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20 Jahre 9/11

Wie 9/11 die Welt verändert hat

Wie sehr hat der Anschlag vom 11. September 2001 in New York die heutige Gegenwart geprägt? Ein Gespräch mit dem Historiker Damir Skenderovic über die Folgen des Attentats, die grosse Verunsicherung der westlichen Welt und Hoffnungen für die Zukunft.

Text Ralf Kaminski, Rahel Schmucki
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Die ganze Welt sass am 11. September 2001 vor dem Fernseher und verfolgte geschockt, wie ein Verkehrsflugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers krachte. (Bild: Keystone/Seth McCallister)

Damir Skenderovic, kurz nach 9/11 hiess es, die Welt werde nie mehr sein wie zuvor – und sie hat sich seither tatsächlich sehr verändert. War der Anschlag eine Art Zeitenwende?
Ich sehe ihn eher als Katalysator; bereits länger vorhandene Entwicklungen wurden verstärkt und dynamisiert – etwa die Konflikte zwischen der westlichen und der islamischen Welt. Aber auch der Abstieg der USA als globale Macht. Für diesen gibt es diverse Faktoren, aber 9/11 hat sicherlich dazu beigetragen, dass die USA aber auch Europa geostrategisch heute so angeschlagen sind und andere Machtzentren entstehen konnten. Das Debakel in Afghanistan ist das jüngste Beispiel dafür.

Wie geht es der westlichen Welt 20 Jahre nach 9/11?

Wie hat 9/11 dazu beitragen?
Der Anschlag hat real wie auch symbolisch die Verwundbarkeit der USA offengelegt, mit den ikonischen Bildern der brennenden und einstürzenden Türme, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Auch wer es nicht live im Fernsehen miterlebt hat, hat diese Szenen angesichts der endlosen medialen Wiederholungen im Kopf.  

Sie lebten in New York als 9/11 passierte. Können Sie sich erinnern, wann Sie zum ersten Mal über mögliche Folgen des Anschlags nachgedacht haben?
Am Tag selbst dominierten Schock, Verwirrung und Unglaube. Ich habe aber sehr bald angefangen, mit Freunden darüber zu diskutieren, wohl schon am Tag danach. Für uns war schnell klar, dass dieses Ereignis politische Konsequenzen für die ganze Welt haben wird.

Einige Historiker sehen 9/11 als den Beginn eines Zeitalters der allgemeinen Verunsicherung. Sie auch?
Ich wäre zurückhaltend mit so einer Aussage. Natürlich gab es nach dem Ereignis Gefühle der Verunsicherung in der Gesellschaft. Mir scheint aber interessanter zu fragen, wie und wofür sie genutzt und zusätzlich geschürt werden. Ich denke etwa an Vorstösse im Bereich der inneren Sicherheit oder der Migrationspolitik. Deshalb muss man sich immer fragen, wem die Betonung von «Verunsicherung» nützt.

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Bild: Peter Pfister

Historiker und Autor

Damir Skenderovic (56) ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Fribourg und hat sich unter anderem intensiv mit Rechtspopulismus beschäftigt. Zwischen 1998 und 2002 war er Gastwissenschaftler an der New York University und hat den Anschlag am 11. September 2001 vor Ort erlebt – allerdings aus sicherer Distanz in seiner Wohnung in Brooklyn. Der Schweizer Historiker wohnt in Zürich. 

 

Was an 9/11 passierte

19 Terroristen von al-Qaida entführten am Morgen des 11. September 2001 vier Verkehrsflugzeuge in den USA. Zwei steuerten sie in die Türme des World Trade Centers in New York, eines ins Pentagon in Washington DC. Das vierte wollten sie zum Weissen Haus steuern, es stürzte jedoch dank beherztem Eingreifen der Passagiere vorher ab. Bei den Anschlägen starben innerhalb von zwei Stunden insgesamt 2996 Menschen.

Zu 9/11 sind zahllose Bücher erschienen. Eine Auswahl gibt es bei exlibris.ch

Aber viele Menschen sind doch heute tatsächlich verunsichert…
Natürlich. Doch dahinter stehen Entwicklungen, die lange vor 9/11 angefangen und auch nichts damit zu tun haben.

