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Krypto-Serie: Der Experte

«Der Mensch ist eben ein Eigennutzen-Maximierer»

Dass Bitcoins einen Wert haben, hat viel mit Glaube zu tun, sagt der Fintech-Professor Fabian Schär. Dies gelte jedoch auch für Franken oder Dollars. Ein Gespräch über die esoterischen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems, das Potenzial der Blockchain und die kapitalistische Natur der Menschheit. 

Text Ralf Kaminski
Bitcoin logo with binary numbers code and network on a dark background.

Der Bitcion – nur ein Hype oder die Zukunft? (Bild: Getty Images/Yuichiro Chino)

Fabian Schär, 1 Bitcoin ist derzeit knapp 40 800 Franken wert (Mitte Februar 2022). Bis Herbst 2020 dümpelte er bei plus/minus 8000 Franken, Ende 2021 war bei über 60 000 Franken. Was passiert da?

Heftige Kursschwankungen sind beim Bitcoin nicht ungewöhnlich. Das Spannende ist jedoch die Technologie, die hinter Kryptowährungen steckt – aus meiner Sicht eine unglaubliche Innovation. Aber sicherlich spielt auch ein gewisser Hype eine Rolle, und es gibt Anlegerinnen und Anleger, die fürchten, etwas zu verpassen. Damit ist allerdings ein hohes Risiko verbunden, viel Geld zu verlieren.

Haben Sie Kryptowährungen auch schon ausprobiert?

Weshalb schwankt der Wert von Bitcoins so stark?

Bitcoin hat keinen Fundamentalwert und kein fixes Zahlungsversprechen. Das ist ökonomisch betrachtet nichts Ungewöhnliches und gilt auch für den Schweizer Franken: Man kann ihn nicht essen oder sonst wie nutzen, er ist lediglich ein Tauschmittel ohne Eigenwert. Letztlich hat eine Frankennote Wert, weil wir daran glauben, dass sie Wert hat. So ist es auch beim Bitcoin. Der Unterschied ist, dass es beim Franken die Schweizer Nationalbank gibt, die stabilisierend eingreifen kann – was Vor- und Nachteile hat. 

Der Franken funktioniert nicht anders als Bitcoin?

Der Wertmechanismus ist sehr ähnlich. Technologisch und hinsichtlich der Vertrauenserfordernisse funktionieren sie aber ganz anders. Zudem kann man Bitcoin komplett selbst verwahren – ohne Bank. Quasi wie Bargeld, einfach digital.

(Bild: zVg)

(Bild: zVg)

Der Krypto-Experte

Fabian Schär (33) ist Professor für Fintech und Blockchain an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Dort finden auch kostenlose Online-Vorlesungen zum Thema statt (ohne Vorwissen, auf Englisch). Eine Kurzeinführung gibt es hier

Lesetipp: Fabian Schär, Aleksander Berentsen «Bitcoin, Blockchain und Kryptoassets», Books on Demand 2017, auch bei exlibris.ch

Aber Bitcoin entstand 2009 quasi aus dem Nichts, während es den Franken schon lange gibt und dahinter ein ganzes Land mit seiner Wirtschaft steckt. Macht ihn das nicht wertvoller?

Nicht per se. Der Franken ist eine Erfolgsgeschichte, was sicherlich das Vertrauen – den Glauben – an ihn erhöht. Aber staatliche Währungen funktionieren nur so lange gut, wie es eine Trennung zwischen Politik und Zentralbank gibt und Letztere verantwortungsbewusst handelt. Gefährlich wirds, wenn politische Motive mit den eigentlichen Zielen der Zentralbank vermischt werden – also beispielweise, wenn diktatorisch veranlagte Machthaber die Kontrolle bei der Zentralbank übernehmen und sie nach ihren Interessen lenken. Das droht in der Schweiz kaum, es gibt global und historisch aber genügend solche Beispiele. Rapider Wertzerfall ist oft die Folge. Bei Bitcoin kann das so nicht passieren, da keine staatliche Stelle die Kontrolle über die Geldmenge hat. Der Vergleich ist aber ohnehin schwierig: Anders als der Franken wird der Bitcoin weniger als Zahlungsmittel, sondern eher als eine alternative Anlageklasse genutzt.

Weshalb alternativ?

Weil man damit Vermögen unabhängig vom Finanz- und Bankensystem aufbewahren kann. Allerdings bei hochgradig unsicherer Wertentwicklung. Genau deshalb ist Bitcoin zwar spannend, aber als Alltagszahlungsmittel ungeeignet. Denn bei einem Alltagszahlungsmittel möchte man sicher sein, dass man auch übermorgen mit dem gleichen Betrag im Portemonnaie noch zwei Kaffees bekommt und nicht nur noch einen oder drei. 

