Navigation

Tischbombenbauer Maurice Regel

Er lässt es krachen

Maurice Regel hat einen explosiven Job: Seit fast 30 Jahren entwickelt und verkauft er Tischbomben für den einzigen Schweizer Hersteller. Und die Ideen gehen ihm noch lange nicht aus.

Text Michael West
Fotos Daniel Winkler
Er nennt sich selber stolz «Mister Tischbombe»: Maurice Regel zeigt die vielfältigen Füllartikel aus den Partykrachern.

Er nennt sich selber stolz «Mister Tischbombe»: Maurice Regel zeigt die vielfältigen Füllartikel aus den Partykrachern.

Mit ruhiger Hand hält Maurice Regel (62) die Flamme eines Kerzenanzünders an die Lunte. Es blitzt und knallt. Wie eine kleine Kanone feuert die Tischbombe ihren Inhalt in die Luft – glitzernde Partyhütchen, Halbmasken und Tröten, aber auch winzige Glücksschweinchen und Kaminfeger aus Plastik. Wie ­Hagel prasselt die kunterbunte Bescherung auf den Boden. Das Geräusch und der scharfe Brandgeruch wecken sofort ­Erinnerungen an Silvesterpartys und Kindergeburtstage.

Doch wir befinden uns an ­einem Ort, der nüchterner kaum sein könnte: in der Versuchs­anlage der Firma Constri, die am Rand der Aargauer Ortschaft Schinznach Dorf liegt. In einem kahlen Raum werden die ­Tischbomben dieses Herstellers genau getestet. Denn sie sind Schweizer Präzisionsprodukte: Exakt vier bis sechs Sekunden nach dem Anzünden der Lunte soll die Bombe hochgehen. Und die Triebladung aus Zündwatte muss die Partyartikel 150 bis 160 Zentimeter hoch in die Luft katapultieren. «Die Ladung darf nicht zu stark sein, sonst beschädigen wir vielleicht die Zimmerdecke», sagt Regel. «Wenn der Inhalt aber nur kraftlos aus der Kartonröhre purzelt, sind garantiert alle Kinder enttäuscht.»

Der Fachmann weiss schlicht alles über die Silvesterkracher. Seit bald 30 Jahren ist er als ­Entwickler und Verkäufer für das Tischbombensortiment von Constri verantwortlich. Die ­Traditionsfirma hat damit viel Erfolg: Sie ist hierzulande der einzige Hersteller der lautstarken Spassmacher und auch der klare Marktführer. Man kann die Aargauer Tischbomben schon seit Jahrzehnten in der Migros kaufen. Sie sind aber auch in Frankreich, Deutschland und Dänemark beliebt.

Eine Million Tischbomben

Kaufst du dir eine Tischbombe an Silvester?

Für den Silvester 2021 produziert Constri rund eine Million Kracher. 18 Männer und Frauen sind mit der Herstellung beschäftigt; bei unserem Besuch werden die allerletzten Tischbomben dieses Jahres zusammengesetzt. Ein Blick in die Werkhalle zeigt, dass Handarbeit hier noch eine grosse Rolle spielt: Mitarbeiterin Séverine Müller befestigt gerade eine der drei Zentimeter langen Lunten. Dann legt sie einen Bausch Zündwatte in eine kleine Vertiefung, die in den Plastikboden ­jeder Bombe eingeprägt ist. Die Watte ist mit winzigen Mengen des Sprengstoffs Nitroglycerin behandelt. Wenn sie sich entzündet, produziert sie einen Augenblick lang heisses Gas, das den Deckel absprengt und die Füll­artikel durch die Luft schleudert.

Regel will nicht nur, dass die Tischbomben perfekt funktionieren, sondern sie sollen auch möglichst nachhaltig sein. Von einem Testinstitut liess er messen, ob die Kracher Schadstoffe freisetzen. Es zeigte sich, dass lediglich die Lunte eine Mikromenge an Feinstaub produziert, dieser ist aber ungiftig und für die Umwelt völlig unbedenklich. Ausserdem besteht die Röhre der Tischbombe zu 100 Prozent aus rezykliertem Karton.

«Eile mit Weile» aus der Bombe

Ebenso wichtig ist dem Spezialisten der Inhalt der Bombe. Er setzt auf kurze Transportwege und wenn immer möglich auf Schweizer Zutaten. Die Trieb­ladung wird von einem Betrieb in Wimmis BE hergestellt. Die Luftschlangen und die bunten Bällchen aus gepresster Watte stammen aus Deutschland, die Ballone aus Polen. «Die Füll­artikel aus Plastik importieren wir teilweise aus China», räumt Regel ein. «Doch wir beziehen sie von Herstellern, die wir sehr gut kennen und bei denen wir auf Qualität und faire Arbeits­bedingungen zählen können.»

In seinen vielen Arbeitsjahren bei Constri hat Regel zur Qualitätskontrolle schon zahllose Tischbomben hochgehen lassen. Geht ihm das ganze Getöse nicht langsam auf die Nerven? «Auf keinen Fall», sagt der gestandene Experte. «Das Faszinierende ist, dass die Tischbombe noch lange nicht zu Ende erfunden ist. Man kann sie immer weiter verbessern und ständig neue ­Varianten entwickeln.»

Kurz vor dem Knall: Maurice  Regel hat zur Qualitätssicherung schon zahllose Partybomben hochgehen lassen.

Kurz vor dem Knall: Maurice Regel hat zur Qualitätssicherung schon zahllose Partybomben hochgehen lassen.

Constri möchte in Zukunft zum Beispiel folkloristische Kracher herstellen, aus denen Schweizerfähnchen, Schwingerfigürchen und Minikühe fliegen. Vor allem aber will die Firma vom Trend zu Gesellschafts­spielen profitieren, der sich seit Beginn der Pandemie enorm verstärkt hat. Sie plant darum eine Zusammenarbeit mit einem grossen Spieleverlag aus Deutschland. Es sollen Tischbomben entstehen, die zusammengefaltete Spielfelder, Figürchen und Würfel enthalten. Nach dem grossen Knall können Partygäste dann eine Runde «Eile mit Weile» spielen und sich so wieder beruhigen.

Konfetti sind verboten

Der Fantasie sind beim Füllmaterial kaum Grenzen gesetzt. «Nur Konfetti werden wir ga­rantiert nie in unsere Bomben abfüllen», versichert Regel. «Die farbigen Papierschnipsel machen zwar im ersten Moment Spass; nachher kriegt man sie aber kaum mehr aus den Kleidern und der Wohnung.»

Und was hat der Fachmann vor, wenn für dieses Jahr alle Kracher produziert sind? «Diesmal freue ich mich ganz besonders auf den Silvester», sagt Regel mit einem Lächeln. «Mein drei Jahre alter Enkel Yari wird dann nämlich seine Feuertaufe bestehen. Er darf zusammen mit Mami und Papi zum allerersten Mal eine Tischbombe zünden.» 

Schon gelesen?