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Ausbildung

Noch keine 20 und schon Chefin

Cindy Gachet ist 18 und schon Chefin der Micarna-Tochterfirma Mazubi. Und auch die anderen Geschäftsleitungsmitglieder sind noch keine 20. Wie die Jungen die Firma voranbringen.

Text Pierre Wuthrich
Fotos Christophe Chammartin
Die 18-jährige Cindy Gachet ist  Geschäftsführerin bei Mazubi. «Ich mag es, mich zu fordern», sagt sie.

Die 18-jährige Cindy Gachet ist Geschäftsführerin bei Mazubi. «Ich mag es, mich zu fordern», sagt sie.

Wenn Sonia, Kilian, Cindy, Kevin und Matteo sich jeden zweiten Montag mit ein paar Kollegen in einen Besprechungsraum zurückziehen, geht es nicht darum, von ihrem Wochenende zu berichten, sondern sie sprechen über das Unternehmen, das sie leiten: Mazubi. Das Unternehmen wurde 2008 gegründet. «Es wird ausschliesslich von Lernenden der Micarna geführt», erklärt Cindy Gachet. Die 18-Jährige, die eine KV-Lehre macht,  amtet zur Zeit als Geschäftsführerin.

Mazubi funktioniert dabei wie jedes andere Unternehmen. Es entwickelt und testet neue Produkte und bringt diese anschliessend im Geschäft am Produktionsstandort der Micarna in Courtepin (FR) in den Verkauf. Die jungen Gechäftsleute beobachten dabei genau, wie ihre Produkte am Markt ankommen.

Die Geschäftsführung von Mazubi besteht aus acht Lernenden. Sie sind für das reibungslose Funktionieren des Betriebs verantwortlich. «Jedes Mitglied ist für dabei für eine Abteilung zuständig: Marketing, Entwicklung, Logistik, IT usw.», sagt Cindy Gachet. Gachet musste sich genau wie Kollegen aus der Chefetage für die Stelle bewerben. «Ich mag es mich zu fordern», sagt Gachet. Das erste Lehrjahr hatte als Assistentin für Mazubi gearbeitet. «Die Position ist für mich eine gute Gelegenheit, neue berufliche und soziale Fähigkeiten zu erwerben».

Das ist Mazubi

Mazubi ist als eigenständiges Unternehmen innerhalb der Micarna tätig. Es hat einen eigenen Verwaltungsrat und eine Aktionärsbasis aus allen Auszubildenden, die automatisch Mitglieder von Mazubi werden. Wie alle Aktiengesellschaften der Micarna-Gruppe ist auch Mazubi auf den Generalversammlungen der Micarna rechenschaftspflichtig. Allerdings ist der Leistungsgedanke weniger stark ausgeprägt als bei einer AG, da Micarna der Meinung ist, dass der soziale Nutzen, z. B. die von den Auszubildenden erworbenen Fähigkeiten, hier wertvoller ist.Ein weiteres Mazubi-Unternehmen in Bazenheid (SG), am anderen Produktionsstandort der Micarna, arbeitet nach demselben Prinzip. Die beiden Unternehmen arbeiten gelegentlich bei gemeinsamen Projekten zusammen, bleiben aber voneinander unabhängig.

www.mazubi.ch (Seite im Aufbau)

In den zweiwöchentlichen Sitzungen der Geschäftsführung stellen die angehenden Führungskräfte den anderen Mitgliedern die Verkaufszahlen der letzten Wochen, die Finanzberichte oder die verschiedenen laufenden Projekte vor, und zwar nach einer Tagesordnung, die den Teilnehmern zuvor zugestellt wurde. «Die Atmossphäre ist gut und respektvoll. Alle kommen gut vorbereitet», sagt Gachet. «Meiner Meinung nach könnten die Sitzungen noch dynamischer sein.»

In diesem Jahr sind Jungunternehmer vor allem damit beschäftigt, den Umsatzrückgang bei mehreren Artikeln ihres Sortiments wettzumachen. Das Sortiment umfasst gegenwärtig 52 Produkte. An Ideen mangelt es den jungen Leuten nicht: Verkauf kleinerer Portionen, die den Ein- bis Zweipersonenhaushalten besser entgegenkommen dürften, Verbesserung der Präsentation der Produkte im Geschäft in Courtepin, aber auch die Überarbeitung bestimmter Rezepte. Das Mazubi Cordon Bleu ist eine der ersten Spezialitäten, die eine solche erfahren haben. «Wir haben beschlossen, mit lokalem Schinken und örtlichem Vacherin zu arbeiten, um dem Produkt einen regionalen Charakter zu verleihen. Wir nennen es jetzt Freiburger Cordon Bleu», erklärt die Geschäftsführerin. In den kommenden Wochen wird die Entwicklung der Verkäufe genau beobachtet.