Wenn der Wert einer Währung letztlich Glaubenssache ist, könnte auch ich morgen eine Währung erfinden? Und wenn ich genug Leute finde, die daran glauben, hat der Kamicoin auch einen Wert?

Richtig. Viele der heutigen staatlichen Währungen sind ursprünglich privat entstanden. Unternehmer entwickelten ein System, um Werte sicher aufzubewahren – die heutigen Banken. Im Gegenzug gaben sie einen Gutschein mit Zahlungsversprechen heraus, woraus nach und nach Banknoten und Währungen entstanden. Nur dass damit heute keine direkten Zahlungsversprechen mehr verbunden sind. 

Meine Herausforderung wäre also, genügend Gläubige zu finden.

Viel Glück! (lacht)

Wie viele müsste ich denn überzeugen, damit es funktioniert?

In absoluten Zahlen kann man das unmöglich beantworten. Aber spieltheoretische Modelle zeigen: Wenn eine bestimmte Schwelle von Akzeptanz überschritten ist, liegt es im Interesse jeder Person, diese Währung ebenfalls anzunehmen. Wenn viele andere eine neue Geldeinheit in Zahlung nehmen, kann ich einigermassen sicher sein, dass ich sie auch wieder für den entsprechenden Gegenwert loswerden kann. 

Bitcoin hat diese Schwelle offensichtlich überschritten.

Nicht wie ursprünglich gedacht als Zahlungsmittel, sondern primär als eine alternative Anlage. Es gibt aber Kryptoassets, die explizit als Zahlungsmittel gedacht sind, sogenannte Stablecoins. Deren Wert orientiert sich meist am Dollar. Ihre Architektur ist jedoch deutlich weniger dezentral als beim Bitcoin.

Ausstellung «Das entfesselte Geld»

Im Bernischen Historischen Museum läuft noch bis Januar 2023 eine Ausstellung, die sich mit unserem Geldsystem befasst. «Das entfesselte Geld – Die Geschichte einer Erfindung» zeigt die Entwicklung vom Warengeld über die Münze bis hin zum elektronischen Coin – ein «rasanter Ritt durch die Geldgeschichte», ergänzt mit vielen Expertenstimmen. Zu Wort kommt dabei auch Fabian Schär. 

Auch Landeswährungen können rapide an Wert verlieren. 1923, zur Zeit der Weimarer Republik, kostete ein Kilo Roggenbrot in Deutschland 233 Milliarden Mark. Wie kommt es zu solch krassen Wertverlusten?

Die Menschen haben den Glauben verloren. Der Zerfall der Währung war so rapide, dass die Leute nach der Lohnzahlung mit Schubkarren voller Noten zum Bäcker hasteten, um einzukaufen, weil sie wussten, dass sie in einem halben Tag noch weniger für ihr Geld bekommen. Ist der Glaube mal verloren, kann es sehr schnell gehen.

Die wichtigen Währungen wirken heute total stabil.

Und kaum jemand kann sich vorstellen, dass es mal anders sein könnte. Aber letztlich ist es eben wirklich nur der Glaube. Sobald Zweifel an der jeweiligen Zentralbank aufkommen, an der Währung, an diesem künstlichen Konstrukt einer Geldeinheit, kann es problematisch werden.

Dann profitieren Leute, die über Sachwerte oder Boden verfügen?

Theoretisch ja. Wirklich gut steht im Extremfall niemand da, weil bei einer Hyperinflation ganz viele Menschen ihre Existenz verlieren und das Land in eine massive Krise rutscht. Es drohen Kriminalität oder gar Bürgerkrieg. Es gibt im Grunde keine Gewinner, aber Sachwerte schützen ein bisschen.

Unser Wirtschaftssystem – die Grundlage unserer Gesellschaft und unseres Alltags – scheint auf den ersten Blick kühl, rational und geprägt durch Zahlen und Regeln. Aber im Zentrum steckt eine gehörige Portion Esoterik. Wirkt das alles stabiler als es ist? 

Es ist wohl fragiler als man es in ruhigen Zeiten glauben würde. Vieles muss gut zusammenspielen, und es gibt einige Bruchstellen, wo Dinge schiefgehen können. Auf der anderen Seite gibt es gute Gründe, weshalb es sich genau so entwickelt hat, und es funktioniert alles in allem auch recht gut. Besser auf jeden Fall als alles andere, was die Menschheit ausprobiert hat.

