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Von Kiew nach Frutigen

Flucht aus der Hölle

Die Ukrainerin Anastasiya Juschtschenko hat sich mit ihren Kindern ins Berner Oberland gerettet. Doch ständig muss sie an ihren Mann denken, der im Krieg ist.

Text Michael West
Fotos Nik Hunger
Neues Zuhause: Anastasiya Juschtschenko mit ihren beiden Kindern Veronka und Wiktoria und Schwiegermutter Lidia in Frutigen BE. 

Neues Zuhause: Anastasiya Juschtschenko mit ihren beiden Kindern Veronka und Wiktoria und Schwiegermutter Lidia in Frutigen BE. 

Den furchtbaren Lärm wird ­Anastasiya Juschtschenko nie vergessen: Am 24. Februar wurde sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Eine Reihe von Donnerschlägen erschütterte ­ihren Wohnort Brovary, der im Osten von Kiew liegt. Sie und ihr Mann rannten ans Fenster. Rote Blitze erhellten den Himmel, und nicht weit von der Stadt stiegen Rauchsäulen auf. 

«Es war ein Krachen und Grollen, das ich nicht mit Worten beschreiben kann», sagt die 27-jährige Journalistin. «Ich ­bekomme noch immer Herz­rasen, wenn ich daran denke.» In jener Nacht begann der Krieg: Russische Raketen schlugen in ein Gelände der ukrainischen Armee ein, das wenige Kilometer von Brovary entfernt liegt.

«Am Vortag war es in meiner Heimatstadt noch völlig friedlich», sagt die junge Frau. Sie zeigt ein Handyfoto, das sie kurz vor Kriegsausbruch aus dem Fenster ihrer Wohnung aufgenommen hat: Man sieht ­darauf einen kleinen, verschneiten Park; die Wintersonne leuchtet durch kahle Zweige.

Plötzlich in einer neuen Welt

Doch nach dem nächtlichen Angriff war die Stadt völlig ver­ändert. «Überall in den Strassen sah man ukrainische Soldaten und bewaffnete Zivilisten», er­innert sich Juschtschenko. «Die Menschen deckten sich in den Supermärkten mit Lebensmitteln ein. Sie standen Schlange vor Apotheken und Bankomaten, an denen man schon bald kein Bargeld mehr abheben konnte. Es gab kein Gedränge und keine Panik – alle blieben ruhig. Aber trotzdem war nichts mehr so wie früher, und meine Stadt kam mir völlig fremd vor.»

Juschtschenko hatte sich schon vor Wochen darauf ein­gestellt, dass vielleicht der Krieg kommen würde. Sie hatte für sich und ihre beiden Kinder ­Veronka (7) und Wiktoria (4) gepackt. Der Koffer stand neben der Wohnungstür bereit. Trotzdem konnte sie es nicht fassen, dass die Flucht aus ihrer Heimat nun unvermeidlich wurde und immer näher rückte.

Der Ehemann bleibt zurück

Ihr Mann, der Taxifahrer ­Andrey Juschtschenko, konnte sie nicht begleiten. Er gehörte nun zur «Territorialen Verteidigung». In Zivilkleidern, aber mit einer Kalaschnikow bewaffnet, sollte der 36-Jährige Jagd auf russische Saboteure machen und verlassene Gebäude vor Plünderern schützen. Auch von ihrer Mutter musste sich die junge Frau trennen: Sie wollte unbedingt in der Ukraine bleiben und für ihre eigene Mutter sorgen, die zu schwach für die beschwerliche Reise war. Dafür würde Anastasiyas Schwiegermutter Lidia mitkommen.

Am 6. März stiegen die beiden Frauen und die kleinen Mädchen in Kiew in einen Zug, um in die polnische Stadt Stalowa Wola zu gelangen. «Es war meine allererste Auslandreise», sagt die junge Mutter mit einem bitteren Lächeln. «Ich hätte mir wirklich gewünscht, die Welt ausserhalb der Ukraine unter anderen ­Umständen kennenzulernen.»