Zum Beispiel?
Etwa die fortschreitende Globalisierung, die wachsende Ungleichheit oder der Eindruck, dass man in der Wirtschafts- und Finanzwelt kaum Konsequenzen befürchten müsse, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Hinzu kommt, dass man endlich vermehrt und breit über Verbrechen wie Sklaverei oder Kolonialismus diskutiert und die Verantwortung der westlichen Welt für Rassismus oder patriarchale Strukturen thematisiert. Andererseits ist aber auch eine zunehmende Verbreitung und Akzeptanz von Verschwörungstheorien festzustellen…
 

Gab es die nicht immer schon?
Schon, aber die Verschwörungstheorien zu 9/11 haben das Phänomen verstärkt – und mit den sozialen Medien hat es eine neue Dimension und eine bedeutend grössere Breitenwirkung erlangt. Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Fake News verzerren und negieren nicht nur die Wirklichkeit, sondern tragen auch zur Verunsicherung bei.

Halten Sie all die Theorien rund um 9/11 für gegenstandslos?
Es gab ja eine umfassende Untersuchung zum Anschlag, und ich sehe keinen Grund, an den offiziellen Erkenntnissen zu zweifeln.

Hatte der Anschlag auch irgendwelche positiven Effekte?
Er löste bei vielen Menschen Solidaritätsgefühle aus, sie wehrten sich gegen Ausgrenzungen und Diskriminierungen, die kurz nach dem Anschlag gegenüber der muslimischen Bevölkerung zunahmen. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der Vielfalt und Multikulturalität mehrheitlich viel stärker akzeptiert ist. Und ich denke, es ist auch schwieriger geworden, die USA und Europa, also die NATO, in einen Krieg zu verwickeln – wobei ja bereits kurz nach 9/11  gegen die Kriege in Afghanistan und Irak breit protestiert wurde. 

Ein Ziel der Attentäter war, das Verhältnis zwischen der muslimischen und der westlichen Welt zu zerrütten. Das hat recht gut funktioniert, nicht?
Das Verhältnis war schon vorher konfliktbeladen. Es gab bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren islamfeindliche Diskussionen um Kopftücher und Moscheen in westlichen Ländern. So gesehen hat der Anschlag auch hier vorhandene Trends lediglich verstärkt.

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20 Jahre nach 9/11 haben die Taliban Afghanistan erneut unter ihrer Kontrolle – eine schwere Niederlage für die USA und den Westen. (Bild: Keystone/EPA/Stringer)

Und es folgten weitere islamistische Terroranschläge: London, Madrid, Paris. Die Angst vor dem Terror ist also nicht unberechtigt.
Angst basiert auf einer realen Bedrohung, die immer wieder bestätigt wird. Das ist Ziel und Zweck von Terror.  Es kommt aber darauf an, wie man die Gewalttaten interpretiert. Und in diesem Fall wurde die Gefahr schnell an kulturelle und religiöse Bedrohungsbilder geknüpft. Dabei ging oft vergessen, dass es sich bei den Tätern um spezifische Personentypen handelt – meist schlicht um Gewaltverbrecher, die den Islam als Legitimation vorschieben.

Dennoch gibt es viele Menschen, die den Islam seit 9/11 als Bedrohung der westlichen Zivilisation sehen – zurecht?
Solche Bedrohungsbilder spielten schon vor vielen Jahrhunderten eine Rolle. Und auch im letzten Jahrhundert, als Menschen aus den ehemaligen Kolonien nach Frankreich und Grossbritannien kamen, wurden diese als Gefahr gesehen. In den letzten Jahren mehren sich hingegen Akteure, die daraus politisches Kapital schlagen wollen.  Und vergessen wir nicht: Einst war es die italienische Migration, die in der Schweiz und anderswo als bedrohlich empfunden und der mit Vorurteilen begegnet wurde.

Heute schütteln wir darüber die Köpfe. Wird es späteren Generationen auch so gehen in Bezug auf heutige Ängste?
Gut möglich. 

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Unglaube und Entsetzen in den Strassen von Manhattan als der erste Turm einstürzt. (Bild: Keystone/Magnum Photos/Susan Meiselas)

Wie Skenderovic den Anschlag erlebte

«Ich war in meiner Wohnung in Brooklyn, als ein Freund anrief und sagte, ich solle den Fernseher anstellen. Da habe ich gerade noch gesehen, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Turm flog», erzählt Damir Skenderovic. Von seiner Wohnung aus sah er die Rauchsäulen. Danach fuhr er mit dem Fahrrad zu einem Freund, der seine Wohnung in Brooklyn gegenüber den Twin Towers hatte. «Der ganze Verkehr stand still, es war gespenstisch.»

