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Streitgespräch Tierversuchsverbot

«Das heutige System ist weder ethisch noch finanziell tragbar» 

Am 13. Februar stimmen wir darüber ab, ob Tierversuche in der Schweiz künftig komplett verboten sein sollen. Co-Initiant Renato Werndli hält sie für «Verbrechen», Julika Fitzi-Rathgen vom Schweizer Tierschutz findet die Initiative «zu absolut».

Text Ralf Kaminski, Rahel Schmucki
Fotos Nik Hunger
Die meisten für Versuche verwendeten Tiere sind Nager. (Bild: Getty Images) 

Die meisten für Versuche verwendeten Tiere sind Nager. (Bild: Getty Images) 

Julika Fitzi-Rathgen, weshalb sind Sie als Tierschützerin gegen ein Verbot von Tierversuchen?

Julika Fitzi-Rathgen: Weil sie zu absolut formuliert ist und Folgen hätte, die der Tierschutz nicht gutheissen kann.

Zum Beispiel?

Fitzi: Das Totalverbot sämtlicher Tier- und Menschenversuche geht zu weit. Es gibt kaum belastende, sinnvolle Tierversuche, die das Wohl von Haus- und Nutztieren verbessern sollen. Etwa um Hunden mit flachgezüchteten Nasen beim Atmen zu helfen. Oder wenn ein Tierarzt in Ausbildung untersuchen soll, ob ein Rind trächtig ist.  

Renato Werndli: Trächtigkeitsuntersuchungen sind aus meiner Sicht keine Tierversuche, die wären nicht verboten.

Fitzi: Offiziell gelten sie aber als solche und müssen im Rahmen der Ausbildung bewilligt werden. Und eben, es gibt sinnvolle Feld- und Verhaltensstudien bei Tieren mit dem Ziel, dass es ihnen später besser geht. 

Werndli: Alle diese Versuche geschehen angeblich «zum Wohl» von Tieren oder Menschen, sie sind es aber nicht. Und schon gar nicht, wenn man Versuche mit Tieren zum Wohl von Menschen macht. Sie sind nicht nur ethisch problematisch, sie funktionieren weitgehend nicht. 95 Prozent aller in Tierversuchen getesteten Wirkstoffe sind beim Menschen unbrauchbar. Tiere sind ein unzuverlässiges Messgerät, denn sie haben eine Psyche, Emotionen, Launen, was bei gleichen Tests zu unterschiedlichen Resultaten führt. Diese Versuche sind also faktisch wertlos, verursachen aber sehr viel Leid. 

Fitzi: Tatsächlich wirken nur maximal 10 Prozent der Stoffe beim Menschen. Das alles bei gewaltigen Kosten. Allein die Tierhaltung von Nagern für Versuchslabore kostet die Steuerzahlenden der Schweiz jeden Tag 600’000 Franken. Das sind 219 Millionen im Jahr. Hinzu kommen noch die Kosten für viele andere Tiere, deren Anschaffung, die Versuche selbst und die Personalkosten. 

Trotzdem sagen Sie, ganz ohne Tierversuche gehe es eben doch nicht.

Fitzi: Wenn wir das Wohl des Menschen im Fokus haben, kommen wir mit Tierversuchen nicht weiter. Stattdessen bräuchte es humanbasierte Versuchsmodelle – der Mensch selbst, menschliches Gewebe, entsprechende Computermodelle. Hier bin ich also für einen vollständigen Verzicht von Tierversuchen und dennoch uneinig mit der Initiative, weil die ja auch alle Versuche mit Menschen verbieten will. Aber es muss möglich sein, solche Versuche zu machen. Genauso muss es möglich sein, kaum belastende Tierversuche zu machen, um das Wohl von Tieren zu verbessern. 

Ein aktuelles Beispiel: Tierversuche haben offenbar dazu beigetragen, dass man so schnell effektive Impfstoffe gegen Covid entwickeln konnte.