Sie denken an Kommunismus und Sozialismus?

Zum Beispiel. Ähnliche Experimente gab es immer wieder, und sie sind alle katastrophal gescheitert. Was daran liegt, dass der Mensch eben ein kapitalistisches Wesen ist, ein Eigennutzen-Maximierer. Deshalb ist es wichtig, Anreize so zu setzen, dass trotz oder gerade aufgrund dieser Eigennutzen-Maximierung sinnvoll funktionierende Gesellschaften entstehen. Prinzipiell schaffen das der Kapitalismus und unser Finanzsystem nicht so schlecht – auch wenn sie ab und zu aus dem Ruder laufen. Man muss also immer wieder mal nachjustieren, und gelegentlich wird dabei überreguliert.

Kapitalismus und Geld entsprechen quasi unserer Natur?

Das sieht man auch daran, dass sich selbst an sehr isolierten Orten ähnliche Systeme entwickelt haben. Auf der mikronesischen Insel Yap, zwischen Japan und Australien, verwendeten die Einheimischen traditionell bis zu drei Meter grosse Kalksteine als Geld. Die waren nicht nur unhandlich, es gibt auf Yap gar keinen Kalkstein. Vielleicht galt er genau deshalb als wertvoll. Die Steine wurden auf Palau, einer Insel 450 Kilometer westlich, aus dem Berg geschlagen und per Kanu nach Yap transportiert. Da die Zirkulation dieser sperrigen Währung nicht leicht war, beschlossen sie mit der Zeit, dass es im Grunde egal ist, wo der Stein steht. Er kann also bei mir im Vorgarten stehen bleiben, wenn ich beim Fischer im Dorf einkaufen gehe, solange alle wissen, dass er neu dem Fischer gehört. Das funktionierte sogar mit Steinen, die bei der Überfahrt aus dem Kanu kippten und auf dem Meeresboden ruhten. 

Die Menschheit war also schon immer kreativ bei der Entwicklung von Währungen.

(lacht) Es illustriert auf jeden Fall, dass es bei allen Defiziten extrem schwierig bleibt, die Marktwirtschaft grundsätzlich infrage zu stellen. Sie entspricht uns einfach zu sehr. Der Kommunismus war am Ende genau gleich kapitalistisch, einfach in einer viel korruptionsanfälligeren Form.

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Die Krypto-Serie

Das Migros-Magazin beschäftigt sich in einer kleinen Artikel-Serie mit dem Phänomen Kryptowährungen. 

Teil 1:
Automechatroniker Vincent Lamberz (19) verdient heute seinen Lebensunterhalt als Bitcoinhändler

Teil 2:
Infografik: Die Bitcoin-Blockchain einfach erklärt

Teil 3:
Weshalb haben Kryptowährungen überhaupt einen Wert? Ein wirtschaftsphilosophisches Gespräch mit Fintech-Professor Fabian Schär.

Teil 4:
Wieso die Schweiz bei Kryptowährungen ganz vorne dabei ist: Chancen und Risiken.

Zurück zu den Kryptowährungen: Es gibt mittlerweile viele davon, aber nur wenige, die tatsächlich einen Wert haben. Was machen Bitcoin und Ether besser als die anderen?

Die grossen Blockchain-Systeme können an einer Hand abgezählt werden, und Bitcoin und Ethereum gehören zu den ersten und dominieren auch wegen der breiten Abstützung. Bei vielen anderen Kryptoassets handelt es sich um sogenannte Tokens, die meist auf Ethereum ausgestellt werden, also ein bereits bestehendes Blockchain-Ökosystem mitnutzen.

Dann ist Ethereum bedeutender als Bitcoin?

Das würde ich so nicht sagen. Beide erfüllen einen anderen Zweck und sind auf ihre Art bedeutend. Der Bitcoin ist wegen seiner Entstehungsgeschichte spannend – man weiss bis heute nicht, wer ihn erfunden hat und wo er herkommt. Und er ist maximal dezentral organisiert, folglich auch sehr schwierig veränderbar, weil es einen extrem breiten Konsens bräuchte. Ethereum funktioniert anders, es gibt regelmässig Anpassungen. Vom Ökosystem her hat Ether einen höheren Stellenwert, weil viel mehr darüber läuft. Dafür ist Bitcoin als Marke deutlich bekannter. Letztlich ist diese Frage jedoch sekundär. Entscheidend ist, dass sich eine offene und dezentrale Blockchain durchsetzt.

