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Hundetrainer Martin Rütter

Welche Fehler machen Hundehalter am häufigsten? 

Keiner kennt sich im deutschsprachigen Raum mit Hunden so gut aus wie Martin Rütter. Der Hundertrainer ist längst auch ein Comedian. Sein Thema ist immer das gleiche: Der Alltagswahnsinn als Hundehalter.

Text Dario Aeberli
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Martin Rütter beschäftig sich seit ewig mit Hunden. Heute ist er Ratgeber und Comedian. (Bild: Alex Stiebritz)

Martin Rütter, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Hund?
Martin Rütter: Na klar. Mein erster Hund war Mina, eine Golden Retriever Hündin. Als ich sie bekam, war ich schon 25 und hatte seit dreieinhalb Jahren eine Hundeschule. Ich hatte bereits 600 Hunde im Training, bevor ich meinen eigenen hatte. Mina ist über 16 Jahre alt geworden und setzte im hohen Seniorenalter noch ungeahnte Energien frei, um den Komposthaufen zu erklimmen und mit Hochgenuss die Apfelkitschen zu verputzen (lacht).

Nehmen Sie ihren Hund überall hin mit?
Ja, meine Hündin Emma ist immer mit dabei. Auch bei den Dreharbeiten – und auf meiner Live-Tour sowieso. Aber: natürlich nicht auf der Bühne, sondern in guter menschlicher Gesellschaft im Hotel oder auf einer schönen Wiese. Nur an den etwa zehn Arbeitstagen im Jahr, bei denen ich beispielsweise fliegen muss, bleibt Emma bei der Freundin zuhause.

Hast du dir während Corona auch einen Hund zugelegt?

Während Corona haben sich sehr viele Leute einen Hund zugelegt. Was sagt der Experte dazu?
Er macht mich nachdenklich. Ich habe zu jedem Zeitpunkt der Pandemie dringend davor gewarnt, sich jetzt einen Hund anzuschaffen, weil es die aktuellen Umstände gerade hergeben. So nach dem Motto: Jetzt habe ich nichts zu tun, dann hole ich einen Hund in mein Leben. Denn der Hund ist ja auch noch da, wenn die Pandemie vorbei ist. Und mal unabhängig davon: Selbst, wenn ich jetzt viel Zeit habe, muss ich wirklich genau hinterfragen, ob mein gewöhnlicher Alltag wirklich den Rahmen gibt, einen Hund zu halten. Wenn ich nach der Pandemie also wieder zehn Stunden ins Büro muss, den Hund aber nicht dorthin mitnehmen darf, dann scheidet das auch einfach aus.

Was sind die häufigsten Anfängerfehler, die Neu-Hundebesitzerinnen und -Besitzer machen?
Es gibt drei absolute Kardinalfehler. Die extreme Vermenschlichung, denn diese schürt Erwartungen, die der Hund niemals erfüllen kann. Ein Hund kann nicht denken und handeln wie ein Mensch.

Was noch?
Mangelnde Konsequenz. Menschen stellen Regeln auf, gehen dann aber zu lax mit diesen um. Immer sonntags darf der Hund mit am Frühstückstisch sitzen und bekommt sein Leberwurstbrötchen, an den anderen Tagen aber nicht. Das kapiert kein Hund und verunsichert ihn nur. Ein Hund benötigt klare Regeln, nur so kann er Vertrauen zu seinem Menschen aufbauen und sich auch in schwierigen Situationen auf ihn verlassen.

Und was ist der dritte Fehler?
Die mangelnde Beschäftigung. Hunde brauchen körperliche und geistige Auslastung.

Bewegung für Hund und Herrchen

Sie haben in der Schweiz Tierpsychologie studiert. Verstehen wir in der Schweiz Tiere etwa besser als in Deutschland?
Das würde ich schon sagen. Vom Bildungsgrad der einzelnen Hundehalter her sind die Schweizer am weitesten. Hier kommen auch besonders viel Menschen zu unseren Wochenendseminaren. Im deutschsprachigen Raum liegt Deutschland auf Platz 3 beim Thema Hundeerziehung.

