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Auf der Alp

Hier ist Schwein gerne Schwein

Eine Wiese zum Pflügen, frische Molke zum Trinken und Bergluft in der Nase: Alpschweine haben Schwein, so auch die von Dominik Lendi hoch über dem Walensee. 

Text Yvonne Samaritani
Fotos Paolo Dutto
180333

Jungschweine auf der Alp Schwaldis oberhalb von Waldstadt Berg SG. Die Schweine haben Tag und Nacht Auslauf. 

Schweine sind neugierig», sagt Dominik Lendi. Als möchte es den Alpmeister be­stätigen, tritt das Schwein einen Schritt näher, hebt den Kopf und drückt die feuchte Nase direkt auf die Linse der Kamera. «Okay, das letzte Bild wird unscharf», sagt der Fotograf lachend und sucht in seiner Hosentasche nach einem Tuch, um die Linse zu polieren. Alpmeister Lendi lacht. Bei ihm sind gerade 40 Jungschwei­ne eingezogen, die über den Alpsommer bleiben – es herrscht eine Stimmung wie am Anfang eines Jugendlagers.

Die Alp Schwaldis liegt hoch über dem Walensee, quasi ein Ringelschwänzchen entfernt von den Churfirsten. Dominik Lendi ist Bauer, sein Hof liegt weiter unten in Walenstadt Berg SG. Seine Kühe sömmern auf der Alp, die er mit anderen Bauern pachtet. Das Sennenpaar Michelle Burtscher und Roman Riegg produziert aus der Milch der 60 Kühe täglich 24 Laibe Alpkäse, die in der Region verkauft werden. Die rund 1000 Liter Schotte (Molke), die beim Käsen zurückbleiben, werden vom Käse­chessi in die Schweinetröge gepumpt.

Der Grunzverstärker

Das schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Verschütten dürfen die Älpler das Abfall­produkt aus der Käserei schon lange nicht mehr. Acht bis zehn Liter trinkt jedes Schwein täglich davon. Wenn der Hunger gestillt ist, suhlen sie sich darin. Ist der Trog leer, trotten die einen in den Schat­ten vor den Stall, die legen sich drinnen ins Stroh. Sie meiden die pralle Sonne. In den ersten Tagen haben sie sich einen leichten Sonnenbrand geholt – «das gehört am Anfang des Alpsommers dazu», sagt Lendi. So wie ein paar Blessuren hin­ter den Ohren, weil unter den drei Monate alten Tieren zuerst mal unter lautem Ge­quietsche ausgemacht wird, wer wie viel zu sagen hat.

Am zweiten Tag auf der Alp haben die Schweine eine Entdeckung gemacht: Am Ende des Trogs führen fünf Treppenstufen hinunter zu einem langen Tunnel. Wer hindurchtrottet findet dahin­ter eine grosse Wiese. Der Säulitunnel lässt immer wieder Wanderer und Biker kurz pausieren, weil er gleich unter dem Alpweg hindurchführt und das Gegrunze der Tiere darin verstärk.

Das Alpleben der Schweine in Bildern

Vierzig Quadratmeter Naturboden für die Schweine fordert das Alpschweinpro­gramm, an dem sich die Alp Schwaldis beteiligt. Das ist in Sachen Tierwohl das höchste, was die Schweiz kennt. Stall und Rohr sind Tag und Nacht offen, sodass sich die Tiere frei hin und her bewegen können. «Die haben ihre Nasen in allem drin», sagt Dominik Lendi auf die Frage, wie lange die Wiese wohl noch so schön aussehe. Unter dem Baum haben die Schweine bereits ein Loch gegraben, Gras und Wurzeln sind alle gefressen – ein paar Würmer wohl inklusive. Bis in den Spätsommer sei da nicht mehr viel Grün zu sehen: «Dafür pflügen sie zu gern. Selbst grössere Steine schieben oder rollen sie mit ihren Nasen, um zu schauen was sich drunter versteckt.» Auf dem offiziellen Speiseplan der Schweine stehen Schotte und Ergänzungsfutter aus Getreide, das im Trog gemischt wird.

Fressen, suhlen, pennen

Das Leben der Alpschweine im Video.

Wenn die Schweine auf die Alp kommen, wiegen sie rund 50 Kilo. Auf der Alp gibts keine Waage, es lässt sich aber auch ohne feststellen, dass es neben den emsigen Pflügern auch welche gibt, die locker 18 Stunden und mehr vom Tag verschlafen und verdösen. «Es darf hier noch so sein, dass die Schweine unterschiedlich schnell zunehmen», sagt Dominik Lendi. Die Jungschweine stammen aus einer Zucht mit IP­Suisse­ Standard. Für die grossen Tiere endet der Alpsommer Ende August, die leichteren Säuli bleiben zwei Wochen länger, bis auch sie 110 bis 120 Kilo wie­ gen und zum Schlachthof in Bazenheid SG gefahren werden.

Alpschwein in der Migros

Das Fleisch der Alpschweine ist dank artgerechter Bewegung, langsamerem Wachstum, frischer Luft und nährstoff­reicher Fütterung besonders saftig, zart, aromatisch und hat einen kernigen weissen Speck. Alpschwein ist im September in Filialen der Migros Zürich und der Migros Luzern in der Selbstbedienung erhältlich, solange Vorrat.

Der Schweizer Tier­schutz macht sowohl auf der Alp als auch auf dem Weg zum Schlachthof regelmäs­sig unangemeldete Kontrollen. «Das ist richtig so und für uns nie ein Problem. Wir wissen, dass es unsere Tiere gut bei uns haben», sagt Dominik Lendi. Fürs Einhal­ten aller Kriterien inklusive Gewässerschutz und Landschaftspflege bekommt die Sentengesellschaft der Alp Schwaldis Planungssicherheit. Die Bauern haben eine Abnahmegarantie für alle Tiere und wissen vom ersten Alptag an, wie viel Geld sie fürs Alpschwein bekommen.

Auf rund 60 Alpbetrieben in der Schweiz werden Alpschweine nach dem Pro­gramm der Linus Silvestri AG gehalten. Die Migros Genossenschaft Zürich ist mit 800 Tieren grösste Abnehmerin.

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