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Erziehung

Mein Kind hat mich bestohlen

Klaut der eigene Nachwuchs innerhalb der Familie, ist das für Eltern oft ein grosser Schock. Was steckt dahinter? Und wie geht man damit um?

Text Kristina Reiss
Datum
Meist sehen es die Kleinen nicht als Diebstahl, sondern sind überzeugt: «Ich lege es irgendwann wieder zurück.». (Bild: iStock)

Meist sehen es die Kleinen nicht als Diebstahl, sondern sind überzeugt: «Ich lege es irgendwann wieder zurück.». (Bild: iStock)

Seit Tagen fehlt aus den Portemonnaies der Eltern immer wieder Geld. Schliesslich hat die Mutter einen Verdacht – und findet die entsprechenden Scheine und Münzen prompt im Zimmer des neunjährigen Sohnes. Dieser streitet zunächst alles ab, muss dann aber klein beigeben. Die Folgen: Tränen und Scham beim Kind, Entsetzen bei den Eltern: «Unser Kind beklaut uns?», «Was haben wir falsch gemacht?» Und vor allem: «Wie kommen wir da wieder raus?»

Ina Blanc, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Uni Basel, sagt: Klaut der Nachwuchs im Primarschulalter, sollten Eltern nicht überreagieren. «Kindern ist der Wert des Geldes oft nicht bewusst.» Meist sehen es die Kleinen nicht als Diebstahl, sondern sind überzeugt: «Ich lege es irgendwann wieder zurück.» Eltern sollten ihnen jedoch die Bedeutung ihrer Handlung erklären und die dahinterliegenden Motive verstehen.

Ein massiver Vertrauensbruch

Der Neunjährige konnte diese sehr genau erklären. «Ich hätte so gerne eine Playstation. Ihr sagt immer, ich soll darauf sparen. Aber mit meinem Taschengeld schaffe ich das nie!» Ina Blanc weiss: «Spielkonsolen können grossen sozialen Druck ausüben, weil auch bei Kindern viele Interaktionen über den Bildschirm laufen.» Wer keine hat, gehört nicht dazu. Eltern müssten hier klar Stellung beziehen: Sind sie generell gegen die Anschaffung, sollten sie dem Kind die Gründe erklären. Andernfalls sei zu überlegen: Unter welchen Bedingungen wollen wir ihm eine Konsole ermöglichen?  «Nur zu sagen Das musst du selbst finanzieren ist nicht fair, weil das für ein Kind kaum realisierbar ist», so die Psychologin.

Lässt der Nachwuchs Dinge mitgehen, erleben Eltern dies oft als massiven Vertrauensbruch. Vor allem wenn es innerhalb der Familie geschieht. Aus dem elterlichen Portemonnaie entwendetes Geld ist für viele deshalb schlimmer als ein in der Migros geklauter Kaugummi. «Eltern wollen Kinder irgendwann in die Selbstständigkeit entlassen», begründet Ina Blanc, «was jedoch Vertrauen voraussetzt.» Vertrauen, das nun wieder aufgebaut werden muss – in dem das Kind etwa zeigt, dass es sich an Regeln hält und zur vereinbarten Zeit zu Hause ist oder seine Hausaufgaben wie abgesprochen erledigt. So dass die Eltern sehen, dass sie sich auf das Kind verlassen können.

Der Neunjährige etwa räumte zwei Wochen lang den Geschirrspüler aus. Ausserdem vereinbarten die Eltern mit ihm einen Sparplan: Erreicht er diesen (mit Hilfe von Geburtstagsgeld von Verwandten und kleinen Extra-Ämtli), steuern sie den Rest zur Playstation bei. «Eine gute Lösung», findet Ina Blanc. «So realisiert der Junge, dass ihm ein Fehler unterlaufen ist, kann ihn wieder gut machen und hat vor allem eine Perspektive.»

So reagieren Eltern am besten

Auf keinen Fall moralisieren («Du hast mich so enttäuscht!»), überreagieren oder stigmatisieren («Mein Kind ist kriminell!»). Auch Kinder dürfen Fehler machen.

Stattdessen:

  • Motivation ergründen: Warum hat das Kind geklaut? (War es eine unüberlegte Handlung? Wurde es von Gleichaltrigen unter Druck gesetzt? Bekommt es genug Taschengeld? Will es auf seine Art Gerechtigkeit herstellen, weil die Eltern zuletzt wenig Zeit hatten? Möchte es Freunde «kaufen»?)
  • Gemeinsam überlegen, wie es wieder gut zu machen ist (Kind gibt Geld/ Gegenstand an Besitzer*in zurück und übernimmt zum Beispiel ein zusätzliches Ämtli im Haushalt). Kinder sollten die Konsequenzen ihres Handelns erleben und daraus lernen können.
  • Aufklären: Was ist Geld? (Zur leichteren Einordnung evtl. erzählen, wieviel die Eltern pro Stunde verdienen) Was ist Eigentum? (Wo fängt «Mein» an, wo «Dein»?)
  • Umgang mit Geld üben: Das Kind Einkaufen gehen und Rückgeld mitbringen lassen

(Quelle: Ina Blanc, Kinder- und Jugendpsychologin)

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