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Hunde bei der Arbeit

Tierisch gute Schnüffler

Hunde können fast jeden Geruch aufspüren, wenn sie darauf trainiert werden – auch Fischotterkot, Schildkröteneier oder tote Wildschweine. Zu Besuch bei einem Training der von Artenspürhunden.

Text Simon Koechlin
Fotos Nik Hunger
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Mit Freude und feiner Nase für die Wissenschaft im Einsatz: Django (links), Inola (Mitte) und Kjell (rechts) am Aareufer.

Django ist zackig unterwegs. Leichtfüssig flitzt der achtjährige Nova Scotia Duck Tolling Retriever mit dem roten Fell über die Kiesbank im alten Aarelauf bei Obergösgen SO. Die Nase immer dicht über den Steinen, arbeitet er sich im Zickzack voran. Django ist zum Trainieren hier. Seine Mission: drei schwarze Kügelchen, die Besitzerin Denise Karp (33) auf einem grossen Kieselstein direkt am Wasser platziert hat. Es handelt sich um den Kot eines Fischotters. Django ist dafür ausgebildet, die Spuren dieses Wildtieres zu finden, das erst vor kurzem die Schweiz wieder besiedelt hat.

Denise Karp ist Biologin. Für ihre Doktorarbeit über Feldhasen hatte sie die Idee, einen Hund auf die Suche nach Junghasen zu trainieren, die gut getarnt in Wiesen oder Äckern sitzen. Es klappte – und daraus entstand ein schweizweit einzigartiges Projekt: 2017 gründete Karp mit ihrer Kollegin Jelena Mausbach den Verein Artenspürhunde Schweiz. Dieser hat sich darauf spezialisiert, mit Hilfe feiner Hundenasen verschiedene Wildtierarten zu finden oder anhand ihrer Spuren nachzuweisen. Ihr erstes gemeinsames Projekt war die Fischotterkot-Suche. Fischotter sind scheue Wasserbewohner und schwierig zu finden. Zumindest für Menschen: Für Django hingegen scheint die Kotsuche das reinste Kinderspiel. Konzentriert schnüffelt er das Ufer ab – kein Bellen, kein Zeichen von Frustration über einen Leerlauf, kein Blick zu seiner Halterin –, bis er den gesuchten Geruch in die Nase bekommt. Noch eine Drehung, um sicher zu gehen. Dann legt er sich vor den Stein mit dem Kot – und gibt damit Karp das Zeichen, dass er fündig geworden ist. Mit einem freudigen Schwanzwedeln nimmt er das Leckerli entgegen, das er sich als Belohnung verdient hat. Django ist ein Familienhund, aber ein energiegeladener.

Man könne nicht jeden Hund zu einer solchen Spürnase ausbilden, sagt Karp. «Manchen fehlt die nötige Motivation, sie verlieren schnell das Interesse und den Fokus.» Die Rasse sei nicht entscheidend. «Allerdings eignen sich kurzköpfige, sehr kleine und zu grosse Rassen weniger, weil die Suchaktionen körperlich anstrengend sind.»

Weiter gehts mit der Schildkrötensuche

Einsatzfreude und Fachwissen muss auch der Halter mitbringen: Ein guter Grundgehorsam des Hundes ist Voraussetzung, um in einem Basiskurs die Arbeit im Gelände oder das Führen auf Distanz zu üben. Erst danach folgt das Training auf einen bestimmten Geruch, der ganz vom Projekt abhängt. «Diese Phase dauert mehrere Monate», sagt Karp. Eine solche Ausbildung läuft momentan für ein Projekt, in dem die Hunde im Sand vergrabene Eier von Schmuckschildkröten aufspüren sollen. Überforderte Halter setzen exotische Wasserschildkröten immer wieder mal in Weihern aus. Dort sind sie eine Konkurrenz für Frösche und Kröten. Spürhunde sollen deshalb Schildkrötengelege finden, damit man sie entfernen kann.

