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Migros-Gründer rettete Schildkröten

Zu Besuch bei Duttis Panzertieren

20 000 Schildkröten hat Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1954 vor dem sicheren Tod bewahrt. Viele von ihnen sind noch immer quicklebendig – so etwa die drei Tiere, die Andrea Holenstein aus Stachen TG ins Herz geschlossen hat.

Text Michael West
Fotos Anna-Tina Eberhard
Bei der Familie Holenstein leben drei Schildkröten, die es 1954 in der Migros zu kaufen gab.

Bei der Familie Holenstein leben drei Schildkröten, die es 1954 in der Migros zu kaufen gab.

Am Morgen hat es heftig geregnet, und der Garten von Familie Holenstein trieft noch immer vor Nässe. Doch die drei Schildkröten mit den prächtig gemusterten Panzern scheint das nicht im Geringsten zu stören. Gemächlich bahnen sie sich den Weg durch Gras und Blumen, ab und zu beissen sie mit ihren schnabelartigen Mäulern in ein saftiges Blatt. Die Tiere haben etwas Urtümliches: Betrachtet man sie von ganz nahe, erinnern sie ein wenig an Dinosaurier in einem tropischen Wald.

Andrea Holenstein findet die Schildkröten faszinierend. «Sie sind absolut eigenständig und ganz auf sich selbst bezogen», sagt die 43-jährige Metallbauzeichnerin. «Anders als andere Haustiere kann man sie nicht verniedlichen und vermenschlichen.» Trotzdem tragen die drei Echsen Namen, die auch gut zu einer Katze oder einem Hund passen würden: Das grösste Tier, ein Zwitter, heisst «Gipsy», die beiden Weibchen nennt die Besitzerin «Speedy» und «Die Kleine».

Schildkröten im Paradies

Andrea Holenstein und ihr Mann, der 42-jährige Konstrukteur Michael Koller, kümmern sich schon seit 24 Jahren liebevoll um das Echsentrio. Die Schildkröten gehören fast so zur Familie wie die drei Kinder Dominik (21), Sabrina (17) und Manuel (3). Die Familie aus dem Thurgauer Dorf Stachen hat den Tieren ein kleines Paradies eingerichtet. Sie bewohnen unter freiem Himmel ein Gehege; wenn jemand zuhause ist und aufpasst, dürfen sie sich auch im ganzen Garten bewegen. Gefüttert werden die Schildkröten quasi nach dem Prinzip «Aus der Region. Für die Region»: Sie bekommen nur frische Kost aus dem Garten – zum Beispiel Peterli, Spinatblätter, Endividen und als besondere Delikatesse ab und zu eine Erdbeere.

Andrea Holenstein und ihr Sohn Manuel haben die Panzertiere ins Herz geschlossen.

Andrea Holenstein und ihr Sohn Manuel haben die Panzertiere ins Herz geschlossen.

Dass die Schildkröten sehr gut gehalten werden, ist ihnen anzusehen: «Trotz ihres Alters von mittlerweile rund 70 Jahren haben sie keinerlei Missbildungen am Panzer», erklärt Andrea Holenstein. «Auch der Glanz ihrer Augen verrät, wie gut es ihnen geht.»

Die heutige Besitzerin bekam die Tiere 1997 als Geschenk von einer Grosstante aus Rapperswil SG. Die inzwischen verstorbene Frau hatte sich liebevoll um die Schildkröten gekümmert. Sie musste sich schweren Herzens von ihnen trennen, als sie aus ihrem Haus in eine Wohnung ohne Garten umzog. Gekauft hatte die Tante das Echsentrio 1954 – nicht etwa in einer Tierhandlung, sondern in der Migros.

In jenem Jahr veranstaltete die Detailhändlerin kurz vor Ostern eine Aktion, die heute fast schon bizarr wirkt: In der ganzen Schweiz verkaufte sie 20 000 Griechische Landschildkröten zum Kampfpreis von 3 Franken pro Tier. Aus hygienischen Gründen wurden die Echsen nicht in den Läden, sondern im Freien an improvisierten Ständen feilgeboten. Zuvor war in der damaligen Migros-Zeitung «Brückenbauer» ein Inserat mit folgendem Wortlaut erschienen: «Osterüberraschung für die kleinen und grossen Tierfreunde: lebende Schildkröten.» Überall standen die Leute Schlange; alle wollten die exotischen Panzertiere kaufen.

Bei der exotischen Aktion ging es der Migros vor allem um das Wohl der Tiere. Die Schildkröten kamen aus Jugoslawien. In der Schweiz machten sie nur einen Zwischenstopp. In welches Zielland der Transport gehen sollte, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Fest steht aber, dass den Echsen ein grausames Schicksal drohte: Sie sollten zu Suppe verarbeitet und in Konservendosen abgefüllt werden.

 

«Dutti» als Tierretter

Der Weitertransport der Tiere verzögerte sich aus unbekannten Gründen; die Echsen sassen in der Schweiz fest. Weil sich niemand um sie kümmerte, wären sie bald verendet. Hier kam Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Spiel: Kurzentschlossen kaufte er die Schildkröten und gab sie zum Selbstkostenpreis an die Kundinnen und Kunden weiter.

Duttweiler war es sehr wichtig, dass die Echsen ein gutes Zuhause bekamen: Schon beim Kauf der Schildkröten gab es ein Merkblatt zur richtigen Haltung. Im «Brückenbauer» erschien in den folgenden Wochen eine Artikelserie mit vielen Tipps zur Fütterung und Pflege. Und tatsächlich fanden die Schildkröten in vielen Fällen fürsorgliche Besitzerinnen und Besitzer: In den folgenden Jahrzehnten erreichten den «Brückenbauer» und später das «Migros-Magazin» immer wieder Zuschriften mit Fotos von Migros-Schildkröten in bester Verfassung. Die langlebigen Tiere wurden teils wie Erbstücke von einer Generation an die nächste weitergereicht.

Drei der 1954 verkauften Schildkröten: «Gipsy», «Speedy» und «Die Kleine».
Drei der 1954 verkauften Schildkröten: «Gipsy», «Speedy» und «Die Kleine».

Wie im Fall von Andrea Holenstein. Sie ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie engagiert man für Schildkröten sorgen kann. Die Thurgauerin schaffte sich extra Fachbücher an, um mit den Tieren nichts falsch zu machen. Ihren drei Kindern brachte sie schon früh bei, die drei Echsen stets sehr behutsam zu behandeln. Es gilt die Regel: «Ein Tier ist für sich selber da und nicht für die Kinder.»

In ihrem Gehege bekamen die Schildkröten ein kleines Glashaus, das im Frühling und Herbst die Tageswärme speichert, so dass es die Echsen nachts nicht zu kalt haben. Wenn im Sommer die Temperaturen steigen, öffnet sich automatisch das Dach der Behausung. Bevor es Winter wird, richtet die Familien den Echsen in der Garage einen schönen Schlafplatz ein; sie schichtet ein Haufen aus Erde, Blättern und gehäckselter Rinde auf. Danach graben sich die Tiere ein, um bei 9 Grad Celsius ihre Winterruhe zu halten.

Die gute Behandlung haben die Schildkröten den Holensteins gedankt, indem sie einfach immer da waren. Nie kam es zu einem schmerzlichen Abschied wie etwa bei zwei Meerschweinchen, die nach über acht Jahren an Altersschwäche starben. Und so wie es aussieht, werden «Gipsy», «Speedy» und «Die Kleine» der Familie noch lange Freude machen: Griechische Landschildkröten haben eine Lebenserwartung von bis zu 100 Jahren.

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