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Liefer-Engpässe

Gibt es diese Weihnachten keine Geschenke?

Vor westlichen Häfen stehen die Frachtschiffe Schlange, und in Asien fehlen die Container. Cordula Furrer, zuständig für internationale Logistik bei der Migros, erklärt das Chaos – und sagt, was es für Weihnachten bedeutet.

Text Benita Vogel
Ein Transport mit Verzögerungen und Preissteigerungen: Ein Containerschiff fährt auf der Elbe Richtung Hamburg. (Bild: Getty Images)

Ein Transport mit Verzögerungen und Preissteigerungen: Ein Containerschiff fährt auf der Elbe Richtung Hamburg. (Bild: Getty Images)

Cordula Furrer, bei vielen Produkten wie Spielzeug, Kaffeemaschinen und Drucker, gibt es Lieferprobleme. Wird unter den Weihnachtsbäumen gähnende Leere herrschen?
Nein, der Grinch– das kleine grüne Fellmännchen aus dem amerikanischen Bilderbuchklassiker «How the Grinch stole Christmas» - wird uns Weihnachten nicht stehlen (lacht). Auch wenn die globalen Lieferketten am Anschlag sind, und es zu Lieferverzögerungen kommt.

Reicht es denn wirklich noch bis Weihnachten?
Ja, die Produkte sind verfügbar. Anstatt bereits im August oder September haben wir einige erst Anfang oder Mitte Oktober erhalten. Sie sind deshalb weniger lange im Verkauf. Das Weihnachtsgeschäft ist global so wichtig, dass alle Beteiligten der Lieferkette, von den Produzenten über die Reedereien, die Bahn- und Barge-Operateure bis zu den LKW-Fahrerinnen und -Fahrern, alle grösste Anstrengungen unternehmen.

Wo liegt genau das Problem?
Das Konsumverhalten hat sich in der Pandemie massiv verändert, vor allem in den USA aber auch in Europa. Die Leute reisen weniger, renovieren dafür ihre Häuser und Wohnungen, überarbeiten den Garten, backen oder spielen mehr. Güter wie Holz, Spielwaren, Heimelektronik und IT-Infrastruktur und Möbel sind gefragt wie nie. Die Produzenten kommen kaum nach und haben Mühe, genügend Rohstoffe zu erhalten.

Inwiefern hapert es bei der Logistik?
Die Verschiffung vor allem aus Asien in die USA hat stark zugenommen. Die Häfen in Los Angeles, Seattle oder Vancouver sind verstopft. Die Container gelangen so zu wenig rasch nach Asien zurück. Hinzu kamen Einschränkungen in China. Der grösste Hafen, Yantian, wurde wegen Corona fast gänzlich geschlossen. Die Reedereien musste Schiffsabfahrten streichen und ihre festen Fahrpläne ändern. Tausende von Containern konnten in der Folge weltweit weder ent- noch aufgeladen werden. Das brachte den internationalen Frachtverkehr durcheinander und teils zum Erliegen.

Wie bekommt die Migros dies zu spüren?
Zum einen sind auch die für uns wichtigen Häfen wie Rotterdam und Antwerpen verstopft. Die Schiffe warten stunden- ja sogar tagelang, um überhaupt einlaufen zu können. Zum anderen erhalten Händler wegen fehlender Container von den Reedereien weniger Platz auf den Schiffen. Der Mangel ist derart gross, dass teilweise marodes Material eingesetzt wird. Wir verzeichnen mehr Schadenfälle, weil etwa Wasser in die Container eindringt oder Böden Löcher aufweisen. Diese Schäden muss man beanstanden, was aufwändig ist.

Wieso weichen Sie nicht auf andere Häfen wie Genua aus, statt in Rotterdam Schlange zu stehen?
Die Frachtschiffe wurden in den letzten Jahren immer grösser, um die Betriebskosten auf mehr Container zu verteilen. Ein Schiff, das 24’000 Container fasst, hat zu grossen Tiefgang, als dass es in den Hafen Genua einlaufen kann.

