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Hundeadoption

Wie Leya zu uns gekommen ist

Unsere Autorin hat vor einem Jahr einen Hund aus dem Ausland adoptiert. Hund und Halter sind sehr glücklich miteinander, auch wenn sie auf eine turbulente Zeit zurückblicken.

Text Valeria Wieser
Fotos Michael Sieber
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Ein glückliches Trio: Valeria Wieser und ihr Partner Matthias Gubser mit Leya aus Portugal. 

«Was, du willst dir einen Hund zulegen?» Wann immer ich meinem Umfeld von meinem Vorhaben erzählte, reagierten die Menschen mit Fragen. Die meisten davon kritisch und unaufgefordert: «Du weisst schon, dass du dann jeden Tag mehrmals mit dem raus musst? Das ist eine ziemliche Verantwortung, das weisst du? Hast du schon ausgerechnet, was das kostet?» Es sind Fragen, die man auch Menschen mit Kinderwunsch durchaus stellen könnte, aber nie würde.

Eineinhalb Jahre später gebe ich zu: Die meisten dieser Fragen sind gut, und für Hundeanfängerinnen, wie ich sie war, durchaus wichtig – egal, ob man einen Welpen grosszieht oder einen Hund aus dem Ausland adoptiert. Denn Letzteres habe ich getan, und eine ziemliche Achterbahnfahrt erlebt. Wenn auch eine tolle. Aber beginnen wir von vorne.

Anfangs Mai 2020

Ich möchte einen Hund. Das sage ich zu Matthias, meinem Partner, und bin selber erstaunt, wie überzeugt ich von dieser Idee bin. Ich habe Lust darauf, den Alltag mit einem Vierbeiner zu teilen, von diesem zu lernen, gefordert zu werden. Dank einer beruflichen Veränderung kann ich mir auch die nötige Zeit für dieses Projekt nehmen. Mein Partner mag Tiere mindestens genauso sehr wie ich, ist jedoch anfangs zurückhaltend.

24. Mai 2020

Auf der Heimfahrt nach dem Besuch einer Hundezucht sind wir aussergewöhnlich schweigsam. Wir haben gemerkt: Einen Welpen aufziehen wollen wir nicht. Ausserdem gibt es bereits genügend Hunde auf der Welt, finden wir. Eine kurze Google-Recherche bringt mich auf ein Inserat von Leya, einer aussergewöhnlichen Hündin, die von Portugal aus neue Besitzer sucht. Mein Herz hüpft. Gestromt ist sie, hat genau die richtige Grösse. Viel später erst werden wir herausfinden, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Bardino-Mix handelt, also einen kanarischen Hütehund. Ihr Auge – sie hat nur noch eins – strahlt Freude und Gutmütigkeit aus. Sie kommt von der Strasse, lebt aber nun in einem Privathaushalt. Noch am Abend schreibe ich der zuständigen Deutschen Tierschutzorganisation Casa Animales. Am nächsten Tag erkundige ich mich telefonisch nach Leya, und werde gleich selber ausgefragt. Man will sichergehen, dass wir dem Hund ein gutes Zuhause geben können.

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Mit diesem Bild entdeckte Valeria Wieser Hündin Leya im Internet – und verliebte sich sogleich

26. Mai 2020

Dieser Hund will uns nicht mehr aus dem Kopf gehen, immer wieder schauen wir uns das Inserat an. Nach mehreren langen Telefonaten mit der Organisation und Leyas Veterinärin in Portugal ist klar: Wir dürfen sie adoptieren, wenn wir wollen. Matthias und ich führen lange Gespräche. Wer kann sich wann um den Hund kümmern? Was wird das kosten? Was machen wir in Notfällen? Dürfen wir überhaupt einen Hund in unserer Wohnung halten? Und was, wenn Leya überhaupt nicht so ist wie beschrieben? Ich kenne Geschichten von Bekannten, die einen Auslandhund adoptiert haben und ziemlich auf die Welt kamen. Von Hunden, die Angst vor allem und jedem haben, die unentwegt bellen oder auch mal beissen.

