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Arbeitsleben

Firmenchefin im Nebenjob

Die Hochschul-Dozentin verkauft Rucksäcke, der Lokomotive-Disponent importiert Trendfood und die Marketingfrau designed Yoga-Klamotten. Immer mehr Angestellte arbeiten nebenher auf eigene Rechnung. Der Doppeljob bringt Faszination und Unabhängigkeit

Text Benita Vogel
Fotos Dan Cermak
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Marketingfrau Susanne Lamberts im Yogastudio Ashtanga in Luzern.

Susanne Lamberts erscheint in Grossaufnahme auf dem Bildschirm. Im Hintergrund sind graue Wolkenkratzer zu sehen. «Ich bin in Jakarta in meinem Hotel in Quarantäne. Wenn diese beendet ist, beginne ich meine Einkaufsreise, sagt sie in ihre Handykamera. Einen ganzen Monat ist  die 51-Jährige durch Indonesien gereist, um Stoffe und Materialien für ihre neue Kollektion zu finden. Lamberts designed  und produziert mit ihrer Firma Vervola Yogakleider aus nachhaltigen Materialien und lässt sie bei einem Familienunternehmen auf Bali herstellen. «Ich habe mir für die Reise extra unbezahlten Urlaub genommen», sagt sie.

Zu Hause in Luzern hat Susanne Lamberts nämlich noch einen festen Job. Sie verantwortet das Marketing einer Software-Firma. Vervola ist ihr freiberufliches Herzens-Projekt, wie Lamberts es nennt.

Neben-Unternehmertum - zu neudeutsch Sidepreneurship - nennt sich der Trend, sich neben dem Job selbständig zu machen. Über die vergangenen acht Jahren hat die Gesamtzahl von selbständig Erwerbstätigen zwar abgenommen, aber der Anteil von selbständig Erwerbenden in Teilzeit ist gestiegen. «Viele Start-ups sind zudem Einzelunternehmen. Das sind eindeutige Hinweise für das zunehmende Sidepreneurship», sagt Peter Sommerauer, von der Zürcher Hochschule Winterthur ZHAW. Der Digitalisierungsschub infolge der Corona-Pandemie begünstige diese Entwicklung. «Es war noch nie so einfach, sich als freier Selbständiger zu etablieren.» Viele tun das, weil sie nicht von einem Arbeitgeber alleine abhängig sein oder sich einfach selber verwirklichen wollen», so Sommerauer, der zum Thema forscht (siehe Box).

Alter Audi war das Startkapital

Susanne Lamberts wollte ihre Leidenschaft ausleben. «Ich hatte schon immer Lust, etwas eigenes zu machen, aber irgendwie passten die Lebensumstände oder der Zeitpunkt nie.» Nach einer Marketing-Karriere bei Firmen in London, Paris und Zug - und einem Burnout fand sie keine Ausrede mehr. Sie gab ihren guten Job an einer Hochschule auf, suchte sich eine Teilzeitstelle und eine Idee. Ins Geschäft mit Yogakleidern kam die ausgebildete Yoga- und Meditationslehrerin über eine Freundin. Ein alter Audi machte das Start-up möglich. Sie verkaufte das Erbstück und reiste mit den 5000 Franken Startkapital ein erstes Mal nach Bali, wo sie Stoffe kaufte und von ihrem Schneider erste Stücke produzieren liess.

«Ich habe meinem neuen Chef zu Beginn gesagt, dass ich ein zweites Standbein aufbauen will.» Dass sie nicht jetzt schon voll auf die Karte Yogalkleider setzt, habe finanzielle Gründe. «Ich brauche die Sicherheit, Ende Monat ein fixes Einkommen zu haben – egal was kommt.»