Jedes neue Produkt erfordert zahlreiche Tests. Die Auswahl der Zutaten ist dabei besonders heikel: Wird die Haltbarkeit durch frische Tomaten in einem Rezept nicht zu sehr verkürzt? Macht dieser hochwertige Schinken das Produkt nicht zu teuer? Und schliesslich, wie kann man ein Allergen durch ein Gewürz ersetzen, das die meisten Menschen vertragen? Das sind alles Fragen, über die sich die Auszubildenden Gedanken machen und gemeinsam entscheiden müssen.

Um sich nicht im Labyrinth des Marketings zu verirren, wird jedes Mitglied der Geschäftsführung von einem Mentor oder einer Mentorin betreut. «Sie helfen uns, den richtigen Weg zu finden. Mit meiner Mentorin Sabrina La Gioia, einer Projektmanagerin im Bereich Berufsbildung bei Micarna, führe ich wöchentlich eine Nachbesprechung durch. Sie sagt mir, ob ich in einer bestimmten Situation gut reagiert habe, und was ich hätte besser machen können. Das hilft mir, mich zu verbessern und gibt mir Selbstvertrauen», erkärt Gachet. 

Abgesehen von diesen rein fachlichen Fähigkeiten erwerben die Lernenden auch soziale Kompetenzen. Alle müssen lernen, Argumente vorzubringen, den anderen zuzuhören oder die Meinung anderer zu respektieren. Und wenn ein Mitglied der Geschäftsführung nicht rechtzeitig Bericht erstattet oder abwesend ist, ohne die Geschäftsführerin zu informieren, können Massnahmen ergriffen werden. «Es ist nicht immer einfach, mit Menschen meines Alters über solche Dinge zu sprechen, aber manchmal ist es notwendig», sagt Gachet. Denn Mazubi ist ein Unternehmen wie jedes andere auch; das Erfolge feiert, aber auch Mängel hat, die es zu beheben gilt.

«Am Anfang war es nicht leicht»

Cindy Gachet, 18 Jahre alt, Geschäftsführerin und Marketing-Managerin bei Mazubi, KV-Lernende bei Micarna im dritten Jahr.

«Als ich vor drei Jahren zu Mazubi kam, hatte ich gerade die Sekundarstufe abgeschlossen und war es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Ich musste lernen, das Wort zu ergreifen, Sitzungen zu leiten, Kollegen gegebenenfalls zur Ordnung zu rufen und mit unvorhergesehenen Umständen umzugehen. Am Anfang war es nicht leicht, aber jetzt fühle ich mich wohl dabei. Für mich ist die Position der Geschäftsführerin die interessanteste von allen, auch wenn sie mit viel Verantwortung verbunden ist. Mein Ziel ist es, bei der Micarna-Gruppe zu bleiben, am liebsten in der Buchhaltung und im Personalwesen. Sollte das nicht möglich sein, würde mich Luftfahrtindustrie reizen.»

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Thomas Marujo Fraga, 19 Jahre alt, Produktionsleiter bei Mazubi, Auszubildender Fleischfachmann EFZ im dritten Jahr bei Micarna.

«Die Mitgliedschaft in der Geschäftsführung von Mazubi ermöglicht es uns, Beziehungen zwischen verschiedenen Lernenden aus anderen Berufen aufzubauen. Wir müssen viel miteinander diskutieren, um die richtigen Produkt zu entwickeln. Ich habe den Eindruck, dass ich mich jeden Tag beruflich weiterentwickle. Ich denke auch, dass diese Erfahrung ein echtes Plus in meinem Lebenslauf darstellt. Nach Ende der Lehre würde ich gerne bei Micarna als Metzger weiterarbeiten.»

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Loris Guisolan, 17 Jahre alt, stellvertretender Geschäftsführer und Leiter der Finanz- und IT-Abteilung bei Mazubi, IT-Auszubildender im dritten Jahr bei Micarna.

«Ich bin eher schüchtern und musste durch die Mitarbeit bei Mazubi lernen, auf andere zuzugehen. Ich habe auch festgestellt, dass ich mich jetzt besser organisieren kann. Früher hatte ich manchmal eine chaotische Arbeitsweise. Für mich ist das eine sehr positive Erfahrung, und ich werde mich im nächsten Jahr für das Amt des Geschäftsführers bewerben.»

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