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Martin Rütter hatte schon immer einen engen Draht zu Hunden, obwohl er als Kind keinen Hund haben durfte. (Bild: obs/Tractive GmbH)

Warum kamen Sie eigentlich darauf, dass ein Hund zu Ihnen passte?
Weil ich schon immer einen engen Draht zu Hunden hatte, obwohl ich als Kind keinen Hund haben durfte. Meine Eltern sahen jedes Tier als überflüssig an, das man nicht auf den Grill legen und essen konnte. Ich habe aber bereits in meiner Jugend die Hunde der Nachbarn ausgeführt und die Hunde meiner Tante Thea ohnmächtig gekrault.

Ohmächtig gekrault?
Ja. Meine Tante hatte in den 1980er Jahren eine Art Pflegestelle für gestrauchelte Tiere – und sie besass die aussergewöhnliche Gabe, Hunde, die anfangs noch ganz wunderbar waren, binnen weniger Wochen dermassen verrückt zu machen, dass man das Haus nicht mehr angstfrei betreten konnte. Mich hat schon damals brennend interessiert, warum so viele Menschen um mich herum Probleme mit ihren Hunden hatten.

Im niedlichen Dackel steckt eigentlich ein knallharter Jäger, sagen Sie. Gibt es noch andere Hunderassen, die wir unterschätzen?
Definitiv. Eine der verkanntesten Rassen ist der Pudel. Er ist ja nicht dazu gemacht, dass man ihm ein Krönchen auf den Kopf setzt und ihm die Nägel grün lackiert. Er ist ein Jagdhund. Der ist ausdauernd, kreativ, intelligent und super gut erziehbar. Wenn man dem nicht den Schwanz abhackt und ihm dieses dämliche Krönchen frisiert, dann ist das auch ein total schöner Hund.

Es gibt ein Bild von Ihnen, auf dem Ihnen ein Hund ins Ohr zu flüstern scheint. Verstehen Sie Hündisch?
Sagen wir es so, ich verstehe die Sprache unserer Hunde, die eine sehr leise ist. Denn Hunde kommunizieren hauptsächlich visuell, das heisst also über die Körpersprache. Schon kleinste Gesten haben eine Bedeutung, eine geringe Veränderung der Körperhaltung sagt etwas vollkommen anderes aus.

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«Es scheint oft so, als könne der Hund unsere Gedanken lesen». Martiner Rütter über die Cleverness der Hunde. (Bild: Guido Engels)

Das heisst: Hunde nehmen mehr wahr als wir?
Ja. Hunde sind perfekte Beobachter, die gelernt haben, uns Menschen und unsere Körpersprache zu lesen. Daher scheint es oft so, als könne der Hund unsere Gedanken lesen. Schon bevor wir die Fernbedienung in die Hand nehmen, um den Fernseher auszuschalten und zur letzten Runde aufzubrechen, springt der Hund auf und rennt freudig zur Tür. Er hat an unserem Verhalten erkannt, dass gleich das Ende des Abends bevorsteht. Vielleicht weil sein Mensch immer genau in diesem Augenblick tief seufzt, sich einmal streckt, oder in Gedanken an den bevorstehenden Spaziergang zur Tür blickt. Ich würde übrigens jedem Menschen, der darüber nachdenkt, sich einen Hund ins Leben zu holen, raten, sich vorab grundlegende Kenntnisse über Hundesprache und auch über artgerechte Haltung eines Hundes anzueignen.

Sie waren schon in verschiedenen Wolfaufzuchtstationen. Wie viel Hund steckt im Wolf und wie viel Wolf steckt noch im Hund?
Der Wolf gilt ja erwiesenermassen als der Stammvater des Hundes. Und auch wenn man natürlich das Verhalten unserer Haushunde nicht Eins zu Eins vom Wolf ableiten und übertragen kann, so findet man immer noch einige «wölfische» Verhaltensweisen. Nicht zuletzt hat jeder Hund Zähne, die er auch einsetzen kann. Im besten Fall, um Nahrung zu zerkleinern, im schlimmsten Fall um sie zur Verteidigung oder zum Angriff einzusetzen. Und dieser Tatsache muss man sich als Mensch immer bewusst sein!

