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Laura Lombardini

«Vegane Schinkengipfeli fände ich toll»

Der Veganuary, der fleischlose ­Januar, ist vorbei. Und mit ihm auch der vegane Hype? Absolut nicht, sagt Laura ­Lombardini (35), ­Geschäftsleiterin der Veganen ­Gesellschaft Schweiz. Vegan zu leben, werde in ein paar Jahren völlig normal sein. 

Text Monica Müller
Fotos Roger Hofstetter
Ihr Verein hat den Veganuary in die Schweiz ­gebracht: Laura Lombardini von der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Ihr Verein hat den Veganuary in die Schweiz ­gebracht: Laura Lombardini von der Veganen Gesellschaft Schweiz

Laura Lombardini, was vermissen Sie als Veganerin kulinarisch?
Convenience- und Tiefkühlprodukte. Ich freue mich auf die vegane Pizza Margherita, die es bei der Migros bald zu kaufen gibt. Vegane Schinkengipfeli fände ich auch toll. Zuerst hatte ich auch Mühe, ohne Käse zu leben. Nach etwas Entwöhnung änderte sich das aber schnell. Inzwischen habe ich mit New Roots eine wunderbare Alternative aus Cashewnüssen gefunden. Statt mit Parmesan würze ich mit Hefeflocken. Trotzdem wünsche ich mir noch weitere Käse-Ersatzprodukte. 

Warum ausgerechnet Schinkengipfeli?
Bevor ich Veganerin geworden bin, habe ich das auch nie verstanden. Aber heute mag ich kreative Küche und Kopien. Früher liebte ich Salami, Schinken, Speck und Käse. An diese Geschmackserlebnisse werde ich mich immer erinnern, damit bin ich aufgewachsen. Das ist ein Wohlfühlding. Mit veganen Schinkengipfeli kann ich meine Werte leben, ohne anderen unnötigen Schaden zuzufügen. 

Wie sind Sie Veganerin geworden?
Bei einem Yoga-Workshop mit veganem Essen dachte ich noch: Das schmeckt super, aber ich könnte nie so leben. Dann begann ich zu recherchieren und realisierte, wie einfach ich zu Kalzium, Eisen und Proteinen kommen kann und welchen Beitrag ich damit zur Schonung der Umwelt und der Tiere leiste. Das war vor sechs Jahren. Heute kann ich mir keine andere Lebensweise mehr vorstellen.

Was bereitete Ihnen beim Umstellen der Ernährung am meisten Mühe?
Erst wollte ich zu Hause vegan essen und auswärts flexibel bleiben. Aber ich merkte rasch, dass mir das nicht entsprach, weil ich immer mitbestimmen wollte, was ich konsumiere. Veganerin zu werden, bedeutete für mich überraschenderweise auch, kreativer zu werden in der Küche. Hatte ich zuvor immer dieselben Gerichte auf meinem Menüplan, wie Spaghetti Carbonara oder Käsepizza, entdeckte ich nun ganz viele Gemüsesorten wie Schwarzwurzel, Topinambur, Federkohl oder rohe Randen und Hülsenfrüchte neu. 

Sie sind also als Veganerin die bessere Köchin geworden?
Das ist tatsächlich so! Ich esse wahnsinnig gern. Gerösteter Blumenkohl mit Tahini-Sauce, selbstgemachte Gnocchi oder Pancakes gelingen mir mittlerweile wunderbar. Anfangs dachte ich, auf viel verzichten zu müssen. Jetzt sehe ich eher, was ich alles dazugewonnen habe. 

Wie reagierte Ihr Umfeld, als Sie begannen, vegan zu leben?
Sehr unterschiedlich. Ausgeflippt ist niemand. Aber meine Mutter war traurig, weil sie dachte, sie könnte mich nicht mehr bekochen. Und mein Vater befürchtete, meine Ernährungsumstellung könnte zu einer Art Religion werden. Eine Freundin sagte: Mal schauen, wie lange du das durchhältst! Ich war die Erste in meinem Umfeld und eckte auch an. 