Die Interviewpartnerin

Corudula Furrer ist Prozessleiterin Operations beim Migros-Genossenschaftsbund MGB. «20 000 Dollar Frachtpreis pro 40-Fuss- Container: Das habe ich in meiner 30-jährigen Karriere noch nie erlebt», sagt die Logistikexpertin. 

Corudula Furrer ist Prozessleiterin Operations beim Migros-Genossenschaftsbund MGB und als solche zuständig für die internationale Logistik des MGB. «20 000 Dollar Frachtpreis pro 40-Fuss- Container: Das habe ich in meiner 30-jährigen Karriere noch nie erlebt», sagt die Logistikexpertin. 

Die riesige Nachfrage treibt die Frachtpreise in die Höhe. Um wie viel sind die Preise gestiegen?
In den letzten eineinhalb Jahren haben sich die Frachtpreise mindestens vervier- oder gar verfünffacht, je nach Fahrtrichtung. Wir haben schon von astronomischen Preisen von 20'000 US-Dollar pro 40 Fuss Container gehört. Das ist enorm. So etwas habe ich in meiner 30-jährigen Karriere noch nie erlebt. 

Wird nun in der Migros alles teurer?
Nein, wenn immer möglich, geben wir, gestiegene Logistikkosten und höhere Einkaufspreise nicht an unsere Kunden weiter. Dies gelingt aber nicht überall. Beim Holz beispielsweise sind die Rohstoffpreise derart in die Höhe geschossen, dass wir die Preise anpassen mussten.  

Probleme gibt es auch in der Feinverteilung. In Grossbritannien und in den USA fehlen LKW-Fahrerinnen und Fahrer. Hat die Migros auch Mühe, Nachwuchs zu finden?
Bei der Migros droht kein Personal-Engpass bei den Chauffeuren. Die zehn Genossenschaften beschäftigen um die 600 Fahrerinnen und Fahrer. Wir investieren sehr viel in die Ausbildung von Lernenden und Quereinsteigern. Speziell die Umschulung von Quereinsteigern ist ein Erfolgsmodell, so konnten wir beispielsweise auch Filialmitarbeitende zu Chauffeuren ausbilden. Zudem profitieren wir in Kontinentaleuropa davon, dass Chauffeure in Grossbritannien wegen des Brexit keine Aufenthaltsbewilligung erhalten und ihre Arbeitskraft hier anbieten.

Wie stellt die Migros einen stabilen Waren-Nachschub sicher?
Unser oberstes Ziel ist es, die Warenverfügbarkeit zu garantieren. Wir haben langfristige Verträge mit Reedereien und Transportunternehmen. Das hilft uns enorm. Wir in der Abteilung internationale Logistik haben schon im Dezember 2019, als Corona in China öffentlich wurde, geahnt, dass etwas Grosses auf uns zukommt. Mir lief es kalt den Rücken runter. Seither haben wir derart viele Turbulenzen erlebt, dass mich nicht so schnell etwas aus der Fassung bringt. Denken wir nur auch an den Unfall im Suezkanal im Frühling. Die Krise ist zur Normalität geworden.

Was raten Sie den Leuten, um beim Weihnachtsshopping nicht leer auszugehen?
Ich rate allen gut zu planen und die Einkäufe nicht erst in letzter Minute zu tätigen. Aber leer ausgehen wird sicher niemand. Und manchmal ist weniger schlicht mehr (schmunzelt).

Wann wird es beim Warenverkehr zu einer Entspannung kommen?
Ich rechne für 2023 mit einer Entspannung, sofern es keine weiteren Restriktionen wegen Corona geben wird. Ein weiterer wichtiger Faktor, vor allem bezüglich Preisbildung, sind sicher auch die derzeit steigenden Energiepreise. Diese könnten für weitere Turbulenzen sorgen.

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