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Am Mittagstisch

«Jessica, was gibt’s heute?»

Bis zu zwölf Kinder sitzen dreimal in der Woche am Mittagstisch von Jessica Berg in Rüschlikon ZH. Das Essen ist der kürzeste Teil der gemeinsamen Mittagspause.

Text Rahel Schmucki
Fotos Christian Schnur
Datum
Dreimal in der Woche empfängt Jessica Berg (links) bis zu zwölf Kinder zum Mittagstisch. Eines davon ist Emilia (7).

Dreimal in der Woche empfängt Jessica Berg (links) bis zu zwölf Kinder zum Mittagstisch. Eines davon ist Emilia (7).

In der Küche duftet es nach angebratenem Knoblauch und Fleischsosse, auf der Kochinsel stehen eine grosse Schüssel mit Hörnli, ein Topf mit Gehacktem und Apfelmus bereit. Es ist kurz vor Mittag und Jessica Berg (40) schneidet Rüebli in Stäbchen. Sie geniesst die letzten ruhigen Minuten in der Wohnsiedlung in Rüschlikon ZH. Schon bald werden sieben Kinder an ihrem Mittagstisch sitzen. Jeweils am Dienstag, am Donnerstag und am Freitag kocht sie für bis zu zwölf Kinder, fünf davon sind ihre eigenen, die anderen sind Schulfreunde ihrer Kinder. «Heute sind es ein paar Kinder weniger, weil einige auf der Schulreise sind», sagt Berg. Obwohl es in Rüschlikon einen offiziellen Mittagstisch der Gemeinde gibt, schicken einige Eltern ihre Kinder lieber zu Jessica Berg. «Sie mögen die familiäre Atmosphäre und finden es toll, dass ich mit den Kindern auch Englisch spreche.» Berg kommt ursprünglich aus Amerika.

Die Ruhe vor dem Sturm: Jessica Berg bereitet das Essen vor.
Die Ruhe vor dem Sturm: Jessica Berg bereitet das Essen vor.

Kurz nach zwölf sind draussen die ersten Kinderstimmen zu hören. Berg wirft einen Blick aus dem Fenster – Sabine (7), Giselle (8) und Emilia (7) biegen in farbigen Regenjacken und Gummistiefeln um die Hausecke, es regnet in Strömen. Die drei Mädchen kommen vom Primarschulhaus, das nur ein paar Strassen von Bergs Wohnung entfernt liegt. «Hoi Jessica, was gibt’s heute?», ruft Emilia, streift ihre gelben Gummistiefel ab und schlüpft in die Wohnung. «Hi Girls», sagt Berg. «Mhhh! Ghackets und Hörnli!», sagt Sabine, eine von Bergs Töchtern, die die Schüsseln in der Küche schon entdeckt hat. Jessica Berg, die den Mittagstisch bereits seit sieben Jahren führt, weiss, welche Menus bei den Kindern besonders gut ankommen. «Ghackets und Hörnli» ist eines davon.

Neue Gewohnheiten in der Schweiz

Am Mittag warm zu kochen war für Berg nicht immer selbstverständlich. «In Amerika haben wir am Mittag immer nur Sandwiches gegessen und am Abend etwas Warmes gekocht.» Mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt, dass es in der Schweiz umgekehrt ist und könne es sich gar nicht mehr anders vorstellen. «Ich finde die Tradition mit dem langen Mittag zuhause sehr schön. Ich bin ein bisschen zur Schweizerin geworden», sagt Berg und weist die Mädchen an, den Tisch zu decken. 2007 kam sie mit ihrem Mann aus Utah in die Schweiz, er hat hier eine Stelle bei einer Bank bekommen und sie arbeitete als Logopädin an der «International School». Dann kam das erste der fünf Kinder und sie entschied nach der Geburt des zweiten Kindes, vorerst zuhause zu bleiben. Als ihr Sohn 2012 in den Kindergarten kam, organisierte eine der Mütter einen Mittagstisch. Dabei wechselten sich mehrere Mütter mit dem Kochen ab. «Das fand ich toll. So habe ich alle Freunde meines Sohnes besser kennengelernt», erinnert sich Berg. Zudem habe ihr der Kontakt zu den Kinder geholfen, die deutsche Sprache schneller zu lernen. Zwei Jahre später hat sie beschlossen, ihren eigenen Mittagstisch anzubieten.

Viele Eltern in der Schule ihrer Kinder seien froh um das Angebot gewesen und ihr mache es Spass, die Kinder ein- bis zweimal in der Woche zu bekochen und zu betreuen. Dafür bekommt sie pro Kind 10 Franken. «Ich weiss, dass andere Betreuungsangebote mehr verlangen. Aber ich koche sowieso für meine fünf Kinder, da kommt es auf ein paar mehr nicht an», sagt Berg. Trotzdem sei der Mittagstisch mehrmals in der Woche auch anstrengend für sie und ihre Kinder. Nach den Sommerferien wird sie deshalb nur noch zweimal in der Woche einen Mittagstisch anbieten.
 