Martin Rütter

Der 51-jährige deutsche Hundetrainer führt Hundeschulen in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz. Mit einer Reihe von Fernsehsendungen und Liveauftritten ist er in den 90er-Jahren bekannt geworden. Rütter ist längst nicht mehr nur Hundetrainer, sonderrn inzwischen auch Comedian. Am 11. März 2023 kommt er mit seinem Bühnenprogramm ins Zürcher Hallenstadion. In der Zwischenzeit kann man Martin Rütter in seinem Podcast «Tierisch menschlich» verfolgen, in dem er mit einer Wissenschaftsreporterin über die Beziehung von Menschen und Hunden spricht.

Hunde können Blinde führen, Bomben aufspüren, Diabetes bei Menschen erkennen, epileptische Anfälle vorausahnen und Trost spenden. Was ist Ihre Lieblingseigenschaft an Hunden?
Das ist diese unglaubliche Abwechslung. Die Hundewelt besteht aus derart unerschöpflicher Vielfalt, dass es nie langweilig wird. Das Spannende ist, dass jeder Hund ein Individuum und somit eine eigenständige Persönlichkeit verkörpert. Es reizt mich, diese Persönlichkeit kennenzulernen und herauszufinden, was sie ausmacht. Denn letztlich ist eines klar: Nur wenn man sich individuell mit dem jeweiligen Hund befasst, seinen Charakter studiert und sich mit seinen Stärken und Schwächen beschäftigt, kann es zu einer harmonischen Gemeinschaft zwischen Mensch und Hund kommen. Und hinzukommt, dass keine andere Tierart eine derart starke Bindung zum Menschen eingeht wie der Hund.

Was gibt es mehr: Unbelehrbare Hunde oder unbelehrbare Menschen?
Unbelehrbare Menschen, absolut. Das Problem ist in 99 Prozent der Fälle immer der Mensch. Meist fehlt es ihm an Konsequenz und Disziplin, die unersetzliche Faktoren in Sachen Hundeerziehung sind. Es bedarf fester Regeln, an die sich beide halten müssen. Will der Halter nicht, dass der Hund auf die Couch geht, dann muss er ihm das konsequent vorleben. Heute nein, morgen aber ja - das verwirrt den Hund nur und ist dementsprechend kontraproduktiv. Wichtig ist immer, dass der Mensch die Entscheidungshoheit besitzt, das schafft beim Hund Vertrauen.

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Martin Rütter sieht man eigentlich nie ohne Hund. Er nimmt ihn auch überall hin mit. (Bild: Guido Engels)



Was waren schwierige Fälle, die um Ihre Hilfe gebeten haben und die Sie doch noch retten konnten?
Davon gab und gibt es natürlich immer mal wieder welche. Ganz absurd war es mal, als der Mann drei Jahre lang auf der Couch geschlafen hat, weil der Hund ihn nicht mehr zu Frauchen ins Schlafzimmer gelassen hat (lacht).

Und was haben Sie da unternommen?
Die Schwierigkeit lag nicht am Hund, sondern an Frauchen – nämlich sie zu überzeugen, das zu ändern. Denn im Ernst, die Hürde besteht ja häufig darin, bei den Leuten überhaupt ein Bewusstsein zu schaffen, dass sie etwas falsch machen, dass sie mit ihrem Verhalten dem Hund nichts Gutes tun. Bedeutet: Es ist fast nie der Problemhund, sondern der Mensch, der seine Einstellungen und Verhaltensweisen überdenken und verändern muss.

Gibt es Fälle, wo konnten Sie die Beziehung zwischen Hund und Mensch nicht mehr kitten konnten?
Ich möchte da jetzt kein spezielles Beispiel herausheben, aber natürlich gibt es auch diese «hoffnungslosen Fälle». Es ist aber in der Regel nicht so, dass der Hund nicht mehr lernfähig oder reparabel, sondern die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Hund derart belastet ist, dass es keinen Sinn mehr macht. Statistisch gesehen sprechen wir hier von einem Hund pro Jahr.

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Buchtipp: «Sprachkurs Hund mit Martin Rütter», Kosmos, 2016, Fr. 22.30 bei exlibris.ch.

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