 Manchmal sei es eine Herausforderung beide Jobs unter einen Hut zu bringen. Die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden bei IT-Produkten und bei Yoga-Kleidung sie grundverschieden. «Das Pendeln zwischen den zwei Welten ist nicht immer einfach.» Lamberts arbeitet 40 Prozent für das KMU und 150 Prozent für ihre Firma. «Ich mache mittwochabends den Schnitt - verabschiede mich von der IT-Welt und lege fest, was ich die folgenden Tage in der Yoga-Welt erreichen will», sagt sie.

Zwischen Infrastruktur und Proteinen

Abiel Teclu

Abiel Teclu mit seinem Superfood vor einer SBB-Lokomotive.

Abiel Teclu kann seine Geschäftswelten nicht so klar trennen. Tagsüber arbeitet der 30-jährige Disponent bei den SBB Infrastruktur und koordiniert Lokomotiven. Abends vertreibt er «ChraftFuetter». So heisst die Firma, die er mit einem Freund betreibt. Die beiden verkaufen High-Protein Soja Crispies. Das sind pflanzliche Proteine, die als Nahrungsergänzung dienen. «Ich habe als Sportler selber viel ausprobiert. Von herkömmlichen Proteinshakes bis hin zu anderen künstlichen Nahrungsergänzungen.» Leider schmeckte nichts so richtig. «Deshalb bieten wir natürliche und hochwertige Alternative an, mit der sich die gewohnte Ernährung ergänzen lässt», sagt der Polysportler. Nebenbei Unternehmer zu sein, bedeutet viel Arbeit. «Wenn andere in den Ausgang gehen, fangen wir mit dem zweiten Job an.» Der Einkauf, die Import-Administration, das Marketing, der Onlineshop, der Versand – das machen die zwei Freunde alles alleine. Einen nine-to-five-Job gibt es für Teclu nicht. «Mein Ziel war es immer, meinen Berufsalltag selbst gestalten zu können.» Der Doppel-Job sei zwar manchmal anstrengend. «Aber ich weiss, dass es sich eines Tages auszahlen wird.» Vor zwei Jahren ist er Vater geworden. «Da wurde die Zeit noch knapper. Die Familie soll aber nicht darunter leiden.» Teclu und sein Geschäftspartner sind zuzeit damit beschäftigt, neue Produkte ins Sortiment zu nehmen und Vertriebspartner zu finden. «Wir benötigen viel Mut und Durchhaltevermögen auch wegen der begrenzten Eigenmittel.» Es habe sich aber auf jeden Fall gelohnt – wenn noch nicht finanziell, dann inhaltlich in Form von Lebenserfahrung, resümiert der 30-Jährige.

Vom Hörsaal ins Taschen-Atelier

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Andrea Essl mit Ihren Rucksäcken im Hörsaal. 

Auch Andrea Essl ist nicht des Geldes wegen Unternehmerin geworden. Mit ihrer Geschäftspartnerin Anja Rieger designed sie Rucksäcke und Taschen. Essl & Rieger schreibt zwar schwarze Zahlen. «Aber leben können wir nicht davon», sagt die 36-Jährige, die zu 70 Prozent im Hörsaal oder via Zoom Vorlesungen hält und als Dozentin für Nachhaltigkeit in Organisationen an der Universität Bern tätig ist. Donnerstags sind die beiden Frauen in ihrem Atelier. Sie entwickeln Neuheiten, verarbeiten Bestellungen oder suchen Vertriebspartner. Produziert werden ihre Säcke und Taschen bei einem Familienunternehmen in Tschechien. «Mein Vater arbeitete auch mit der Firma zusammen, als er selbst noch Rucksäcke vertrieb.» Sein Traditionsmodell, Rucksack «Georg», war das erste Stück im Sortiment von Essl&Rieger. «Ich bin aus Leidenschaft zum Produkt teilselbständig geworden», sagt Andrea Essl. Weil sie gerne etwas Kreatives mit den Händen fertige. Nach dem Doktorat-Abschluss wusste sie erst nicht, ob sie in die Theorie oder in die Praxis wolle. «Nach einer längeren Reise durch Südamerika entschied ich mich, beides zu tun.» Als sie an der Uni einen Teilzeitstelle angeboten bekam, startete sie ihre Firma. «So konnte ich auch weiterführen, was mein Vater begonnen hat.» Für Andrea Essl ist klar: «Ich will längerfristig an der Uni bleiben. Ich mache den Lehr- und Forschungsjob sehr gerne und geniesse viele Freiheiten.» Die Kombination aus Forschung und Handwerksei, was sie reize.

