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Kryptowährungen

Bitcoin statt Motoren

Fiat war für Vincent Lamberts lange einfach eine Automarke. Bis der  Automechaniker-Lernende auf den Bitcoin kam. Heute lebt er von den Einnahmen seiner Krypto-Anlagen. 

Text Benita Vogel
Fotos Herbert Zimmermann
Vincent Lamberts (19),  Krypto-Anleger, fotografiert in der Ausstellung «das Entfesselte Geld» im Berner Historisches Museum. 

Krypto-Anleger Vincent Lamberts (19) in der Ausstellung «Das Entfesselte Geld» im Berner Historischen Museum. 

«Bezahlst du auch schon mit Bitcoins?» Es war an Heiligabend vor zwei Jahren, als Vincent Lamberts diese Frage gestellt bekam. Er hatte gerade einen Drink geordert, an der Bourbaki-Bar in Luzern ­– einem historischen Ort, wo, zwei Etagen höher, ein riesiges Rundgemälde dokumentiert, wie die französische Bourbaki-Armee im vorletzten Jahrhundert ihr tragisches Ende erlebte.  

Für den 19-Jährigen war das Bourbaki der Start in einen neuen Lebensabschnitt. «Ein Typ an der Bar schlug mir Geschäfte mit Kryptowährungen vor und sprach immer wieder von Fiat-Geld», erzählt der junge Mann. Von digitalem Geld hatte er zwar bereits in der Schule gehört, aber von Fiat-Geld? «Das erinnerte mich höchstens an die Automarke.»

Er war damals in seinem zweiten Lehrjahr zum Automechaniker. «Die Arbeit machte mir nur mässigen Spass», sagt der Teenager in braunen Turnschuhen, Bluejeans und weissem T-Shirt. Dankbar für die Ablenkung, las er sich ins Thema ein. Fiat-Geld wird von Zentralbanken herausgegeben, diese steuern auch die Geldmenge, fand er heraus. Hinter Kryptos hingegen stehen viele Computer, und sie sind limitiert. Von Bitcoin etwa, der prominentesten digitalen Währung, gibt es bloss 21 Millionen Einheiten. «Das macht sie noch knapper als Gold», sagt Vincent. Die Technologie faszinierte ihn. «Vor allem dass das System ohne Drittpartei läuft – keine Notenbank, keine Bank, kein Staat», sagt er.  

Beim ersten Anlauf fast alles verloren

Ein paar Wochen später traf er den Bekannten von der Bourbaki-Bar wieder. Dieser sprach  von hohen Renditen, bis zu fünf Prozent, wenn Vincent auf einer bestimmten Plattform Bitcoins hinterlege.  «Das klang natürlich verlockend.» Damit Vincent das digitale Geld überhaupt kaufen konnte, benötigte er ein Wallet, eine Art digitales Konto (siehe Grafik). «Weil ich damals erst 17 war, musste ich eines mit meiner Mutter eröffnen.»

Von seinem Sparkonto kaufte er via Binance Bitcoins für 1600 Franken und Ether – die zweitwichtigste Kryptowährung – für 400 Franken. Zum damaligen Kurs kriegte er 0.5 Bitcoin und 10  Ether. Seither haben sich die Kurse beider Währungen trotz jüngstem Absturz vermehrfacht.

Von dieser Traumrendite hatte Vincent allerdings zunächst nicht viel. «Ich bin Betrügern aufgesessen und habe fast alles verloren.» Die Plattformbetreiber (den Namen möchte er nicht nennen) hätten das Geld blockiert und nicht ausbezahlt. «Die versprochenen Gewinne waren zu hoch, um wahr zu sein. Ich war naiv.»  

Die Nächte zum Lernen genutzt

Dennoch war dies der Beginn seiner Kryptomanie. «Geld kann mir überall geklaut werden. Es war eine teure Erfahrung, aber eine gute», sagt der junge Mann, der fast schon wie ein alter Hase im neuen Business klingt. Statt nur in Coins zu investieren, steckte er zunächst viel Zeit ins Lernen. «Jede freie Minute neben der Arbeit und halbe Nächte habe ich über die Blockchain gelesen – die Technologie hinter den digitalen Währungen. Ich habe auch Videos geschaut, im Internet, auf Schulungsplattformen und an Webinaren teilgenommen.» Geschlafen habe er in dieser Zeit nicht viel.

Eine Blockchain müsse man sich als logische Weiterentwicklung des Internets vorstellen. Weil grosse Online-Firmen wie Amazon zentrale Systeme und deshalb anfällig für Hacker seien, hätten Programmierer nach sichereren Alternativen gesucht. «Eine Blockchain besteht aus unzähligen, teils Millionen Computern. Es ist viel schwerer, ein solches Netzwerk anzugreifen.» Die Blockchain werde mehr verändern, als das Internet damals, ist Vincent sicher.

«Nur an Geld zu denken, macht gierig, und Gier ist ein schlechter Berater beim Investieren.». Der Krypto-Anleger Vincent Lamberts sichert sich gut ab, bevor er sein Geld in Bitcoins und Co. investiert. 

«Nur an Geld zu denken, macht gierig, und Gier ist ein schlechter Berater beim Investieren.». Vincent Lamberts sichert sich gut ab, bevor er sein Geld in Bitcoins und Co. investiert. 

Auf seinem Handy zeigt er Newsseiten über die Krypto-Welt, die er täglich liest, «BTC-ECHO», «Kryptokompass» oder «CryptoCrunchy» heissen sie. Auch der «Bitcoin Rainbow Chart», der den langfristigen Kursverlauf zeigt, gehört zu seinen Arbeitsinstrumenten. «Ich bin mehrere Stunden am Tag am Handy oder am Laptop.» 