Warum?
Ich war ziemlich erschüttert, als ich begriff, was für Auswirkungen der Konsum von tierischen Produkten hat. Ich hatte das Bedürfnis, darüber zu reden und andere nach ihrer Haltung zu fragen. Schnell merkte ich: Viele wollen das nicht. Das habe ich akzeptiert. Heute versuche ich eher, andere zu inspirieren, Alternativen auszuprobieren – wie einen Cappuccino mit Hafer- statt Kuhmilch zu trinken.

Sind Flexitarier in Ihren Augen Rosinenpicker oder gar Weicheier?
Absolut nicht! Ich möchte den Schaden reduzieren, den wir durch unsere Essgewohnheiten der Umwelt, den Tieren und auch uns selbst zufügen. Würde eine breite Masse weniger tierische Produkte konsumieren und Alternativen ausprobieren, wäre schon viel erreicht.

Veganer galten lange als spassbefreit. Nun wandelt sich ihr Image. Wie erleben Sie das?
Vor zehn Jahren waren Veganer eine Randerscheinung und galten als lustlos, freudlos und -farblos. Nun ist das Thema viel präsenter geworden und die Medien berichten mehrheitlich positiv über den veganen Lebensstil. Und es ist ein Lebensstil wie jeder andere: Wir sind lebensfroh, essen gerne gesund und gerne auch mal Junk. 

Und doch provozieren Sie damit viele. Werden Sie häufig angefeindet
Leider immer wieder. Ich war vor einem Jahr in einer Talkrunde bei «Tele-Züri», zusammen mit einem Milchbauern und einer Ernährungsberaterin. Danach hagelte es primitive Kommentare, auch auf meinen privaten Kanälen. Das tut weh. 

Keine Tierprodukte

Vegane Gesellschaft Schweiz

Laura Lombardini (35) ist seit drei Jahren Geschäftsleiterin der Veganen Gesellschaft Schweiz. Der gemein­nützige Verein setzt sich für eine vegane Lebensweise ein und hat auch den Veganuary in die Schweiz gebracht. Die gelernte Kauffrau hat vielfältige Berufserfahrungen im Marketing, der Kommunikation, der Werbung und der Gastronomie. 

Wie ordnen Sie das ein? 
Es handelt sich um ein emotionales Thema. Unser Umgang mit der Natur und Tieren funktioniert, weil wir gewisse Dinge wie Massentierhaltung ausblenden. Niemand will Tiere quälen. Kommt dann jemand und hält den Finger auf die wunde Stelle, löst er einen Abwehrreflex aus. Zudem sind im virtuellen Raum die Hemmungen kleiner, sich abzureagieren. 

Könnten Sie sich in jemanden verlieben, der Fleisch isst?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Verlieben wohl schon. Aber ob es auch längerfristig klappen würde? Ich lebe vegan, weil es meinen Werten entspricht. Findet man sich da nicht, stimmt wohl vieles nicht. 

Der zweite Veganuary ist eben zu Ende gegangen. Welche Bilanz ziehen Sie?
Verglichen mit dem ersten Veganuary hatte das Thema sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Alle Detailhändler waren mit vonder Partie, manche haben neue vegane Produkte lanciert. Die Kampagne der Migros für ihre V-Love-Produkte beispielsweise hat uns enorm gefreut. Mit Slogans wie «Auch wenn dein Veganuary nur einen Tag dauert: V-love you» schafft die Migros Sympathie für unser Anliegen. Und das zählt. Schliesslich möchten wir, dass möglichst viele dem Thema offen begegnen.

Aktuell ernähren sich gerade mal 2,6 Prozent der Schweizer Bevölkerung vegan. Werden die Veganer einst die Welt erobern? 
Ich bin zuversichtlich, dass der vegane Lebenstil in einigen Jahren so alltäglich sein wird wie der vegetarische.

V-Love - so geht vegan in der Migros

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