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Friedhöfe

Die letzte Ruhestätte

Der grösste Friedhof liegt im Irak, der fröhlichste in Rumänien und der älteste in Israel. Doch nicht nur religiöse und kulturelle Traditionen spielen auf der letzten Reise eine Rolle, sondern auch Modetrends.

Text Ralf Kaminski
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Nachts werden viele Friedhöfe geschlossen – um die Gräber zu schützen, aber manchmal auch aus anderen Gründen. (Bild: Getty Images)

Der grösste Friedhof der Welt

Wadi al-Salam bei Najaf im Irak, ist so gross wie 1310 Fussballfelder und beherbergt fünf Millionen Verstorbene. Auf dem Friedhof, der auch «Tal des Friedens» genannt wird, werden täglich Hunderte von Menschen zu Grabe getragen. Genutzt wird er seit 1400 Jahren. Zum Vergleich: Der grösste Friedhof der Schweiz befindet sich in Riehen bei Basel. Pro Jahr werden auf dem 50 Hektaren grossen Hörnli-Friedhof über 6000 Verstorbene eingeäschert oder bestattet. 

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Gräber soweit das Auge reicht: Wadi al-Salam im Irak.

Mehr Menschen, mehr Tote

Ursprünglich wurden in Europa die Verstorbenen im Innenhof von Kirchen begraben. Doch irgendwann reichte der Platz nicht mehr: Nur noch wichtige Leute landeten dort, für die anderen entstanden Flächen am Dorf- oder Stadtrand, die wegen den stets wachsenden Ortschaften heute meist mitten im Siedlungsgebiet liegen.

Das Unkontrollierbare kontrollieren

Jede Kultur geht anders mit dem Tod um, was zu einer enormen Diversität von Ritualen und Ruhestätten führt. Doch alle sind ästhetisch ansprechend und dominiert von klaren, symmetrischen Formen oder gepflegter Vegetation. Damit wird dem unfassbaren, unkontrollierbaren Tod eine strukturierte, schöne Gestalt gegeben, um das Grausame ein wenig zu überdecken. 

Die Geschichte der Friedhofskultur. (Video: TED-Ed, mit deutschen Untertiteln)

Der fröhlichste Friedhof der Welt

Farbenfrohe Grabmäler und witzige Sprüche finden sich auf dem Fröhlichen Friedhof in der Region Maramures in Rumänien. Die örtliche Kultur geht davon aus, dass die Seele unsterblich und der Tod ein Moment grosser Freude ist – denn damit verbunden ist ein besseres Leben im Jenseits.

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Farbenfroh: der Fröhliche Friedhof in Rumänien.

Gräber als Statussymbole

In der erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden einige Friedhöfe privatisiert und versuchten, den Leuten etwas zu bieten, damit sie sich bei ihnen begraben lassen. So entstanden schöne, parkähnliche Umgebungen, wo man auch gerne flanieren ging. Gräber wurden zu Statussymbolen, mit repräsentativen Grabsteinen und üppig verzierten Gruften in ansprechender Landschaft. Typische Beispiele dafür sind der Highgate Cemetery in London oder der Père Lachaise in Paris.

Ruheplatz und Laufsteg

Friedhöfe werden für die Lebenden angelegt, nicht für die Toten. Sie erinnern an die eigene Vergänglichkeit, sind aber auch schöne Orte zum Spazieren, Verweilen oder Joggen. Diese öffentliche Funktion hatten sie übrigens schon in der viktorianischen Zeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Man flanierte dort auch fürs Sehen und Gesehenwerden.

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Alt und mit spektakulärer Aussicht auf den Felsendom in der Altstadt von Jerusalem: der jüdische Friedhof auf dem Ölberg.

Uralt und noch immer genutzt

Auf dem jüdischen Friedhof am Ölberg in Jerusalem werden auch heute noch Verstorbene beigesetzt – die ersten Gräber dort entstanden vor etwa 3000 Jahren. Damit gilt der Friedhof als ältester der Welt.