Werndli: Das stimmt nicht! Die Impfstoffe hat man zuerst am Menschen getestet, weil es schnell gehen musste. Erst danach hat man noch Tierversuche gemacht, quasi der Vollständigkeit halber und weil es Teil des gesetzlichen Prüfungsprozesses ist. Obwohl es sie offensichtlich gar nicht gebraucht hätte, und die meisten Tiere Covid nicht bekommen oder ganz anders darauf reagieren. Völlig absurd. Die Tierversuche haben den Prozess vermutlich sogar verzögert.

Fitzi: Völlig einverstanden. Nachträgliche Tests mit Tieren bei wirksamen Therapien für Menschen sollte man schlicht abschaffen.

fitzi-werndli

Die Pragmatikerin und der Idealist

Pro
Renato Werndli (68) ist Hausarzt, Tierschützer und Co-Initiant der Tierversuchsverbots-Initiative. Er lebt seit langer Zeit vegetarisch und seit 2010 vegan. Werndli wohnt in Eichberg SG und hat drei Kinder.

Contra
Julika Fitzi-Rathgen (56) ist Tierärztin und Leiterin der Fachstelle Tierversuche beim Schweizer Tierschutz (STS). Sie lebt seit langer Zeit vegetarisch und versucht, tierische Produkte zu vermeiden. Fitzi wohnt in St. Gallen, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
 

Abstimmungsvorlage
Die Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt» verlangt ein bedingungsloses Verbot von Tier- und Menschenversuchen. Tierversuche sollen in der Verfassung als Quälerei und Verbrechen eingestuft werden. Neue Produkte, für die Tierversuche durchgeführt werden müssten, dürfen weder gehandelt noch ein- oder ausgeführt werden.
Bundesrat, Parlament und sämtliche Parteien lehnen die Vorlage ab.

Aber ganz ohne Menschenversuche geht es dann doch nicht. Weshalb wollen Sie auch die verbieten, Herr Werndli?

Werndli: Weil die zu 95% ungeeigneten neuen Medikamente aus dem Tierversuch als nächstes bei gesunden Menschen getestet werden. Die wollen wir schützen. Ein neuer Stoff soll in Zukunft mit tierleidfreien Methoden akribisch genau, sorgfältig und ohne Zeitdruck untersucht werden, bis er sicher ist und vorsichtig erst-angewendet werden kann – an freiwilligen Kranken, die davon profitieren können. 

Was verstehen Sie denn unter einem Menschenversuch?

Werndli: Man muss zwischen Menschenversuch und Erstanwendung bei Patienten unterscheiden. Zu den Erstanwendungen zähle ich übrigens auch Impfungen – von Covid sind wir schliesslich alle betroffen. Heute kommen neue Medikamente nach dem Tierversuch in die klinische Phase 1: Menschenversuche in der Regel mit gesunden jungen Männern. Meist sind das Studenten, die sich gegen Geld zur Verfügung stellen und der Forschung blind vertrauen. Sie wissen nichts von diesen 95% unbrauchbaren Medikamenten, die in diesen Menschenversuchen dann meist wegen Nebenwirkungen ausscheiden. Solche gefährlichen Tests an Gesunden wollen wir verbieten, es soll künftig nur noch Erstanwendungen an Kranken geben.

Fitzi: Aber vielleicht hätten wir schon viel früher wirksame Stoffe, wenn wir sie früher an Menschen testen würden statt an Tieren. Wir brauchen den Menschen bei Medikamenten für Menschen.

Werndli: Für die Erstanwendung, das stimmt. Wir haben genügend Kranke dafür, die unmittelbar profitieren können. Gesunde müssen wir damit nicht belasten.

«Was wir mit diesen Tieren machen, ist ein Verbrechen» sagt Hausarzt Renato Werndli.

«Was wir mit diesen Tieren machen, ist ein Verbrechen» sagt Hausarzt Renato Werndli.

Nun heisst es aber überall, Ihre Initiative sei zu radikal und schädlich für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Schweiz.

Werndli: Unsinn, die Initiative ist schlicht konsequent. Was wir mit diesen Tieren machen, ist ein Verbrechen. Die sind genauso empfindsam und leidensfähig wie wir, aber können sich nicht wehren. Unser Forschungsplatz wäre besser dran ohne Tierversuche. Es gibt genügend andere, bessere Methoden. 

