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Die Schweiz in den USA

Das andere Bern

Über 15 Jahre hat der Berner Fotograf Michael von Graffenried die US-Kleinstadt New Bern besucht und das Leben dort dokumentiert. Der Ort wurde 1710 von seinem Vorfahr Christoph von Graffenried gegründet und hat bis heute eine Art Berner Bär im Wappen.

Text Ralf Kaminski
Fotos Michael von Graffenried
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Michael von Graffenried mit einem Bär aus dem Naturhisorischen Museum Bern. In der Umgebung von New Bern kann man durchaus auch echten Bären begegnen. (Bild: Dan Cermak)

Michael von Graffenried weiss nicht mehr über seinen Vorfahr Christoph, als in den Geschichtsbüchern steht. Nicht mal, ob er in direkter Linie von ihm abstammt. «Unsere Familie ist so riesig, da ist es schwierig, den Überblick zu behalten.» Und er sieht auch nur wenige Parallelen zwischen sich und dem Abenteurer, der sich 1710 mit weiteren Siedlern aus der Schweiz und Deutschland an einem Flusslauf der amerikanischen Ostküste niederliess und den Flecken New Bern taufte (siehe Box unten). Heute hat das Städtchen im US-Bundesstaat North Carolina gut 30’000 Einwohner.

«Christoph war das schwarze Schaf der Familie – auch wenn das in Zeiten von Black Lives Matter eine problematische Formulierung ist», sagt der 64-jährige von Graffenried. «Er wanderte aus, weil er keine andere Wahl hatte – er hatte Schulden, Krach mit der Familie und hoffte, in der Neuen Welt zu Geld zu kommen.» Gelungen ist das nicht. Schon 1714 kehrte Christoph von Graffenried (1661-1743) enttäuscht und mittellos nach Bern zurück – und führte ein Leben, das in der Familienchronik keine weiteren Spuren hinterliess. 

Ein bisschen sowas wie ein schwarzes Schaf war aber auch Michael von Graffenried – zumindest für eine Weile. «Meine Eltern waren zunächst wenig begeistert, dass ich nach der Matura Fotograf werden wollte. Das hat sich erst geändert, als ich damit erfolgreich wurde und auch internationale Ausstellungen meine Bilder zeigten.»

Zu seinen ersten bezahlten Arbeiten gehörte übrigens 1980 eine Fotoreportage von einer dreimonatigen Indien-Reise, samt eines Porträts von Premierministerin Indira Gandhi vor dem Haus, wo sie  später erschossen wurde – publiziert als Serie im «Brückenbauer», Vorgänger des Migros-Magazins.

Und auch von Graffenried hat etwas von einem Abenteurer, reist er für seine Fotoprojekte doch in aller Welt herum und hielt sich dabei durchaus schon in gefährlichen Gebieten auf, etwa in Algerien oder im Sudan, um dort Terror und Krieg zu dokumentieren. «Ich mache das nicht, weil ich besonders mutig oder abenteuerlustig wäre. Aber ich gehe gerne an Orte, wo andere nicht hingehen.» Zu fotografieren, helfe ihm, mit seinen eigenen Ängsten besser klarzukommen. «Ausserdem will ich Menschen ein Gesicht geben, die sonst oft übersehen werden.» 

Zwei Welten in einer Stadt

Das hat er auch in New Bern getan. Im kürzlich veröffentlichten grossformatigen Bildband «Our Town» sind Alltagsszenen aus der Kleinstadt zu sehen, komplett unkommentiert. «Mit Absicht – so kann man sich ganz auf die Fotos einlassen.» Deutlich zu erkennen ist dabei, dass es in New Bern zwei Welten gibt, eine weisse, eher wohlhabende, und eine schwarze, eher weniger privilegierte. «Zwei Welten, die sich kaum je begegnen», wie von Graffenried feststellen musste. «Es gibt nicht mal gemischte Paare – verlieben sich ein Weisser und eine Schwarze, ziehen sie bald weg.»

Sein Fotoprojekt begann 2006 für eine Ausstellung der Organisation Swiss Roots, für die er angefragt wurde. «Ich war in den 1980er-Jahren schon mal in New Bern, seither aber nie wieder.» Er wusste zwar vage, dass der Ort auf seine Familie zurückging, empfand dies aber nie als etwas Besonderes. «Es ist eine langweilige Stadt, oft habe ich mich gefragt, was ich eigentlich hier mache. Aber das hat mich gezwungen, genau hinzusehen.» Doch immerhin wurde Pepsi-Cola 1893 in New Bern erfunden, ursprünglich unter den Namen «Brad’s Drink» von einem Apotheker namens Caleb Bradham.

