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Alternative Arbeitsorganisationen

Hier haben die Angestellten Priorität

Das Ziel von Jonathan Möllers Firma ist nicht, möglichst viel Geld zu verdienen – stattdessen sollen die Mitarbeitenden sich verwirklichen und weiterentwickeln können. Das funktioniert: Auch die Geschäfte laufen gut.

Text Ralf Kaminski
Fotos Dan Cermak
Datum
Jonathan Möller umgeben von seiner Kunst, die sich in allen seinen Büros findet.

Jonathan Möller umgeben von Kunst, die sich in allen seinen Büros findet.

Es gibt keine Strategie, keine Wachstumsvorgaben, keine Zielvereinbarungen, die jährlich mit dem Vorgesetzten besprochen werden. Auch kein Organigramm mit Chefpyramide und ganz unten ein paar Leuten, welche die eigentliche Arbeit machen. Und wenn sich niemand im Team findet, der den Job für diesen bestimmten Kunden übernehmen möchte – weil er dieser Firma gegenüber ethische oder andere begründete Vorbehalte hat –, dann verzichtet man eben auf den Auftrag.

Klingt wie eine utopische Welt? Mag sein, ist bei Foryouandyourcustomers aber seit fast zehn Jahren Realität. Und funktioniert auch finanziell. Das Schweizer Unternehmen, das Konzepte und Anwendungen für die digitale Welt entwickelt und inzwischen an 17 Standorten in Europa und Australien 209 Mitarbeitende beschäftigt, erwartet für 2021 einen Umsatz von rund 40 Millionen Franken und einen Gewinn von 3 Millionen. Dieser wird zu gleichen Teilen zwischen den 60 Aktionären und den Mitarbeitenden geteilt, wobei die Aktionäre mehrheitlich Mitarbeitende sind.

Ziel: Die perfekte Firma

Die ungewöhnliche Arbeitsorganisation hat Firmengründer Jonathan Möller gemeinsam mit Robert Josef Stadler und Stephan Müller entwickelt. Der 46-Jährige, der als Sohn von Hamburger Eltern in Basel geboren wurde, war selbst noch nie irgendwo angestellt. Er hat mit 16 seine erste Firma gegründet, Foryouandyourcustomers ist nun seine achte – und mit jeder hat er dazugelernt, wie ein gutes Arbeitsleben funktionieren sollte. «Ziel war immer, die beste Zusammenarbeit zu entwickeln, woraus in meinen Augen, die perfekte Firma entsteht.»

Derzeit baut er einen neuen Standort in der Nähe des Zürcher Opernhauses auf. Der Raum ist noch ziemlich kahl und etwas schummrig, weil demnächst eine neue Decke eingezogen werden soll und deshalb gerade die Beleuchtung fehlt. Aber ein paar Schreibtische stehen schon drin, ebenso drei gemütliche Sofas.

«Hinter dem Konzept steht ein ganz anderes Menschenbild als üblich», erklärt Möller. «Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch erfolgreich sein und etwas Gutes erreichen will. Deshalb schenken wir den Mitarbeitenden unser Vertrauen und sagen: Nimm den Raum ein und mach etwas draus.»

Dieser Grundgedanke führt nicht nur zu einem ganz anderen Führungsstil, sondern auch zu einem ungewöhnlichen Unternehmenszweck: «Ich möchte, dass die Mitarbeitenden sich persönlich und fachlich weiterentwickeln können, dass Menschsein und Arbeiten zu einer bereichernden Kombination verschmilzt.»

Spass wichtiger als Geld

Der Umsatz und die zufriedenen Kunden kämen dann quasi von ganz allein, sagt Möller. «Wir haben genug Geld, und wir müssen auch nicht superreich werden.» Wichtiger sei, Spass an der Arbeit zu haben und sie als Teil des Lebens zu leben. Zu einer gewissen Entspanntheit führe auch, dass sehr viele Mitarbeitende in einem Teilzeitpensum angestellt seien. Möller sieht die persönliche Weiterentwicklung denn auch als den eigentlichen «Sinn des Lebens».

