Navigation

Krypo-Serie: die Schweiz

Besuch im Kryptoland Schweiz

Zwischen Genf und St. Gallen beschäftigen sich über 1000 Unternehmen mit Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether – trotzdem ist die Szene kaum greifbar. Das Migros-Magazin hat sich im «Crypto Valley» Zug, dem Epizentrum der Schweiz Kryptoszene, umgesehen und zeigt, wo auch Normalos im Alltag mit der Technologie in Berührung kommen.

Text Dario Aeberli
Das Crypto Valley in Zug sieht man kaum. Diese Beschriftung eines Coworking-Büros ist eine der wenigen Ausnahmen.

Das Crypto Valley in Zug sieht man kaum. Diese Beschriftung eines Coworking-Büros ist eine der wenigen Ausnahmen. (Bild: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)

In Kalifornien steht eine 114-jährige hölzerne Garage mit grünen Türen. Das Kabäuschen steht am Ursprung des weltweiten Siegeszugs der Computer, denn in dieser Garage gründeten die beiden Stanford-Studenten Bill Hewlett und Dave Packer 1939 die Computerfirma HP. Heute gilt das Häuschen als Geburtsort des Silicon Valleys – dem Zuhause von Apple, Google, Facebook und Co.

Auch in der Zuger Altstadt an der Zeughausgasse 7a steht ein unscheinbares Gebäude, das in ein paar Jahren Berühmtheit erlangen könnte: Als Geburtsort des «Crypto Valley». 2014 hat sich die Stiftung Ethereum hier in Zug niedergelassen. «Das war ein Schlüsselmoment für die Schweiz mit enormer Signalwirkung», sagt Fabian Schär, Professor an der Uni Basel.

Er beschäftigt sich mit der Blockchaintechnologie – dem Fundament aller Kryptowährungen. «Erstens kamen viele talentierte Entwickler und Unternehmer. Zweitens wurde das Stiftungs-Modell später vielfach kopiert und für alle möglichen Blockchain-Projekte verwendet», erklärt der Experte.

Die Kette aus Datenblöcken lässt sich mit einem digitalen, von allen einsehbaren Kontobuch vergleichen.  Ethereum ist die zweitgrösste öffentliche Blockchain.  Und sie ist die dominante Smart Contract Plattform – sprich mit ihr werden Verträge aller Art protokolliert, überprüft und unterstützt. «Wir haben hierzulande inzwischen einige der bedeutendsten Organisationen der Kryptoszene und ein florierendes Startup-Ökosystem», sagt Schär.

Der Kanton Zug ist der erste Kanton, der es seinen Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, ihre Steuern in Kryptowährungen zu bezahlen.

(Bild: © KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER)

Seit 2021 können Einwohnerinnen und Einwohner des Kanton Zugs ihre Steuerschulden mit Bitcoin oder Ether begleichen. 52 Menschen haben bisher davon Gebrauch gemacht und insgesamt 236'053 Franken bezahlt. Die beiden Kryptowährungen haben in den letzten Monaten stark an Wert verloren – hat das ein Loch in den Kantonsfinanzen hinterlassen? Nein, sagt SVP-Regierungsrat Heinz Tännler: «Wir arbeiten mit der Firma Bitcoin Suisse zusammen, die jede eingehende Kryptozahlung unmittelbar in Schweizer Franken umrechnet und dem Konto des Kantons gutschreibt.»

Seit drei Jahren ist die Etherum-Stiftung in einem fünfstöckigen Wohngebäude an der Zeughausgasse 7a in Zug zuhause, laut Handelsregister jedenfalls. Ein Schild, das auf die Stiftung hinweist, sucht man hier jedoch vergebens. Im Erdgeschoss befindet sich eine Modeboutique. Der Hauseingang ist unverschlossen, zehn Briefkästen hängen an der Wand, keiner ist mit «Stiftung Ethereum» beschriftet. Immerhin: Auf einem Kleber am Briefkasten eines Schönheitssalons steht «Simply Crypto». «Der ist von meinem Sohn. Er wohnt in Zürich und bietet Kurse an, in denen er Kryptowährungen erklärt», sagt die Salonbetreiberin im ersten Stock.

Krypto-Szene ist schwer fassbar

Rund 1000 Unternehmen in der Schweiz beschäftigen sich mit dem Thema Krypto. Die Hälfte davon im Zuger «Crypto Valley» – und trotzdem ist die Szene hier schwer fassbar. Einer, der etwas Licht ins Dunkel bringen kann, ist der 30-jährige Informatiker Lucas Betschart, Präsident des Netzwerkervereins Bitcoin Association. Er organisiert öffentliche Vorträge und gilt als einer der wichtigsten Exponenten der Schweizer Kryptoszene, auch wenn er das selbst nicht über sich sagen würde.

