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Abgehauen, angefahren und beschlagnahmt

Tiere retten im Akkord

So oft wie 2021 musste der Krankenwagen der Schweizer Tierretter noch nie ausrücken, um Katzen zu versorgen und Hunde einzufangen. Das Frustrierende: Ihre Einsätze wären leicht vermeidbar.

Text Dario Aeberli
Fotos Julius Hatt
Aktuell Tierretter Rick Meyer im Einsatz: Der Schaffhauser rückt mit Falle, Hundefutter und seinen Hunden auch mitten in der Nacht aus, um ein entlaufenes Tier zu retten. 

Aktuell Tierretter Rick Meyer im Einsatz: Der Schaffhauser rückt mit Falle, Hundefutter und seinen Hunden auch mitten in der Nacht aus, um ein entlaufenes Tier zu retten. 

Ricky Meyer püriert Hundefutter und zieht eine Spur zu einer Lebendfalle mit noch mehr Futter und einer Kamera darin. Dann heisst es warten. Manchmal bis zu fünf Tage lang. Meyer sitzt dann in seinem Auto und starrt auf seinen Laptop. Sieht er, dass ein Hund in der Falle ist, lässt er die Tür mittels App zuschlagen.

Einmal war er im Winter von 22 Uhr bis morgens um 10 Uhr unterwegs, um einen Hund zu finden. Statt zu helfen, blieb das Herrchen zu Hause. «Als ich müde mit seinem Hund zurückkam, war er völlig ausgeschlafen und fragte, ob ich eine Suppe möchte. Ich fand das total unverfroren. In solchen Fällen frage ich mich, ob es nicht besser wäre, die Tiere ihrem Schicksal zu überlassen», sagt Meyer. Doch er rückt trotzdem wieder aus. Aus Liebe zu den Tieren. «Sie können ja nichts dafür.» Mit seinem Verein «Animal Rescue Tierrettung SH+TG» will er Heim- und Wildtieren in Not helfen.

1,7 Millionen Katzen und 450 000 Hunde leben in der Schweiz. Immer öfter werden sie vermisst gemeldet, angefahren oder beschlagnahmt. Das be­obachtet zumindest die Zürcher Stiftung Tierrettungsdienst. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Anzahl der Einsätze 2021 um rund einen Viertel zu. Allein im Kanton Zürich und den angrenzenden Gebieten musste der ­Rettungswagen im vergangenen Jahr 1425 Katzen zu Hilfe eilen.

Gefahr wird unterschätzt

658-mal eilte der Tierrettungsdienst Hunden zu Hilfe, die ausgebüxt waren oder deren Besitzer ins Krankenhaus eingeliefert wurde. «Werden Halterinnen und Halter verhaftet oder hospitalisiert, sind die Beteiligten froh, wenn wir die Tiere artgerecht unterbringen können», sagt Nina Taddei, Sprecherin der Stiftung.

Der Schaffhauser Ricky Meyer hat 2016 den Verein Animal ­Rescue gegründet und sich ­da­rauf spezialisiert, schweizweit ent­laufene Hunde einzufangen. Normalerweise haben er und sein Team vor allem im Frühling und Sommer viel zu tun. Doch in diesem Jahr klingelte das Notfalltelefon bereits Mitte Januar so oft, dass sie die Arbeit nicht mehr bewältigen konnten. «Es ist extrem frustrierend», sagt Meyer, der selbst zwei Hunde hat. Die meisten Fälle liessen sich ver­hindern, wenn sich neue Hundebesitzer mehr Zeit nehmen und eine Beziehung zu ihren Vier­beinern aufbauen würden. Viele liessen ihre Hunde bereits nach drei Wochen von der Leine. «Sie unterschätzen die Gefahr, dass der Hund davonläuft.» Dann muss Meyer losrennen. Auch bei Nacht und bei jedem Wetter.

Verwilderte Hunde in der Schweiz

«Manchmal frage ich mich, wofür wir das überhaupt machen. Wir freiwilligen Rettungsdienste werden doch nur ausgenutzt», sagt der 56-Jährige. Um einen Hund einzufangen, betreibe er einen riesigen Aufwand. «Und das nur, weil sich jemand kopflos ein Tier zugelegt hat.» Zuerst verteilt er Flyer, damit sich Menschen bei ihm melden, wenn sie einen Hund alleine durch die Gegend ziehen sehen. Wenn er eine Meldung erhält, stellt er eine Falle auf. Er will in der Schweiz keine verwilderten Strassenhunde sehen, wie in Italien oder Spanien. «Wir nähern uns aber Verhältnissen wie in Südeuropa an.»

In der Region Basel gibt es erst seit Juli 2021 einen Tierrettungsdienst. «Das Bedürfnis war aber schon länger da», sagt die Tierärztin Gabrielle Brunner. Sie hat zusammen mit einer Stiftung ­einen Rettungsdienst auf die ­Beine gestellt; mit rund um die Uhr bereiten Notfalltierärzten und einem für Tiere umgebauten Krankenwagen. Finanziert wird die Stiftung über private Spenden, wie fast alle Schweizer Tierschutzorganisationen.

Jedes zehnte Tier wäre tot

«In fünf Monaten hatten wir ­bereits über 100 Einsätze», sagt Brunner, die folgendermassen ablaufen. Eine Katze fällt vom ­Balkon. Der Tierbesitzer wählt in der Region Basel die 0800-Telefonnummer und erreicht eine der zwei Personen, die in der Tierklinik für den Ambulanz­wagen Pikettdienst haben. Zu zweit springen sie in den Wagen und fahren zum Unfallort. Dort stabilisieren sie das Tier, legen etwa einen Venenzugang oder verabreichen Sauerstoff. Während der Rückfahrt bereitet sich in der Klinik ein Notfallmedi­zinerteam auf den Patienten vor, richtet das Röntgenzimmer ein oder legt Medikamente gegen epileptische Anfälle bereit. «Wir schätzen, dass elf der hundert ­geretteten Tiere ohne unseren Einsatz gestorben wären», sagt Brunner. Stattdessen sind sie nun wieder bei ihren Besitzern oder im Tierheim.

Auch sie erwartet, dass die Einsätze in Zukunft eher zu- als abnehmen. «Als ich in den Nullerjahren meine Praxis eröffnete, gab es noch nicht halb so viele Haustiere wie heute.» Gründe dafür gebe es verschiedene: immer mehr kinderlose Paare, eine ­alternde Bevölkerung mit Bedürfnis nach Gesellschaft, Verein­samung. «Dazu kommt Corona.»

Viele haben sich während der Pandemie eine Katze angeschafft oder gehen öfter mit ihren Hunden wandern. Wer mehr unterwegs ist, läuft eher Gefahr zu verunfallen. Dann klingeln die Telefone der Tierschutzrettungen. Und sie rennen wieder los. 

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