Navigation

Migros-Frau im Noteinsatz

«Unsere Arbeit ist ein kleines Pflaster auf einer viel zu grossen Wunde»

Aline Iosca steuert derzeit von Polen aus die Hilfsgütertransporte in die Ukraine. Sonst ist sie in der Schweiz für Migros-Online und Digitec Galaxus tätig. Die Logistik-Expertin erzählt, wie es dazu kam und wie sie die Nähe zum Krieg erlebt.

Text Aufgezeichnet von Lisa Stutz
Aline Iosca (42) am Standort in Polen: Von hier aus koordiniert sie den Transport von Hilfsgütern in die Ukraine.

Aline Iosca (42) am Standort in Polen: Von hier aus koordiniert sie den Transport von Hilfsgütern in die Ukraine.

«Am 24. Februar war mein Geburtstag. Da ahnte ich, dass ich bald meine Koffer packen muss. Es war der Tag, an dem Putin in der Ukraine den Krieg startete. Seit über zehn Jahren leiste ich humanitäre Nothilfe – mittlerweile kann ich gut einschätzen, ob bald mein Telefon klingelt oder nicht. Ich bin in zwei Expertenpools, auf die das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe sowie das Schweizerische Rote Kreuz im Notfall zurückgreifen können. Diesmal riefen beide an.

Ich bin Logistik-Expertin im Onlinehandel. Ursprünglich habe ich eine Lehre als Detailhändlerin gemacht, dann habe ich mich zur E-Commerce-Logistikerin weiterentwickelt und wurde leitende Lieferketten-Managerin bei Digitec Galaxus. Auf die Idee, dass ich mit meinem Fachwissen Menschen in Not helfen kann, bin ich lange nicht gekommen. Bis ich auf ein Inserat für eine Logistikstelle beim Roten Kreuz gestossen bin, und ganz am Ende diesen einen Satz las: «Mit Bereitschaft zu gelegentlichem Einsatz in Katastrophengebieten.» Mir wurde auf einmal klar: Ich kann etwas bewegen! Dieser ausgeschriebene Job war zwar nichts für mich, doch ich recherchierte und bewarb mich für eine Aufnahme in die beiden Expertenpools. Das war kurz nach dem schweren Erdbeben in Haiti, es wurden neue Leute für die Logistik gesucht. Trotzdem war es gar nicht so einfach, da reinzukommen. Ich hatte mehrere Rekrutierungsgespräche, musste Assessments bestehen und psychologische Tests absolvieren. Man wird gut auf den Ernstfall vorbereitet. Nur, weil ich ein grosses Fachwissen habe, kann man mich nicht sofort ins Krisengebiet schicken. Wer sind die weltweiten Player in der humanitären Hilfe? Wie geht man mit traumatisierten Menschen um? Wie arbeitet man mit lokalen Partnern zusammen? Es gab viel zu lernen. Schliesslich erhielt ich den Status «abrufbar». Mein erster Einsatz war 2013 in Tschad, Afrika, nach einer Überschwemmung. Seither leistete ich rund 15 weitere mehrwöchige Einsätze.   

Und jetzt also der Krieg in der Ukraine. Vor dem Abflug musste ich viel vorbereiten. Ich arbeite derzeit bei Migros-Online – mein Team weiss, dass ich bei einem Notfall alles stehen und liegen lassen muss. Das ist meine Bedingung, wenn ich eine neue Arbeitsstelle antrete. Meine Kolleginnen und Kollegen übernahmen sofort die ganze Arbeit, die auf meinem Tisch lag. Sie sagen, das sei ihr Beitrag. Dafür bin ich ihnen dankbar. Am Dienstag, 8. März, bin ich nach Polen geflogen. Ich befinde mich derzeit in der polnischen Stadt Lublin. Von hier aus steuere ich für das EDA die Lieferungen von Hilfsgütern an die sogenannten Endpunkte. Das sind zum Beispiel Spitäler in der Ukraine, zu denen wir Zugang haben; aktuell bis und mit Kiew. In den von uns organisierten Fahrzeugen befinden sich medizinische Materialien wie Brandwunden-Sets, Gazen, Erste-Hilfe-Kits, chirurgische Geräte. Doch der Bedarf ändert sich schnell. Ich kümmere mich um den Zoll, den Transport, die Lagerung und die Verteilung. Mein Tag dauert hier von 6 bis 22 Uhr. Ich bin entweder im Büro oder im Lager, verarbeite Informationen und bin auch mal beim Ein- und Ausladen der Güter dabei. Jeder Tag hält neue Probleme und Herausforderungen bereit, die es zu lösen gibt. Wir sind im Moment ein Team von sechs Leuten, die Stimmung ist geschäftig und freundschaftlich. Wir können einen Beitrag leisten, das treibt uns an. Jeder von uns gibt alles, was er zu geben hat.

Aline Iosca (42) lebt mit ihrem Partner in Zürich und ist beruflich für Migros-Online und Digitec Galaxus in Logistikprojekten tätig. Daneben leistet sie Noteinsätze für das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe, das zum Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gehört, und für das Schweizerische Rote Kreuz.

Direkten Kontakt zu Flüchtenden habe ich aktuell nicht, doch ich stehe am Rand des Leids. Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen der inzwischen geschlossenen Schweizer Botschaft telefoniere, die noch immer in der Ukraine sind, frage ich zuerst, wie die Nacht war, ob sie schlafen konnten, ob es ihren Familien gut geht. Das hat hier eine ganz andere Bedeutung nach einer bombardierten Nacht. Danach kann ich meine Anliegen formulieren. Im Moment ist die Treibstoffsituation ein Problem für die Logistik – er ist teuer und, viel schlimmer, er geht langsam aus. Zudem das Zugangsproblem: Es ist neu für mich, dass ich in ein Gebiet hineinorganisiere, wo ich nicht selber präsent sein kann. Doch im Moment läuft es gut, die Waren kommen an. Ich bin froh, dass ich helfen kann, aber ich bin nur ein kleines Rädchen in dieser Nothilfe. Unsere Arbeit ist nur ein kleines Pflaster auf einer viel zu grossen Wunde. Eine solche Krise kann Monate oder Jahre dauern. Wir stehen ganz am Anfang.

Ende März werde ich in die Schweiz zurückreisen. Ich weiss noch nicht, wann genau. Von vergangenen Einsätzen weiss ich, dass ich wohl einen kleinen Kulturschock haben werde. Früher hatte ich plötzlich kein Verständnis mehr für die Probleme der Leute in der Schweiz. Sie erschienen mir so banal. Mittlerweile akzeptiere ich, dass jeder Mensch andere Probleme hat. Ich bewerte sie nicht. Ich werde müde sein und mir erlauben, den gesamten Einsatz gedanklich noch einmal durchzugehen. Das hilft mir. Insgesamt haben mich alle meine Einsätze demütiger und dankbarer gemacht.

Viele Leute in der Schweiz fragen mich, was sie tun können. Ich sage dann: Geld spenden und solidarisch bleiben. Auch, wenn die Geflüchteten dann in ihrer Gemeinde ankommen.»

Schon gelesen?