Kurz nachdem die Mädchen den Tisch fertig gedeckt haben, kommen auch Hans (11), Jaron (10), Hedi (11) und Chloé (13) an. Sie haben einen weiteren Weg vom Schulhaus zum Mittagstisch. Sie setzen sich alle um den langen Holztisch neben der Küche und füllen ihre Schüsselchen mit Teigwaren, Sosse und Apfelmus. Für Chloé und Hans gibt es spezielle Hörnli, sie haben eine Gluten-Allergie.

Im Team «Vollpfosten»

Und dann ist es erstmal ruhig, man hört nur die Gabeln in den Schüsseln klappern. Den Kindern scheint es zu schmecken. Nach den ersten paar Bissen ist das Gesprächsthema schnell gefunden: Das Grümpelturnier vom vergangenen Wochenende. «Wir waren das Team FC Plattwalzer», sagt Hedi. «Und wir die Vollpfosten», erzählt Hans stolz. Nach wenigen Minuten sind die Teller der Kinder bereits leer gegessen und jeder und jede räumt sein Geschirr selber in die Spülmaschine. «Das Essen ist jeweils der kürzeste Teil des Mittagstisches», sagt Berg. Denn jetzt haben die Kinder noch fast eineinhalb Stunden Zeit, um zu spielen, zu malen und Hausaufgaben zu machen.

Emilie setzt sich mit Sabine in deren Zimmer und zeichnet, Giselle muss für die Schule mit ihrer Mutter zehn Minuten in einem Buch lesen und Chloé hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen, um Ukulele zu üben. Die drei Jungs verziehen sich schnell in das Zimmer von Hans. «Heute müssen wir wegen dem Regen drinnen spielen. Aber sonst gehen wir zum Pingpongtisch oder spielen Fussball», sagt Jaron. «Einmal waren wir auch im Pool in der Nachbarschaft schwimmen», sagt Hans. Heute ist ihnen im Zimmer langweilig. Jessica Berg holt eine grosse Kiste mit Legos aus dem Keller, in der Zwischenzeit finden die Jungs im Wohnzimmer ein Puzzle und haben eine Idee: Zusammen wollen sie es in weniger als fünf Minuten zusammensetzen. Auf einem iPad starten sie eine Stoppuhr und stellen sie gut sichtbar auf. Während Hans, Jaron und Hedi hektisch um den Tisch springen und gegen die Zeit puzzeln, muss Emilia bereits wieder in ihre Regenjacke schlüpfen – sie geht vor dem Unterricht am Nachmittag noch zum Ballsport, ein Freizeitkurs der Schule.

Nach dem gescheiterten Puzzlerekord – es dauerte dann doch 12 Minuten und 35 Sekunden, bis die Jungs alle Teile zusammengesetzt haben – brechen alle langsam auf. Um 13.45 Uhr sitzt nur noch Giselle mit ihrer Mutter am Küchentisch. Sie ist die Einzige, die heute Nachmittag schulfrei hat. In der Wohnung ist es wieder ruhig geworden, nur die Legosteine, die Giselle noch immer aufeinanderstapelt, geben ein leises Klacken von sich.

Tipps von Jessica Berg für einen Mittagstisch voller Kinder

  • Bevor das Essen auf dem Tisch steht, stelle ich immer einen Teller mit rohem Gemüse hin. Da dürfen die Kinder schon vor dem Essen knabbern und haben gleich etwas Gesundes gegessen.
  • Wenn ein Kind vegetarisch isst, koche ich gleich für alle ohne Fleisch. Das ist organisatorisch am einfachsten.
  • Bei meinen Menus halte ich mich immer an die Mengenangaben in den Rezepten, so ist noch nie etwas schief gegangen.
  • Das Essen stelle ich in grossen Schüsseln auf den Esstisch. Dann kann sich jedes Kind so viel schöpfen, wie es essen mag.
  • Spezielle Gewürze stelle ich auf den Tisch, dann kann jedes Kind selber nachwürzen. 
  • An meinem Mittagstisch gelten klare klare Regeln: Jeder räumt sein Geschirr selber weg, von allen Speisen müssen die Kinder ein bisschen probieren, man schöpft sich nur so viel, wie man essen mag und nach dem Spielen wird wieder aufgeräumt.

Gerichte für den Mittagstisch

Welches Menu kommt  bei allen Kindern gut an? Jessica Berg verrät, was sie an ihrem Mittagstisch auftischt.  Dafür nimmt sie oft die Rezepte von Migusto und rechnet die Mengen direkt im Rezept auf:
 

Das brauchts für Ghackets mit Hörnli

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