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Der Hoselupf wird urban 

Die Städter kommen in die Gänge

Schwingen, der bäuerliche Hosenlupf vom Lande? Hafechääs! Auch in der Stadt gehen sich die Männer an den Zwilch. Darunter Studenten, Ingenieure und Juristen. Im Keller mit dem Schwingklub Zürich.

Text Flavian Cajacob
Fotos Paolo Dutto
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Schwingen verursacht Schmerzen. Damit muss man in diesem Sport umgehen können.

Tüppig ist bloss der Vorname. Im Schwingkeller des Schwingklubs Zürich herrschen an diesem Abend tropische Verhältnisse. Ein Dutzend Männer steht im Kreis und kreist die Köpfe. «Stärkt die Nackenmuskulatur, schützt vor Verletzungen», ruft Patrick Burkhard in die Runde und diktiert die nächste Übung: Liegestützen im feuchten Sägemehl, bis die Oberarme brennen.

Burkhard, die breite Brust im Edelweisstrikot, leitet die wöchentlichen Trainings der Stadtzürcher Schwinger. In seiner Funktion als Technischer Leiter (steht im Schwingervokabular für Trainer) macht der 30-Jährige einen Trend aus: «Immer mehr Männer entdecken unser Training als ideale Möglichkeit, sich fit zu halten.» Statt in den Boxkeller oder ins Boot Camp zieht es manch einen Bürolisten einmal die Woche in den Schwingkeller.

Zum Besuch im Schwingkeller: die Bilder

Fascht e Familie

Schwingen ist längst in der Gegenwart angekommen. Schwingfeste haben sich in vorpandemischen Zeiten zu regelrechten Mega-Events mit zigtausend Zuschauern entwickelt, die Schwinger selbst sind heute Spitzensportler; Ernährung und mentale Stärke finden im Aufbauplan ebenso Niederschlag wie Technik, Kraft, Athletik und Ausdauer. Doch sei da eben noch viel mehr, was den Nationalsport ausmache, sagt Jonas Zellweger. «Die Kameradschaft, die Stimmung, die Bodenhaftung und der Zusammenhalt, das alles ist sehr ausgeprägt. Wir sind fast so etwas wie eine Familie.» Der 18-jährige entspricht überhaupt nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von einem Schwinger macht: Eher schmal gebaut, die langen Haare zu einem modischen Dutt geknüpft.

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Jonas Zellweger fühlt sich im Schwingkeller wohl. Das Training gibt ihm ein gutes Körpergefühl.

Der Gymnasiast klinkt sich kurz vom Zweikampf mit einem Kollegen aus, um nach Luft zu schnappen. «Die Corona-Pause fordert ihren Tribut, das merkt man erst im Training», sagt Zellweger und wischt sich das Sägemehl aus dem Gesicht. «Aber hey, grundsätzlich verleiht mir das Schwingen einfach ein tolles Körpergefühl!» Seine weiteren Leidenschaften: Moderieren, Klarinette spielen – seit kurzem hat er zusammen mit seiner Freundin einen Kurs in Paartanz in Angriff genommen. Soll noch jemand sagen, Schwinger seien nicht vielseitig!

Nur alle sechs Jahre

Was du zum Kilchberger Schwinget wissen musst

Am 25. September findet das Kilchberger Schwinget statt. Der Anlass nimmt im Festkalender eine besondere Stellung ein. Das Kräftemessen vor den Toren der Stadt Zürich findet nur alle sechs Jahre statt (im aktuellen Fall coronabedingt sogar erst nach deren sieben), eingeladen sind lediglich die 60 besten Schwinger des Landes – die ganz bösen unter den «Bösen» also. Zudem ist kein normales Fussvolk auf den Tribünen zugelassen, die 12’000 Eintrittskarten (heuer 6’000) werden jeweils vom Eidgenössischen Schwingerverband an die verschiedenen Schwingklubs weitergegeben, welche damit wiederum verdiente Mitglieder bedenken.
Ins Leben gerufen wurde der Kilchberger Schwinget 1927 vom Juristen Dr. Emil Huber, der den Schwingern damit die Möglichkeit zur Revanche für die im Rhythmus von drei Jahren ausgetragenen «Eidgenössischen» bieten wollte. Veranstalter des Grossanlasses ist bis zum heutigen Tage der Schwingklub Zürich (siehe Text nebenan). Die Sieger der letzten drei «Kilchberger» tragen allesamt grosse Namen: Jörg Abderhalden (2002), Christian Stucki (2008) und Matthias Sempach (2014).

