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Im Katzen-Café

Kaffee und Schmusekater

Im Grunde gehört das Zürcher Café Casa del Gato den fünf Katern, die dort leben. Menschen sind jedoch willkommen, solange sie sich an ein paar Regeln halten.   

Text Ralf Kaminski
Fotos Daniel Winkler
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Café-Gäste beobachten die Katzen, die die Spatzen auf dem Nachbargrundstück beobachten.

Leonardo, Tiego und Juan sitzen am Ende des Gartens und starren gebannt durch den engmaschigen Zaun aufs Nachbargrundstück, wo sich eine Schar Spatzen lautstark im Gebüsch tummelt. So fokussiert sind die drei jungen Kater auf das Geschehen, dass sie sich nicht stören lassen von zwei Café-Gästen, die mit Tabletts in den Händen vorsichtig um sie herum balancieren und sich an einen Tisch setzen.

Auch dass sich Ronja (11) und Jule (12) nähern, um sie zu streicheln, lassen sich die drei Vierbeiner der Rasse Main Coon gerne gefallen. Die beiden Mädchen sind zum ersten Mal im Casa del Gato, dem ersten Schweizer Katzen-Café mitten in der Stadt Zürich. Und sie finden es beide super. Hierher gebracht hat sie Marianne Bühler (74), Ronjas Grossmutter, die von einer ihrer Töchter vom Café gehört hatte und zuvor schon einmal mit Freundinnen zu Gast war. «Meine Tochter hatte eine Maine Coon, und wir sind eigentlich wegen ihnen hier», erklärt sie. Alle drei können sich gut vorstellen, wieder mal zu kommen, primär wegen der Katzen. «Aber ich finde auch die Getränke sehr fein», sagt Ronja.

Am Ende müsse eben beides passen, sagt Simge Aglamaz (31), die Inhaberin des Katzen-Cafés. «Das erste Mal kommen die Leute wegen der Katzen. Aber nur wenn auch das Menüangebot stimmt, kommen sie regelmässig wieder.» Aglamaz freut sich, dass sie bereits ein paar Stammgäste gewinnen konnte, seit sie das Lokal im Januar mitten in der Pandemie eröffnet hat. «Als wir im April den Garten öffnen konnten, hat die Gästezahl deutlich zugenommen, mittlerweile läuft es gut.» Tatsächlich ist das Café an diesem sonnigen Nachmittag praktisch voll – draussen und drinnen. Entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommen die Kater.

Bewilligungen brauchten Zeit und Nerven

Bis vor wenigen Jahren konnte Simge Aglamaz nicht viel mit Katzen anfangen. Heute hat die frühere Marketingfachfrau zwei zu Hause und fünf in ihrem Lokal. Begonnen hat es mit ihrem Freund, der mit Katzen aufgewachsen ist und sich ein Leben ohne nicht vorstellen konnte. «Als wir vor drei Jahren die zwei süssen Fellknäuel erst mal im Haus hatten, war meine Skepsis schnell weg», erzählt Aglamaz lachend. Und die Tiere hätten sich rasch auf ihr ganzes Leben ausgewirkt. «Wir sind ruhiger und entspannter geworden, Ferien wurden plötzlich weniger wichtig und kürzer.»

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Simge Aglamaz mit Kater Juan im Casa del Gato.

Eines Tages sah ihr Freund im Fernsehen eine Dokumentation über Katzen-Cafés in Japan, die dort weit verbreitet sind. Und fand: «Sowas könnten wir doch auch machen.» Hinzu kam, dass Aglamaz in ihrem Job unzufrieden war und sogar schon die Stelle gewechselt hatte, ohne dass es besser geworden war. «Der Gedanke liess mich deshalb nicht los, dass es tatsächlich einen Versuch wert wäre.»

Umso überraschter war sie, als sie begann, sich um entsprechende Bewilligungen zu bemühen und von diversen Stellen hörte: Was, noch ein Katzen-Café? «Die Idee hatten offenbar schon viele, aber es braucht Nerven und Zeit, die ganzen Bewilligungsverfahren hinter sich zu bringen.» Über ein Jahr im Fall von Casa del Gato, das nun landesweit das erste ist. «Die anderen haben wohl einfach vorher aufgegeben.» 

Alles fürs Katzenwohl

Die junge Inhaberin musste sich auch alle Informationen selbst zusammensuchen. «Zwar gibt es solche Cafés schon in vielen Ländern, aber die Verfahren und Tierhaltungsbedingungen sind überall anders, ich konnte also nicht einfach irgendwas aus dem Ausland kopieren.» Sie habe Wochen verbracht, mit Tierärzten, Tierheimen, Tierschutz und Katzenhaltern zu sprechen, um den fünf Katern möglichst ideale Bedingungen zu schaffen und alle rechtlichen und behördlichen Auflagen zu erfüllen.

So gibt es im Café einen Rückzugsraum, zu dem nur die Katzen Zugang haben, es gibt Kratzbäume, Körbe, für jede ein eigenes Kistchen und im Innenraum Wege oben an der Decke, über die Gäste hinweg. Den Garten umgibt ein hoher Metallzaun mit Netz, an dem insbesondere Kater Pedro gerne klettert, beim Eingang zur Strasse gibts eine doppelte Tür als Schleuse. Die Küche ist katzensicher abgeschlossen, und im Lokal herrscht Selbstbedienung.