Zudem lasse sich in seinem System Verantwortung nicht abschieben. «In Unternehmen mit klassischer Hierarchie geht es häufig darum, wer an Fehlern schuld ist. Und die, die tatsächlich schuld sind, müssen meist nicht die Konsequenzen tragen.» In vielen Fällen seien Manager ausserdem stärker mit dem eigenen Machterhalt beschäftigt als damit, einen nützlichen Beitrag für ihre Firma, ihre Kunden und ihre Mitarbeitenden zu leisten. «Das passiert bei uns nicht und macht uns sehr kosteneffizient.»

Ein Blick in die Welt von foryouandyourcustomers.

Aber machen in seiner Firma wirklich einfach alle, was sie wollen? Möller lacht. «An sich schon, aber die vielen Freiheiten kommen mit Rahmenbedingungen.» Es gibt kein Hauptquartier, lediglich gleichberechtigte Standorte, genannt «Zellen». Die haben alle eine eigene Leitung und eine eigene Buchhaltung, zudem maximal 25 Mitarbeitende, die einander gleichgestellt sind, auch wenn sie unterschiedliche Aufgaben haben. Die Löhne sind für alle transparent einsehbar, bis hin zum Gründer Möller. «Tendenziell verdienen Leute mit Tieflohnjobs bei uns etwas mehr – und umgekehrt», erklärt er.

Wachstum quasi nebenbei

«Die Mitarbeitenden haben grosse Freiheiten, aber der Standortleiter ist verantwortlich dafür, dass am Ende die Kasse stimmt.» Eine Zelle müsse allein lebensfähig sein. Ideal sei, wenn pro Monat 1000 Franken pro Mitarbeitende übrig sei, dies sorge für eine gewisse Reserve. «Wird es mal eng, muss man sich was einfallen lassen.»

Normalerweise sei jedoch das Geld nicht das Problem, sagt Möller. «Wenn reflektierte, gesunde Menschen ihre Talente kennen und sich darauf konzentrieren, können sie damit Geld verdienen. Und solange wir uns vernünftig verhalten, kommt auch Geld in vernünftigem Ausmass rein.»

Natürlich könne es auch mal Hänger geben. «Dann muss man sich einsetzen, noch ein, zwei Kunden mehr zu gewinnen.» Das jedoch passiere aus der eigenen Dynamik heraus, nicht weil es irgendwer anordne.

Bisher scheint das bestens zu funktionieren; die Firma ist seit ihrer Gründung stets ein wenig gewachsen, ohne dass dies irgendwer als Ziel oder Strategie ausgerufen hätte. «Dass es bei uns anders läuft, merken auch die Kunden – und mittels Mund-zu-Mund-Propaganda gewinnen wir dann weitere.» Marketing oder Werbung gibt’s bei Foryouandyourcustomers nicht.

Alternative Arbeitsorganisationen

Es gibt inzwischen diverse Firmen, die versuchen, klassische Hierarchien aufzubrechen. Einige entwickeln wie Jonathan Möller eigene Systeme, andere bedienen sich bei bestehenden Konzepten. Zu diesen gehört Holacracy, das Management-Hierarchien durch sich selbst organisierende Teams ersetzt.

Die Zürcher Firma Freitag, die aus ausrangierten Lastwagenplanen Taschen und Accessoires herstellt, hat 2016 darauf umgestellt, nachdem eine selbst entwickelte Alternative sich als zu umständlich erwies. Mit Holacracy funktionierte es besser, dennoch wird stets weiter an der Organisationsstruktur gefeilt.

Mittlerweile nutzen mehrere Dutzend Firmen in der Schweiz Holacracy, einige haben damit jedoch auch schon wieder aufgehört.

Jonathan Möller findet Holacracy etwas kompliziert und das völlige Abschaffen von Hierarchien nicht zielführend. «Die sind nicht grundsätzlich schlecht, werden einfach oft missbraucht. Und ganz ohne droht Anarchie.» Dennoch findet er gut, dass es Holacracy gibt: «Es zeigt auch, dass ein grosses Bedürfnis nach neuen Organisationsformen in der Arbeitswelt existiert.»

