Datum
Im Spielfilm «Tom & Jerry» begegnen sich die beiden Herzensfeinde in ­bekannter Cartoon-Gestalt mitten im realen Manhattan. Die Hotelangestellte Kayla (Chloë Grace Moretz) engagiert Tom, um Jerry aus dem Hotel zu jagen.

Im Spielfilm «Tom & Jerry» begegnen sich die beiden Herzensfeinde in ­bekannter Cartoon-Gestalt mitten im realen Manhattan. Die Hotelangestellte Kayla (Chloë Grace Moretz) engagiert Tom, um Jerry aus dem Hotel zu jagen.

Als der kleine Rabe Socke für einen kurzen Moment seine Mama nicht mehr fand, war es um den Fünfjährigen geschehen. «Ausmachen!», heulte er. Der Vater war verblüfft. Wenige Tage zuvor hatte er mit seinem Sohn noch einen kurzen Tom und Jerry Clip geschaut – jenes bekannte Zeichentrickduo, das sich seit 80 Jahren gegenseitig unerbittlich auf die Mütze gibt. Über die in die Falle gelockte Katze, die von der Maus herzhaft eines über gebraten bekommt, hatte der Sohn herzlich gelacht. Und nun jagte ihm die Filmsequenz eines weichgespülten Vögelchens Angst ein?

«Was Kinder verarbeiten können, ist höchst individuell und weniger vom Alter abhängig als von Charakter und Persönlichkeit», sagt Philipp Ramming. Er ist seit 25 Jahren als Kinder- und Jugendpsychologe tätig und war Präsident der Schweizer Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie. Auch die aktuelle Befindlichkeit des Kindes spiele eine Rolle. Vielleicht vermisste der Fünfjährige schlicht seine in dem Moment nicht anwesende Mutter?

Im Allgemeinen gelte jedoch: Trickfilme könne der Nachwuchs meist gut verarbeiten, so der Psychologe, denn das Überzeichnete nehme dem Ganzen den Ernst. Das gilt auch für die neueste Tom und Jerry-Version, einem Realfilm mit integrierter Computeranimation: Trick- und Animationsfilme betonen die Fiktionalität und sind deshalb für Kinder leichter einzuordnen.

Wettbewerb

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Im Spielfilm «Tom & Jerry» begegnen sich die beiden Herzensfeinde als Cartoon-Figuren mitten im realen Manhatten. Jerry hat es sich in einem Luxushotel bequem eingerichtet, wo schon bald die Promi-Hochzeit des Jahrhunderts gefeiert werden soll. Die Hochzeitsplanerin engagiert Tom, um Jerry loszuwerden. Das anschliessende Katz-und-Maus-Spiel droht ihre Karriere, die Hochzeit ja das ganze Hotel zu zerstören. Und zum Schluss kommt es doch ganz anders. Turbulente Familienkomödie mit Happyend.

Teilnahmebedingungen

Mit Begleitung

Doch auch wenn Kinder heute viel früher und häufiger Erfahrung mit Medien haben: Das Herausfordernde an Filmen bleiben für sie die nicht zu steuernden Bilder und die Akustik. «Das ist die eigentliche nicht kontrollierbare Gewalt», findet Ramming. «Hier brauchen Kinder manchmal Verdauungshilfe durch Eltern.» Wann dies jeweils nötig ist oder welche Szenen die Kleinen ängstigen, ist allerdings oft nicht vorhersehbar. Deshalb sei eine enge Begleitung hilfreich.

Kinderfilme haben sich sehr gewandelt. Tom und Jerry mögen sich in ihrer zum Teil brutalen Hassliebe treu geblieben sein – manche Trickfilmfiguren hingegen, wie etwa Micky Maus, wurden über die Jahre fast schon handzahm und brav. Verändert haben sich auch die Schnitte, sie sind heute oft extrem schnell. «Dies stört vor allem Erwachsene, die noch anders sozialisiert wurden», beobachtet Christine Lötscher. Sie lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaften ISEK an der Universität Zürich. «Manche bezeichnen die schnellen Schnitte gar als Gewalt an Kindern.» Dabei wachsen die Kleinen ganz selbstverständlich damit auf und lernen, mit dem Tempo umzugehen. Tatsächlich sind es eher die langsam gedrehten, alten schwarz-weiss Filme, mit denen Kinder heute nichts anfangen können.

Wie aber ist es zu erklären, dass in Kinderfilmen so viel gestorben wird? Ob «König der Löwen», «Bambi», «Frozen» oder «Findet Nemo» – immer ist der Tod eines Hauptcharakters Thema. Laut einer amerikanischen Studie sterben in Kinderfilmen Charaktere sogar doppelt so häufig wie in Filmen für Erwachsene. Besonders früh im Plot trifft es zum Beispiel Nemos Mutter in «Findet Nemo» (gefressen von einem Barracuda nach nur vier Minuten und drei Sekunden). Doch verstört es Kinder nicht, wenn in «König der Löwen» der Löwenvater stirbt? «Dies ist nun mal Teil der Dramaturgie eines typischen Disney-Familienfilms», sagt Christine Lötscher. Natürlich sei es ein extremes emotionales Erlebnis, das an Urängsten rühre – denn was gibt es für ein Kind schlimmeres als die Eltern zu verlieren? Gleichzeitig erfahre der Nachwuchs hier die Macht des Erzählens, die uns aus tiefster Dunkelheit ins Licht führen könne: So schlägt das Löwenkind zwar ganz unten auf, doch am Ende wird alles gut. Was zeigt: Glück und Verzweiflung liegen sehr dicht beieinander. Mehr noch: das eine liesse sich ohne das andere nicht so tief erleben.

Der Vater des Rabe Socke verschmähenden Fünfjährigen entschied sich übrigens, vorerst nur noch harmlose Tierdokus zu zeigen. Nicht bedacht hatte er allerdings, dass die Löwin in der Savanne eine Antilope reissen könnte. Bevor er den Ausschaltknopf fand, rief der Sohn jedoch: «Anlassen, Papa! Das ist spannend!»

Gewalt in Kinderfilmen: So schützen Sie Ihr Kind

  • Die Altersfreigabe (FSK) ist nur ein Anhaltspunkt, ebenso wichtig ist Charakter und Persönlichkeit des Kindes
  • Kind beobachten: Mit jüngeren Kindern gemeinsam schauen, bei älteren in Reichweite blieben. Zeigt das Kind Anzeichen von Angst oder Anspannung: Fragen, ob es wirklich weitersehen möchte. Falls ja: Dazu setzen, evtl. auf den Arm nehmen
  • Verarbeiten lassen: Dem Kind Gelegenheit geben, darüber zu sprechen, Fragen beantworten, einordnen helfen («Tut das dem Tom nicht weh?» – «Nein, im Trickfilm nicht, in der Realität aber schon.»)
  • Gewaltinhalte hinterfragen: Mit älteren Kindern mögliche alternative gewaltfreie Lösungen diskutieren
  • Pädagogische Empfehlungen beachten,  die sich auf den Kinderfilmplatformen wie Flimmo und der besondere Kinderfilm finden.  

Für die Ohren statt für die Augen

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