Navigation

Angst um Angehörige in der Ukraine

«Ich weine jeden Tag um meinen Vater»

Mit dem Kriegsbeginn in der Ukraine wurden Familien über Nacht zerrissen: Vier Schweizerinnen und Schweizer ­erzählen von schlaflosen Nächten und der grossen Angst um ihre Angehörigen

Text Anne-Sophie Keller
Flüchtende Ukrainer ­eilen am 27. Februar am Bahnhof von Lwiw in der Westukraine zu einem Zug, der sie nach Polen bringen soll. (Bild: 

Flüchtende Ukrainer ­eilen am 27. Februar am Bahnhof von Lwiw in der Westukraine zu einem Zug, der sie nach Polen bringen soll. (Bild: GettyImages)

«Ich weine jeden Tag um meinen Vater und meine Grosseltern», erzählt die 27-jährige Musikerin Yulianna Khomenko aus Horgen ZH.
«Ich weine jeden Tag um meinen Vater und meine Grosseltern», erzählt die 27-jährige Musikerin Yulianna Khomenko aus Horgen ZH.

In Europa herrscht Krieg: Am 24. Februar startete der russische Präsident Wladimir Putin seinen Angriff auf die Ukraine. Über eine Million Menschen sind inzwischen auf der Flucht. Mit den Ukrainerinnen und ­Ukrainern leiden auch viele Menschen in der Schweiz – besonders jene, die Verwandte und Freunde dort haben: «Ich weine jeden Tag um meinen Vater und meine Grosseltern», erzählt die 27-jährige Musikerin Yulianna Khomenko aus Horgen ZH. Als sie am 24. Februar frühmorgens plötzlich hellwach war, habe sie sofort ihre Eltern angerufen. Seither lebt sie in Sorge um ihre Verwandten, die die Ukraine nicht verlassen wollen.

So können Sie helfen

Geld spenden

Die meisten Organisationen versuchen Hilfsgüter direkt in der Ukraine oder in den  Nachbarländer zu kaufen. Das ist günstig und stützt die lokale Wirtschaft. Die Spendebereitschaft für die Ukraine ist derzeit gross, was auch Betrüger auf den Plan ruft. Die Zertifizierungsstelle ZEWO hat auf ihrer Webseite einige Organisationen aufgelistet, bei denen Spenden an die Ukraine in guten Händen sind. Die Bezahl-App Twint hat eine eigene Spendefunktion für den Ukraine-Konflikt aufgeschaltet.

Sachspenden

Kleider, Schlafsäcke oder Hygieneartikel zu sammeln, verpacken und ins Zielland zu transportieren, ist aufwendig. Nur wenig Hilfsorganisation sammeln darum Sachspenden. Eine davon ist «Helfen Sie Helfen». Jeweils Samstags von neun bis zwölf Uhr nimmt sie in Hüttikon ZH Sachspenden entgegen.

Die ukrainische Botschaft in Bern sammelt medizinische Güter. Von Montag bis Freitag nimmt sie nach Voranmeldung unter swisshelpukraine@gmail.com etwa Defibrillatoren, sterile Handschuhe und Erste-Hilfe-Sets entgegen.

Geflüchtete bei sich aufnehmen

Kantonale Sozialämter und private Organisationen wie campax.org oder host4ukraine.com haben Plattformen erstellt, bei denen sich Gastgeber registrieren können, die Geflüchtete bei sich aufnehmen würden.

Sich engagieren

Die Wohltätigkeitsorganisationen #LeaveNoOneBehind und ukrainenow.org suchen Freiwillige, die bei Behördengängen helfen, übersetzen oder Geflüchteten die Ankunft erleichtern möchten.

Wo gegen den Krieg demonstriert wird, erfährt man etwa über die Facebook-Seite der ukrainischen Botschaft.

Sie schicken sich täglich Bilder

Olena Sosenko (49) aus Zollikerberg ZH ist in täglichen Kontakt mir ihrer Mutter und ihrer Tante. 
Olena Sosenko (49) aus Zollikerberg ZH ist in täglichen Kontakt mir ihrer Mutter und ihrer Tante. 

Geweint habe sie genug, sagt Olena Sosenko (49) aus Zollikerberg ZH. Nun müsse sie stark sein – für ihre 71-jährige Mutter und ihre 69-jährige Tante, die beide in der Nähe von Riwne im Nordwesten der Ukraine wohnen.