Aus seiner Sicht ist es einfacher, ein Unternehmen von Grund auf nach eigenen Ideen neu zu organisieren, als ein bestehendes Konzept auf eine bestehende Firma zu pfropfen. «Aber das letzte Unternehmen, welches ich mitgründete, Unic, funktioniert heute nach Holacracy – und durchaus gut.»

Der jüngste eröffnete Standort ist in Berlin, vier weitere sind bereits geplant, in Heidelberg, Saarbrücken, Rotterdam und Athen. Dahinter steht keine Strategie im eigentlichen Sinn, es ergibt sich aus den Interessen und Bedürfnissen der Mitarbeitenden. Sie müssen aber, wenn sie einen neuen Standort eröffnen möchten, zwei bisherige Standortleiter als Götti finden – und ein Standortleiter darf nur bei einem Standort Götti sein, damit das Wachstum nicht ausser Kontrolle gerät.

Genauso kann es jedoch geschehen, dass eine Zelle wieder verschwindet. «Meist liegt das daran, dass sich ein Standortleiter neu orientiert und sich keine Nachfolge findet», sagt Möller. Den Mitarbeitenden dieser Zelle werden dann Stellen an anderen Standorten angeboten.

Nicht für jeden ideal

Die Personalfluktuation ist eher gering, dennoch funktioniert Möllers Firma nicht für jeden. «Klassische Manager tun sich schwer damit, weil sie den Kontrollverlust nicht ertragen.» Zudem brauche es reflektierte Mitarbeitende, die bereit seien, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

«Es ist anspruchsvoll, der Realität ins Auge zu sehen. Seine eigenen Stärken und Schwächen wahrzunehmen. Viele haben verlernt, diesen Blick in den Spiegel zu ertragen. Oder mit Kritik umzugehen – gerade, wenn sie in hohen Positionen sitzen.» Frust sei also unvermeidlich. «Das muss man zulassen können, um daraus zu lernen.»

Angestellte, die es gewohnt sind, Aufträge von Vorgesetzten zu erledigen und ansonsten ihre Ruhe wollen, würden bei Foryouandyourcustomers «tendenziell nicht glücklich», sagt Möller. Obwohl es auch dort Routinejobs wie Buchhalter gibt – und Leute, die sich damit wohlfühlen.

Wer hingegen mal bei Möllers Firma gearbeitet und sich dort wohlgefühlt hat, tut sich gelegentlich schwer in anderen Unternehmen. «Das Problem ist, dass in vielen Firmen die Arbeitskultur kaputt ist. Es passieren oft sinnlose Dinge aus macht- oder budgetstrategischen Gründen. Wir haben deshalb einige Mitarbeitende, die wieder zu uns zurückgekommen sind, weil sie es anderswo nicht mehr ausgehalten haben.»

Büros mit viel Kunst

Zu den Kunden von Foryouandyourcustomers gehören etwa Miele, Bosch, Geberit, Swiss, Bâloise oder Musik Hug; letztere ist von Möllers Arbeitsorganisation so angetan, dass sie wesentliche Elemente daraus auch für sich übernommen hat. «Die Kunden merken an diversen Aspekten, dass die Dinge bei uns etwas anders laufen als üblich. Wir möchten zum Beispiel erst mal eine Beziehung aufbauen, bevor wir Lösungen vorschlagen. Es gibt bei uns nichts ab Stange.»

Und wenn die Kunden persönlich vorbeikommen, befinden sie sich gleich noch in einer Kunstausstellung. Die Bilder, die an allen Standorten an den Wänden hängen, sind denn auch eines von zwei Dingen, bei denen Jonathan Möller kompromissloser Kurator der Unternehmenskultur ist. «Ich habe das letzte Wort bei der Auswahl der Büros und der Kunst.»