Jede Zeit hat ihre Moden

Im Londoner Highgate Friedhof gibt’s eine ägyptische Avenue, eine Art Totenstadt mit begehbaren Grabstätten. Inspiriert wurden sie durch die Grabungen britischer Archäologen. Denn die alten Ägypter wurden damals als speziell kultiviert empfunden. Wer es sich leisten konnte, setzte deshalb auf entsprechendes Grabdesign.

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Historische Ansicht auf die ägyptische Avenue im Londoner Highgate Friefhof.

Trends Gemeinschaftsgrab und Natur

In der Schweiz sterben pro Jahr im Schnitt etwa 67’000 Menschen (2020 waren es wegen Corona 76’000). Aktuelle Modetrends sind die Kremation und Gemeinschaftsgräber – viele wollen ihre Angehörigen nicht damit belasten, sich um ein Grab kümmern zu müssen. Oder die Asche wird gleich in der Natur verstreut, zum Bespiel unter dem gleichen Baum wie schon die anderer Familienmitglieder. Dabei fällt meist der traditionell-religiöse Bezug weg, die Begräbnisrituale (Feier, Reden, Musik) bleiben jedoch oft erhalten.

Auch Sterben kostet (meist)

Wie teuer eine Bestattung ist, kommt in der Schweiz auf den Wohnkanton an. In Zürich ist das Einsargen, Überführen und Einäschern für die Hinterbliebenen kostenlos bzw. wird vom Steuerzahler übernommen. Andernorts muss bezahlt werden. Auch wer eine möglichst günstige Lösung sucht, muss mit etwa 2000 Franken rechnen. Soll ein Grabstein her, werden nochmals mindestens 1500 Franken fällig. Zwar kann man auch deutlich mehr ausgeben, dennoch findet man auf hiesigen Friedhöfen in der Regel keine Prachtbauten. Es ist – wie im deutschsprachigen protestantischen Raum üblich – eher Bescheidenheit angesagt. Auch im Tod möchte man möglichst nicht auffallen.

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Eine ganz andere Form von Friedhof: Hinter jedem Türchen befindet sich die Urne eines Verstorbenen. Die mehrstöckige Grabpagode, die Zehntausende Urnen beherbergt, liegt inmitten einer idyllischen Parkanlage in der Nähe von Kaohsiung in Taiwan. (Bild: Ralf Kaminski)

Vampire und Zombies

Nicht nur in Filmen und Büchern steigen nachts die Untoten aus ihren Gräbern – ab und zu wird auch auf echten Friedhöfen gerüchteweise mal ein Vampir gesichtet. Beim Londoner Highgate Friedhof hat dies schon Vampirjäger auf den Plan gerufen. Auch anderswo gibt es ab und zu okkulte Rituale oder schwarze Messen auf Friedhöfen. Viele werden deshalb nachts geschlossen, um die Gräber zu schützen. Oder vielleicht auch die Lebenden vor den Untoten…

Promi-Knochen

Gräber von Prominenten sind für einen Friedhof doppelt attraktiv: Einerseits ziehen sie weitere Prominente an, die nach ihrem Ableben ebenfalls dort ruhen möchten, andererseits kann man – wie etwa der Highgate Friedhof in London – vom Publikum Eintritt verlangen für das Selfie mit dem Promi-Grabmahl. Auf dem Père Lachaise etwa liegen neben MolIère, Marcel Proust und Edith Piaf auch Oscar Wilde und Jim Morrison. Der Wiener Zentralfriedhof ist die letzte Ruhestätte von Ludwig van Beethoven, Falco oder Udo Jürgens. Auch in der Schweiz ruhen einige Prominente, etwa Richard Burton (Céligny GE), Peter Ustinov (Bursins VD), Audrey Hepburn (Tolochenaz VD), Charlie Chaplin (Corsier-sur-Vevey VD), Thomas Mann (Kilchberg ZH) oder Henry Dunant (Sihlfeld Zürich). 

Quellen: Marie-Therese Mäder (53), Religions- und Medienwissenschaftlerin an den Universitäten Zürich und München, Bundesamt für Statistik

Lesetipp: «Highgate Cemetery» (Hrsg. Marie-Therese Mäder), Nomos 2021, auch bei exlibris.ch. Als Ebook kostenlos hier

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