Fitzi: Auch ich sehe in den Alternativen ein riesiges Potenzial, das wir derzeit links liegen lassen. Würde sich der Forschungsstandort Schweiz nur schon mit der Hälfte des Geldes, das derzeit in Tierversuche fliesst, auf alternative Methoden konzentrieren, würde ihn das sogar aufwerten. Wo aber auch ich Probleme für den Forschungsplatz sehe mit dieser Initiative, ist bei einer gewissen Abschottung vom Rest der Wissenschaftswelt. Sobald eine Uni im Ausland etwas mit Tierversuchen macht, würde es mit Kooperationen sofort schwierig. 

Und was ist mit der Wirtschaft?

Fitzi: Es werden ja nicht nur Medikamente an Tieren getestet, sondern auch jede Chemikalie und jedes Färbemittel, eigentlich jede Substanz bevor sie in Verkehr gesetzt wird. Und da die Initiative ein Importverbot für alles verlangt, bei dem Tierversuche eine Rolle spielen, würde das die der Schweiz zur Verfügung stehenden Produkte arg reduzieren.

Werndli: Wir würden unsere eigenen Produkte herstellen, ohne Tierversuche und deshalb viel besser und sicherer. Die wären auch international enorm gefragt.

Fitzi: Das halte ich für völlig illusorisch. Wir sind viel zu klein, um all die zahllosen Produkte selbst herzustellen, die wir dann nicht mehr importieren dürften. Mit solchen Radikalforderungen kommen wir am Ende nirgends hin. Verbesserungen sind nötig, aber sie müssen schrittweise passieren. 

Werndli: Den schrittweisen Weg versuchen wir seit Jahrzehnten, bewirkt hat er praktisch nichts. Laut offizieller Statistik gibt es zwar heute in der Schweiz viel weniger Tierversuche als Anfang der 1980er-Jahre, aber all die genveränderten Tiermodelle, die es damals noch gar nicht gab, führen zu nochmals Hunderttausenden von Überschusstieren, die falsch «konstruiert» wurden und eingeschläfert werden müssen. Sie sind nicht mitgerechnet. 

Fitzi: Hinzu kommt, dass die Schweiz viele der belastendsten Tierversuche schlicht ausgelagert hat, weil man sie hier nicht oder nur mit hohen Auflagen machen darf oder die Tierhaltung so teuer ist. Würde man die mitrechnen, weil sie im Auftrag von Schweizer Unternehmen oder Forschenden passieren, würde sich die offizielle Zahl von 550’000 Versuchstieren mutmasslich verdoppeln. Und das meiste davon betrifft den höchsten Schweregrad 3, bei dem die Tiere schwerst belastet werden. Tierversuche enden aber ohnehin meist mit dem Tod der Tiere – auch solche mit Schweregrad 0 oder 1. 

(Bild: Getty Images)

Zahlen und Fakten zu Tierversuchen 

Art der Versuche

Tierversuche werden in die Schweregrade 0 bis 3 eingeteilt.
0: keine Belastung (etwa Beobachtungsstudien); 2020 waren es 235’280 (42.3%).
1: kurzfristige leichte Schmerzen, Schäden oder Beeinträchtigung des Allgemeinfindens (etwa Versuche unter Vollnarkose). 2020 waren es 155'564 Versuche (28%).
2: mittel- bis langfristige leichte Schmerzen oder Schäden bzw. kurz- bis mittelfristige schwere Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens (etwa Implantate am intakten Bewegungsapparat). 2020 waren es 145'551 Versuche (26.2%).
3: mittel- bis langfristige mittlere bis schwere Schmerzen oder Schäden bzw. eine schwere Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens (etwa die Einpflanzung eines aggressiven Tumors). 2020 waren es 19'712 Versuche (3.5%), die zu 94% zur Erforschung von Krankheiten beim Menschen durchgeführt wurden.  Betroffen waren vor allem Mäuse, Ratten und Fische, aber auch einige Amphibien, Schweine, Vögel und Katzen.

