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Thomas Meyer in seiner Lieblings-Migros

Wolkenbruch erlebt sein oranges Wunder

Seit Jahr und Tag kauft der Schriftsteller Thomas Meyer in der Migros Wiedikon in Zürich ein. Für einmal wechselt er die Seiten und absolviert dort eine Frühschicht. Am Abend kehrt er heim, um viele Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnisse reicher.

Text Thomas Meyer
Fotos Daniel Winkler
Kolumnist Thomas Meyer hat in seiner Stammfiliale in Zürich-Wiedikon eine Kurzstage  gemacht. Mit einem Scanner will er mehr Informationen über einen Artikel erfahren. 

Kolumnist Thomas Meyer hat in seiner Stammfiliale in Zürich-Wiedikon eine Kurzstage gemacht. Mit einem Scanner will er mehr Informationen über einen Artikel erfahren. 

Heute morgen um halb sechs habe ich etwas geradezu Rührendes angetroffen: einen schlafenden Supermarkt. Die Deckenbeleuchtung ist ausgeschaltet, zu hören ist nur das Summen der Kühlregale, vor denen graue Isolierrollos hängen. In der Bäckereiabteilung liegt noch kein einziges Brot, die Fisch- und Fleischtheke ist ganz und gar ohne Tier. Das wird sich aber nun alles zügig ändern, und dazu werde auch ich einen kleinen Beitrag leisten dürfen. Ich bin heute hier, um Ihnen einen Einblick hinter die Kulissen der Migros zu gewähren.

Herr Haji, der im Gegensatz zu mir völlig ausgeschlafene Fachleiter der Filiale im Zürcher «Wiediker-Markt», teilt mir als erstes eine Aufgabe zu, die mir die Müdigkeit im Nu aus den Knochen treibt: Ich darf mit dem Pallettenrolli gigantische Obst-und-Gemüse-Berge aus dem an der Rampe parkierten Sattelauflieger zerren und eine Etage tiefer zur Feinverteilung bereitstellen. In der naiven Unwissenheit des Konsumenten bin ich überzeugt, Material für den Rest der Woche herbeigeschafft zu haben. Herr Haji ist amüsiert: Drei solche Ladungen kommen hier jeden Tag an. Mich beschleicht eine ungefähre Ahnung davon, was es heisst, einen Supermarkt zu betreiben. Und erst recht eine Supermarktkette.

Wusstest du, wie viel Aufwand hinter einem Lebensmittelladen steckt?

Im weiteren Verlauf des frühen Morgens – die Filiale öffnet erst um acht Uhr – mache ich nähere Bekanntschaft mit acht Kartons Ananas, deren Inhalt ich, wie ich finde, ausgesprochen hübsch in Körben drapiere (später korrigiert jemand mein Werk), dutzenden von Mangos, circa hundert Avocados und gegen 150 Kilo Bananen. Rund um mich herum sind diverse fröhliche junge Männer am Werk und bringen andere Früchte in ähnlichen Mengen an den richtigen Platz. Es herrscht ein gewaltiges Durcheinander; überall stehen volle und leere Kartonschachteln herum. Das Ziel besteht darin, die Filiale rechtzeitig zur Türöffnung in jenen ordentlichen und prallgefüllten Zustand zu versetzen, in dem wir Konsumentinnen und Konsumenten sie anzutreffen gewohnt sind, ohne uns gross Gedanken darüber zu machen, wieviel Aufwand das bedeutet. Heute erfahre ich es am eigenen Leib. Kindlicher Stolz erfasst mich, während ich Bananen aus Peru und Ecuador aufeinanderstaple: Ich bin der erste Mensch, der diese Früchte nach ihrer langen Reise in die Hände nimmt.

Die Stimmung unter den Angestellten ist besser als in den meisten Familien: Man wünscht einander freundlich einen guten Tag, macht lockere Scherze, lacht und dient einander zu, wo man nur kann, während Herr Haji als guter Geist zwischen den Etagen und Regalen umherschwebt und den Laden fest, aber herzlich im Griff hat.

Einen ersten persönlichen Glanzpunkt erlebe ich, als ich Pommes-Chips-Packungen auffüllen und in Reih und Glied ausrichten darf. In der Kaffeepause mit Herrn Haji und Frau Hängärtner, der Filialleiterin, berichte ich begeistert von der beruhigenden, ja meditativen Wirkung dieser Arbeit. Die beiden schauen erst einander und dann mich verwundert an: Eigentlich mache das niemand gern, sagen sie. Ich schon, sage ich, und wenn man mich künftig dabei antreffe, möge man mich doch bitte einfach gewähren lassen.

Thomas Meyer

Thomas Meyer (Jahrgang 1974) ist ein Schweizer Schriftsteller. 2012 erschien sein Debütroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», der 70 Wochen lang auf der offiziellen Schweizer Bestsellerliste stand. Thomas Meyer lebt in Zürich-Albisrieden und ist Vater eines Kindes. Seine Einkäufe tätigt er in der Migros-Filiale Wiediker-Markt.

Das zweite Highlight sind die älteren Menschen, die mich in meinem Migros-Hemd logischerweise für einen Angestellten halten und mir ausgesprochen spezifische Fragen stellen: Es gebe da ein Vorhang-Waschmittel sowie eine dazu passende Pflegespülung – wo das wohl sei? Das wisse ich leider nicht, sage ich, aber wir würden sicher fündig. Kurz darauf lege ich dem alten Herrn die gewünschten Artikel in den Einkaufswagen, wofür er sich überschwänglich bedankt. Als Nächstes erkundigt sich eine deutsche Dame nach «schwarzen Fähnchen», die zu einem kleinen Raclette-Ofen gehörten. Schwarze Fähnchen? Ich bin ratlos, bis mir einfällt, dass in Deutschland das «Pf» gern als «F» ausgesprochen wird und das «Fähnchen» demnach wohl ein «Pfännchen» ist. Wir finden auch das. Direkt neben dem Raclette-Ofen.

Man mag diese Art von Arbeit – auspacken, auffüllen, Auskunft erteilen – als simpel empfinden, doch sie ist nicht weniger als der Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Ohne die vielen fleissigen Frauen und Männer, die in aller Frühe aufstehen und in den hunderten Migros-Filialen der Schweiz alles dafür geben, dass uns jeden Tag in den Filialen diese unfassbare Vielfalt zur Verfügung steht, würde gar nichts mehr gehen. Dafür gebührt ihnen unser aller tiefster Dank. Vielleicht sprechen Sie ihn ja beim nächsten Besuch sogar einmal persönlich aus.

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