Weshalb ist die Dezentralität so interessant?

Jede Person kann jede Transaktion selbständig verifizieren. Es gibt keine Abhängigkeit, also keine Institution und kein Unternehmen, das im Alleingang entscheiden kann, wie das Kryptoasset funktioniert, welche Regeln ab morgen neu oder nicht mehr gelten – oder das Ganze einfach abschalten kann. Es ist eine Basisinfrastruktur, die allen gehört, von allen genutzt und unabhängig verifiziert werden kann. Im aktuellen System ist das anders: Wenn ein zentraler Schweizer Finanzdienstleister einen grösseren Ausfall hätte, würden auf einen Schlag im ganzen Land keine Kartenzahlungen mehr funktionieren. In anderen Ländern gibt es noch deutlich unangenehmere Folgen von Zentralisierung.

Zum Beispiel?

Es gibt Staaten, wo man für Wohlverhalten Sozialpunkte erhält, ohne die gewisse Dinge oder Dienstleistungen nicht mehr zugänglich sind. Grundsätzlich gilt: Wenn viele wichtige Daten zentralisiert in einer Datenbank verwaltet werden, kann Schlimmes passieren, wenn diese in falsche Hände gerät – auch bei uns. Dezentralität ist ein wirksamer Schutz gegen so was. Und wir haben nun mit der Blockchain erstmals eine Technologie, die es uns ermöglicht, Datenbanken als Allgemeinheit zu betreiben und Infrastrukturen neutral aufzubauen. Das ist das Spannende an der Sache. 

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Interessanter als die Kryptowährungen ist die Blockchain-Technologie, die dahinter steckt. (Bild: Getty Images/Yuichiro Chino)

Die Blockchain hat also eine grosse Zukunft?

Oh ja. Daten und Vernetzung werden immer wichtiger und bieten unglaubliche Möglichkeiten – aber auch enorme Risiken. Die Blockchain kann verhindern, dass Einzelne im System zu mächtig werden, und hat gesellschaftlich deshalb eine enorme Bedeutung. Es ist eine Technologie, die wir unbedingt breit nutzen sollten.

Was halten Sie vom Umgang der Schweizer Behörden mit Kryptos?

Das läuft bis jetzt ziemlich gut. Auch auf politischer Ebene gibt es viele, die sich mit der Technologie auseinandersetzen und sie verstehen wollen. Das ist global betrachtet längst nicht überall so und durchaus eine Herausforderung. Es setzt nicht nur ökonomisches, sondern auch technologisches und juristisches Wissen voraus.

Erklärt das auch das «Crypto Valley» bei Zug?

Ja, wobei ich den Begriff «Crypto Nation Switzerland» bevorzuge. Wir haben hier inzwischen einige der bedeutendsten Organisationen, ein florierendes Start-up-Ökosystem, und aus dem Boom sind bereits grosse Unternehmen entstanden. Das ist eine riesige Chance, und das Interesse an dem Thema ist überwältigend. Bei uns an der Universität Basel verzeichneten wir schon mehrere Tausend Anmeldungen aus aller Welt für Online-Vorlesungen zum Thema.

Fabian Schärs Einführung zur Online-Kryptovorlesung der Universität Basel (auf Englisch). 

Weshalb ist die Schweiz hier so im Zentrum?

Sie hat eine ausgezeichnete Infrastruktur, ist innovativ, verfügt über viele gut ausgebildete Menschen, Rechtssicherheit und man kann relativ leicht Unternehmen gründen. Zudem hatten wir hier Unternehmer, Juristen und Politiker, die das Thema schon früh verfolgt und vorangetrieben haben; auch an den Universitäten waren wir sehr früh mit dabei. Ein Schlüsselmoment war die Gründung der Ethereum Foundation in Zug, die eine enorme Signalwirkung hatte.

Was raten Sie dem Einzelnen im Umgang mit Bitcoin & Co?

Vorsicht. Das Risiko, viel Geld zu verlieren, ist gross. Für Personen, die über Reserven verfügen, sich der Risiken bewusst sind und ihr Portfolio diversifizieren möchten, können sie potenziell spannend sein. Wer ohne Risiken experimentieren und sich mit der Technologie auseinandersetzen möchte, kann das gratis auf Testnetzwerken tun – das würde ich sogar sehr empfehlen. Und vorher noch eine unserer kostenlosen Online-Vorlesungen besuchen, damit man versteht, wie das alles funktioniert.  

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