Lukas Betschart sieht sich als Netzwerker und organisiert als Präsident des Vereins Bitcoin Association Switzerland Vorträge und Podien zum Thema Kryptowährungen.

Lukas Betschart sieht sich als Netzwerker und organisiert als Präsident des Vereins Bitcoin Association Switzerland Vorträge und Podien zum Thema Kryptowährungen.

«Eine Zeit lang hatte die Ethereum-Stiftung tatsächlich ein Büro in der Stadt, um ihre Währung zu pushen. Aber Arbeitskräfte in der Schweiz sind teuer. Die Stiftung zog jedoch Berater, Anwaltskanzleien sowie Finanzdienstleiter an, die Leuten halfen, ihre eigene Kryptowährung herauszugeben und verdienten damit viel Geld», sagt Betschart. Er sitzt in einer Bar mit Industrielook unweit des Hauptsitzes von Bitcoin Suisse – einem Bürokomplex mit 258 Arbeitsplätzen.

Vor der Bar stehen zwei Porsches, ein Tesla und ein Range Rover. Keiner der Wagen gehört Betschart. Er sei nicht am schnellen Geld interessiert, sondern bezeichnet sich als «Bitcoin-Idealist». Freier Markt, Unabhängigkeit, keine Hierarchien, Anonymität und Freiheit sind ihm wichtig. Betschart wohnt in der Zuger Altstadt und ist mit dem ÖV unterwegs.

Ein Mann kauft ein SBB Ticket an ein Automat in Zuercher Hauptbahnhof am 12. April 2018. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

(KEYSTONE/Gaetan Bally)

An den über 1100 Billettautomaten der SBB kann man seit 2017 Bitcoins kaufen. Die SBB selbst akzeptieren Kryptowährungen allerdings nicht als Zahlungsmittel. Im Schnitt kaufen pro Monat 500 Personen ihre Bitcoins an einem Automaten. Dazu brauchen Kundinnen und Kunden zwei Dinge: Eine Schweizer Handynummer und ein Bitcoin-Wallet-App. Das elektronische Portemonnaie für Kryptowährungen ähnelt einem Bankkonto. Zusätzlich kann ein Wallet  mehrere Empfängeradressen haben.  In der Schweiz unterstehen Anbieter von Wallets dem Geldwäschereigesetz und müssen ihre Kundinnen und Kunden identifizieren können.

Im September 2021 forderte SP-Nationalrat Roger Nordmann den Bundesrat vergeblich dazu auf, Kryptowährungen und -Institute zu verbieten, die nicht kontrollieren, wem die Bitcoins, Ethers oder andere Kryptowährungen gehören. «Dafür wurde ich auf Twitter heftig beschimpft», erzählt Nordmann am Telefon.

Der Buhmann der Kryptoszene

Grund für seine Forderung war, dass immer mehr Schweizer Firmen und Behörden Opfer von Hackererpressungen wurden. Nach einem Datenklau verlangten die Kriminellen Lösegeld in nicht den anonymen, sprich nicht nachverfolgbaren Kryptowährungen. Für Hacker sei es danach ein Leichtes, das Geld reinzuwaschen, so Nordmann. Betschart hält diese Forderung für «Bullshit». «Das Problem ist nicht, dass Besitzerinnen und Besitzer von Kryptowährungen unter Pseudonymen agieren, sondern dass die IT-Sicherheit der Firmen mangelhaft ist», sagt der Bitcoin-Idealist.

Die Anonymität und die Unabhängigkeit vom Staat seien die grossen Stärken der Kryptowährungen. Betschart wurde 2013 Bitcoin-Fan, als auf Zypern wegen der Bankenkriese die Konten der Bevölkerung eingefroren wurden. «Sie konnten ihr Geld nicht in Sicherheit bringen, das hat mich nachdenklich gemacht», blickt er zurück. Für die meisten Menschen in der Schweiz seien Bitcoins und Co. eine Geldanlage und lösten keine realen Probleme. «Aber für Menschen in der Türkei oder aktuell in Russland ist es eine Möglichkeit, sich vor der grassierenden Inflation zu schützen.» Wobei auch die Kurse von Kryptowährungen stark schwanken.

Die Fans der Berner Young Boys können mit ihren Fan-Tokens mitbestimmen, wie etwa das nächste YB-Trikot aussehen soll.