Stolz auf die historische Verbindung zum Stadtgründer ist er nicht. «Ich finde es ziemlich furchtbar, was diese Siedler den Ureinwohnern angetan haben. Und ich staune ehrlich gesagt, dass Christoph von Graffenrieds Büste noch immer so unbehelligt vor dem Rathaus steht.» Die Statue zu Ehren des Gründervaters ist auch im Bildband zu sehen, auf dem vorletzten Foto – allerdings kann man sie leicht übersehen, weil eine wohlgenährte Frau, die ein Hängebauchschwein an der Leine spazieren führt, alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

An die Vernissage der Ausstellung 2006 in der Bank of the Arts kamen nur Weisse. Von Graffenried entschied dann 2010 im Nachgang der 300-Jahr-Feiern zur Gründung von New Bern, weiter zu fotografieren – und zwar vermehrt im anderen, schwarzen Teil der Stadt. Doch das war gar nicht so leicht. 2016 besuchte er deshalb gezielt den Gottesdienst einer schwarzen Kirchgemeinde – und erweckte als einziger Weisser natürlich grosse Aufmerksamkeit. «Der Pastor bat mich, nach vorne auf die Kanzel zu kommen, mich vorzustellen und zu erklären, weshalb ich hier bin.»

Unter den Weissen hatte sein Name einige Türen geöffnet, den Schwarzen jedoch war diese Siedler-Historie  ziemlich egal. Aber durch diesen Gottesdienst lernte er den Sportlehrer und Sozialarbeiter Taurence kennen – einen grossen, schweren, offenen und gut vernetzten Mann. «Wir haben uns auf Anhieb verstanden, und er hat mir dann Zugang zum anderen New Bern verschafft.»

Wenig begeistert von den Fotos

Die anfängliche Offenheit für den Nachfahren des Ortsgründers änderte sich rasch, als das Establishment von New Bern dessen Fotos zu sehen bekam. «Sie hatten sich schöne Bilder erhofft, die sich touristisch verwerten lassen, denn das Stadtzentrum ist recht hübsch und durchaus eine Reise wert. Stattdessen bekamen sie einen realistischen Blick auf ihre Stadt.»

Teilweise habe man die Fotos als rassistisch empfunden. Von Graffenried lächelt amüsiert. «Dabei haben meine Bilder schlicht den getrennten Alltag dokumentiert, der in New Bern halt herrscht. Und wenn ich so dazu beitragen kann, dass mehr diese Ungleichheit erkennen, könnte das vielleicht auch ein weiterer Schritt zur Besserung sein. Erst wenn man eine Realität erkennt und akzeptiert, kann man daran arbeiten.» Er ist nun gespannt, was für Reaktionen er auf sein Buch «Our Town» erhält, das in den USA Ende Juni erschienen ist.

Visa nur mit Hilfe des US-Botschafters

Der Fotograf hofft, dass er dieses Jahr noch nach New Bern reisen kann, um sein Buch persönlich vorzustellen. Sein letzter Besuch, zur Präsidentschaftswahl im November 2020, liess sich nur mit einem Spezialvisum dank der persönlichen Fürsprache des damaligen US-Botschafters in der Schweiz organisieren, da Einreisen wegen Corona weitgehend unmöglich waren. Der Botschafter unterstützte ihn, weil er von einer Grossaufnahme von Graffenrieds angetan war, die in der Berner US-Botschaft hängt: Es zeigt die River Rats, das Baseball-Team von New Bern.

Und gerade dieser letzte Besuch erwies sich fotografisch als besonders ergiebig. «Die politische Polarisierung des Landes war auch in New Bern unübersehbar, aber mir schien, dass die Schwarzen im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung selbstbewusster geworden sind.»

Ein Foto zeigt Wählerinnen und Wähler beim Schlange stehen vor dem Wahllokal – zwei ältere Herren, Anhänger von Trump, ohne Maske, mit etwas Abstand zwei Biden-Wählerinnen mit Maske. Am Ende obsiegte in New Bern übrigens Donald Trump mit 52 Prozent der Stimmen. «Es leben eben auch viele Weisse dort, denen es nicht sonderlich gut geht, insbesondere traumatisierte Kriegsveteranen mit Renten, die nirgends hinreichen.» 

Mit einem der besser situierteren Trump-Anhänger ist er heute gut befreundet, trotz politisch gegenteiliger Ansichten. «Jay ist Kleinunternehmer und grosser Waffenfan, aber total gutmütig. Er hat mich sehr unterstützt und mir viele Türen geöffnet.»