Im Juni hat Robert Josef Stadler, Gründungsmitglied und Präsident des Unternehmens, ein dickes, schweres Buch dazu veröffentlicht: «Unternehmensphilosophie und Kunst». Warum Kunst? «Sie stellt Fragen zum Leben, kreiert eine besondere Atmosphäre, die sich immer wieder verändert – und tut einfach gut.» Bei den Standorten finden auch regelmässig Vernissagen und Finissagen statt.

Möller hat schon als Teenager seine erste Firma gegründet – und seither viel dazu gelernt.

Möller hat schon als Teenager seine erste Firma gegründet – und seither viel dazu gelernt.

Jonathan Möllers Karriere als Unternehmensgründer begann, als seine Eltern sich 1988 für 18'000 Franken einen Mac-Computer samt Laserdrucker anschafften. Sein Bruder und er waren total fasziniert und kauften sich regelmässig Mac-Magazine. Dabei realisierten sie rasch, dass die Preise in den Kleinanzeigen für die gleichen Produkte extrem variierten. Also gründeten sie MacWatchers, «eine Art Comparis für Apple-Produkte», erklärt Möller. Sie waren konstant mit sämtlichen Schweizer Händlern in Kontakt, kannten deren Preise und konnten so Käufer beraten, wo sie was am Günstigsten bekamen. «Das brachte uns ein schönes Taschengeld und erste nützliche Erfahrungen für später.»

Demütiger und gelassener

Stark beeinflusst hat ihn auch seine angeborene Gehörbehinderung. Selbst mit Hörgeräten hört er sehr reduziert und praktisch nur Vokale; den Rest muss er dazu kombinieren. «Ich habe als Kind gelernt, damit umzugehen. Zum Beispiel zu sagen, was ich will, oder mich zu melden, wenn ich etwas nicht verstanden habe.» So habe er ein gewisses Durchsetzungsvermögen entwickelt. «Ich kann mich auf meine Ohren nicht verlassen, entsprechend wichtig sind die Augen.» Wenn er einen Raum betrete, sehe er den Leuten tendenziell an, wie es ihnen gerade gehe. «Ich denke, ich habe dadurch feinere Antennen als andere.»

Als Kind galt Möller nach Tests als hochbegabt. Und seine Kreativität und Kombinatorik wurden durch die Hörbehinderung noch geschärft. Als Hauptgrund für seine Entwicklung als Unternehmer sieht er jedoch etwas anderes: «Ich habe keine Angst – weder vor dem Scheitern noch vor Geldmangel. Wenn ich an etwas glaube, mache ich einfach mal.»

Sicher spiele da auch ein gesundes Selbstbewusstsein, eine Portion Unverfrorenheit und etwas Naivität mit rein. Und ganz so unbeschwert wie früher ist er auch nicht mehr, hat er doch inzwischen eine Familie zu ernähren. Möller und seine Frau, eine Ärztin, haben drei Kinder.

Wie hat er selbst sich dank der Arbeit in seiner Firma weiterentwickelt? Möller denkt kurz nach. «Ich bin heute demütiger, gelassener und entspannter. Lasse mich nicht hetzen von kurzfristigen Zielen und Bedürfnissen. Habe, denke ich, auch ein besseres Verständnis dafür, wie unterschiedlich Menschen sind – und dass es letztlich meist weniger auf die Fachkompetenzen ankommt, sondern ob die Kombination der Leute in einem Team passt.»

Jonathan Möller ist überzeugt, dass er mit seiner Firma auf dem richtigen Weg ist – einem, von dem auch andere profitieren könnten. Er glaubt, dass sich sein Konzept letztlich für alle Berufe in allen Branchen eignet, mit ein paar Anpassungen. «Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Und Menschen, die Spass an ihrem Job haben und sich dort ausleben und weiterentwickeln können, führen ein glücklicheres Leben.» Dies sieht er als eigentlichen Erfolgsausweis seiner Firma, viel mehr als Umsatz und Gewinn. «Die sind letztlich nur Mittel zum Zweck.»

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