Allerlei Berufsschnüffler

Der Mensch macht sich die Schnüffelnase des Hundes auf ganz unterschiedliche Weise zunutze:

Der Drogenspürhund ist aus der Polizeiarbeit nicht wegzudenken. Bei den Schweizer Polizeikorps sind rund 140 Hunde im Einsatz, die für die Suche nach Betäubungsmitteln ausgebildet wurden. Letztes Jahr rückten sie zu über 5000 Mal aus – und fanden in über der Hälfte der Fälle Drogen.

Der Diabetikerwarnhund hat eine Nase für den Blutzuckerspiegel seines Herrchens. Sinkt dieser zu stark, schlägt der Hund Alarm. In der Schweiz gibt es mehrere Organisationen, die Diabetikerwarnhunde ausbilden.

Der Coronaspürhund ist ein Neuling unter den Spürhunden. In Finnland und Frankreich schnüffeln speziell trainierte Hunde seit einigen Monaten Schweissproben von Flughafenpassagieren nach dem Virus ab. In Deutschland laufen Tests an Konzerten. Das Universitätsspital Genf hat im Frühling ein Corona-Spürhund-Training wegen der damals tiefen Fallzahlen abgebrochen.

Der Handyspürhund arbeitet im Gefängnis. Immer wieder gelingt es Häftlingen, Smartphones in ihre Zelle zu schmuggeln. Hunde helfen dem Gefängnispersonal dabei, sie zu finden. Eingesetzt werden Handyspürhunde zum Beispiel in den Justizvollzugsanstalten Pöschwies ZH und Solothurn.

Der Bettwanzenspürhund hat eine etwas eklige Aufgabe. Er spürt in fremden Schlafzimmern Blutsauger auf, die sich in Ritzen und Spalten des Bettes verstecken. In der Schweiz gibt es mehrere Schädlingsbekämpfer, die für ihre Arbeit auf die Hilfe von Hunden zurückgreifen.

Beteiligt an dem Projekt ist neben Denise Karp mit dem zweijährigen Kjell, ihrem zweiten Nova Scotia Duck Tolling Retriever, auch die Biologin Lara Schaufelberger (29) mit der Bergamasker-Schäfer-Mischlingshündin Inola. Schaufelberger zieht Inola ein gelb-oranges Geschirr über. Für die dreijährige Hündin ist es das Zeichen, dass die Suche nun bald beginnt. Die Vorfreude ist ihr anzusehen, immer wieder blickt sie zu ihrer Halterin. Endlich gibt Schaufelberger das Signal. Sofort zieht Inola los – und setzt sich schon nach wenigen Sekunden vor die Stelle, an der das Suchobjekt vergraben ist. Den Fundort hält sie dabei stets im Blick, als wolle sie einen gefundenen Schatz ja nicht verlieren.

Ein Genuss für jede Hundenase

Die dritte Trainingssession an diesem Morgen findet in einer Waldlichtung statt. Denise Karp setzt ein Einmachglas mit etwas unappetitlichem Inhalt auf einen Baumstrunk: ein Stück halbverweste Wildschweinschwarte. Im Auftrag des Veterinäramts des Kantons Aargau trainieren die Hunde, tote Wildschweine im Wald aufzuspüren.

Es handelt sich um ein vorsorgliches Projekt für den Fall, dass die Afrikanische Schweinepest in der Schweiz auftauchen sollte. Diese für Wild- und Hausschweine tödliche Viruserkrankung breitet sich in Europa aus – und hat von Osteuropa her bereits Deutschland erreicht. Artenspürhunde könnten dereinst helfen, infizierte Kadaver zu finden, um die Ansteckungsherde zu entfernen. Denise Karp steckt viel Herzblut in die Arbeit mit den Artenspürhunden, denn sie ist vom Potenzial der Methode überzeugt. Im Rahmen des Fischotter-Projekts etwa fanden die Hunde doppelt so viel Kot wie eine spezialisierte Biologin – und brauchten erst noch weniger Zeit dafür. Wer zusieht, wie zielgerichtet und konzentriert Django, Kjell, Inola und Co. die verschiedenen Gerüche aufnehmen, zweifelt keinen Moment daran, dass sie auch die neuen Herausforderungen meistern werden.

Mehr Infos zum Thema unter artenspuerhunde.ch

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