Auch die Auswahl der Katzen passierte nach langen Abklärungen: Die drei Maine Coons und die zwei British Shorthair, Pedro und Cesar, sind entspannte, ruhige, soziale Tiere, die nicht zu viel Auslauf brauchen und 12 bis 16 Stunden pro Tag schlafen. Alle fünf sind noch jung, und speziell die drei Main Coons werden noch kräftig wachsen. Sie können bis zu 14 Kilo schwer werden.

Seit kurzem wohnt das Paar sogar im Gebäude direkt über dem Café und hat einen zweiten Garten zur Verfügung. Dieser soll aber nicht zur Erweiterung des Lokals genutzt werden, sondern den zwei privat gehaltenen Katzen zur Verfügung stehen. Aglamaz’ Freund verkauft Heizungsanlagen im Aussendienst, hilft aber auch gelegentlich im Café mit. Die Menükarte ist übrigens ausschliesslich vegetarisch und vegan.

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Katzenexperte Dennis C. Turner mit einer Therapiekatze in Japan. (Bild: J. Akiyama)

Katzen wirken beruhigend

Das erste Katzen-Café wurde 1998 in Taipeh eröffnet, der Hauptstadt Taiwans. Dort begeisterte es nicht zuletzt Gäste aus Japan, wo 2004 in Osaka das erste Lokal eröffnet wurde. Seither boomt dort das Konzept mit den Tier-Cafés. Was auch daran liegt, dass die Wohnungen in Japan klein und Haustiere meist verboten sind. Mittlerweile gibt es Katzen-Cafés auch in Nordamerika und vielen Ländern Europas.

Der positive Einfluss von Katzen auf Menschen ist längst auch wissenschaftlich erwiesen. «Sie wirken beruhigend und ermöglichen physische und sensorische Kontakte, was uns gut tut», sagt der Verhaltensbiologe und Katzenexperte Dennis C. Turner (73). «Katzen streicheln senkt den Blutdruck und Pulsschlag und reduziert Stress.» Diese therapeutische Wirkung haben laut Turner auch andere Tiere wie Hunde oder Pferde.

Doch für solche Cafés seien Katzen besonders geeignet. «Hunde sind stark auf eine Person bezogen, Katzen freuen sich, wenn sie ihre Streicheleinheiten von allen bekommen.» Grundsätzlich sollte man für Tier-Cafés nur domestizierte Tiere verwenden, findet Turner. Wildtiere wie Igel oder Eulen, die es in Japan ebenfalls in solchen Cafés gibt, hält er für ungeeignet. «Dafür gibt es Zoos.»

Doch weshalb tun uns Katzen-Kontakte so gut? Turner, der in Horgen ZH das Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie betreibt, nennt mehrere Thesen: Sie bieten emotionale Unterstützung, gerade auch in schwierigen Zeiten. Die Natur, zu der auch Tiere gehören, übt eine grosse Anziehungskraft auf uns aus. Und Menschen mögen es, Beziehungen zu anderen Lebewesen aufzubauen, egal ob Menschen oder Tiere. 

So ist es wohl bloss eine Frage der Zeit, bis auch hierzulande weitere Katzen-Cafés ihre Pforten öffnen – seit ein paar Monaten gibt es etwas Ähnliches auch in Hinwil ZH. «Sie sind ideal für Leute, die keine eigenen Katzen haben können», findet Turner. Er selbst war allerdings noch nie in einem – «ich habe sonst genügend Katzen um mich herum».

«Als wir im Januar angefangen haben, machten wir teils nur 20 Franken Umsatz am Tag», erzählt Aglamaz. Die ersten Gäste seien praktisch alle aus der Nachbarschaft gekommen – nach diversen Medienberichten begann sich das jedoch rasch zu ändern. «Aber im Grunde war es gut für die Katzen und für mich, dass wir diese Eingewöhnungszeit mit wenig Gästen hatten. Ich führe ja zum ersten Mal ein Café.» Mittlerweile haben sie und die vier Teilzeitangestellten den Laden aber auch gut im Griff, wenn er voll ist.

Ohne Regeln geht es nicht

Und bis jetzt kommen Katzen und Menschen gut miteinander klar. «Es kommt nur ganz selten vor, dass sich jemand nicht an die Regeln im Umgang mit den Katzen hält, aber ich habe also auch schon jemanden vor die Tür gestellt deswegen.» Die Regeln liegen auf jedem Tisch. Dazu gehört, dass die Katzen nicht gefüttert werden dürfen, dass man sie in Ruhe lässt, wenn sie schlafen, und man sie zudem weder hochheben, jagen noch festhalten soll.

Auch so haben die Gäste ihren Spass mit den kontaktfreudigen und verspielten Katern. Shamol Majumder (46) hat gerade ein paar Fotos mit ihnen gemacht. Der Film-Cutter, der in der Nachbarschaft wohnt, kennt Katzen-Cafés aus den USA, kann bei sich zu Hause jedoch keine Tiere halten. «Ich fand immer, es wäre ideal, wenn es bei mir in der Nähe ein Katzen-Café gäbe – und plötzlich hat’s tatsächlich eins!» Umso mehr als Maine Coons seine Lieblingskatzen sind. «Ich werde nun wohl ab und zu hier sein.» 
 

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