(Bild: Keystone)

Die Berner Young Boys sind der erste Fussballclub der Schweiz, der Fan-Tokens eingeführt hat, eine Unterart von Kryptowährungen. Im Gegensatz zu Bitcoins sind YB-Fan-Tokens kein Zahlungsmittel. Stattdessen können Fans mit ihnen etwa abstimmen, wie das nächste Trikot aussehen soll. Der Verein hat allen, die eine Saisonkarte besitzen, einen Gutscheincode für einen gratis Token verteilt, insgesamt 13’600 Fans haben einen solchen Token. Diese haben einen Wert und können gehandelt werden. Zwischenzeitlich hatte der YB-Fan-Token während der erfolgreichen Saison 2021 einen Wert von 6 Franken. Mittlerweile ist er noch 1.20 Franken wert.

Unter einem Pseudonym virtuelles Geld versenden zu können, das lädt auf den ersten Blick zum Geldwaschen ein. Bis heute ist das, verglichen mit dem Zahlungsverkehr und Bargeld, allerdings kein drängendes Thema, wie Geldwäschereiexperte Daniel Thelesklaf er klärt.

Er nennt einen einfachen Grund: die grossen Wertschwankungen. Er spricht deshalb von Kryptowerten statt -währungen. «Bitcoins zu kaufen, hat den Charakter einer Wette und unterscheidet sich nicht gross von Briefmarkensammlern – beide spekulieren darauf, dass ihre Sammlung an Wert gewinnt», sagt Thelesklaf. Kein Krimineller setzte daher nur auf Kryptowerte. Sie sind jedoch eine zusätzliche Möglichkeit, das Risiko zu diversifizieren.

Die digitalen Schweizer Krypto-Briefmarken zeigen eines von 13 möglichen Sujets, die in einer Blockchain gespeichert sind und online gesammelt, getauscht und gehandelt werden. 

Die Post verkaufte 2021 175’000 Kryptobriefmarken. Darauf zu sehen war ein Bild des Matterhorns und ein QR-Code. Scannt man diesen, erscheint ein zweites, digitales Bild, als dessen Besitzer man sich eintragen kann. Danach ist man offiziell als Eigentümer des Bildes in der Blockchain hinterlegt. Die digitalen Briefmarken können wie normale Briefmarken gehandelt werden.

Die Schweiz habe im internationalen Vergleich früh damit begonnen, Kryptowerte regulieren.  So unterliegen die Anbieter in der Schweiz dem Geldwäschereigesetz und müssen sich einer Selbstregulierungsbehörde anschliessen. «Jetzt gilt es, wachsam zu bleiben, um die gute Ausgangslage nicht zu verspielen», sagt Thelesklaf.

Bitcoin-Experte Betschart stimmt zu: «Die Rechtssicherheit war ein wichtiger Grund dafür, dass sich Kryptounternehmen in der Schweiz niedergelassen haben.» Dass es gerade in Zug so viele gibt, liege am Steuersatz – und an der Nähe zu Zürich. «Viele Firmengründer arbeiteten dort als Techies bei Google oder in der Finanzbranche.»

Dreieinhalbmal so viel Strom wie die Schweiz

Beim Franken bestimmt die Schweizer Nationalbank, wie viel Geld im Umlauf ist. Bei Bitcoin hingegen gibt es keine solche zentrale Instanz. Diese Aufgabe übernehmen sogenannte Miner. Sie «schürfen» Bitcoins, in dem sie mit der Rechenleistung ihrer High-Tech-Computer das Blockchain-Netzwerk am Laufen halten und dafür in Bitcoins bezahlt werden – eine energieintensive Arbeit. Allein das Bitcoin-Netzwerk verbraucht im Jahr dreieinhalbmal so viel Strom wie die gesamte Schweiz.

In Gondo VS und im Linthal GL gab es Unternehmen, die sich im Minen versuchten. «Doch die Strompreise in der Schweiz sind zu hoch, als dass sie konkurrenzfähig gewesen wären mit Minern in Island, Amerika oder Russland», sagt Betschart. Er sieht im hohen Stromverbrauch des Bitcoins kein Problem. Unter Bitcoin-Fans antworte man auf solche Einwände scherzhaft: «Sportevents brauchen auch viel Energie, obwohl sie niemand braucht. Soll man sie verbieten?»

Kryptowährungen zu verbieten, dürfte ohnehin schwierig werden. Es gibt keinen zentralen Ausschaltknopf. Solange irgendein Computer auf der Welt das Netzwerk am Laufen hält und genug Personen an den Wert des digitalen Geldes glauben, existiert die Kryptowährung weiter. 

Schon gelesen?