Juni 2020

Vor uns liegt der Adoptions-Vertrag. Matthias und ich sind uns durchaus bewusst, dass wir quasi die Katze im Sack kaufen. Das Tier vor dem Kauf physisch kennenzulernen ist nicht möglich, da es noch in Portugal ist. Mittlerweile haben wir uns jedoch eingehend schlau gemacht über die Tierschutzorganisation Casa Animales. Wir haben Erfahrungen von Menschen eingeholt und kritische Stimmen unter die Lupe genommen. Das Fazit: Sehr positiv. Nicht zuletzt überzeugt uns, dass wir den Hund gemäss Vertrag zurück an die Organisation geben müssten, sollte es nicht klappen mit uns. Es macht für sie also überhaupt keinen Sinn, einen Hund besser zu verkaufen, als er ist. Auch bestärkt uns die Vereinsleitung, uns ungeniert zu melden, sollten Probleme auftauchen. Wir fühlen uns gut betreut. «Matthias, machen wir das wirklich?» Wir machen das. Haben Bammel, aber ein gutes Bauchgefühl.

Soll ich einen Adoptivhund anschaffen?

Seit Corona verspüren mehr Menschen den Wunsch nach einem treuen Vierbeiner. Bevor man sich entscheidet, soll man sich jedoch Zeit lassen und sich auch unangenehmen Fragen stellen. Erlaubt es die Arbeitssituation, einem Hund wirklich gerecht zu werden? Ist man bereit, täglich mehrmals, auch bei Minustemperaturen, spazieren zu gehen? Erlauben die Vermieter die Haltung eines Hundes? Kann man sich eine Not-Operation leisten, die schnell mehrere Tausend Franken kostet?

Notfälle einberechnen
Selbst ohne Notfälle müssen Hundehalter etwa 2500 Franken pro Jahr einberechnen: für Futter, allgemeine Gesundheitskosten, eine mögliche Anpassung der Haftpflichtversicherung und eine Hundekrankenversicherung, für Hundesteuern sowie Hundekurse.

Vertrauenswürdige Organisationen
Bei der Adoption von Hunden aus dem Tierschutz gilt: Eine gute Organisation nimmt sich viel Zeit, um ausführlich mit den Interessenten zu reden. Nicht nur sollen dabei die Wünsche der Menschen thematisiert werden. Gute Schweizer Organisationen besuchen die Interessenten meist zuhause, um sich die Wohnsituation anzuschauen und wichtige Fragen zu klären. Etwa, was mit dem Tier passiert, wenn sich ein Paar trennt.

Tier live kennenlernen
Auch wenn es nicht in jedem Fall möglich ist: Grundsätzlich ist es wichtig, das Tier zuerst live kennenzulernen. Ob man zueinander passt, merken Hund, Interessent und Vermittler rasch. Grundsätzlich muss es möglich sein, auch nach dem Kauf bei der vermittelnden Tierschutzorganisation Rat zu bekommen.

Aufpassen bei reinrassigen Tieren
Wer sich einen rassereinen Welpen wünscht, muss besonders aufpassen. Häufig stammen die Tiere, die man im Ausland erhält, von sogenannten Vermehrern, verfügen über keine Zuchtlinien und wurden tierschutzwidrig gehalten. Oft sind die Welpen krank, bevor sie die Schweiz erreichen.

Einfuhr in die Schweiz
Heimtiere, die aus einer ausländischen Vermittlung stammen, sollten vor dem Import gechipt, kastriert und geimpft sein sowie einen Heimtierausweis besitzen. Nur so geht die Einfuhr unkompliziert. In der Schweiz müssen die Tiere bei Amicus, der Schweizer Tierdatenbank, angemeldet werden.

Starker Wille und Geduld
Viele Tierschutzhunde weisen Traumata auf. Man muss gewillt sein, an diesen zu arbeiten. Das romantische Bild des «dankbaren geretteten Hundes» trifft bei weitem nicht immer zu. In solchen Fällen heisst es, geduldig zu sein, liebevoll aber konsequent zu erziehen und sich beim ausgebildeten Hundetrainer Hilfe zu holen. Informiert man sich im Netz und im eigenen Umfeld, merkt man rasch, welche Schulen und Trainer einen guten Ruf geniessen. Auch gibt es mittlerweile einige Hundepsychologen in der Schweiz.

