Navigation

Paralympics

«Meine Fernsehpräsenz soll anderen Mut machen»

Jahn Graf moderiert die Paralympics im SRF Magazin «Para-Graf 2020». Der 31-jährige Innerschweizer sitzt selber im Rollstuhl und führt seit sechs Jahren den Youtube-Kanal «Jahns rollende Welt».  

Text Barbara Lukesch
Fotos Herbert Zimmermann
176137

Vom 24. August bis am 5. September moderiert Jahn Graf die Sendung «Para-Graf 2020» auf SRF2.

Jahn Graf ist von Geburt an spastisch gelähmt. Er spürt zwar seine Beine, aber weil er seine Muskeln nicht koordiniert an- und entspannen kann, fällt es ihm schwer zu gehen und er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Auch seine Feinmotorik ist beeinträchtigt und so kann er seine Hände, vor allem die linke, nur eingeschränkt gebrauchen. Wenn er müde oder nervös ist, kann sich die Spastik auch in seiner Stimme bemerkbar machen und er hat Mühe, die Wörter flüssig herauszubringen oder beginnt zu «giebschen», wie er es nennt. Trotz dieser Behinderungen hat Jahn Graf vor sechs Jahren seinen eigenen Youtube-Kanal «Jahns rollende Welt» gegründet und präsentiert dort Interviews mit Menschen, die er spannend findet. Unter den inzwischen 200 Personen sind auch Prominente wie der Komiker Dominic Deville, SP-Co-Präsident Cédric Wermuth oder der erfolgreiche Rollstuhlsportler Marcel Hug.

Jahn Graf, wie haben Sie es geschafft, das Fernsehen auf sich aufmerksam zu machen und Moderator der Sendung «Para-Graf 2020» zu werden?

Der Produzent kannte mich, weil ich für die Sendung «Tabu», in der es um Behinderungen ging, bereits einmal drei Tage mit ihm zusammengearbeitet habe. Dazu hat «Jahns rollende Welt» inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad und man kann sich dort davon überzeugen, dass ich viel Interviewerfahrung habe und ein sehr kommunikativer Mensch bin.

Wie haben Sie reagiert, als die Anfrage kam?

Ich habe spontan zugesagt. Schliesslich war es immer schon mein Traum, einmal eine eigene Fernsehsendung moderieren zu dürfen. Ich bin jemand, der schnell einmal etwas wagt und sich erst im Nachhinein überlegt, was dabei alles schief gehen könnte.

Sie könnten unter Lampenfieber leiden...

Eine gesunde Portion Lampenfieber habe ich bereits im Vorfeld gespürt. Denn das Gesicht einer täglichen Sendung zu sein, ist natürlich eine Riesenherausforderung für mich. Es ehrt mich, diese Chance bekommen zu haben, aber gleichzeitig empfinde ich auch die Verpflichtung, es gut zu machen und den Parasport einem möglichst breiten Publikum näherzubringen.

«Para-Graf 2020» wird auf SRF zwei ausgestrahlt und beginnt jeweils um 19 Uhr, also zur besten Sendezeit. Die Sendung setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: Unter anderem aus Zusammenfassungen der sportlichen Höhepunkte des Tages, Reaktionen der Schweizer Paralympics-Teilnehmenden, Hintergrundberichten wie einer Reportage zur Entwicklung des neuen Renn-Rollstuhls von Marcel Hug oder einem Besuch am Institut für Robotik an der ETH Zürich und einem Interview mit einem Studiogast. Jahn Graf ist an der Realisierung dieser Beiträge beteiligt und erhält seit einiger Zeit ein Moderations-Coaching, bei dem er mit den Abläufen der Sendung vertraut gemacht wird.

Welche Beziehung zum Sport haben denn Sie?

Ich bin sehr breit an Sport interessiert und liebe vor allem Teamsportarten wie Eishockey oder Rugby. Grossanlässe wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften verfolge ich regelmässig. Dazu kenne ich die Schweizer Parathleten-Szene gut. Leute wie der Handbiker Heinz Frei, der sich jetzt mit 63 erneut qualifiziert hat und nach Tokio reist, haben mich schon immer fasziniert. Die Nachwuchs-Hoffnung Nalani Buob, eine Tennisspielerin aus dem Kanton Zug, hatte ich bereits einmal in «Jahns rollender Welt» zu Gast.

Wie werden Parathleten und Parathletinnen wahrgenommen? Welchen Stellenwert haben ihre Spiele?

Die Paralympics sind ein Grossereignis, das sehr viele Menschen auch ohne Behinderung interessiert. Insofern können sie Brücken bauen, sie können als Türöffner für mehr Verständnis wirken und dem Thema Behinderung Sichtbarkeit verschaffen, was die Voraussetzung dafür ist, dass so etwas wie Normalität entstehen kann. Gleichzeitig aber weiss ich von vielen Sportlern, dass sie nicht in erster Linie dafür bewundert werden wollen, dass sie trotz ihrer Einschränkung Sport treiben, sondern sich wünschen, dass ihre Leistung an sich gewürdigt wird.