Einige von Skenderovics Freunden arbeiteten damals im Süden Manhattans, und er wusste nicht, ob ihnen etwas passiert war, denn das Kommunikationssystem war komplett zusammengebrochen. Er kannte letztlich eine Person indirekt, die beim Anschlag ums Leben gekommen war, den Freund einer Freundin. «Er war ein bekannter Künstler aus Harlem und hatte am Abend zuvor länger als geplant gearbeitet und ausnahmsweise in seinem Atelier übernachtet. Deshalb war er am Morgen noch dort.» Rund um den Anschlag habe es unzählige solcher Einzelschicksale und Geschichten gegeben.

«Unmittelbar danach stand die ganze Stadt unter Schock, anschliessend kam eine grosse Welle der Solidarität.» New York sei noch Wochen später vollgepflastert gewesen mit Fotos von Vermissten. «Und schon bald fanden die ersten Demonstrationen gegen das Säbelrasseln von Präsident George W. Bush statt.»

Doch die Ängste sind nun mal da. Sind sie auch berechtigt?
Es lässt sich damit vor allem gut politisieren: das Kopftuch, die Scharia, die oft noch sehr traditionellen Geschlechterrollen. Vermehrt werden sie noch ergänzt mit rassistischen Verschwörungstheorien wie «Der grosse Austausch» von Renaud Camus …

…also die Vorstellung, dass die europäische Bevölkerung nach und nach systematisch durch Muslime ersetzt werden soll. Wie kommt es, dass dies so viele für real halten?
Ursprünglich war das ein radikales Konstrukt am alleräussersten rechten Rand der Gesellschaft. Inzwischen ist es fast schon salonfähig geworden, und verschiedene Akteure des rechten Spektrums nutzen es, um Angst zu schüren. In ganz Europa tragen vor allem rechtspopulistische Parteien zu diesen Gefühlen der Bedrohung und Verunsicherung bei. Und auch das hat lange vor 9/11 begonnen.

Wann?
In der Schweiz in den 1960er- und 1970er-Jahren, als mit James Schwarzenbach ein rechtspopulistischer Politiker in Erscheinung trat. Und Anfang der 1990er-Jahre war man aufgrund des Konkordanzsystems nicht bereit, sich von den Rechtspopulisten abzugrenzen, sondern versuchte, sie zu integrieren  – mit Folgen für Bereiche wie Asyl, Migration oder Sicherheitspolitik. Später geschah auch in Österreich eine Einbindung der FPÖ. 1999 führte die Koalition mit der ÖVP noch zu einem Aufschrei in Europa, inklusive EU-Sanktionen. Heute gibt es bei Koalitionen mit Rechtspopulisten kaum noch Reaktionen.

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Massive Sicherheitsmassnahmen in der westlichen Welt erschweren heute weitere Anschläge – wie hier in Paris. (Bild: Keystone/EPA/Christophe Petit Tesson) 

Ist das Schüren von Islam-Ängsten letztlich ein Ablenkungsmanöver, damit andere Bedrohungen weniger beachtet werden?
Ich denke schon. Die Suche nach Sündenböcken, um damit von den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen abzulenken, hat in der Geschichte eine lange Tradition. Gerade auch wenn Krisenempfindungen zunehmen. Ursachen von Krisen zu erklären, ist eine komplexe Angelegenheit. Es ist einfacher, jemandem die Verantwortung zuzuschieben und klare Antworten zu liefern – oft sind es Minderheiten, die damit stereotypisiert und ausgegrenzt werden. 

Wovon wird denn heute abgelenkt?
Von sozioökonomischen Problemen und den Entwicklungen und Strukturen, die dafür verantwortlich sind. Die sozialen Ungleichheiten haben in den letzten dreissig Jahren massiv zugenommen, in vielen europäischen Ländern leben immer mehr Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Gleichzeitig hat sich die Kluft zwischen Reich und Arm enorm vergrössert. Aber die Gründe und Zusammenhänge sind kompliziert – etwas daran zu ändern, ist langwierig und nicht einfach.