Während Jonas Zellweger immer wieder mal zum Kräftemessen an einem Schwingfest antritt, gibt es andere, die lieber einen grossen Bogen um den Ernstkampf machen. Das sorgt für ein beträchtliches Leistungsgefälle innerhalb der Gruppe. «Die unterschiedlichen Ambitionen im Training unter einen Hut zu bringen, das ist sicherlich nicht einfach», bemerkt Roger Burkhard, der Bruder des Technischen Leiters und selber Aktivschwinger.

Was er damit meint? Das zeigt sich im selben Moment im Sägemehl, wo ein weniger geübter Fitnessschwinger von einem versierten Zwilchhosenathleten überstellt wird und hernach benommen durchs Sägemehl wankt. «Schwingen verursacht Schmerzen», meint Roger Burkhard, von Beruf Qualitätsprüfer, trocken; «wer das nicht akzeptiert, der ist im Schwingkeller sicherlich fehl am Platz.»

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Roger Burkhard nimmt regelmässig an Schwingfesten teil und ist sich Schmerzen gewohnt.

Exotische Spitzensportler

Zwischendurch mal eins einzufangen, damit bekundet Martin Affentranger überhaupt keine Mühe. Der gebürtige Luzerner studiert an der ETH Erd- und Klimawissenschaften. Vom freundeidgenössischen Hosenlupf ist der 21-Jährige schon seit Kindesbeinen an fasziniert. «Natürlich, als Schwinger bist du in Studentenkreisen nach wie vor ein Exot. Aber gerade die jungen Leute anerkennen Schwingen immer mehr als Spitzensport.»

Affentranger schaut auf die Uhr. Eine halbe Stunde noch dauert das Training. Und danach? «Da bin ich einfach kaputt – auch morgen noch.» Der Student schmunzelt: «Die anstehenden Vorlesungen bringe ich in diesem tiefenentspannten Zustand jeweils bestens hinter mich.»
 

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Als Student im Sägemehl sieht sich Martin Affentranger als Exot.

Gymnasiasten, Studenten, Ingenieure – Männer mit unterschiedlichen Beweggründen und Berufen gehen sich an diesem Abend im Zürcher Schwingkeller an den Zwilch. Selbst ein Jurist ist darunter: Patrick Burkhard, der Technische Leiter des Klubs. «Schwingen hat sehr viel mit Schnellkraft zu tun», sagt der, gefragt nach den typischen Merkmalen des Schwingtrainings. «In der Leichtathletik wären wir wohl eher die Sprinter und weniger die Marathonläufer.» Draussen schüttet es inzwischen aus Kübeln, im Schwingkeller dampft das Sägemehl. Jonas Zellweger und Martin Affentranger greifen noch einmal zusammen. Patrick Burkhard, paniert bis über beide Ohren, feuert seine Kameraden ein letztes Mal an, die wettkampforientierten Aktivschwinger genauso wie jene, die sich im Sägemehl einfach fit halten wollen.

Am nächsten Morgen wird der werdende Anwalt wieder vor Gericht auftreten. Den Schwinger lässt Burkhard dannzumal zuhause. Obwohl: «Es gibt durchaus Momente, in denen ich die juristische Auseinandersetzung mit der Gegenpartei nur zu gerne ins Sägemehl verlegen würde.» Er klopft sich das Sägemehl von der breiten Schulter. Das Urteil, es wäre wohl schnell gefällt, auch ohne Richtspruch.

Schnuppertag

Schwinger-Nachwuchs gesucht!

Am 11. September findet der nationale Schwingerschnuppertag in über 100 Schwingerclubs in der Schweiz statt – damit sich auch in Zukunft Schwingerinnen und Schwinger im Sägemehl duellieren. Der Nachwuchs-Event wird vom Eidgenössische Schwingerverband (ESV) und der Migros unterstützt. 

Mehr Infos unter: esv.ch/jugend

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