Der Zug war schon bei der ­Abfahrt völlig überfüllt. An jeder Station warteten noch mehr Menschen, die unbedingt mitfahren wollten. Irgendwie ­fanden sie alle Platz, doch das Gedränge in den Waggons wurde immer unerträglicher. «In dieser schlimmen Situation war ich sehr froh um meine Schwiegermutter Lidia», erzählt Juschtschenko. «Sie redete ­ständig mit den beiden Mädchen und konnte sie so beruhigen.»

Flucht ins Ferienland

In Polen hatte die Journalistin dann Glück im Unglück. Eine Freundin aus Kiew vermittelte ihr, den Töchtern und der Schwiegermutter Plätze in ­einem Bus, der über Deutschland in die Schweiz fahren sollte.Das Fahrzeug war voller Kinder. Juschtschenko verstand erst später, wie es zu dieser Fahrt ­gekommen war: Der gemein­nützige Verein «Kiev Kids» aus Reichenbach BE betreibt schon seit Jahren nahe der ukrai­ni-schen Hauptstadt ein Kinderheim. Nun wurden die Mädchen und Buben aus diesem Heim samt ihren erwachsenen Be­treuern in die Schweiz evakuiert. ­Verschiedene Privatpersonen stellten ihnen im Berner ­Ober- land Ferien­wohnungen als ­Unterkunft zur Verfügung.

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So endete auch Juschtschenkos Reise in dieser Postkarten-Region. Zusammen mit ihren Töchterchen und der Schwiegermutter ist sie in Frutigen BE ins Personalhaus eines leer stehenden Hotels eingezogen. Die ­Besitzer Erich und Isabelle von Känel haben es kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine wich­tige Rolle spielten auch der ­junge Immobilienverwalter Joel ­Allenbach und der Pfarrer ­Etienne Josi: Zusammen mit vielen Freiwilligen richteten sie das Personalhaus wohnlich ein. Menschen aus der Region spendeten Möbel, Geschirr und Spielsachen; mit drei grossen Autos samt Anhängern wurden die Gegenstände herbeigeschafft. «Das hat so gut geklappt, weil wir uns hier auf dem Land alle kennen», meint Allenbach.

Aus dem Fenster neben ihrer Kochnische sieht Anastasiya Juschtschenko nun eine Bilderbuch-Schweiz: Schneeberge ­unter einem ­dunstig-blauen Himmel und eine kleine Wiese mit einem Kirschbaum. Die beiden Mädchen spielen draussen mit ihren neuen Puppen und ­einem Berner Sennenhund Plüsch, den sie Jack getauft haben. Veronka und Wiktoria sind gerade aus dem Kindergarten heim­gekommen, den sie nun in Frutigen besuchen. «Es gefällt ihnen dort sehr gut», sagt Juscht­schenko. «Die anderen Kinder haben sie sofort ­akzeptiert.»

Schnell in die Heimat zurück

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Anastasiya Juschtschenko zusammen mit ihren beiden Töchtern in Brovary, das zwölf Kilometer von Kiew entfernt liegt. (Bild: zvg)
Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Anastasiya Juschtschenko zusammen mit ihren beiden Töchtern in Brovary, das zwölf Kilometer von Kiew entfernt liegt. (Bild: zvg)

Die kleine Reisegruppe aus der Ukraine ist nun also in Sicher­heit. Doch wie sieht ihre ­Zukunft aus? «Die Menschen hier sind enorm offen und hilfs­bereit», sagt die Journalistin. «Aber ich möchte mit den ­Kindern und ­Lidia so rasch wie möglich in ­unsere Heimat zurück. Dieser Krieg wird vorbeigehen.» Sie überlegt kurz und sagt dann mit Nachdruck: «Wir werden ge­winnen, denn wir haben die Welt auf unserer Seite.» Doch ihre Zuversicht kann sehr schnell in Angst umschlagen. Ständig blickt sie auf ihr Handy, denn sie wartet auf Nachrichten ihres Mannes. Jede Minute hofft sie auf eine Bestätigung, dass er noch immer unverletzt und wohlauf ist.

Anastasiya Juschtschenko zuckt zusammen, wenn der Wind eine Tür zuknallt oder wenn ein Schweizer Kampfjet durch den Himmel donnert. «Das erinnert mich an den Krieg», sagt sie. «Einen Moment lang habe ich dann Angst, dass jetzt auch dieses Land bombardiert wird.»

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