Treiben Sie selber auch Sport?

Ich konzentriere mich auf die Fitness-Lektionen bei einer Personal Trainerin, die mich vor allem beim Aufbau von Kraft und der Erhaltung einer gewissen Beweglichkeit unterstützt. Die Spastik, die mit einer andauernden körperlichen Anspannung verbunden ist, hat es mir verunmöglicht, mehr und intensiver Sport zu treiben.

Gibt es andere Bereiche, in denen Ihre Behinderung Ihnen das Leben richtig schwer macht?

Zu kämpfen habe ich vor allem mit den Vorurteilen der Gesellschaft. Wer mich nicht kennt, meint schnell einmal, ich sei kognitiv eingeschränkt. Dabei bin ich geistig völlig normal. Aber mit diesem diskriminierenden Bild sind fast alle Rollstuhlfahrer*innen konfrontiert.

Jahn Graf versucht, den Gender-Stern deutlich zu machen, indem er eine winzige Pause beim Sprechen einlegt. Er hat ein feines Gespür für die Nuancen der Sprache und legt Wert auf angemessene Bezeichnungen: So spricht er von sich als «Mensch mit einer Behinderung» oder «Beeinträchtigung», gern auch mal als Rollstuhlfahrer, dem er die Fussgänger*innen gegenüberstellt.

Wie ist es mit der Liebe und Partnerschaft? Spüren Sie in diesem Bereich Einschränkungen?

Wenn Sie mich das als jungen Mann anfangs 20 gefragt hätten, hätte ich diese Frage sicherlich bejaht. Aber inzwischen habe ich ein differenzierteres Bild. So sitzt ein Onkel von mir seit einem Unfall im Rollstuhl, hat aber eine Familie und ist sehr glücklich. Ich selber hatte auch schon eine feste Beziehung, die rund ein halbes Jahr dauerte. Das war sehr schön, (lacht), wobei es mir wohl primär darum ging mir zu beweisen, dass ich das auch hinkriege.

Sind Plattformen wie Tinder oder Parship für Sie eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen?

Damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Als ich mich zunächst ohne Rollstuhl zeigte, gab es zwar Anfragen, aber als ich dann mit der Wahrheit herausrückte, hiess es: «Oh, sorry, das hätte ich vorher wissen müssen.» Und als ich mich auf dem Rollstuhl präsentierte, hiess es häufig: «Wow, mega-cool, dass du auch da bist, aber für mich ist eine solche Beziehung nichts.» Das schlägt mir genauso auf die Stimmung wie den Parathleten, die zu Helden glorifiziert werden statt dass ihre sportliche Leistung gefeiert wird.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Fernsehengagement, das Sie mit Sicherheit innert Kürze zu einer ziemlich bekannten Person machen wird?

Schön wäre, wenn meine Fernsehpräsenz auch anderen jungen Menschen mit einer Behinderung Mut machen würde, sich mehr zuzutrauen und beruflich selbstbewusster zu werden. Für mich persönlich ist es zudem eine Chance, meine Fähigkeiten einem noch grösseren Publikum zu präsentieren. Ich wünsche mir, dass ich meine selbständige Tätigkeit als Moderator so weit ausbauen kann, dass ich mindestens auf einen Teil meiner staatlichen Unterstützung durch IV und Ergänzungsleistungen verzichten kann.

Keine Angst vor negativen Reaktionen?

Sagen wir gesunden Respekt. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, dass mich der Behindertenbonus vor aller Kritik bewahren wird. Es wird sicher den einen oder die andere geben, die finden: «Wie komisch redet der denn!» Damit kann ich aber leben.

176162

Jahn Graf, SRF Moderator Paralympics

Zur Person

Jahn Graf wurde am 14. Mai 1990 in Schwyz geboren. Sein verstorbener Vater war in der Gastronomie tätig, seine Mutter, zu der er eine enge Beziehung hat, arbeitet als Raumpflegerin. Dazu hat er eine jüngere Schwester. Nach einer kaufmännischen Anlehre war er im geschützten Rahmen im Bürobereich tätig. Als er 2015 nach einer schweren Nierenkolik zwischen Leben und Tod schwebte, eine Niere verlor und anschliessend seinen Bürojob körperlich nicht mehr bewältigten konnte, orientierte er sich neu. Er akzeptierte die Abhängigkeit von IV- und Ergänzungsleistungen und gründete seinen Youtube-Kanal «Jahns rollende Welt». Auf dem Weg ist er zum Interview- und Moderationsexperten geworden. Er lebt allein in Cham ZG.

Schon gelesen?