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Diese USA-Karte aus dem Jahr 2006 soll alle Ortschaften mit Schweizer Bezug zeigen, gilt jedoch bei der Swiss American Historical Society als umstritten. Sie gibt also nur eine ungefähre Vorstellung zur Schweizer Siedlungsgeschichte in den USA, dürfte jedoch nicht akkurat sein. (Karte: Erdmann & Chau Schmocker, Chicago, Illinois & Consulate General of Switzerland; Chicago, Illinois)

Die Gründung von New Bern

Christoph von Graffenried (1665-1731) gilt als offizieller Gründer der US-Kleinstadt New Bern in North Carolina. Der aus einer vermögenden Berner Patrizierfamilie stammende Baron aus Worb hatte sein Glück zuvor erfolglos in Frankreich und England versucht und war tief verschuldet, als er sein Amerika-Abenteuer begann. Via England segelte von Graffenried mit Schweizer und deutschen Siedlern über den Atlantik. Im September 1710 gründete er am Zusammenfluss von Neuse und Trent die Siedlung New Bern. 

Viel Glück war den ersten Siedlern jedoch nicht beschieden. Schon bald begannen die in zeitgenössischen Dokumenten als «Indianerkriege» bezeichneten Kämpfe mit den lokalen Stämmen. 1711 geriet er gar selbst in Gefangenschaft und kam nur dank seines Verhandlungsgeschicks mit dem Leben davon. Die Kolonie wurde schliesslich vom Stamm der Tuscarora überrannt und fast ausgelöscht. Zermürbt von den vielen Konflikten verliess von Graffenried New Bern 1713 und kehrte 1714 in die Schweiz zurück. Die Swiss American Historical Society hat die Geschichte der Besiedelung von New Bern zum 300-Jahr-Jubiläum 2010 im Detail aufgearbeitet und publiziert (nur auf Englisch verfügbar).

Neben der Büste, die heute beim Rathaus steht, ist der Gründer auch sonst noch präsent in New Bern. Es gibt einen De Graffenried Park und eine De Graffenried Street. Der Berner Bär findet sich nicht nur im Wappen der Stadt, ein Sportteam der High School heisst «New Bern Bears». Und Polizeiautos zeigen einen Bär gekoppelt mit dem Slogan «Proud to wear the Bear!» (Stolz darauf, den Bären zu tragen).

Viele US-Orte von Schweizern gegründet

New Bern gehört offenbar zu den ersten von Schweizern gegründeten Orten in den USA überhaupt. Es gibt noch Dutzende mehr, darunter Bern in Idaho, Bern in Kansas und Berne in Indiana, aber auch Zurich in Montana, Tell City in Indiana oder Helvetia in West Virginia. Schweizer waren auch beteiligt an der Gründung der heutigen Metropolen Denver (Colorado) und Pittsburgh (Pennsylvania).

Rund 25’000 Schweizerinnen und Schweizer wanderten laut dem Swiss Center allein zwischen 1700 und 1776 in die USA aus – besonders viele waren es zwischen 1880 und 1890. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es dann deutlich nachgelassen. 2019 wurden in den USA 905 079 Einwohner mit Schweizer Wurzeln gezählt, am meisten in den Bundesstaaten New York, Pennsylvania und Kalifornien.

Zu Beginn hatte von Graffenried auch versucht, Nachfahren des Gründers in der Stadt zu finden. Denn dessen Sohn, der ebenfalls Christoph hiess, war damals in Amerika geblieben. Heute leben laut Recherchen von Swiss Roots über 10’000 seiner Nachfahren in den USA, über 1000 mit dem Namen von Graffenried. «Aber die sind wohl im ganzen Land verstreut. Angeblich gibt es irgendwo auch schwarze Nachfahren, die würde ich gerne kennenlernen. Bisher ist es mir jedoch nicht gelungen, sie aufzuspüren.»

Entfernt verwandt mit früherer Präsidentengattin

Die prominenteste entferne Verwandte ist übrigens Laura Bush, Gattin des früheren US-Präsidenten George W. Bush – sie stammt offenbar direkt vom ersten in den USA geborenen von Graffenried ab.

Michael von Graffenried pendelt meist zwischen Bern und Paris, besucht mit seiner Frau aber auch regelmässig die beiden erwachsenen Töchter in Genf. Sein nächstes Projekt führt ihn nun nach Ungarn. Ab August ist er für vier Monate «artist in residence» der Landis+Gyr Kulturstiftung in Budapest.

Was daraus entsteht, weiss er noch nicht. «Aber nur schon politisch ist es derzeit sehr spannend dort – mal sehen, was sich ergibt.» Sein Anspruch wird dabei derselbe sein wie immer: Möglichst ohne Vorurteile schauen, was ist – und der Realität mit der Kamera einen Spiegel vorhalten. 

Weitere Infos: mvgphoto.com
«Our Town» gibt es auch bei exlibris.ch

Michael von Graffenried über sein Fotoprojekt in New Bern. (in Englisch)

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