Die Rechtspopulisten warnen vor «dem Islam», aber sobald sie selbst an die Macht kommen, beginnen sie sofort mit der Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaat. Sind sie die grössere Gefahr?
In der Tat lässt sich bei Rechtspopulisten von einer Untergrabung demokratischer Prinzipien sprechen. Seit ein paar Jahren besonders deutlich in den USA. Das fängt schon damit an, die Gesellschaft und Politik in Freund und Feind zu unterteilen, was es schwierig macht, unterschiedliche Meinungen respektvoll zu diskutieren – eine wichtige Grundlage von demokratischen, pluralistischen Gesellschaften.

Die USA sind heute so zerstritten, dass Wahlresultate angezweifelt werden. Von einer solchen Zersetzung der US-Gesellschaft konnte Osama bin Laden nur träumen…
Das hat zweifellos viel mit Ex-Präsident Donald Trump zu tun. Er ist ein egomaner Autokrat, der seine Wahlniederlage nicht akzeptieren will. Aber die Gründe für die Spaltungen und Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft gehen tiefer. Sie sind mit Problemen wie Ungleichheit und Rassismus, wie auch dem wirtschaftlichen System und dem Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft verbunden.  

Sollten wir uns dennoch auch über islamistischen Terror weiter sorgen? 
Das ist schwer einzuschätzen. Die Terroristen haben sicherlich an Schlagkraft verloren, auch wegen der verstärkten Sicherheitsmassnahmen. Aber in Afrika und im Nahen Osten finden sie weiterhin fruchtbaren Boden zur Rekrutierung vor. Andererseits sollte nicht vergessen werden, dass es die rechtsextreme Gewalt ist, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat, in den USA ebenso wie in Europa. Auch sollten wir es nennen, was es ist: Terror von rechts. Häufig handelt sich um Personen, die  – meist online – gezielt in Gemeinschaften von Gleichgesinnten radikalisiert worden sind, auch wenn sie dann als Einzeltäter auftreten.

Sind grosse, koordinierte Attacken wie bei 9/11 heute wegen der verstärkten Sicherheitsmassnahmen gar nicht mehr möglich?
Sie erschweren grosse Attacken vermutlich, haben aber auch sehr bedenkliche Nebeneffekte, wenn man an die Grundrechte oder die kürzlich enthüllte Spionagesoftware für Handys denkt. 

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Am Ort des Anschlags im Süden von Manhattan sieht es heute aus, als wäre nie etwas gewesen. (Bild Getty Images/
Rudy Sulgan)

Für uns war 9/11 ein prägendes Ereignis. Ist der Anschlag für die jüngere Generation bereits alte Historie?
Für viele meiner Studierenden gehört es tatsächlich zur Geschichte, ist ein historisches Grossereignis. Als jemand, der 9/11 in New York erlebt hat, versuche ich immer auch, den eigenen Erfahrungskontext einzubringen. Dass zum Beispiel unmittelbar danach in New York kaum jemand an Gegenschlag oder Krieg dachte. Dass längst nicht alle Amerikanerinnen und Amerikaner damals die gleiche Meinung zum Thema hatten. Dass es spannend ist zu fragen, wie stark die Gegenwart von der Geschichte geprägt ist und aus ihr heraus erklärt werden kann. Dass man sich bewusst sein muss, dass Geschichte nicht linear verläuft. Dass viele verschiedene Faktoren mitspielen. 

Viele Menschen sehen aufgrund der aktuellen klimatischen und politischen Trends ziemlich schwarz für die Zukunft. Können Sie vielleicht auch Mut machen? Nimmt die Geschichte nicht immer wieder unerwartete Wendungen?
In der Tat. Es gab in der Vergangenheit schon oft düstere Phasen, die bei vielen Gefühle der Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit auslösten – denken Sie an die Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit. Wer hätte damals gewagt vorauszusagen, wie sich Westeuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickeln wird? Nun ist der Klimawandel tatsächlich eine der grössten Herausforderungen für die Menschheit. Und die wissenschaftlichen Befunde zur aktuellen Lage stimmen nicht optimistisch. Als Historiker aber weiss man, dass die Geschichte wechselhaft ist.  Es kommt zu Gegenbewegungen und Gegenläufigkeiten, Menschen kommen in schwierigen Zeiten zusammen und leisten Widerstand – vor allem auch die jüngeren Generationen.

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