Es existierten Tausende von Coins als Investmentoption, Alt-Coins, heissen sie bei Profis. «Viele davon sind Shitcoins, weil sie oft auf einem Hype basieren und nichts dahinter steckt, das sie stärkt.» Das Risiko sei hoch. «Ich prüfe genau, wo ich investiere.»

An den Webinaren und auf den Internet-Akademien habe er gelernt, wie er gute Coins findet, die unterbewertet sind, wann er zu welchem Kurs einsteigen soll, wann wieder raus und wie er interessante Krypto-Firmen selbst analysieren könne – die Due Diligence vornehmen heisst das im Jargon. Von Akademie-Anbietern wie David Glades habe man auch Coin-Tipps erhalten: in einem Gruppencall, jeden ersten Samstag im Monat. «Mein Portfolio hat inzwischen einen Wert im sechsstelligen Franken-Bereich», sagt Vincent. Konkreter möchte er nicht werden.

Schlecht laufen kann es nicht. Nachdem er im vergangenen Frühling seine Lehre abgeschlossen hatte, liess er Fiat und Co. hinter sich, um Business mit Bitcoins und Co. zu machen. Sein Umfeld sieht das positiv. «Ich habe Kollegen schon beim Einstieg beraten und jemandem ein Darlehen gegeben, um ein Start-up aufzubauen.»

Den aktiven Handel mit Coins, um Kursgewinne zu erzielen, betreibe er nicht mehr ganz so intensiv, auch weil er im Spätsommer einen schweren Motorradunfall hatte. «Ich kann derzeit aber von den passiven Einnahmen sehr gut leben.»  

Vielfältige Einnahmequellen

Damit sind Zinsen oder Gebühren gemeint, die Krypto-Investoren verdienen können. Beim «Liquidity Mining» zum Beispiel, was so viel heisst wie Liquidität zur Verfügung stellen. Die dezentralen Kryptobörsen, wo die unterschiedlichen Coins gehandelt werden, benötigen Mittel, weil Drittparteien wie Banken, die das in der realen Finanzwelt tun, in der digitalen Welt ja eben fehlen. Wenn Lamberts auf einer Handelsplattform wie Pancakeswap Kapital hinterlegt, erhält er Zinsen dafür.

Auch «Lending» – ein Darlehen in Krypto gewähren – und «Staking» bringen Geld. Bei Letzterem sind Kryptobesitzer in der Schaffung neuer Blöcke in einer Blockchain involviert. Dafür werden sie entschädigt, weil sie die Blockchain sicherer machen.  

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Die Krypto-Serie

Das Migros-Magazin beschäftigt sich in einer kleinen Artikel-Serie mit dem Phänomen Kryptowährungen. 

Teil 1:
Automechatroniker Vincent Lamberz (19) verdient heute seinen Lebensunterhalt als Bitcoinhändler

Teil 2:
Infografik: Die Bitcoin-Blockchain einfach erklärt

Teil 3:
Weshalb haben Kryptowährungen überhaupt einen Wert? Ein wirtschaftsphilosophisches Gespräch mit Fintech-Professor Fabian Schär.

Teil 4:
Wieso die Schweiz bei Kryptowährungen ganz vorne dabei ist: Chancen und Risiken.

«Ich betreibe Lending und bei mehreren Coins Staking.» Einer davon ist der VRA-Coin. Dahinter steckt das US-Unternehmen Verasity, eine Videoplattform, die ihren Kunden – Markenfirmen oder Inserenten – unter anderem anbietet, Werbevideos zu überwachen. Sie kontrolliert mittels Blockchain, ob die Klicks darauf von echten Zuschauern stammen oder nur von Bots, um die Klickzahlen hochzutreiben. Auch hier gibt es für Krypto-Fans eine Einnahmequelle. «Wenn jemand Videos auf der Plattform anschaut, erhält er VRA-Coins.»  

Seine Einnahmen sichert er jeweils ab. Er tauscht sie beispielsweise in einen sogenannten Stablecoin wie USDC, eine Kryptowährung, die an den Dollar-Kurs gebunden ist. Deshalb werde er nicht nervös, wenn es in seinen Investemnts Kursschwankungen gibt. Auch Bitcoin-Kursstürze wie jüngst wieder passiert, stressen ihn nicht. «Ich bleibe langfristig drin – es ist mein digitales Gold im Portfolio.»

Rückschläge würden zudem eine gute Einstiegsgelegenheit bieten. Das sei wie beim Black Friday – man kaufe zum Schnäppchenpreis. «Zudem habe ich wenig Emotionen zu Geld.» Es sei ein Mittel zum Zweck. «Nur an Geld zu denken, macht gierig, und Gier ist ein schlechter Berater beim Investieren.» Bis auf eine Übernachtung in einem sehr guten Hotel und gutes Essen habe er sich noch nichts Materielles geleistet.

Auf Reisen mit Kryptos

Seine berufliche Zukunft sieht Vincent Lamberts in der Finanzwelt oder in der Immobilien-Branche. «Wenn die Pandemie vorüber und die Unfallverletzung ausgeheilt ist, will ich aber erst einmal die Welt kennenlernen.»

Bezahlt er die Reisen denn mit Bitcoins? «Definitiv», sagt er und zückt seine Debitkarte. «Damit kann ich Kryptogeld in die gewünschte Fiat-Währung umwandeln. Richtige Noten und Münzen habe er kaum noch im Portemonnaie.    

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