Die Idee ist zweitrangig

Susanne Lamberts will ihr Yogakleider-Start-up zum Hauptjob machen. «Es wäre schön, wenn ich mich in ein bis zwei Jahren ganz auf Vervola konzentrieren könnte», sagt sie. Schlecht stehen ihre Karten nicht. Das Geschäft läuft so gut, dass sie ihren Marketing-Job beim IT-KMU bald auf 20 Prozent reduziert.

Die Reise nach Indonesien hat sie diesem Ziel einen Schritt näher gebracht. Sie hat neue nachhaltige Stoffe gefunden, neue Schnitte kreiert und wird bald ihre zweite Kollektion auf den Markt bringen. Mit der  Familienschneiderei auf Bali, das ihre Kleider produziert, hat sie zudem eine Firma gegründet, um eine langfristige Partnerschaft zu sichern. «Ich dachte immer, man müsse eine völlig neue, aussergewöhnliche Idee haben, um erfolgreich eine Firma zu starten», sagt sie.  «Das stimmt aber gar nicht.» Man müsse die passende Gelegenheit ergreifen und ein Quäntchen Mut haben, dem Herzen zu folgen. «Und dann mit vollem Herzen dabei sein.»

«Soziale Absicherung oftmals vernachlässigt»

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Nachgefragt bei Peter Sommerauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Innovation und Entrepreneurship, der ZHAW

Arbeitnehmende, die sich nebenher selbständig machen, gibt es immer mehr…

In den vergangenen acht Jahren zeigte sich, dass der Anteil von selbständig Erwerbenden, in Teilzeit zunimmt, auch wenn die Gesamtzahl an selbständig Erwerbstätigen insgesamt abnimmt. Viele Start-ups sind Einzelunternehmen. Das sind eindeutige Hinweise für das zunehmende Sidepreneurship.

Wieso werden es mehr?

Da gibt es viele Gründe. Für viele ist es ein Herzensprojekt, andere wollen eine Idee, von der sie überzeugt sind, umsetzen. Auch die finanzielle Absicherung kann eine Motivation sein, um etwa für den Fall einer Arbeitslosigkeit vorzusorgen. 

Was sind weitere Vorteile, ausser die finanziellen?

Man bleibt in ein Unternehmen eingebunden und dadurch eher auf dem Boden der Realität und kann das bestehende Netzwerkt nutzen. Dank des Einkommens aus der Anstellung hat man keinen Druck, erfolgreich sein zu müssen. Arbeitgebende profitieren von Mitarbeitenden mit unternehmerischer Einstellung.

Gibt es auch Nachteile?

Weniger Nachteile, eher Gefahren. Zum Beispiel die mögliche Ablenkung vom Hauptjob, die die Arbeitgebenden sehen. Beim Aufbau des neuen Unternehmens wird oft zu wenig exakt auf betriebswirtschaftlicher Basis kalkuliert, insbesondere wird die soziale Absicherung oftmals nicht berücksichtigt.

Manche Arbeitgeber sehen es nicht gerne, wenn ihre Mitarbeitenden ihr eigenes Ding machen. Zu Recht?

Nein, es ist eher davon auszugehen, dass die Mitarbeitenden mit eigenen Projekten stärker motiviert sind, deshalb bessere Leistung abliefern und dass sie sich stärker mit den Unternehmen identifizieren. Dauert das Sidepreneurship allerdings länger an, leidet in den meisten Fällen die Performance und es droht die Vernachlässigung bis hin zur Aufgabe des neuen Unternehmens.

 

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