Mehr Infos zum Thema:
Informationen zu Hunden aus dem Ausland gibt es beim Schweizer Tierschutz.
Eine Broschüre des Bundesamtes für Veterinärwesen hilft, die wichtigsten Punkte bei einer Hunde-Adoption zu bedenken.

Juli 2020

In der Schweiz gilt – zurecht – ein Importverbot für kupierte Hunde, also für Hunde, deren Rute oder Ohren abgeschnitten wurden. Nur hat Leya ihren Schwanz bei einem Unfall verloren. Das Zusammentragen aller nötigen Beweisdokumente und Atteste ist mühsehlig, zeitweise glauben wir gar, dass die Adoption nicht klappen wird. Doch mehrere Wochen später gibt der Bund sein Okay. Hurra!

14. August 2020

Leya kommt via Transporter in Deutschland an, wo wir sie übernehmen. Das erste Mal sehen wir die junge Hündin live, bekommen die Leine in die Hand. Die neue Umgebung scheint Leya überhaupt nicht zu beängstigen. Viel eher scheint sie sich zu freuen, sich nach der langen Reise frei bewegen zu dürfen. Auf dem ersten Spaziergang, nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft, dreht sie sich vertrauensvoll auf den Rücken und lässt sich ausgiebig von mir streicheln. Ein Kraftpaket von einem Hund, doch äusserst sanft im Umgang mit seinen Menschen. Euphorie vermischt sich unter die anfängliche Unsicherheit.

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Erst zwei Wochen zusammen und schon als super Team auf Wanderung: Valeria Wieser und Adoptivhündin Leya.

Herbst 2020

Es folgen intensive, wunderbare, fordernde Wochen. Als Leya mitten in einer Sturmnacht aufs Bett hüpft, lernen wir nicht nur, dass sie zünftig Angst vor Gewittern hat, sondern auch, dass es für sie ein Leichtes ist, geschlossene Türen zu öffnen. Und Schubladen. Und Küchenschränke. Diese räumt sie mit Wonne aus, wenn wir nicht da sind. Überhaupt braucht das Alleinsein viel Übung. Wie viele ehemalige Strassenhunde leidet sie unter Trennungsangst und sucht unsere Nähe, wo sie kann.

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Leya öffnet Türen, Schränke, Schubladen – und natürlich den Abfallsack. 

Mitte Dezember 2020

Beinah ist das Abenteuer Leya viel zu früh zu Ende. Sie erleidet eine Magendrehung. Mitten in der Nacht müssen wir ein Auto organisieren, um in die Tierklinik zu fahren. Sogleich wird sie operiert, es geht glimpflich aus. Über 4000 Franken kostet der Spitalaufenthalt. Wir sind froh, dass es Leya schnell wieder besser geht und dass wir allfällig hohe Tierarztkosten vorgängig einberechnet haben.

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Angst um das geliebte Tier: Vier Monate nach ihrer Ankunft in der Schweiz erlitt Leya eine lebensgefährliche Magendrehung. 

August 2021

Leya ist nun ein Jahr bei uns. Problemlos können wir sie drei Stunden alleine lassen, die Schränke bleiben – nicht zuletzt dank Kindersicherungen – geschlossen. Nur die Angst vor Gewittern bleibt. Laute Beethovensymphonien und gemeinsame Aufenthalte in der fensterlosen Waschküche helfen. Viel haben Matthias und ich gelernt im letzten Jahr. Nicht nur, wie man konsequent erzieht, sondern auch, wann man eine Fünf grade sein lassen muss. Etwa, wenn da plötzlich ein 33-Kilo-Hund zitternd und winselnd auf dem Bett sitzt, weil in der Ferne ein leises Donnergrollen zu hören ist. Dann ist Liebe und Nähe gefragt. Und die kriegt sie.

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Nähe ist für Adoptivhündin Leya wichtig. Wie hier einen Tag nach der Adoption, mit der eine schöne, aber anstrengende Zeit begann.

Für glückliche Hundeherzen

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