Eingesetzte Versuchstiere

Insgesamt wurden 2020 mit 556'107 Versuchstiere eingesetzt. Der Anteil schwer belastender Tierversuche hat mit 19’712 Fällen gegenüber 2019 um 7.8% zugenommen.

Die Zahl der eingesetzten Tiere hat seit 1983 stark abgenommen. Damals waren es noch 1,9 Millionen, 2020 noch 556'000.

Rund 60% der Versuchstiere (333'555) wurden 2020 an Hochschulen und Spitälern eingesetzt, private Einrichtungen nutzten 133'244 Tiere, die Industrie 89'308.

Etwa 68% der Versuchstiere (380'608) wurden 2020 für die Erforschung von Krankheiten beim Menschen verwendet.

Der grösste Anteil der 2020 verwendeten Versuchstiere waren Mäuse (62%), gefolgt von Vögeln (12%), Ratten (9%), Fischen (6%) sowie Amphibien und Reptilien (5%). Es waren aber auch 190 Primaten, 4594 Hunde, 1472 Katzen und 281 Meerschweinchen im Einsatz.

Herr Werndli, selbst unter Tierschützern gilt Ihre Initiative als zu radikal. Eine moderatere war kein Thema?

Werndli: Nein. Gegenüber Verbrechen kann man nicht moderat sein. Die kann man nicht einfach teilweise zulassen. Aber klar, wir werden es schwer haben. Sogar bei der Parolenfassung der Jungen Grünen gab es 3 Ja zu 50 Nein – und die stehen uns inhaltlich wohl noch am nächsten. 

Wie gehts weiter, falls die Initiative tatsächlich abgelehnt wird?

Werndli: Ich suche mir am nächsten Tag wieder Verbündete und kämpfe weiter – entweder mit einer neuen Initiative oder anderen Mitteln. Ich kämpfe schon mein Leben lang gegen Tierversuche und werde damit nicht aufhören.

Wie müsste eine Initiative aussehen, damit Sie mit an Bord wären, Frau Fitzi?

Fitzi: Sie müsste auf die Entwicklung und Anwendung von Alternativen und Ersatzmethoden fokussieren. Zudem dürfte es nur noch Tierversuche fürs Tierwohl oder für die Erforschung von Therapien und Medikamente für Tiere geben. Alle Tierversuche, insbesondere die schwerbelastenden, die heute für Menschen durchgeführt werden, müssten verboten sein.

Kontrahentin Julika Fitze, Tierärztin, in ihrer Wohnung in St. Gallen

«Wer keine Tierversuche gemacht hat, kann nicht publizieren und macht keine Karriere», beklagt Julika Fitzi-Rathgen.

Der STS will unter anderem mit der Strategie «Ersetzen, Reduzieren, Verfeinern» (3R) von Tierversuchen wegkommen. Wieso kommt man da nicht vorwärts?

Werndli: Weil die Forschenden ein Interesse daran haben, die bisherigen Praktiken beizubehalten. Es wurden schon kleine Dinge verbessert, aber das sind Alibiübungen. 3R ist eine Ausrede, und es ist schade ums investierte Geld.

Fitzi: 3R hat uns durchaus weitergebracht, aber die Implementierung der Ersatzmethoden harzt. Und ja, die Budgets der Universitäten enthalten meistens einen Posten für Tierversuche. Damit die Forschenden ihre Gelder weiter erhalten, müssen sie diese Versuche auch durchführen. Zudem dauert es 10 bis 15 Jahre, bis Alternativmethoden zugelassen und akzeptiert sind. In dieser Zeit arbeiten die meisten Forschungsinstitute natürlich mit den alten Methoden weiter. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch immer zwingend Tierversuche braucht, wenn Forschende ihre Erkenntnisse publizieren wollen. Wer keine Tierversuche gemacht hat, kann nicht publizieren und macht keine Karriere. Ein weiteres Problem ist, dass Firmen, die Tierversuche durchführen, ihre Resultate nicht teilen – und gewisse Versuche deshalb unnötigerweise auch von anderen noch gemacht werden. 

Werndli: Eben, es gibt so viele Missstände und Baustellen, die einzeln schwierig anzugehen sind. Unsere Initiative würde das alles auf einen Schlag lösen.

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