«Momentan lebt meine Tante im Keller und wartet», sagt Sosenko. Ihre Mutter wurde in einem Kloster untergebracht. «Ich versuche, sie zu beruhigen und die Nerven zu behalten. Das ist ­meine Rolle in der Familie.» Ihre Angehörigen und sie haben täglichen Kontakt; schicken sich Bilder und sogar Witze. Über Friedenstauben, die dem Angreifer Putin auf den Kopf scheissen. «Wir Ukrainer haben einen starken Sinn für Humor. Anders hält man das nervlich nicht aus.»

Auch bei Elisabeth Friedlis Familie in Ins BE liegen die Nerven blank. Anatoliy Burchenko, ein Freund der Familie, besuchte Ende Februar seine Verwandten in der Ukraine. Seine Töchter blieben in der Schweiz bei der Mutter. Wäre Burchenko nur ­einen Tag früher wieder am Flughafen gewesen, wäre er jetzt zurück in der Schweiz. Doch er konnte die Ukraine nicht mehr verlassen und steckt nun an der Grenze zur Slowakei fest. Nun fragt sich Elisabeth Friedli (35) was man von der Schweiz aus tun kann. «Es werden Babykleider und Hygieneartikel benötigt. Aber egal, was man tut, die Hilflosigkeit bleibt.»

Wenn die Mutter bleiben will

Marta Gagnier (33) war mit ihrem Mann Guillaume (30) und ihren beiden Kindern Denis und Margo zu Besuch bei ­ihrer Mutter in der Ukraine, als der Krieg begann. Sie mussten deshalb das Land am 24. Februar Hals über Kopf verlassen. Zu­sammen mit Martas Mutter ­fuhren sie an die polnisch-­ukrainische Grenze. Doch die Mutter wollte nicht mit in den Westen. Sie sagte: «Das ist mein Land, hier bin ich ­geboren.»

«Putin sagt, wir ­seien Nazis. Ich schaue meine Kinder an und denke: Wie können sie Nazis sein? Was ­haben sie Putin denn getan?». Marta Gagnier (33) mit ihrem Mann Guillaume (30) und ihren beiden Kindern Denis und Margo aus Lausanne. 
«Putin sagt, wir ­seien Nazis. Ich schaue meine Kinder an und denke: Wie können sie Nazis sein? Was ­haben sie Putin denn getan?». Marta Gagnier (33) mit ihrem Mann Guillaume (30) und ihren beiden Kindern Denis und Margo aus Lausanne. 

Dann verabschiedete sie sich und ging zurück. ­«Denis hat geweint, es war furchtbar», sagt Marta Gagnier unter ­Tränen. Zu Hause in Lausanne konnte sie ­tagelang nichts mehr essen. «Viele ­denken an die Ver­triebenen, ich denke an die Gebliebenen. Putin sagt, wir ­seien Nazis. Ich schaue meine Kinder an und denke: Wie können sie Nazis sein? Was ­haben sie Putin denn getan?»

«Die Ignoranz sei das Allerschlimmste», hält Yulianna ­Khomenko fest. Sie spüre das in der eigenen Familie: «Der Sohn meiner Patin lebt in Russland und kämpft jetzt für die russische Armee in der Ukraine», ­erzählt die 27-Jährige. «Seine Schwestern meinen, das sei halt sein Job. Aber das ist kein Job. Wenn ich jetzt kämpfen würde, würde er mir dann das Gewehr an den Kopf halten?»In Kiew rüsten sich derweil ihre ehe­maligen Studienkollegen. «Sie sind gut organisiert und ich bin so stolz auf sie. Der Krieg hat der Welt gezeigt, wie stark die Ukraine ist.»

So hilft die Migros

Der Migros liefert zusammen mit Coop, SBB und dem Aussendepartement EDA dringend benötigte Hilfsgüter im Wert von 1 Mio. Franken in die Ukraine. Die Lieferung umfasst Hygiene- und Erste-Hilfe-Produkte. Die SBB transportieren die Hilfsgüter nach Polen an die ukrainische Grenze. Dort werden sie von lokalen und internationalen Hilfsorganisationen in Empfang genommen und anschliessend an Bedürftige vor Ort und in der Ukraine verteilt.

Schon gelesen?